Vom Campus bis zur Kanzel - Die intellektuelle Kriegsunterstützung im Ersten Weltkrieg in Deutschland


Seminararbeit, 2001
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Professoren und der Krieg
a) Euphorischer Kriegsbeginn
b) Annexionistische Forderungen
c) "An die Kulturwelt"
d) Zusammenfassung,

II. Kirche und Krieg
a) Einleitung
b) August 1914- Ein neuer Aufbruch
c) Krieg als Sendungsauftrag
d) Verherrlichung des Krieges und Heldenverehrung
e) Gegen die Kriegsmüdigkeit
f) Zusammenfassung

III. Schriftsteller und der Krieg

IV. Schlußbemerkungen

Literaturangaben

Einleitung

Der Kriegsausbruch im August 1914 rief unterschiedliche Emotionen in der Bevölkerung hervor. Auf der einen Seite war von euphorischer Kriegsbegeisterung die Rede, auf der anderen Seite gab es Demonstrationen bis hin zu Straßenschlachten linker Gruppen. Die Propaganda hat Stimmen gegen den Krieg im August später einfach verschwiegen, um das "Augusterlebnis" als einheitlichen Gefühlsausbruch des gesamten Volkes darzustellen. Eines ist jedoch sicher, dass der Kriegsausbruch in der gesamten Bevölkerung starke Emotionen auslöste.

Diese Arbeit soll zeigen, wie sich die "Gelehrten" zu diesem Krieg äußerten. Was haben Pfarrer, Professoren und Schriftsteller öffentlich gesagt oder geschrieben? Wie nahmen sie Einfluß auf die Meinung der Menschen? Diese Arbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit Reden und Schriften, die den Krieg bejahten und unterstützten. Dieses bedeutet nicht, dass es nicht auch Stimmen im intellektuellen Lager gab, die sich gegen den Krieg richteten. Allerdings muss angemerkt werden, dass diese Gruppe verschwindend klein war und in der breiten Öffentlichkeit nicht richtig in Erscheinung trat. Die Theologen werden in dieser Arbeit etwas stärker berücksichtigt, da sie am direktesten und nächsten an die Menschen herankamen und diese durch ihren besonderen Stand gut beeinflussen konnten. Die Veröffentlichungen der Schriftsteller hingegen sind oft in einer Sprache verfasst, die wiederum größtenteils nur von Intellektuellen, nicht aber von der Masse der Bevölkerung gelesen wurde. Deshalb fällt den Schriftstellern in dieser Arbeit ein etwas geringerer Teil zu. Diese Arbeit kann in ihrem Umfang nur einen groben Überblick über die intellektuelle Unterstützung geben. Drei Gruppen sind aus dem Lager der Intellektuellen herausgegriffen und hier repräsentativ vorgestellt. Es wurden eine Vielzahl von Zitaten in dieser Arbeit verwendet. Dieses schien sinnvoll, um die teilweise stark von Emotionen geprägten Äußerungen authentisch wiedergeben zu können.

I. Professoren und der Krieg

Im Wilhelminischen Kaiserreich hatten die Professoren als Sinn- und Wertevermittler eine führende Rolle inne. Allein die Universitäten genossen eine relative Unabhängigkeit, sie hatten den Charakter einer gesamtdeutschen Institution ohne regionale Bindungen der Professoren und Studenten.[1] Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges erschien auch eine Fülle von Publikationen und Vorträgen deutscher Professoren. Die Gelehrten verstanden sich als über den Parteien stehend und waren wesentlich an der Prägung der öffentlichen Meinung mitbeteiligt.[2] Sie sahen es als ihre Pflicht, sich gegen die Kritik der Alliierten zu stellen, die der deutschen Kriegspolitik reines Machtstreben vorwarf. So wurde in der Folge ein großes Arsenal von historischen, philosophischen, völkerrechtlichen und kulturellen Argumenten angeführt, um die deutsche Kriegsführung zu rechtfertigen.[3] Viele Hochschullehrer empfanden den Krieg als Möglichkeit, sich mit einem Schlag aus der kulturellen Stagnation in der man sich angeblich befand zu befreien.[4]

a) Euphorischer Kriegsbeginn

In der "Erklärung der Hochschullehrer" vom 16.10.1914 wird der Sieg des preußisch-deutschen Militarismus, dessen Identität mit dem Geist deutscher Wissenschaft behauptet wird, als Segen und Heil der Kultur für ganz Europa bezeichnet.

"Wir mußten in die Welt und müssen uns in ihr behaupten: das Gegenteil wäre Verkümmerung und Tod."[5] Diese Erklärung, in der es auch hieß, "der Dienst im Heer macht unserer Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft,"[6] wurde von 3.016 Universitätsangehörigen unterschrieben, dieses entsprach fast 70 % der deutschen Gelehrten.[7] Der Berliner Jurist Otto von Gierke sprach im September 1914 über "Krieg und Kultur". Völlig euphorisch sieht er den Sieg voraus: "Wir wollen siegen und wir werden siegen und, wenn wir uns selbst treu bleiben, werden wir einen vollen Sieg erringen, der das Schicksal Europas in unsere Hand gibt." Weiter sagt er, "daß es deutsche Kultur sein" werde, die dann "vom Zentrum unseres Erdteils aus ihre Strahlen verbreitet."[8]

Viele Lehrer und Professoren riefen ihre Schüler und Studenten dazu auf sich freiwillig zum Krieg zu melden. Ganze Klassenzimmer und Hörsäle leerten sich, als Schüler und Studenten "zu den Fahnen" eilten. Am 3. August 1914 richteten die Rektoren und Senate der bayrischen Universitäten einen Appell an die akademische Jugend:

"Kommilitonen! Die Musen schweigen, es gilt der Kampf, den aufgezwungenen Kampf um deutsche Kultur, die die Barbaren vom Osten bedrohen, um deutsche Werte, die der Feind im Westen uns neidet. So entbrennt aufs neue der Furor Teutonicus. Die Begeisterung der Befreiungskämpfe lodert auf, der heilige Krieg bricht an."[9]

Nach einem ähnlichen Aufruf des Rektors der Kieler Universität meldete sich fast die gesamte Kieler Studentenschaft als Kriegsfreiwillige.[10]

Auffallend ist auch die Beteiligung an Gelehrtenresolutionen nach Fakultäten. In Heidelberg zum Beispiel unterzeichneten keine oder nur eine Resolution von allen Fakultätsangehörigen bei den Theologen 10 %, in der philosophischen Fakultät 16 %, bei den Juristen 22 %, bei den Naturwissenschaftlern 54 % und bei den Medizinern 65 %.[11] Fast dieselbe Reihenfolge ergibt sich, wenn man berücksichtigt, von welchem Anteil der Hochschullehrer die Mitgliedschaft in einer politischen Organisation bekannt ist: theologische Fakultät 40 %, juristische 24 %, philosophische 22 %, medizinische 6 %, naturwissenschaftliche 3%.[12]

b) Annexionistische Forderungen

Seit Anfang 1915 wurde in den Gelehrtenkreisen über die Kriegsziele diskutiert. Die Professoren spalteten sich in ein gemäßigtes und ein sehr radikales Lager. Der Hauptrepräsentant des gemäßigten(!) Lagers, Hans Delbrück, forderte: "Die erste und wichtigste aller nationalen Forderungen, die wir beim künftigen Friedensschluß zu erheben haben, wird die eines sehr großen Kolonialreiches sein müssen, eines deutschen Indien."[13] Der Prorektor und Rektor der Universität Freiburg und spätere Mitbegründer der Vaterlandspartei, Georg von Below, hat seine Funktion genutzt, um bei Begrüßungsreden von Neuimmatrikulierten seine Position zum Kriegsziel kund zu tun. Er forderte eine umfassende Annexionspolitik und trat für einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg ein.[14]

Einen Höhepunkt der alldeutschen Kampagne stellte die Intellektuelleneingabe vom 20. Juni 1915 dar. Vorbereitet hatte sie der Berliner Theologe Reinhard Seeberg, zusammen mit den führenden "Alldeutschen". Diese Denkschrift sieht umfangreiche europäische Expansionen im Osten und Westen, sowie ein afrikanisches Kolonialreich, das durch eine Landbrücke über den Balkan und Vorderasien mit dem Reich verbunden sein sollte vor.[15] Diese sogenannte "Seeberg-Adresse" wurde von 352 Hochschullehrern unterschrieben. Sie zeigt den weitverbreiteten Annexionismus in der Akademikerschaft während des Krieges. Bei einigen Professoren schwankten die Forderungen nach Expansionen während des Krieges. Dieses hatte allerdings nichts mit aufkommenden moralischen Bedenken zu tun, als vielmehr mit dem gerade vorherrschendem Kriegsverlauf. Der bedeutende Freiburger und im Krieg nach Berlin wechselnde Historiker Friedrich Meinecke, der sonst eher liberal auftrat, liefert ein Beispiel dafür. War die militärische Lage vorteilhaft, etwa im Sommer 1915 oder bei der Frühjahrsoffensive 1918, wollte Meinecke auch im Westen Grenzverbesserungen herbeigeführt sehen. Ansonsten unterstützte er die Meinung, nach Westen defensiv, nach Osten offensiv vorgehen.[16] Deutschland müsse insbesondere gegen über Frankreich härter sein, "als wir möchten", und es gelte, den nahen Orient "vor fremder Begierlichkeit zu schützen", Belgien "unschädlich zu machen und unsere Nordseebasis zu verstärken sowie Rußland zurückzudrängen und neues Siedlungsland für deutsche Bauern im Osten zu gewinnen".[17] Nach solchen Äußerungen wundert es nicht, wenn die überwiegende Mehrzahl der Professoren sich gegen einen Frieden ohne Expansion wendeten. Der Tübinger Historiker Johannes Haller veröffentlichte am 4.10.1917 eine Erklärung, in der der Reichstagsmehrheit, die die Friedensresolution verabschiedete hatte, die Qualifikation zur politischen Führung abgesprochen wurde. 1100 Gelehrte unterschrieben diese Erklärung.[18] Viele Professoren sahen im Krieg nicht nur eine Chance zum erhofften Aufstieg zur Weltmacht und die Gleichberechtigung mit England, sondern auch ein höhere Form nationalen Daseins. Der Theologe Seeberg schreibt:

"Deshalb übt der Krieg dann aber auch eine Korrektur aus, an dem was die Völker im Rate der Völker zu bedeuten haben. Er läßt die einen im Hinblick auf die frische Natur- und Kulturkraft in die Höhe rücken und weist den anderen im Hinblick auf den Rückgang ihrer Kraft den ihnen angemessenen niederen Platz zu."[19]

c) "An die Kulturwelt"

Bereits am 4. Oktober 1914 gab es die erste überregionale Gelehrtenresolution, der "Aufruf an die Kulturwelt". Er ist der bekannteste Aufruf seiner Zeit und er hatte eine große Resonanz im Ausland. In ihm bestritten 93 prominente deutsche Intellektuelle, mehrheitlich Professoren, Deutschlands Kriegsschuld und wiesen den Vorwurf des Militarismus sowie deutscher Völkerrechtsverletzungen zurück. Der Aufruf, der mit den Worten "wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen Lügen und Verleumdungen(...)" beginnt setzt sich in Thesenform fort, die immer mit einem "Es ist nicht wahr..." beginnen. Es wird die Verletzung der Neutralität Belgiens, sowie die Zerstörung Löwens bestritten. Belgien wäre damit einverstanden gewesen und deutsche Soldaten hätten in "Selbstaufopferung" das Rathaus von Löwen vor den Flammen bewahrt. Deutsche Soldaten würden keine Grausamkeiten verrichten, "im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kindern die Erde, und im Westen zerreißen Dumdumgeschosse unseren Kriegern die Brust (...)". Weiter wird in rassistischer Form den Gegnern das Recht abgesprochen, sich als Verteidiger der europäischen Zivilisation "zu gebärden", da sie "der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen."[20] Es wird der deutsche Militarismus verteidigt, ohne den die deutsche Kultur "längst vom Erdboden getilgt" worden wäre. Das ganze endet mit einer Drohung:

"Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende führen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, einen Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle. Damit stehen wir Euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!"[21]

[...]


[1] Garstka, Christoph: Intellektuelle im Kaiserreich. In: Intellektuelle im 20. Jahrhundert in Deutschland. Hrg.: Schlich, Jutta. S.133.

[2] Böhme, Klaus (Hg.): Aufruf und Reden deutsche Professoren im Ersten Weltkrieg. Stuttgart, 1975. S. 4.

[3] Mommsen, Wolfgang J.: Die deutschen kulturellen Eliten im Ersten Weltkrieg. In: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteler im Ersten Weltkrieg. Hrg.: Mommsen, Wolfgang J. S. 2.

[4] Ebd. S. 8.

[5] Böhme, Klaus (Hg.): Aufruf und Reden [s. o.]. S. 88.

[6] Ebd.

[7] Jansen, Christian: Professoren und Politik. Politisches Denken und Handeln der Heidelberger Hochschullehrer 1914-1935. Göttingen, 1992. S.113.

[8] von Ungern-Sternberg: Deutsche Kultur und Militarismus. In: Kultur und Krieg. [s. o.]. S. 85.

[9] "Burschen heraus!", Vossische Zeitung, 391. Abendausgabe vom 4. August 1914, S.3. zit. n.: Eksteins, Modris: Tanz über Gräben. Die Geburt der Moderne und der Erste Weltkrieg. Rowohlt Verlag 1999. S.147.

[10] Ebd.

[11] Jansen, Christian: Professoren und Politik. [s. o.]. S.117.

[12] Ebd.

[13] Delbrück, Hans: Bismarcks Erbe. Berlin 1915, S. 202. Zit. n.: Böhme, Klaus(Hg.): Aufruf und Reden. [s. o.]. S.17.

[14] Corneließen, Christoph: Politische Historiker und deutsche Kultur. In: Mommsen, Wolfgang J.: Kultur und Krieg [ s. o.]. S. 125.

[15] Böhme, Klaus (Hg.): Aufruf und Reden [s. o.]. S.19.

[16] Ebd.: S. 20.

[17] Flasch, Kurt: Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Berlin, 2000. S. 53.

[18] Ebd. S. 27.

[19] Von Ungern-Sternberg, Jürgen: Deutsche Kultur [s. o.]. S. 86 f.

[20] Von Ungern-Sternberg, Jürgen: Der Aufruf An die Kulturwelt!. Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegsprobaganda im Ersten Weltkrieg. Franz Steier Verlag Stuttgart, 1996. S. 144 f.

[21] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Vom Campus bis zur Kanzel - Die intellektuelle Kriegsunterstützung im Ersten Weltkrieg in Deutschland
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Erster Weltkrieg
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V13969
ISBN (eBook)
9783638194884
ISBN (Buch)
9783640667123
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Campus, Kanzel, Kriegsunterstützung, Ersten, Weltkrieg, Deutschland, Proseminar, Erster
Arbeit zitieren
Benjamin Waschow (Autor), 2001, Vom Campus bis zur Kanzel - Die intellektuelle Kriegsunterstützung im Ersten Weltkrieg in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13969

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