Die geographische Verteilung der deutschen Ortsnamen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ortsnamengeographie als Forschungsdisziplin

3. Skizzierung der deutschen Namenlandschaften

4. Typische Grundwörter und Endungen der deutschen Siedlungsnamen und deren geographische Verteilung
4.1 Die Ortsnamen auf –ing-
4.2 Die Ortsnamen auf –heim
4.3 Die Ortsnamen auf –leben
4.4 Die Ortsnamen auf –dorf
4.5 Die Ortsnamen auf -rod

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Ortsnamen sind in unserer Lebenswelt allgegenwärtig. Die Bezeichnung bestimmter Gebiete mit Namen ist aus vielerlei Gründen notwendig. Zunächst geben Ortsnamen dem Menschen eine Orientierung in seiner Umgebung. Sie machen es möglich anderen mitzuteilen, wo man sich befindet oder wohin man sich bewegen möchte, geben Aufschluss über Besitz und Eigentum und schaffen letztlich Heimat.

Die Wichtigkeit der Ortsnamen scheint in unserer modernen Welt stetig zuzunehmen. Sind wir doch mehr und mehr verpflichtet Reisen anzutreten, schnell und ohne Umwege von A nach B zu gelangen. Was wäre, wenn moderne Navigationsgeräte nicht mit den passenden Ortsbezeichnungen gefüttert werden könnten? Ortsnamen sind also auch in Zukunft eine lebenswichtige Notwendigkeit. Sie bergen jedoch ungeahntes Potenzial auch in Bereichen, die uns nicht alltäglich erscheinen. So schreibt Hugo Steger in den Vorbemerkungen zu seiner Herausgeberschrift „Probleme der deutschen Namenforschung im deutschsprachigen Raum:

Der Name wird als eine hervorragende Geschichtsquelle erkannt, der wesentliche Aussagen zur Geschichte und Sprachgeschichte sowohl des quellenarmen ‚flachen Landes‘ im Mittelalter als auch der älteren Zeiträume im später deutschsprachigen Mitteleuropa ermöglicht.[1]

Auch Andrea Gruber nimmt in ihrem Aufsatz Siedlungsforschung im Wandel der Zeit. Ein Überblick., welcher für den Sammelband „Ortsnamen und Siedlungsgeschichte“ erschien, Bezug auf die besondere Bedeutung der Namensforschung im Allgemeinen und der Ortsnamenforschung im Besonderen, wenn sie auf die Interdisziplinarität der Namenkunde verweist und darstellt wie zahlreiche Forscher anderer Disziplinen immer wieder Ergebnisse der Namenforschung für ihre Zwecke verwenden. Sie betont, dass vor allem Historiker häufig auf die Namenkunde angewiesen seien. In diesem Bereich kommt der Ortsnamenforschung eine zentrale Rolle zu, gehört es doch zu ihren Erträgen wüst gefallene Orte oder Flure, an denen sich eventuell geschichtsträchtiges ereignete, überhaupt zu lokalisieren.[2]

Auch für die Erforschung siedlungsgeschichtlicher Probleme kommt der Ortsnamenforschung eine hohe Bedeutung zu, lassen die Ortsnamen doch häufig Rückschlüsse auf Alter, Beschaffenheit und Grenzen bestimmter Siedlungen zu. An dieser Stelle kommt die Ortsnamengeographie ins Spiel, welche sich mit der geographischen Verteilung der Ortsnamen in einem bestimmten Gebiet beschäftigt.

Der Titel der vorliegenden Arbeit lautet Die geographische Verteilung der deutschen Ortsnamen. Sie ist also sehr stark mit dem Forschungszweig der Ortsnamengeographie verknüpft.

Zentrale Fragestellung soll es sein, herauszufinden, welche Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge aber auch Besonderheiten bei der Verteilung der Ortsnamen in Deutschland festzustellen sind. Dazu sollen die prominentesten Grundwörter und Endungen der deutschen Ortsnamenlandschaft hauptsächlich hinsichtlich ihrer Verteilung und geographischen Verbreitung, aber auch soweit nötig und möglich ihrer sprachlichen Form untersucht werden.

Voraussetzung dafür ist die Charakterisierung der vier deutschen Namenlandschaften[3] oder Großräume[4], welche der Betrachtung der einzelnen Grundwörter und Endungen vorangestellt werden soll. Den Einstieg bietet eine Darstellung der Forschungsdisziplin Ortsnamengeographie, bezüglich ihrer Einbettung in die Sprachwissenschaft bzw. Ortsnamenforschung. Dabei soll auch die Historie des Forschungsgebietes umrissen werden. Dies erfolgt einhergehend mit der Klärung von terminologischen Feinheiten.

2. Die Ortsnamengeographie als Forschungsdisziplin

Das Gebiet der Ortsnamengeographie ist tief in die Sprachwissenschaft eingebettet. Der linguistische Forschungszweig, welcher sich mit der Untersuchung sprachlicher Phänomene bezüglich ihrem Auftreten in einem bestimmten Gebiet beschäftigt, heißt Sprachgeographie oder Areallinguistik. Diese ist laut Brendler & Brendler „eine sprachwissenschaftliche Teildisziplin, die sich […] mit der Untersuchung sprachlicher Phänomene unter dem Aspekt ihrer räumlichen Verbreitung beschäftigt.“[5] Wiederum eine Untergruppe dessen ist die Namengeographie oder Arealonomastik, welche insbesondere „(…) onymische Phänomene unter dem Aspekt ihrer räumlichen Verbreitung (…)“[6] untersucht. Erneut unterscheidet man zwischen der Personennamengeographie, welche für die vorliegende Arbeit keine Relevanz hat und der Ortsnamengeographie. Letztere ist jene Disziplin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat bestimmte Ortsnamen hinsichtlich ihrem Auftreten in einem zuvor definierten Gebiet zu beschreiben. An dieser Stelle muss eine genauere Bestimmung des Begriffs ‚Ortsname‘ erfolgen.

„Als ‚Ortsnamen‘ im weiteren Sinne oder ‚Toponyme‘ werden Namen für geomorphologische Topoi (=Örtlichkeiten) wie Landschaften, Gebirge, Inseln, Gewässer und Namen für geopolitische Topoi wie Länder und Staaten, Siedlung (= Ortschaften, Dörfer und Städte), Straßen und Gebäude bezeichnet.“ Man unterscheidet außerdem Makrotoponyme (zum Beispiel Meeres- und Flussnamen oder Gewässernamen und Siedlungsnamen oder Ortsnamen im engeren Sinne) und Mikrotoponyme (zum Beispiel Flur- und Gemarkungsnamen, Straßennamen, Gebäudenamen).[7]

Die weite Fächerung des Terminus ‚Ortsname‘ ist deutlich erkennbar, im Fokus dieser Arbeit stehen jedoch die Siedlungsnamen.

Die Flur- und Ortsnamenforschung wird im Rahmen der Namengeographie seit den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts mit besonderem Eifer verfolgt, obgleich der Ruf nach einer auf geographischen Daten basierender Auswertung des deutschen Namenschatzes schon weitaus früher laut wurde. So verdeutlichte Selig Cassel, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Schriftsteller auf verschiedenen Gebieten wie Theologie, Geschichte oder Geographie, tätig war bereits 1854 in „Ueber Thüringische Ortsnamen“:

Es wäre in der That nicht ohne Interesse, von Deutschland eine Karte zu zeichnen, die statt politisch, statt oro- oder hydrographisch zu sein, die Ortsnamenendungen als Maasstab nähme; man würde aus ihr natürlich finden, dass man in dieser Buntheit eine Regel, ein Gesetz und sogar historische Gründe zu erkennen versuche.[8]

Überlegungen zu Namen im weitesten Sinne können bereits in der Antike nachgewiesen werden. In Namenkunde des Deutschen skizziert Gerhard Bauer die diesbezügliche forschungsgeschichtliche Entwicklung bis hin zur modernen Theorie des Namens.[9]

Für die deutsche Namenkunde ist die Forschungsleistung des Germanisten Adolf Bach von herausragender Bedeutung. Er konnte „[…] in mehreren Arbeiten Anwendungsmöglichkeiten und Nutzen der namengeographischen Methode demonstrieren.“[10] Sein Hauptwerk zur Erforschung des Namens ist die erstmals 1943 erschienene Monographie mit dem Titel Deutsche Namenkunde, welche in der Folgezeit bis 1956 sukzessive erweitert wurde und schließlich aus 2 Bänden bestand, die sich wiederum in je 2 Teile gliedern. Während sich Band 1 mit den deutschen Personennamen beschäftigt, charakterisiert Band 2 die deutschen Ortsnamen, jeweils in Hinsicht auf Fragen der Laut- und Formenlehre, Wortbildung, und –bedeutung, sowie ihrer Geschichte, Geographie, Soziologie und Psychologie.[11]

Während Bach eine Betrachtung zahlreicher den Namen betreffenden Themen liefert, widmeten sich Autoren wie Werner Zühlsdorff, Hans Ramge und Günter Müller vor allem der Betrachtung deutscher Flurnamen. So erschien 1970-1972 der Flurnamenatlas des südlichen Südwestmecklenburg (Zühlsdorff), 1987 der Hessische Flurnamenatlas (Ramge) und seit 2000 der Westfälische Flurnamenatlas (Müller).[12]

Die Erforschung der Siedlungsnamen bezüglich ihrer räumlichen Verbreitung befindet sich laut Brendler&Brendler auf dem folgenden Stand:

Was die Siedlungsnamengeographie betrifft, so sind neben den zahlreichen verstreut liegenden Karten und den nicht als Atlas geplanten, aber dennoch sehr viele Namentypen kartographisch darstellenden Namenkundlichen Studien zum Germanenproblem von JÜRGEN UDOLPH (Berlind 1994) vor allem die Arbeiten der Slawisten aus dem deutschsprachigen Raum im Rahmen des internationalen Projekts „Slawischer Onomastischer Atlas“ (=SOA) hervorzuheben.[13]

Im Kontext dieses Projektes entstanden zahlreiche Monographien, welche auch für den deutschen Sprachraum Aufschluss bezüglich der Siedlungsnamengeographie geben können. Natürlich beschränkt auf Gebiete, in denen sich slawische Siedlungsbewegungen nachweisen lassen, wie beispielsweise deren Ausbreitung bis an die Elbe und Saale im 7. Jahrhundert.

Ende der siebziger Jahre behauptet Hugo Steger:

Gleichzeitig freilich ist nicht zu übersehen, daß die Namenforschung sich aufs Ganze gesehene seit ca. 1970 methodisch und theoretisch desintegriert und gleichzeitig quantitativ erhebliche Einbußen zugunsten anderer Forschungsrichtungen innerhalb der Sprachwissenschaft erleidet.[14]

Die oben bereits erwähnten ehrgeizigen Projekte verschiedener Slawisten, neuere Arbeiten, wie sie das Autorenpaar Silvio und Andrea Brendler[15] in rascher Folge veröffentlichten oder auch die Fortführung des von Ernst Förstemann erstmals 1856 veröffentlichte Altdeutsche Namenbuch, durch das Institut für Österreichische Dialekt und Namenlexika (DINAMLEX), beweisen jedoch, dass die Ortsnamenforschung und damit einhergehend das für die vorliegende Arbeit besonders wichtige Gebiet der Ortsnamengeographie heute ein zentraler Bestandteil der deutschen Sprachwissenschaft ist. Letztlich profitiert besonders die Namengeographie von den Möglichkeiten aktueller Technik. So erfolgt beispielsweise die Namenkartographie, welche ein wichtiges Forschungsinstrument darstellt, zu großen Teilen rechnergestützt.

3. Skizzierung der deutschen Namenlandschaften

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte Adolf Bach herausfinden, dass sich bestimmte Siedlungsnamentypen an einigen Stellen des deutschen Sprachraumes konzentriert auffinden lassen, an anderen wiederum völlig fehlen. Es gelang ihm mit Hilfe der statistischen Auswertung bestimmter Karten im Maßstab 1: 100000 verschiedene Namenräume gegeneinander abzugrenzen. Auch Gerhard Bauer resümiert Bachs Arbeit:

Der Befund ist eindeutig: zumindest im Bereich der Siedlungsnamengebung läßt sich erkennen, daß die Namengebung regional verschieden verlaufen ist und bestimmte Gebiete sich durch je besondere Arten der Namengebung als eigenständige Namenräume auszeichen.[16]

Es lassen sich insgesamt vier Namenräume unterscheiden. Dabei handelt es sich um:

1. Das altgermanische Gebiet zwischen Elbe und Weser mit Nachbarland-

schaften, welches sich weiterhin in den vorwiegend sächsischen Norden und den hessisch. thüringischen Süden sowie dessen nähere Nachbarschaft unterteilt (Germania germanicissima).

2. Der fränkische Westen, welcher erst nach Beendigung der römischen Herrschaft vollständig in die Hände der Germanen gelangte.

3. Die von Franken, Alemannen und Bayern besiedelten Gebiete im Süden Deutschlands (Germania Romania).

4. Die Kolonialgebiete östlich der Elb-Saale-Linie (Germania slavica).[17]

Der vorwiegend sächsischen Norden des altgermanischen Gebietes zwischen Elbe und Weser (Gebiet 1) weist besonders häufig vorgermanische, vermutlich keltische Namen auf. Jene mit lateinischer Herkunft finden sich nur sehr selten und vereinzelt. Typisch für diesen Raum sind die Namenbildungen der Nordseeküstenländer, welche besonders häufig auf Dental auslauten. Charakteristisch für den Südraum sind die Bildungstypen auf -ing-, welche bis in die Rodezeit (7.; 8. Jahrhundert) entstanden. Der Süden von Gebiet 1 weist besonders häufig vorgermanische Bildungen aber im Gegensatz zum Norden auch vermehrt römische Spuren auf.

Der fränkische Westen zeichnet sich besonders durch die Häufigkeit fremden Namengutes aus. So finden sich vorgermanische, keltische, römisch-lateinische und galloromanische Ortsnamen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Sachverhalt im Moselland und dessen näherer Umgebung (Moseltal und Seitentäler). Dort treten germanische Bildungen sehr selten in Erscheinung.

[...]


[1] Probleme der Namenforschung im deutschsprachigen Raum. Hrsg. von Hugo Steger. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1977 (= Wege der Forschung CCCLXXXIII). S. VII.

[2] Ortsnamen und Siedlungsgeschichte. Hrsg. von Peter Ernst, Isolde Hausner, Elisabeth Schuster, Peter Wiesinger. Heidelberg: Universitätsverlag 2002 (=Akten des Symposiums in Wien vom 28.-30. September 2000). S. 171-172.

[3] Vgl. Bach, Adolf: Die deutschen Ortsnamen. Die Deutschen Ortsnamen in geschichtlicher,

geographischer, soziologischer, und psychologischer Betrachtung. Bd.II,2. 2. Auflage. Heidelberg:

Winter 1981. S. 270.

[4] Vgl. Bauer, Gerhard: Namenkunde des Deutschen. Bern, Frankfurt am Main und New York: Peter Lang 1985. S. 183.

[5] Brendler& Brendler: Namenarten und ihre Erforschung. Ein Lehrbuch für das Studium der Onomastik. Hamburg: Baar 2004. S. 185.

[6] Ebd. S. 185.

[7] Ebd. S. 189.

[8] Vgl. Brendler& Brendler 2004: 190.

[9] Vgl. Bauer 1985: 15-48.

[10] Brendler& Brendler 2004: 191.

[11] Vgl. Bach 1981: Band 1 und 2.

[12] Vgl. Brendler& Brendler 2004: 191.

[13] Brendler&Brendler 2004: S. 191.

[14] Steger 1977: Vorbemerkungen.

[15] Vgl. Brendler& Brendler: Namenforschung morgen. Ideen, Perspektiven, Visionen. Hamburg: Baar 2005. Oder Brendler: Nomematik. Identitätstheoretische Grundlagen der Namenforschung (insbesondere der Namengeschichte, Namenlexikographie, Namengeographie, Namenstatistik und Namenstheorie). Hamburg: Baar 2008.

[16] Vgl. Bauer 1985: 182.

[17] Vgl. Bach II, 2 1981: 270.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die geographische Verteilung der deutschen Ortsnamen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
HS Die Deutschen Ortsnamen
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V139746
ISBN (eBook)
9783640470570
ISBN (Buch)
9783640470693
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Darstellung der Ortsnamengeographie als Forschungsgebite, Skizzierung der deutschen Namenlandschaften (4 Großräume), geographische Verteilung typischer Grundwörter und Endungen (ing, rod, leben, dorf, heim) Deutung der Ergebnisse in Thesenform.
Schlagworte
Verteilung, Ortsnamen
Arbeit zitieren
Silvio Holland-Moritz (Autor), 2008, Die geographische Verteilung der deutschen Ortsnamen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139746

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