Der Erwerb des Lesens bei gehörlosen Kindern erscheint sehr rätselhaft. Während den meisten gehörlosen Kindern das Lesenlernen relativ schwerfällt, erreichen einige gehörlose Kinder scheinbar mühelos ein altersgemäßes Leseniveau. So berichtet die gehörlose Autorin Dorothea Böhme in ihrer Lesebiographie, wie sie bereits ein Jahr vor ihrer Einschulung lesen lernte, indem sie sich in den Klassenraum der Schulanfänger schlich und den Unterricht von der hintersten Bank aus verfolgte (Böhme 2003).
Da das Lesen gerade für Gehörlose u.a. von zentraler Bedeutung zur Kompensation der durch ihre Hörbehinderung bedingten Sprachbarrieren ist, soll hier versucht werden zu ergründen, warum einige gehörlose Kinder so leicht lesen lernen, während ihre Klassenkameraden trotz großer Anstrengungen scheitern. Vermutlich haben gehörlose Kinder ein viel größeres Potential das Lesen zu erlernen als bisher angenommen wurde. Aber wie erlernen gehörlose Kinder überhaupt das Lesen ohne Lautsprache und wie kann davon ausgehend das Lesen angebahnt werden?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden im ersten Teil der Arbeit zunächst die Gründe für Lernschwierigkeiten beschrieben und analysiert. Nach einer Betrachtung der Unterschiede hörender und gehörloser Kinder wird untersucht, welche Hilfen sich eignen, um den Kindern zur jeweils höheren Leseentwicklungsstufe zu verhelfen.
Außerdem wird im zweiten Teil der Arbeit die Eignung der - ausgehend von den Entwicklungsmodellen der Schriftsprache - entwickelten didaktischen Konzepte zum Lesenlernen vor allem hinsichtlich der spezifischen Lernvoraussetzungen gehörloser Schüler untersucht. Dabei soll vor allem auf die Kontroversen zwischen Fibelanhängern und –gegnern und den Anhängern von oralen und bilingualen Leselernkonzepten eingegangen werden.
Ausgehend von den gewonnenen Kenntnissen über spezifische Leseschwierigkeiten und den Verlauf der Leseentwicklung werden im dritten Teil die für diese Konzepte entwickelten Fibeln, Spiele und Lernprogramme dargestellt und beurteilt. Im abschließenden Fazit wird noch einmal über die gewonnenen Erkenntnisse für die Erstlesedidaktik reflektiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsbestimmungen und Problemanalyse
2.1 Bestimmung zentraler Begriffe
2.2 Bedeutung des Lesens für gehörlose Menschen
2.3 Schwierigkeiten gehörloser Menschen mit dem Lesen
2.4 Mögliche Gründe für die Probleme gehörloser Menschen beim Lesenlernen
3 Entwicklung des Lesens
3.1 Die Leseentwicklung bei hörenden Kindern
3.1.1 Das Sechsstufenmodell von Frith
3.1.2 Das Entwicklungsmodell der Schriftsprache von K.-B. Günther
3.1.3 Die Leseentwicklung nach Brügelmann und Brinkmann
3.1.4 Entwicklungsmodell des Lesen- und Schreibenlernens nach Valtin
3.2 Besonderheiten Leseentwicklung bei gehörlosen Kindern
3.2.1 Anwendbarkeit der Stufenmodelle der regelhaften Leseentwicklung auf gehörlose Kinder
3.2.2 Stufenmodelle der Schriftsprachentwicklung bei gehörlosen Kindern nach K.-B. Günther
3.2.3 Stufenmodell des Schriftspracherwerbs bei gehörlosen Kindern nach van Uden
3.3 Zusammenfassende Kritik der Modelle
4 Didaktische Ansätze zum Lesenlernen
4.1 Darstellung und Kritik von Fibelkonzepten
4.2 Lesenlernen ohne Fibel auch mit gehörlosen Kindern?
4.3 Gebärdensprachorientierte Konzepte
4.3.1 Lesenlernen im bilingualen Unterricht
4.3.2 Lesenlernen mit der GebärdenSchrift
4.4 Lesenlernen auf oralem Weg
5 Materialien zum Erstlesen
5.1 Didaktische Spiele und andere Materialien
5.2 Computerlernprogramme
5.3 Darstellung aktueller Erstlesefibeln
6 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Erstleseprozess gehörloser Kinder und analysiert, warum einige dieser Kinder mühelos Lesefertigkeiten erwerben, während andere trotz intensiver Bemühungen scheitern. Das Ziel ist es, den Einfluss von Sprachbewusstheit sowie die Eignung verschiedener didaktischer Konzepte – insbesondere im Vergleich zwischen oralen und bilingualen Ansätzen – auf den Schriftspracherwerb zu klären und daraus Förderempfehlungen für die Gehörlosenschule abzuleiten.
- Analyse der Leseentwicklung bei hörenden vs. gehörlosen Kindern
- Untersuchung metalinguistischer Fähigkeiten (phonologische Bewusstheit)
- Kritische Bewertung traditioneller Fibelkonzepte
- Evaluierung gebärdensprachorientierter Lernansätze
- Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien und spezieller Lernmaterialien
Auszug aus dem Buch
2.1 Bestimmung zentraler Begriffe
An dieser Stelle soll die Bedeutung der für diese Arbeit zentralen Begriffe wie Lesen, Schrift und Sprachbewusstheit sowie einige mit diesen Begriffen in Zusammenhang stehender Fachtermini, die in dieser Arbeit wiederholt benutzt werden, erläutert werden.
Doch warum soll ein so eindeutiges Wort wie Lesen überhaupt erklärt werden? Generell wird schließlich davon ausgegangen, dass jedem klar ist, was „Lesen“ bedeutet. Der Begriff ist jedoch komplexer als er auf den ersten Blick erscheint. So gibt es mittlerweile eine unzählige Anzahl von Definitionen des Lesens. Die jeweilige Definition ist zudem für viele Pädagogen der Ausgangspunkt für die Entwicklung der jeweiligen Leselernmethode gewesen. So steht für die Anhänger der ganzheitlichen Leselernmethode das Verstehen der Schriftsprache im Mittelpunkt, während die Anhänger der synthetischen Methode die Lesetechnik hervorheben. Bei einer analytischen Leselernmethode sollen einzelne Buchstaben aus Ganzwörtern spontan erkannt werden, während bei der synthetischen Methode einzelne Buchstaben sukzessiv zu ihrer Klanggestalt verschmolzen werden. Heute ist es üblich, im schulischen Rahmen beide Dimensionen des Lesens im Sinne einer Methodenintegration als gleichwertig zu berücksichtigen. Die Forderung nach einer Leselernmethode, die sowohl analytische als auch synthetische Elemente hervorhebt, wird seit den 80er Jahren in den Richtlinien gefordert (Ministerium für Schule 1985). Auch Schenk glaubt, dass es problematisch ist, einen der beiden Aspekte des Lesens zu vernachlässigen. Für sie bedeutet Lesen zum einen „die Technik des Umsetzens von Schriftzeichen in Bedeutung aufgrund erworbener Kenntnisse und Fertigkeiten...“ (Schenk 2002, 14) und zum anderen „die Sinnerfassung eines sprachlichen Inhalts, der durch Schriftzeichen fixiert ist...“ (Schenk 2002, 14).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert den rätselhaften Erwerb der Schriftsprache bei gehörlosen Kindern und begründet die Relevanz der Untersuchung für die pädagogische Praxis.
2 Begriffsbestimmungen und Problemanalyse: Es werden die zentralen Begriffe des Lesens und der Sprachbewusstheit geklärt sowie die spezifischen Schwierigkeiten gehörloser Menschen bei der Kompensation von Sprachbarrieren analysiert.
3 Entwicklung des Lesens: Dieses Kapitel stellt verschiedene Entwicklungsmodelle der Lese- und Schriftsprachentwicklung vor und kritisiert deren Anwendung bei gehörlosen Kindern.
4 Didaktische Ansätze zum Lesenlernen: Es erfolgt eine kritische Darstellung von Fibelkonzepten sowie die Erörterung alternativer Ansätze, wie dem bilingualen Unterricht und der GebärdenSchrift.
5 Materialien zum Erstlesen: Hier werden konkrete didaktische Spiele, Computerlernprogramme und Fibeln im Hinblick auf ihren Einsatz an Gehörlosenschulen bewertet.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und plädiert für einen bilingualen Ansatz, der visuelle Hilfen und die Gebärdensprache integriert.
Schlüsselwörter
Gehörlosenpädagogik, Schriftspracherwerb, Erstlesen, Leseentwicklung, Sprachbewusstheit, Gebärdensprache, bilinguale Förderung, Phonologische Bewusstheit, Logographemische Strategie, Orthographische Strategie, Fibelkonzepte, GebärdenSchrift, Schriftsprachkompetenz, Gehörlosenschule, Schriftsystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie gehörlose Kinder das Lesen erlernen und welche Methoden am besten geeignet sind, um ihnen einen erfolgreichen Zugang zur Schriftsprache zu ermöglichen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Leseentwicklung im Vergleich zwischen hörenden und gehörlosen Kindern, der Einfluss von Sprachbewusstheit sowie die Bewertung unterschiedlicher didaktischer Lehrmethoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, warum einige gehörlose Kinder scheinbar mühelos lesen lernen, und aus dieser Analyse heraus fundierte Empfehlungen für den Unterricht an Gehörlosenschulen zu geben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender Entwicklungsmodelle und didaktischer Konzepte sowie einer kritischen Prüfung aktueller pädagogischer Ansätze.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den verschiedenen Entwicklungsphasen des Lesens (Stufenmodelle) und prüft deren Übertragbarkeit auf gehörlose Schüler, gefolgt von einer Analyse konkreter didaktischer Materialien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Gehörlosenpädagogik, Schriftspracherwerb, bilinguale Förderung und die Verwendung von GebärdenSchrift im Unterricht.
Warum ist das "Gezinkte Memory" für den Unterricht wichtig?
Es dient nicht nur als Spiel zum Training der Unterscheidungsfähigkeit, sondern kann auch zur Diagnose des aktuellen Entwicklungsstandes bei Leseanfängern eingesetzt werden.
Wie bewertet der Autor den Einsatz von Computern?
Der Autor befürwortet Computerlernprogramme als flexible Ergänzung zum Unterricht, sofern sie die individuellen Lernbedürfnisse berücksichtigen und visuelle Unterstützung bieten.
- Quote paper
- Katrin Merten (Author), 2003, Erstlesen mit gehörlosen Kindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139727