Gedanke & Wahrheit bei Gottlob Frege


Hausarbeit, 2003
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Gedanke
2.1 Die Intersubjektivität & die Objektivität von Gedanken
2.2 Das 3. Reich - Das Reich der Gedanken und ihrer Wahrheit

3 Abschliessende Bemerkugen zu Freges Gedanken

1. Einleitung

Der deutsche Mathematiker, Logiker und Philosoph Gottlob Frege (1848-1925) gilt als einer der Väter der modernen Logik und der Sprachanalyse. Als bekennender Gegner einer psychologisch orientierten Logik, begrändete Frege den Logizismus [1] und die logische Semantik anhand einer umfassenden Analyse der Begriffe Sinn und Bedeutung. Mittels Leibnitz'ens Substitutions-Prinzip [2] und dem Universalitäts-Anspruch [3] als erklärtes Ziel beim Aufbau des Formalismus, legte er die Bestimmung der Bedeutung und des Sinnes von Zeichen und Eigennamen fest und entwickelte erst viel später seine semantische Theorie weiter bis zur Bestimmung der Wahrheitswerte von ganzen Sätzen. Es gelang ihm allerdings in all den Jahren nicht, das Problem der Unvollständigkeit von Sätzen vollig auszumerzen und so umgeht er es elegant, indem er seine gesamte Terminologie anpasst und auf den erkenntnistheoretischen Ansatz seiner Theorie verweist. Dank dieser Weiterentwicklung in eine erkenntnistheoretische Richtung, tangierte ihn diese Problematik aber nicht mehr weiter.

Ich werde mich in dieser Arbeit nicht mit dem althergebrachten Problem der Unvollständigkeit/Vollständigkeit von Sätzen oder dem richtigen Kontextbezug beschäftigen, sondern mich seiner neuen Terminologie widmen und den genauen Charakter und die Funktion der Gedanken und ihrem Wahrheitswert untersuchen. Hierbei werde ich im Sinne Freges den Gedanken gegenüber der Innenwelt ausdifferenzieren und den ihm eigenen Bereich, das sogenannte 3. Reich, auf allfällige Problemstellungen untersuchen. Die Gegenüberstellung von Gedanken und Vorstellungen findet sich in Kapitel 2.1, anhand der Kriterien von „Intersubjektivität" und „Objektivität". Es wird sich zeigen, dass Frege die eigenständige Existenz der Gedanken nicht stichhaltig zu beweisen vermag. In Kapitel 2.2 werde ich dann meine These ausfthren, dass Gedanken und Wahrheitswert als eine weiter gefasste Ebene von Sinn und Bedeutung unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt zu verstehen sind. Ich werde meine Ansicht diesbezuglich anhand einer Falsifizierung von Wolfgang Carl's Theorie stützen, die besagt, dass Freges Aufsatz „Ober Sinn und Bedeutung" nicht im geringsten mit seiner wesentlich späteren Schrift „Der Gedanke" in Verbindung zu bringen ist.

2. Der Gedanke

Freges Aufsatz „Der Gedanke" erschien in einer Reihe der „logischen Untersuchungen" (1918) und griff seine bahnbrechende Theorie aus dem Jahre 1891 „Ober Sinn und Bedeutung" nochmals auf. Den Sinn definierte er als die Gegebenheitsweise des Gegenstandes, die Bedeutung als den Bezugsgegenstand. Doch legte Frege schon damals fest, dass „der Gedanke also nicht die Bedeutung des Satzes sein kann, vielmehr werden wir ihn als den Sinn aufzufassen haben."[4] Im Anschluss daran „werden wir dahin gedrängt, den Wahrheitswert eines Satzes als seine Bedeutung anzuerkennen."[5] Man kann also zusammenfassend sagen, dass der Gedanke eines Satzes sein Sinn, der Wahrheitswert eines Satzes seine Bedeutung ist und diese zusammen die Erkenntnis, denn „das Streben nach Wahrheit ist es, was uns ilberall vom Sinn zur Bedeutung [und vom Gedanken zu dessen Wahrheitswert] vorzudringen treibt (Frege, Uber Sinn und Bedeutung, 1891)." Diese erkenntnistheoretischen Uberlegungen Freges haben dazu gefahrt, dass der Begriff des ,Gedankens' an die Stelle des Begriffs des ,beurteilbaren Inhaltes' tritt. Ein beurteilbarer Inhalt ist Inhalt eines moglichen Urteils; ein Urteil sprechen wir aus, indem wir eine Behauptung machen und einen beurteilbaren Inhalt als wahr oder falsch deklarieren. Im Sinne Freges kann der Schritt vom Gedanken zu dessen Wahrheitswert, d.h. der Vollzug eines Urteils, auch wie folgt aufgespaltet werden:

I. Das Fassen des Gedankens -das Denken
II. Die Anerkennung der Wahrheit eines Gedankens -das Urteilen
III. Die Kundgebung dieses Urteils -das Behaupten

Den Gedanken und seine Wahrheit siedelt Frege in einem neuen Bereich, dem sogenannten 3. Reich an, was nicht zu verwechseln ist mit einem willkihlichen „Reich der Sinne". Es geht Frege hierbei nicht um eine Differenzierung der Ontologie [6] von der Semantik, sondern er will auf diesem Wege seine Theorie der Erkenntnis auf den gesamten Sprachgebrauch erweitern, um seine semantische Theorie „Ober Sinn und Bedeutung" vollständig zu begränden. Sein methodologisches Vorgehen beinhaltet eine systematische Falsifizierung davon, was ein Gedanke ist. Anhand eines positiven Ergebnisses seiner Untersuchung kann Frege einen neuen Bereich definieren (3.Reich) und den Gedanken und dessen Wahrheit auf der Ebene der vollstandigen Aussagen/Satze in seine Erkenntnis-Theorie einbauen.

2.1 Die Intersubjektivität & die Objektivität von Gedanken

Im Mittelpunkt meiner Betrachtungen steht die Intersubjektivitat und Objektivitat von Gedanken, welche ich durch deren Abgrenzung von den Vorstellungen im Sinne Freges entwickeln werde. Ich muss allerdings vorwegnehmen, dass Frege den Begriff der Vorstellung nur im subjektiven Sinne verwendet, was durch die Betrachtung der Wahrnehmung von Dingen der Aujienwelt als paradigmatischer „locus classicus" filr die Einfilhrung von Vorstellungen gilt. Denn erstens sind Vorstellungen nicht Gegenstande der Wahrnehmung selbst, und zweitens sind es wesentliche Vorstellungen von einer bestimmten Person und somit Bewusstseinsinhalte. Vorstellungen sind Empfindungen oder Eindrilcke, die wir haben können, wenn wir etwas wahrnehmen, sie sind aber nicht das, was wir wahrnehmen. Was wahrgenommen wird, sind nicht Empfindungen, sondern die ,objektive Beschaffenheit' der Dinge selbst. Es besteht eine kognitive Diskrepanz zwischen der Vorstellung eines Gegenstandes und dem Ding an sich. Also werden Vorstellungen nicht wahrgenommen, sondern man hat sie, indem man etwas wahrnimmt; und eine solch wahrgenommene Vorstellung, die jemand hat, gehört „per definitionem" zum Inhalte des eigenen Bewusstseins. Ich werde mich nicht auf die unterschiedlichen Weisen von Wahrnehmung herauslassen, sondern berufe mich hierbei auf unser intuitives Verstandnis davon. So besitze ich zum Beispiel eine klare, subjektive Vorstellung von der Farbe weil3. Wenn ich an Schnee denke, habe ich unweigerlich eine Vorstellung davon, die ich mit einer gewissen Empfindung verbinde, welche im gewöhnlichen Sprachgebrauch allerdings nur eine objektive Beschaffenheit ausdrilckt. Man kann also sagen, dass jegliche sprachlichen Pradikate die sich auf unsere Empfindungen und Eindrilcke beziehen, nur ein allgemein gilltiges und objektives Merkmal beschreiben, nicht aber den Sinneseindruck des Weil3en zur Sprache bringen, den ich habe und der nur durch mich in dieser spezifischen Form besteht; ich bin sein Trager. Eine Empfindung ist also nicht ohne einen Empfindenden möglich, oder nach Frege: „Die Innenwelt hat zur Voraussetzung einen, dessen Innenwelt sie ist (Frege, Der Gedanke, 1918)." Da uns aber nur die eigenen Eindrticke zugänglich sind und man nur die Vorstellungen haben kann, die die eigenen sind, kann man sich nur auf seine eigenen Vorstellungen beziehen. Im Gegensatz dazu gehören die Dinge der Aul3enwelt und ihre Eigenschaften zum Bereich des Objektiven, das unabhängig von unserem Empfinden, Ftihlen und Vorstellen besteht. Dies bedeutet einerseits also eine Abhängigkeit der Vorstellungen vom Bewusstsein des Trägers der Vorstellungen, aber besagt andererseits auch, dass verschiedene Menschen nicht dieselben Vorstellungen haben können. Die personale Individualität von Vorstellungen wird von Frege dem allgemein zugänglichen, öffentlichen Charakter materialer Gegenstände gegentibergestellt:

„Ich pflticke die Erdbeere ab; ich halte sie zwischen den Fingern. Jetzt sieht sie auch mein Begleiter, dieselbe Erdbeere; aber jeder von uns hat seine eigene Vorstellung. Kein anderer hat meine Vorstellung; aber viele können dasselbe Ding sehen. Kein anderer hat meinen Schmerz. Jemand kann Mitleid mit mir haben; aber dabei gehört doch immer mein Schmerz mir und sein Mitleid ihm an. Er hat nicht meinen Schmerz, und ich habe nicht sein Mitleid. [...] Wir nehmen die Vorgänge in der Seele eines anderen nicht unmittelbar wahr, sondern nur die Wirkungen, die sie in der Körperwelt haben. Wir können also selbst die Ahnlichkeit strenggenommen nur oberflächlich beurteilen, da wir die von verschiedenen Menschen erlebten Zustände nicht in einem Bewusstsein vereinigen und so vergleichen können."[7]

Der Bereich der eigenen Vorstellungen ist also nur mir zugänglich und allein diese kann ich wahrhaft kennen; er ist wesentlich privat und nicht intersubjektiv zugänglich.

Der Begriff der Vorstellung ist nun soweit analysiert, dass sich der Begriff des Gedankens durch Gegentiberstellung klar beschreiben lässt. Ich habe gezeigt, dass Vorstellungen deswegen nicht objektiv sind, weil sie nur als Inhalt eines Bewusstseins existieren können. Vorstellungen gibt es allein in der Weise, dass jemand sie hat. Dass Vorstellungen auch nicht intersubjektiv zugänglich, sondern wesentlich privat sind, begrtindet Frege damit, dass die Möglichkeit, sich auf eine Vorstellung zu beziehen und sie zu kennen, von der Voraussetzung abhängig gemacht wird, dass man diese Vorstellung hat. Da aber die Vorstellung, die man hat, immer nur die eigene sein kann, sind einem nur die eigenen Vorstellungen zugänglich. Der Privatheit der Vorstellungen steht die Intersubjektivität der Gedanken gegentiber, die Frege als eine Bedingung daftir, dass verschiedene Menschen zu derselben Erkenntnis kommen und so dasselbe Urteil fällen können, verständlich zu machen versucht.

[...]


[1] Der Logizismus vertritt die These, den gesamten Inhalt der Mathematik auf die formale Logik zuruckzufuhren.

[2] Dinge, die sich wechselseitig substituieren lassen, ohne dass dabei die Wahrheit verändert wird, sind identisch.

[3] Das Prinzip der Universalisierung hier, fordert einen universellen Sprachgebrauch mit absoluter Gultigkeit.

[4] G. Frege, Funktion, Begri, Bedeutung, S. 47

[5] G. Frege, Funktion, Begri, Bedeutung, S. 48

[6] Ontologie = Lehre der Seinsweisen

[7] G. Frege, Nachgelassene Schrifien, S. 4

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Details

Titel
Gedanke & Wahrheit bei Gottlob Frege
Hochschule
Universität Zürich
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V139688
ISBN (eBook)
9783640482078
ISBN (Buch)
9783640481989
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedanke, Wahrheit, Frege
Arbeit zitieren
Michael Eugster (Autor), 2003, Gedanke & Wahrheit bei Gottlob Frege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139688

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