Von der Wahrnehmung zur Erkenntnis bei John Locke


Hausarbeit, 2003

12 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritische Analyse von Locke's Ideen-Konzeption
2.1. Die einfachen Ideen der „Sensation"
2.2. Die einfachen Ideen der „Reflexion"

3. Abschliessende Bemerkungen zu Locke's Ideen-Konzeption

1. Einleitung

Der englische Philosoph John Locke (1632-1704) gilt als einer der Hauptvertreter und Begriinder des englischen Empirismus, d.i. einer Philosophie, die die Erfahrung zu ihrer Grundlage hat und jegliches Wissen deren Erfahrung zur Kontrolle unterliegt. In seinem Werk „Essay concerning Human Understanding" (1689) steht seine kritische Erkenntnistheorie im Zentrum, die iiber die Lehre vom Ursprung unserer Vorstellungen („ideas") entwickelt wird. Diese Ideen-Lehre von den einfachen Ideen, der sinnlichen Wahrnehmung („sensation") und dem inneren Nachdenken („reflection"), und den komplexen Ideen, welche der Geist aus den einfachen Ideen als dem Material kombiniert, bildet den Ursprung und die Grundlage menschlicher Erkenntnis. Locke bricht hier vehement mit den Rationalisten[1] in Bezug auf die „angeborenen Ideen" („innate ideas") und begriindet den Begriff des „tabula rasa", womit er ein bahnbrechendes Fundament fiir den erst aufkommenden Empirismus schafft, der mit George Berkeley und danach mit David Hume seine Bliitezeit erlebt.

Locke's Ideen-Konzeption und der Aufbau unseres Bewusstseins, rein auf Erfahrung basierend, („tabula rasa") sind die zentralen Punkte auf die diese systematische Arbeit herauslaufen wird. Ich werde zeigen, wie stark sich Locke fiir seine empiristische Theorie macht und wie er dabei auf einer deskriptiv-psychologischen Ebene argumentiert. In einem ersten Teil meiner Arbeit werde ich die Vorstellungen durch „sensation" analysieren und in Bezug auf das Problem der Instinkte, sowie der „primären und sekundären Qualitäten" diskutieren. Ich werde hierbei den erkenntnistheoretischen Anspruch dieses Problems der primären und sekundären Qualitäten ausser Betracht lassen, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen wiirde. Im zweiten Teil wende ich mich dann den Ideen der „reflection" und ihrer bedeutsamen Tätigkeit im Geiste zu. In diesen beiden Teilen wird nach Locke's Vorbild eine Einteilung der einfachen Ideen vorgenommen, die ich zum Schluss noch einmal aufgreifen werde und mit einer Graphik zu unterstiitzen versuche. Die entstehungsgeschichtliche Wirkung dieser Lehre, sowie die komplexen Ideen werden in dieser Arbeit nur beiläufig erwähnt und nicht gebiihrend thematisiert, obschon es geniigend Berechtigung dafiir gäbe.

2. Kritische Analyse von Locke's Ideen-Konzeption

In seinem Bewusstsein findet jeder Mensch bestimmte „Vorstellungen", die Locke als „Ideen" bezeichnet. Das Wort Vorstellung wird allerdings in verschiedenster Weise gebraucht und bezeichnet sowohl Empfindungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen und Traumvorstellungen, als auch Begriffe und logisch-deduktive Denkvorgänge aller Art: „Alles, was der Geist in sich selbst wahrnimmt oder was unmittelbares Objekt der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes ist, das nenne ich Idee; [...] denn Ideen haben und wahrnehmen ist ein und dasselbe (Locke, Versuch fiber den menschlichen Verstand, 1689)." Woher aber nun stammen denn diese Ideen? -Sie sind uns gänzlich aus der Erfahrung gegeben, auf welche sich unsere gesamte Erkenntnis gründet und herleitet:

Wie gelangt er [der Geist] zu dem gewaltigen Vorrat an Ideen, womit ihn die geschäftige schrankenlose Phantasie des Menschen in nahezu unendlicher Mannigfaltigkeit beschrieben hat? Woher hat er all das Material für seine Vernunft und für seine Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfahrung. Auf sie gründet sich unsere gesamte Erkenntnis, von ihr leitet sie sich schliesslich her.[2]

Locke nimmt an, dass unser Geist bei der Geburt einem unbeschriebenen Blatt Papier gleicht und kreiert den Begriff des „tabula rasa" (oder „white paper"). Er widerspricht mit dieser Aussage vor allem der Lehre der Rationalisten, die einen ursprünglichen Besitz des Geistes voraussetzen, auf welchem die „ratio" ihr Wissensgebäude errichtet. Hinter dieser Ansicht von Locke stecken die beobachtbare, sinnliche Wahrnehmung äusserer Objekte („sensation") und das innere Nachdenken („reflection") als die beiden Quellen der Erkenntnis, welche unserem Verstand den gesamten Stoff des Denkens liefern. Es ist allerdings zu beachten, dass der Geist keine einzige aus Sensation und Reflexion stammende Idee selber erschafft, noch kann er irgendeine komplexe Idee haben, die nicht völlig aus ihnen besteht. Zudem verhält sich der Verstand bei der Aufnahme der einfachen Ideen rein passiv und es hängt nicht von seinen Kräften ab, ob er zu dieser Grundlage der Erkenntnis gelangt oder nicht. Mogen auch verschiedene Sinne gleichzeitig von demselben Objekt verschiedene Ideen aufnehmen (z.B. fühlt man an demselben Stück Wachs sowohl Weichheit, als auch Wärme), so sind diese im Gegenstand vereinigten einfachen Ideen trotzdem so verschieden, wie die Sinne, durch die sie uns zugeführt werden.

2.1 Die einfachen Ideen der „Sensation"

Die iiussere Sinneswahrnehmung („sensation") beruht darauf, dass unsere Sinnesorgane, von den Einwirkungen der Aussenwelt affiziert, ihre Anregungen durch neuro-biologische Vorgänge dem Verstand zuleiten, was in uns gewisse Vorstellungen erzeugt. Nach Locke geht die Sensation der Reflexion zeitlich voraus, da der Geist erst durch äussere Eindriicke zu Tätigkeiten angeregt werden muss, bevor sich diese in ihm reflektieren können. Der zeitliche Anfang unseres bewussten Lebens ist simultan den ersten Eindriicken, die wir von aussen empfangen[3], d.h., der Mensch beginnt Ideen zu haben, wenn er zum erstenmal eine Sensation hat. Locke geht sogar soweit zu behaupten, dass die Ideen im Verstand gleichzeitig mit der sinnlichen Wahrnehmung auftreten und wir uns diesem automatischen Vorgang des ,Ideen-Habens' weder erwehren noch einmal erhaltene Ideen wieder vernichten können. Ich sehe mich gezwungen seiner Ansicht beizupflichten, dass wir uns der spezifisch-subjektiven Vorstellung aufgrund einer Sensation nicht entziehen können (vgl. den Abschnitt iiber primiire & sekundiire Qualitiiten), doch ist seine Behauptung der Gleichzeitigkeit ihres Auftretens durch die moderne Neurobiologie zur Geniige widerlegt worden.

Locke bricht markant mit der traditionellen Sichtweise Descartes' wenn er behauptet, dass das Selbstbewusstsein („reflection") keine Priorität vor der Aussenwahrnehmung („sensation") besitze. In einer Entgegnung auf Burnets[4] Bemerkungen zu Locke's „Versuch iiber den menschlichen Verstand" wird allerdings explizit hervorgehoben, dass die ersten Empfindungen vielleicht schon W ärme und Hunger vor der Geburt sind. Erstaunlich scheint mir, dass bereits an dieser Stelle der Begriff der „tabula rasa" insofern eine Korrektur erfährt, als zwar keine inhaltlich bestimmten und spezifischen Vorstellungen, so doch gewisse Vermögen und Kräfte ,angeboren' seien. Locke fliichtet sich in die Antwort, dass nicht alle höheren Bewusstseinsgebilde aus Sinneswahrnehmung hergeleitet werden können, sondern lediglich das Material fiir die Verarbeitung durch den Verstand bereit halten. Da er auch nicht weiter auf diesen Punkt eingeht, scheint es mir ziemlich evident, dass sich hier ein grosses Problem seiner Erkenntnistheorie verbirgt und sich Locke dessen sehr wohl bewusst war. Denn diese instinktiven Vorstellungen riihren weder von äusserer Sinneswahrnehmung her, noch erlangen wir diese durch Reflexion, wie sich anhand Locke's Methode der Selbstpriifung feststellen lässt.

[...]


[1] Der Rationalismus vertritt die These, durch deduktive Denkvorgänge den Aufbau der Wirklichkeit zu erfassen.

[2] J. Locke, U ber die Ideen im allgemeinen und ihren U rsprung, S. 107f.

[3] R. Reininger, Locke, Berkeley, Hume, S.28

[4] A. Riehl, Der philosophische Kritizismus, S. 35

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Von der Wahrnehmung zur Erkenntnis bei John Locke
Hochschule
Universität Zürich
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V139690
ISBN (eBook)
9783640478927
ISBN (Buch)
9783640479054
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Erkenntnis, Locke, Ideen, Vorstellung
Arbeit zitieren
Michael Eugster (Autor), 2003, Von der Wahrnehmung zur Erkenntnis bei John Locke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139690

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