Die Problematik der Ich/Du-Asymmetrie in der Common Sense Moral

Eine kleine Analyse der Ich/Du-Problematik, um die Commonsense Moral gegen den Konsequentialismus zu erhärten


Hausarbeit, 2006

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konsequentialismus und Commonsense Moral

3. Problematik der Ich/Du-Asymmetrie in der Commonsense Moral

4. Konsens als mogliches Begründungsprinzip

5. Moralische Autonomie als mogliches Begründungsprinzip

6. Zusammenfassung und abschliessende Bemerkungen

Abstract

Die Ich/Du-Asymmetrie in der Commonsense Moral besteht in der Unterscheidung, was einem Akteur erlaubt ist gegenüber sich selbst und was ihm erlaubt ist gegenüber anderen. Aufgrund dieser Asymmetrie steht die Commonsense Moral in Erklärungsbedarf gegenüber dem Konsequentialismus, der keine solche Asymmetrie kennt. Diese Asymmetrie in der Commonsense Moral lässt sich beispielsweise anhand der moralischen Autonomie begründen.

1. Einleitung

In der modernen Philosophie ist eine heftige Debatte um zwei grosse Moraltheorien, die Commonsense Moral und den Konsequentialismus, entstanden. Die meisten Versuche, entweder die Commonsense Moral oder den Konsequentialismus zu kritisieren oder zu rechtfertigen, basieren auf Vergleichen dieser beiden moralischen Sichtweisen, mit dem Ziel, über die Kritik einen Vorteil oder Nachteil der einen gegenüber der anderen Theorie zu finden. Ich werde in dieser Arbeit einige implizite Tendenzen der Commonsense Moral sowie des Konsequentialismus untersuchen, um auf den problematischen Charakter dieser beiden Theorien hinzuweisen und aufzuzeigen, welche immensen Schwierigkeiten einer fundamentalen Rechtfertigung einer solchen Theorie im Wege stehen. Die Starke der Commonsense Moraltheorie, verstanden als eine partikularistische Moraltheorie, gegenüber dem Konsequentialismus, der zu den universalistischen Theorien zahlt, liegt in den intuitiven Betrachtungsweisen. Aufgrund der hier zu untersuchenden Ich/Du-Asymmetrie in der Commonsense Moral, liegt in der Bewertung einer Handlung das Gewicht vornehmlich auf der Handlungsdisposition und nicht auf dem Handlungserfolg, wie im Konsequentialismus. Hierbei richte ich den Fokus primar auf diese Dichotomie zwischen dem, was einem Akteur erlaubt ist gegenüber sich selbst und dem, was ihm erlaubt ist gegenüber anderen (Ich/Du-Asymmetrie). Ich erhebe nicht den Anspruch konsequentialistische Theorien zu stürzen, da solche Theorien sehr stark und in ihrem Unpersonlichkeitsanspruch gut motiviert sind, sondern ich werde mit der Commonsense Moral eine konkurrenzfähige Alternative zum Konsequentialismus formulieren.

Ich erachte es für sinnvoll, erst die beiden Moraltheorien des Commonsense und des Konsequentialismus etwas genauer zu erläutern und ihre zentralen Begrifflichkeiten zu reflektieren und zu definieren (Abs. 2), sowie ihre wichtigsten Unterscheidungen hervorzustreichen. Hierbei wird sich zeigen, dass der Konsequentialismus der differenzierten „Ich/Du-Betrachtung" in der Commonsense Moral eine symmetrisch-homogene und unpersönliche „Man-Betrachtung" entgegensetzt. Selbstverständlich sind beide Moraltheorien in ihrer ganzheitlichen Form viel zu umfangreich, um hier angemessen diskutiert werden zu können, weshalb ich im Folgenden erst einige zentrale Eingrenzungen vornehmen werde. So bezeichne ich zum Beispiel mit dem Begriff Konsequentialismus lediglich die akt-utilitaristischen und akt-konsequentialistischen Strömungen innerhalb des gesamten Konsequentialismus.

In Abschnitt 3 werde ich die angesprochene Problematik der Ich/Du-Asymmetrie in der Commonsense Moral genauer ausführen und aufzeigen, weshalb diese Moraltheorie in philosophischem Erklärungsbedarf steht. Diese Ich/Du-Asymmetrie scheint denn auch eine spezielle Erlaubnis der Commonsense Moral darzustellen, nämlich dass man seine eigenen alter, Vorteile oder Ziele nicht nur ignorieren, sondern gar die alter und Ziele eines anderen über die seinen stellen darf. Eine solche Akteur-Opferungserlaubnis („agent-sacrificing permissions"[1] ) kennt der Konsequentialismus nicht. Was denn normalerweise für uns als moralisch verboten gilt, sogenannte deontologische Restriktionen, sind Handlungen wie töten oder verletzen von anderen Menschen oder Lebewesen. Es gibt hingegen keine, nicht einmal sekundäre Restriktionen über das, was uns selbst gegenüber moralisch verboten ist. Diese Schwierigkeit unseres intuitiven Moralverständnisses in der Commonsense Moralbetrachtung muss aufgelöst werden.

Eine Möglichkeit, diese Asymmetrie zu rechtfertigen (Abs. 4), besteht in einem „Konsens" der betroffenen Parteien. Ich werde aber aufzeigen, dass der „Konsens" kein hinreichendes Legitimationswerkzeug darstellt, um den relevanten moralischen Unterschied zwischen der Ich- und der Du-Perspektive in der Commonsense Moral ausreichend zu begründen. Eine Alternativmöglichkeit zum Konsens für die Rechtfertigung dieser Asymmetrie besteht in der moralischen Autonomie (Abs. 5), welche die Selbstbestimmung, respektive die moralische Freiheit des Menschen bezeichnet, jede beliebige unabhängige Wahl zu treffen. Aufgrund dieser moralischen Freiheit der Entscheidungsfindung kann eine richtig motivierte Handlung eines Akteurs in der Commonsense Moral nicht als moralisch falsch, sondern nur als unklug oder irrational bezeichnet werden (vgl. Abs. 2).

2. Konse quentialismus und Commonsense Moral

Um dem Thema dieser Arbeit, der Problematik der Ich/Du-Asymmetrie in der Commonsense Moral, gerecht zu werden, will ich auf der semantischen Ebene zuerst einige Begrifflichkeiten klären und gewisse Einschränkungen vornehmen. Unter den Begriff des Konsequentialismus fasse ich im Nachfolgenden lediglich die spezifischen Strömungen des Akt-Utilitarismus und Akt-Konsequentialismus, wobei der Akt-Utilitarismus eine spezielle Form innerhalb des (Akt-) Konsequentialismus bezeichnet. Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Konsequentialismus ist der Ansatz eines Standpunkts unpersönlichen Wohlwollens. Jedesmal wenn wir von unseren partikulären Identitäten und unseren persönlichen Wünschen oder Bedenken abstrahieren und die Welt wie von ausserhalb betrachten, entsteht die Forderung, dass alle Menschen die jeweils optimalen Handlungen ausführen. Genau solche Handlungen sind Handlungen, die im Akt-Utilitarismus und Akt-Konsequentialismus als moralisch richtig und eben gefordert gelten. Solche konsequentialistischen Theorien bewerten eine bestimmte Handlung ausschliesslich anhand ihrer direkten oder indirekten Folgen. Die spezielle, akt-utilitaristische Form einer solchen Theorie bestimmt und bewertet die entsprechenden Handlungsfolgen aufgrund eines Nutzenkriteriums, d.h. diejenigen Folgen, die den grösstmöglichen Nutzen in der Welt schaffen, gelten als Folgen moralisch richtig und geforderten Handelns. Hierbei ist anzumerken, dass bei all diesen konsequentialistischen Theorien nicht die Motivation oder Intention von Handlungen im Zentrum steht, sondern die Begründung, respektive Rechtfertigung der jeweiligen Handlungsfolgen (=Handlungserfolg). Folgendes Beispiel soll dies erläutern: Wenn eine Person die Wahl hat, entweder den sehnlichsten Wunsch seines eigenen Kindes zu erfüllen oder zwei Herzenswünsche von zwei ihm unbekannten, aber genauso zufriedenen Kindern, irgendwo in der Welt, sollte der Akteur sich für die Wünsche der beiden Unbekannten entscheiden. Dies deshalb, da zwei zufriedengestellte Kinder gegenüber nur einem den (mathematisch) grösseren Gesamtertrag an „menschlicher Zufriedenheit" in der Welt erwarten lassen. Die persönliche Beziehung und Nähe zum eigenen Kind ist hierbei ausser Acht zu lassen und die Handlungsumstände von einem unpersönlichen Standpunkt aus zu betrachten. Aus den gleichen Gründen wird bei einer Rechtfertigung der Handlungsfolgen auch nicht zwischen einer Handlung gegenüber sich selbst und einer Handlung gegenüber anderen unterschieden, sondern Akteur und Korrespondenzperson als freie Variablen gleichgesetzt. An die Stelle der differenzierenden „Ich/Du-Betrachtung" tritt nämlich im Akt-Konsequentialismus und Akt-Utilitarismus eine sprachlich unpersönliche „Man-Betrachtung", d.h. der Konsequentialismus postuliert eine beliebige Austauschbarkeit der handlungsrelevanten Personen.

Bei allfälligen widerstreitenden Begründungsversuchen wird auf immer basalere Werte bis hin zu für die Konsequentialisten „unbestrittenen" (objektiven) Grundwerten wie Gesundheit oder Glückseligkeit rekurriert. Diese Betrachtungsweise wirft bezüglich der Folgen eine weitere zentrale Problematik auf, nämlich ob es sich um die tatsächlichen, objektiven Folgen handelt (=retrospektive Handlungsbewertung) oder lediglich um die subjektiv-erwartbaren Folgen (=prospektive Handlungsbewertung). Ich werde allerdings auf diese Problematik konsequentialistischer Theorien nicht genauer eingehen, sondern setze den Konsequentialismus diesbezüglich und für diese Arbeit als unproblematisch voraus. Angelehnt an das Buch Kritik des Konsequentialismus von Julian Nida-Rümelin[2] lässt sich zusammenfassend also sagen, dass die ideale moralische Person einer konsequentialistischen Theorie, unter Einhaltung aller sittlichen Anforderungen, stets diejenige Handlungsoption wählt, von der sie die (moralisch) besten Folgen erwartet, respektive erwarten kann. Eine alternative Handlung zu wählen, würde eine Verschlechterung des Wertintegrals gegenüber der moralisch gebotenen Handlung bedeuten. Da aber der Konsequentialismus den Wert der Handlungsfolgen zum ausschliesslichen Kriterium seiner Verpflichtungsurteile macht, ist man also nicht nur für die Folgen seiner eigenen Handlungen verantwortlich, sondern auch für die Wertdifferenz dieser Folgen gegenüber jeder anderen möglichen, aber schlechteren Handlung. Aus diesem Grund lässt sich in einer konsequentialistischen Theorie kein

Unterschied zwischen persönlichen und unpersönlichen Beziehungen konstituieren, d.h. der Konsequentialismus kennt im Unterschied zur Commonsense Moral weder eine Unterscheidung in positive und negative Pflichten, noch eine zwischen speziellen und allgemeinen Pflichten.

Die Commonsense Moral ihrerseits unterscheidet sich vom Konsequentialismus generell dahin gehend, dass einige Handlungen auch dann moralisch gefordert sein können, wenn sie weniger universell Gutes oder Nützliches produzieren als gewisse Alternativen. Folgendes Standard-Beispiel soll dies erläutern: Einer Person ist es nicht erlaubt, eine andere, unschuldige Person zu töten, selbst wenn diese Handlung das Leben von fünf weiteren unschuldigen Personen retten würde. Hierbei wird angenommen, dass die Akzeptanz einer solchen Verpflichtung die Idee miteinschliesst, dass Töten an sich verboten ist, selbst wenn von einem konsequentialistischen Standpunkt aus ein besserer Zustand in der Welt resultieren würde, nämlich fünf Uberlebende. Solche deontologischen Restriktionen darüber, was eine Person tun darf, um das Gute in der Welt zu maximieren, sind in der Moral der meisten Menschen verankert.[3] Auf die Problematik, wie sie Judith Thomson[4] aufzeigt, dass es trotz solch deontologischer Restriktionen Fälle gibt, in denen die Commonsense Moral das Töten von Unschuldigen gutheissen würde, werde ich im Zuge dieser Arbeit nicht eingehen, ebenso wenig auf die Ausnahmefälle von masochistisch-motivierten Personen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass diese speziellen Umstände in der intuitiven Moralbetrachtung des Commonsense an und für sich keine Problematik darstellen.

[...]


[1] Michael Slote, Common-sense Morality and Consequentialism, p. 11

[2] Julian Nida-Rümelin, Kritik des Konsequentialismus, p. 89ff.

[3] Michael Slote, Common-sense Morality and Consequentialism, p. 9

[4] Siehe Judith Thomson, Killing, Letting Die, and the Trolley Problem

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Details

Titel
Die Problematik der Ich/Du-Asymmetrie in der Common Sense Moral
Untertitel
Eine kleine Analyse der Ich/Du-Problematik, um die Commonsense Moral gegen den Konsequentialismus zu erhärten
Hochschule
Universität Zürich
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V139697
ISBN (eBook)
9783640484386
ISBN (Buch)
9783640484539
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ich/Du-Asymmetrie, Common Sense, Moral, Alltag, Handlung
Arbeit zitieren
Michael Eugster (Autor:in), 2006, Die Problematik der Ich/Du-Asymmetrie in der Common Sense Moral, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139697

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