Der deutsche Sozialstaat steckt in der Krise. Diese These, von ihrer Gültigkeit einmal abgesehen, wird in Deutschland seit einigen Jahren heftig diskutiert. Bereits 2003 veröffentlichte Franz-Xaver Kaufmann das Buch „Varianten des Wohlfahrtsstaats: der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich“, welches sich intensiv mit den, und darauf legt Kaufmann besonderen Wert, unterschiedlichen Ursachen dieser Krise auseinandersetzt. Da werden die Folgen der Globalisierung als Verursacher der Krise benannt, an anderer Stelle wird Deutschland als schlechter Standort angeprangert oder aber es sind die demografischen Veränderungen, die den deutschen Sozialstaat mehr und mehr in Bedrängnis geraten lassen. Kaufmann zeigt mit seinem Werk, das nach knapp einem Jahrzehnt zwar an Aktualität, nicht aber an Relevanz eingebüßt hat, eindeutig die Entwicklung des deutschen Sozialstaats auf. Auf die Frage, was denn nun in Deutschland falsch gemacht wird, könnte fast zeitgleich die nächste folgen: Was machen andere Länder besser? Einfach gefragt: Was haben die, was wir nicht haben?
Um eine Antwort darauf zu erhalten, braucht es einige theoretische Grundlagen. Das Schlüsselwort lautet „Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung“ – die Wissenschaft, die sich mit den verschiedenen Theorien zum Vergleich von Wohlfahrtsstaaten beschäftigt. Als klassische Referenz wird hier Gøsta Esping-Andersen gesehen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. WAS VERSTEHT MAN UNTER WOHLFAHRTSSTAAT UND SOZIALSTAAT?
3. DAS MODELL ESPING ANDERSENS
3.1 DER BEGRIFF „WOHLFAHRTSSTAAT“ BEI ESPING-ANDERSEN UND KONZEPTIONELLE VORGÄNGERMODELLE:
3.2 TYPOLOGISIERENDE KRITERIEN ESPING-ANDERSENS:
3.2.1 Dekommodifizierung
3.2.2 Soziale Stratifizierung
3.2.3 Abgrenzung zwischen Dekommodifizierung und Stratifizierung
3.2.4 Mischungsverhältnis von öffentlicher und privater Vorsorge
3.2.5 Defamilialisierung
3.2.6 Die Idealtypen – Ausgestaltung und Beharrungskraft
4. MODELL DES WOHLFAHRTSSTAATES NACH ESPING-ANDERSEN
4.1 DER SOZIALDEMOKRATISCHE WOHLFAHRTSSTAAT
4.2 DER KONSERVATIVE WOHLFAHRTSSTAAT
4.3 DER LIBERALE WOHLFAHRTSSTAAT
4.4 ÜBERSICHT DER TYPOLOGIE
5. DER VERGLEICH MIT DER REALITÄT
5.1 SCHWEDEN - SOZIALDEMOKRATISCHER TYPUS AUS DEM BILDERBUCH?
5.2 DEUTSCHLAND – KONSERVATIVER TYPUS DURCH UND DURCH?
5.3 GROßBRITANNIEN – LIBERALER TYPUS OHNE GRENZEN?
6. MODELLE IN DER VERGLEICHENDEN POLITIKWISSENSCHAFT - RISIKEN UND CHANCEN
7. ALTERNATIVEN FÜR DEN WOHLFAHRTSTAAT
8. EIN GESAMTEUROPÄISCHER WOHLFAHRTSTAAT
9. NATIONALSTAATLICHE LÖSUNGEN AM BEISPIEL DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
9.1 ÄUßERE EINFLÜSSE: GLOBALISIERUNG
9.2 DAS PROBLEM DER „BEST PRACTICE“ IN DER ANWENDUNG
10. REFORMMÖGLICHKEITEN IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
10.1 STEUERSYSTEM
10.2 GESUNDHEITSSYSTEM
10.3 BILDUNGSSYSTEM
10.4 ARBEITSMARKT
10.5 UMBAU DES WOHLFAHRTSSTAATES
10.6 BEDEUTUNG DER ERWERBSTÄTIGKEIT IM WOHLFAHRTSSTAAT
11. RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, insbesondere das Modell von Gøsta Esping-Andersen, und hinterfragt deren Anwendbarkeit auf die aktuelle sozialpolitische Lage in der Bundesrepublik Deutschland vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen.
- Analyse der Wohlfahrtsstaatstypologien nach Esping-Andersen.
- Untersuchung des Verhältnisses von Markt, Staat und Familie.
- Kritische Überprüfung der Typisierung anhand nationaler Fallbeispiele.
- Diskussion von Reformmöglichkeiten für das deutsche Wohlfahrtssystem.
- Reflektion über Risiken und Chancen vergleichender Politikwissenschaft.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Dekommodifizierung
„Die Frage sozialer Rechte stellt sich daher als eine der Dekommodifizierung, d. h. der Bereitstellung alternativer, nicht marktförmiger Mittel der Wohlfahrtsproduktion. Dekommodifizierung kann sich entweder auf die erbrachten Dienste oder den Status einer Person beziehen, aber in jedem Fall steht sie für das Maß, in dem Verteilungsfragen vom Marktmechanismus entkoppelt sind. Das bedeutet, dass die bloße Existenz von Sozialfürsorge oder Sozialversicherung nicht notwendigerweise auch eine spürbare Dekommodifizierung mit sich bringt, solange sie die Individuen nicht substantiell von ihrer Marktabhängigkeit befreit“.
Die Schlüsselgrößen der Dekommodifizierung sind:
Ein großzügig geregelter Zugang zu den Versicherungsleistungen anstelle streng definierter Zugangsvoraussetzungen
Schwache oder gänzlich fehlende ökonomische Abschreckungseffekte
Die Annäherung der Sozialleistungen an das durchschnittliche Erwerbseinkommen
Die relative Größe des vom jeweiligen Sozialprogramm erfassten Personenkreises.
Dekommodifizierung wird von Esping-Andersen wie folgt beschrieben: „[...], the concept [of decommodification] refers to the degree to which individuals, or families, can uphold socially acceptable standard of living independently of market participation.“ Dieser Index ist von Esping-Andersen auch zur Einteilung der untersuchten Länder verwendet worden:
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Krise des deutschen Sozialstaats und Einführung in die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung.
2. WAS VERSTEHT MAN UNTER WOHLFAHRTSSTAAT UND SOZIALSTAAT?: Klärung der Begrifflichkeiten und der verschiedenen Interpretationsweisen des Wohlfahrtsstaates in der Wissenschaft.
3. DAS MODELL ESPING ANDERSENS: Theoretische Herleitung und detaillierte Erläuterung der Typologie Esping-Andersens sowie seiner Kriterien zur Messung von Wohlfahrtsstaatlichkeit.
4. MODELL DES WOHLFAHRTSSTAATES NACH ESPING-ANDERSEN: Systematische Beschreibung der drei idealtypischen Wohlfahrtsregime: sozialdemokratisch, konservativ und liberal.
5. DER VERGLEICH MIT DER REALITÄT: Kritische Gegenüberstellung der theoretischen Idealtypen mit den realen Entwicklungen in Schweden, Deutschland und Großbritannien.
6. MODELLE IN DER VERGLEICHENDEN POLITIKWISSENSCHAFT - RISIKEN UND CHANCEN: Methodische Reflexion über den wissenschaftlichen Nutzen und die Gefahren der Anwendung von Modellen im Ländervergleich.
7. ALTERNATIVEN FÜR DEN WOHLFAHRTSTAAT: Diskussion der aktuellen Probleme wie Finanzierungsschwierigkeiten und demografischer Wandel sowie Suche nach Auswegen.
8. EIN GESAMTEUROPÄISCHER WOHLFAHRTSTAAT: Untersuchung der Voraussetzungen und Hindernisse für ein einheitliches europäisches Sicherungssystem.
9. NATIONALSTAATLICHE LÖSUNGEN AM BEISPIEL DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND: Analyse der nationalen Handlungsmöglichkeiten unter dem Druck von Globalisierung und dem Problem der „Best Practice“.
10. REFORMMÖGLICHKEITEN IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND: Konkrete Reformvorschläge für Steuersystem, Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt und die Struktur des Sozialstaats.
11. RESÜMEE: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf die Notwendigkeit einer neuen gesellschaftlichen Debatte über soziale Gerechtigkeit.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Sozialstaat, Esping-Andersen, Dekommodifizierung, Stratifizierung, Defamilialisierung, Sozialpolitik, Globalisierung, Wohlfahrtsregime, Deutschland, Reformen, Soziale Gerechtigkeit, Arbeitsmarkt, Sozialversicherung, Vergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Konzepte des Wohlfahrtsstaates, insbesondere das Modell von Esping-Andersen, und prüft, inwiefern diese für das Verständnis und die Reform des deutschen Sozialstaats hilfreich sind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind Wohlfahrtsstaatstypologien, soziale Sicherungssysteme, der Vergleich zwischen verschiedenen Ländern und die Suche nach konkreten Reformwegen für Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Nutzen politikwissenschaftlicher Vergleichsmodelle zu bewerten und zu diskutieren, wie Deutschland den aktuellen Herausforderungen im Sozialbereich begegnen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparative politikwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf der kritischen Auseinandersetzung mit der Wohlfahrtsstaatstypologie von Esping-Andersen basiert.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Typologie von Esping-Andersen, dem Vergleich dieser Typen mit der Realität (Schweden, Deutschland, Großbritannien) und der Diskussion von Reformansätzen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Dekommodifizierung, Defamilialisierung, Stratifizierung, Wohlfahrtsregime und Soziale Gerechtigkeit geprägt.
Warum ist das Modell von Esping-Andersen für die Arbeit so wichtig?
Das Modell dient als klassische Referenz der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, an der die Autorin misst, wie gut theoretische Modelle die aktuelle reale Politik in Europa abbilden können.
Wie bewertet die Arbeit die Wirksamkeit von Reformen wie „Hartz IV“?
Die Arbeit betrachtet diese Reformen kritisch und stellt fest, dass sie oft nicht die erhofften Effekte erzielen, sondern komplexe neue Probleme im Arbeitsmarkt und in der sozialen Sicherung erzeugen.
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- Burkhard Schröter (Author), 2009, Sozialpolitik und Soziale Arbeit in Europa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139677