Diese Arbeit untersucht das Naturverständnis verschiedener ideengeschichtlicher Hintergründe, festgestellt anhand der Analyse entsprechender Gedichte, die der Naturlyrik auf den ersten Blick zuzurechnen sind. Konkret geht es um Rainer Maria Rilke und seine Stellung in dieser Gattung um die Zeit um 1900 und Jan Wagner als Vertreter der Lyrikszene der Gegenwart.
Mit dem Gattungsbegriff wuchs die Forschung dazu exponentiell, auch Vergleiche sind im Zuge dessen keine Innovation. Die Wahl der genannten Dichter geht jedoch auf den Begriff des Dinggedichts zurück. Verglichen werden in erster Linie Naturgedichte, die gleichfalls dieser Gattung zuzuordnen sind.
Das Verhältnis des Menschen gegenüber dem Begriff, aber auch dem Phänomen Natur, variiert, seitdem der Mensch existiert oder sich als etwas Eigenes sieht. Seitdem es die Zivilisation gibt, ist die Natur ein vom Menschen trennbares Phänomen geworden und wurde sogar zu etwas Fremdem. Wo die einen sich distanzierten und sie einzig als Quelle für ökonomisch wertvolle Ressourcen sahen, wurde die Natur für andere zum Zufluchtsort, weil die Schnelllebigkeit den Menschen überforderte. Die Natur als solche wird verstanden „als die Gesamtheit dessen, was nicht vom Menschen geschaffen wurde, sondern unabhängig von ihm existiert“.
Der Begriff der Naturlyrik deutet in diesem Kontext auf eine große Bandbreite hin, die die verschiedenen Tendenzen zum Verhältnis des Menschen gegenüber der Natur umfasst und in Lyrik übersetzt. Die Natur in Lyrik zu thematisieren, geht von der Gegenwart bis in die Antike zurück. Folglich kann der Begriff Naturlyrik nicht nur einer Definition unterliegen, wobei verschiedene Deutungsweisen zusammengefasst werden als „Lyrik, die naturhafte Phänomene vergegenwärtigt, um z.B. menschliche Subjektivität zu thematisieren.“ Deutlich wird hiermit bereits, dass menschliche Subjektivität auf Naturphänomene projiziert werden, wodurch Naturlyrik entsteht. Bei solchen allgemeinen Definitionen bleibt dennoch die Frage offen, wie die Natur im Laufe der Geschichte gesehen wird. Mit dem Wandel des Menschen ändert sich demnach der Blick auf die Natur, wobei die Gattung Naturlyrik eine Konstante in diesem Wandel bleibt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Theoretischer Rahmen
Natur
Naturlyrik
Die Theorie des Dinggedichts
Natur und Naturlyrik um 1900
Naturbegriffe um 1900
Zu Rilkes Poetik
Zu Rilkes Naturverständnis
Blaue Hortensie
Persisches Heliotrop
Natur und Naturlyrik um 2000
Naturbegriffe um 2000
Zu Wagners Poetik
Zu Wagners Naturverständnis
giersch
melde
Abschluss
Fazit
Ausblick: Forschungsgegenstand Naturlyrik
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sich wandelnde Naturverständnis von der Moderne um 1900 bis in die Gegenwart, indem sie ausgewählte Pflanzengedichte von Rainer Maria Rilke und Jan Wagner im Kontext der Gattung "Dinggedicht" vergleichend analysiert. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit diese Gedichte als Ausdruck eines spezifischen Naturverhältnisses ihrer jeweiligen Zeit gedeutet werden können und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede sich in der poetischen Gestaltung zeigen.
- Analyse des Dinggedichts als poetische Form bei Rilke und Wagner
- Gegenüberstellung von Naturbegriffen um 1900 und um 2000
- Untersuchung der Pflanzendarstellung in "Blaue Hortensie" und "Persisches Heliotrop"
- Interpretation der Naturbezüge in Wagners Gedichten "giersch" und "melde"
- Reflexion über das Verhältnis von Anthropozentrismus und Naturethik in der Lyrik
Auszug aus dem Buch
Blaue Hortensie
Das Gedicht Blaue Hortensie erschien 1907 zu Rilkes Pariser Zeit im Band Neue Gedichte. Beschrieben wird der Anblick einer blauen Hortensie, deren Blüten verwelken und die blaue Farbe zu schwinden scheint. Jedoch beobachtet das lyrische Ich zum Ende ein Wiederkehren der Farbe und somit des Lebens der blauen Hortensie.
Die Gedichtstrophen entsprechen dem Aufbau eines klassischen Sonetts mit zwei Quartetten und zwei Terzetten, wobei die Verwendung dieser traditionellen Strophenform eher den Charakter einer neuen Definition dieser Form hat als die Intention der Erhaltung. Im Hinblick auf das Versmaß sind Unterbrechungen des fünfhebigen Jambus festzustellen, wodurch die Alternation gestört wird (V. 3, 8, 10)47, wobei der zehnte Vers sogar rein daktylisch ist. Auch das Reimschema weicht vom herkömmlichen Schema des Sonetts ab. Wo sich zu Beginn noch ein umarmender Reim in den beiden Quartetten zeigt, lässt sich feststellen, dass diese nicht dem Schema abba- abba entsprechen, sondern abba -bccb, was die Quartette auf Reimebene verbindet und innerhalb der Strophen eine jeweils umrandete Einheit bildet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Definitorische Annäherung an das Naturverständnis und die Gattung Naturlyrik im Kontext der gewählten Dichter Rilke und Wagner.
Theoretischer Rahmen: Definition von Natur als kulturelles Konstrukt und Einführung in die Theorie des Dinggedichts als Analyseinstrument.
Natur und Naturlyrik um 1900: Beschreibung der geistesgeschichtlichen Hintergründe der Jahrhundertwende und Analyse von Rilkes Poetik sowie seiner Gedichte "Blaue Hortensie" und "Persisches Heliotrop".
Natur und Naturlyrik um 2000: Kontextualisierung des Naturverständnisses im 21. Jahrhundert und Analyse von Wagners Poetik sowie seiner Gedichte "giersch" und "melde".
Abschluss: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse im Hinblick auf die Leitfrage.
Fazit: Kritisches Resümee über die divergierenden Ansätze von Rilke und Wagner zur Naturdarstellung im Gedicht.
Ausblick: Forschungsgegenstand Naturlyrik: Mögliche weitere Forschungsfragen zur Naturlyrik im Kontext gegenwärtiger ökologischer Debatten.
Schlüsselwörter
Naturlyrik, Rilke, Wagner, Dinggedicht, Naturverständnis, Poetik, Blaue Hortensie, Persisches Heliotrop, giersch, melde, Naturethik, Objektlyrik, Moderne, Gegenwartslyrik, Naturverbundenheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Mensch und Natur durch den Vergleich ausgewählter Pflanzengedichte von Rainer Maria Rilke und Jan Wagner.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Gattung des Dinggedichts, die ästhetische Umsetzung von Naturphänomenen und der ideengeschichtliche Wandel vom Naturverständnis um 1900 bis zum 21. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie sich die Dinggedichte der beiden Autoren in das Naturverständnis ihrer Zeit einordnen lassen und worin sie sich in ihrer poetischen Naturdarstellung unterscheiden oder ähneln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten im Vergleich zur Forschungsliteratur, unter besonderer Berücksichtigung poetologischer Grundlagen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen und die spezifische Analyse der Gedichte "Blaue Hortensie" und "Persisches Heliotrop" von Rilke sowie "giersch" und "melde" von Wagner.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Naturlyrik, Dinggedicht, Naturethik, Objektlyrik sowie die spezifischen Namen der analysierten Pflanzen aus den Gedichten.
Inwiefern unterscheidet sich Rilkes Umgang mit der Natur von dem Wagners?
Rilke nutzt Dinge eher als Mittel zur inneren Erfahrung und ästhetischen Geschlossenheit, während Wagner die Dinge in ihrem natürlichen Raum belässt und eine moralische oder naturethische Komponente integriert.
Was bedeutet die "Objektlyrik" in Bezug auf Jan Wagner?
Dies ist Wagners Umschreibung für seine Poetik, die sich auf die präzise, faszinierte Betrachtung gewöhnlicher Dinge fokussiert, um verborgene poetische Potenziale freizulegen.
- Arbeit zitieren
- Jessica Lanert (Autor:in), 2023, Zum Naturverständnis um 1900 und 2000 am Beispiel von Rainer Maria Rilke und Jan Wagner. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1396807