Der englische Bauernaufstand von 1381 und die Hanse


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der englische Bauernaufstand von 1381 und die Hanse
2.1. Pest, Krieg und Kopfsteuern - England im 14. Jahrhundert
2.2. Aufruhr, Blut und Forderungen - Verlauf des Aufstandes
2.2.1. Flämische Weber und der Fremdenhass
2.2.2. Die Hansen während des Aufstandes
2.3. Entmutigung und leere Versprechen - Ausgang und Folgen des Aufstandes

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Knechte seid ihr, und Knechte werdet ihr auch bleiben.“[1]

(Richard II., König von England 1377-1399)

Richard II., der gerade einmal 14 jährige König von England, soll diesen Satz 1381 den Bauern entgegengebracht haben, die ihn nach dem Bauernaufstand vom Sommer desselben Jahres an sein Versprechen erinnerten, die Leibeigenschaft abzuschaffen und ihre Forderungen zu erfüllen.[2] Wie es soweit kommen konnte, dass der König, der nach den heftigen und blutigen Übergriffen durch die „Bauern“ an seinen Regierungsbeamten auch selbst zur Zielscheibe der Rebellen wurde, sich in einer Position befand, die ihm „erlaubte“, solche Äußerungen zu machen, soll in dieser Arbeit beschrieben werden. Im 14. und 15. Jahrhundert geschahen in England schreckliche Szenarien, die der Nachwelt noch lange traumatisch in Erinnerung bleiben sollten: Kriege, die scheinbar nie enden wollten, die Pest, Massensterben, Thronkämpfe wegen „unmündiger Monarchen und wechselnder Regenten“.[3] In dieser Zeit, in der die Bevölkerungszahlen aufgrund unheilbarer Seuchen radikal abnahmen, wurden das System und die Ordnung ebenso stark in Mitleidenschaft gezogen. Immense soziale, wirtschaftliche, emotionale und mentale Veränderungen erfuhr England im Spätmittelalter. Vor diesen und noch weiteren, v. a. politischen Hintergründen kam es im Jahre 1381 zum englischen Bauernaufstand, oder auch „peasants’ revolt“ genannt. Wie es dazu kam, wie er ablief und was der Aufstand für Folgen hatte, soll in dieser Arbeit grob umrissen werden. Weiterhin soll die Rolle der ausländischen Handwerker und Kaufleute, insbesondere der flämischen Weber und der Hansen in einen Zusammenhang mit dem Aufstand gebracht werden. Inwiefern die Quellenlage dazu Rückschlüsse zulässt, wird ebenso beleuchtet.

Eine besonders wichtige Quelle wird in dem Zusammenhang angeführt, und zwar handelt es sich um einen Brief vom 17. Juni 1381. Der Verfasser ist der „Aldermannus“ der Hansen, der an den Hochmeister des deutschen Ordens schreibt und von der Lage der Hansen und dem Aufstand berichtet. Diese Quelle soll hinsichtlich offener Fragen und Erkenntnisse überprüft werden. Sie ist aus einer Arbeit von H. EIDEN entnommen[4], die sich sehr intensiv mit Forschungsdebatten und Quellenkritik rundum den Bauernaufstand in England beschäftigt.

2. Der englische Bauernaufstand von 1381 und die Hanse

2.1. Pest, Krieg und Kopfsteuern - England im 14. Jahrhundert

Der englische Bauernaufstand von 1381 lässt sich nur im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen, demographischen und sozialen Situation Englands im 14. Jh. nachvollziehen. Es gibt eine Vielzahl potentieller, eng miteinander verknüpfter Ursachen für den Aufstand, die schon in vielen Jahrzehnten vor dem eigentlichen Ausbruch begründet sind. So muss vorangestellt werden, dass in England wie auch in vielen anderen Ländern Europas tiefgreifende Wandlungen in der Folge der Pestepidemie und dem dadurch bedingten rapiden Bevölkerungsrückgang stattgefunden haben. Speziell in England waren im 14. Jh. massive Einschnitte in der Bevölkerungsentwicklung mit den Epidemien um 1348 und 1361/62 zu beobachten.[5] Aber auch im 15. Jh. sollte immer wieder die Pest die Insel erreichen.[6] Zwischen 1348 und den 1370er Jahren starb knapp die Hälfte der Bevölkerung Englands am Schwarzen Tod, innerhalb einer Generation von ungefähr sechs auf drei Millionen Menschen.[7] Europa war schlicht und ergreifend machtlos gegen diese unheilbare Beulen- und Lungenpest, die u. a. durch infizierte, mit Flöhen bedeckte Nagetiere und Leichen übertragen wurde.

In der Forschung herrschte lange Uneinigkeit darüber, inwiefern und ob tatsächlich die Pest allein für den dramatischen Bevölkerungseinschnitt und somit auch für den sozialwirtschaftlichen Wandel verantwortlich war. Mittlerweile ist man übereingekommen, dass die Pest zwar zweifellos einen vorangegangenen Negativtrend verstärkt hätte und Mitverursacher gewesen wäre, jedoch die Seuche nicht allein als Grund für diese Bevölkerungsentwicklung heranzuziehen sei.[8] Die Ursachen, die mit „Negativtrend“ gemeint sind, seien Hungersnöte (1313-1317), schlechte körperliche Konstitutionen und Lebensbedingungen der Bevölkerung,[9] die den Nährboden für die Ausbreitung der Pest und einen solch drastischen Bevölkerungsrückgang boten. Diese Katastrophe wirkte sich auf das Sozial- und Wirtschaftsgefüge, Mentalität und Emotionalität aus. Die Krankheit löste einen derartigen Schrecken auf die Menschen aus, dass der familiäre Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe stark eingeschränkt wurden.[10] Das Sterben vieler Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, unterschiedlichen Alters, Religion und Geschlechts zerstörte die gesamte wirtschaftliche Ordnung. Es ergab sich eine „Umkehrung des Trends, der die drei vorangegangenen Jahrhunderte gekennzeichnet hatte: die Löhne stiegen, weil es an Arbeitskräften mangelte, und die Preise für Lebensmittel fielen, weil es an Konsumenten mangelte.“[11] Dies traf vor allem Grundherrschaften, wobei Landarbeiter, Städter und kleine Bauern, die überlebt hatten, erheblichen Nutzen daraus zogen.[12] Die Grundlage der Feudalsystems, nämlich der Landbesitz und die Kontrolle über das Land, wurde mit der Zeit zweitrangig, viel wichtiger war nun die menschliche Arbeitskraft.[13]

Viele Grundherren reagierten auf die neue Situation unterschiedlich. Einige betrieben Schafzucht anstatt lohnintensiven Ackerbau, da man dafür nur wenige Arbeitskräfte brauchte oder ließen wirtschaftlich unrentables Land einfach ungenutzt. Dies konnte das Preis-Lohn-Verhältnis zwar für kurze Zeit zugunsten der Grundherren beeinflussen, jedoch waren die Konsequenzen für England kontraproduktiv.[14] Die eigentlichen Gewinner dieses neuen Trends waren letztendlich die Hansen und die flandrischen und auch andere ausländische Kaufleute, da die Wollproduktion und das Tuchgewerbe zwar einen Aufschwung erfuhr, das weiterverarbeitende Gewerbe in Europa jedoch erheblichen Nutzen daraus zog, „während England seine relativ erfolgreiche Subsistenzwirtschaft zugunsten von Agrarproduktimporten aufgab.“[15] Den Hansen und anderen Kaufleuten erschlossen sich neue Gelder, da England nun gewerbliche Gebrauchsgüter, Luxuswaren und exquisite Lebensmittel teuer importieren musste und hingegen allein Rohstoffe und Halbfabrikate (Wolle, Tuche, Zinn, Blei) exportierte.[16] Eine weitere Folge war, dass Städte und das Bürgertum die Situation ausnutzten und ihre Gelder beim König so einbrachten um politischen Einfluss, verstärkte Selbstverwaltung und Privilegien durchzusetzen.[17]

Auch die Krone bangte um ihre Macht. So kam es, dass andere Grundherren gemeinsam mit dem Adel und der Krone mit verschiedenen Preis-, Lohn- und Arbeitsgesetzen das alte System bewahren wollten.[18] 1351 entstand vor diesem Hintergrund das berüchtigte „Statute of Labourers“, welches u. a. Löhne und Preise einfrieren und die Mobilität der Bauern hemmen sollte.[19] Es liegt auf der Hand, dass dies zu großer Missstimmung in der ländlichen Unterschicht führte.

Der Bevölkerungsrückgang und eine veränderte Lebenseinstellung bewirkte außerdem massive Nachteile im englischen Militärwesen, sodass sich der König veranlasst sah, seine militärische Kraft um 1350 durch Gesetze zu sichern.[20] Dies führte zu weiterer Erbitterung im Volk, welche durch eine Rechtssprechung, die den Bauern keine Chance gab, sich gegen die Lords durchzusetzen, verstärkt wurde.[21]

England befand sich im Krieg gegen Frankreich (im Rahmen des Hundertjährigen Krieges), welcher nicht nur durch erhebliche Ausgaben, sondern auch durch Misserfolg gekennzeichnet war. Um diese Kriegskosten auszugleichen, wurden so genannte „Poll Taxes“, also Kopfsteuern erhoben, welche die unteren Bevölkerungsschichten bezahlen sollten und die rücksichtslos eingetrieben wurden.[22] Ab 1380 verschärfte sich der Hass gegen die Obrigkeit zunehmend, der sich v. a. gegen die Autorität von Hochadel, Klerus, gegen Juristen um Johann von Gent und Simon Sudbury (Kanzler und Erzbischof von Canterbury), die den jungen König Richard II. umgaben, richtete.[23]

2.2. Aufruhr, Blut und Forderungen - Verlauf des Aufstandes

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der den rumorenden Hass in einen öffentlichen Aufstand gipfeln ließ, war der Beschluss des Parlaments im Jahr 1381, eine erneute „Poll tax“ auszuschreiben und von den Unterschichten Englands ohne Rücksicht einzufordern.[24] Im Juni 1381 brach in Essex und Kent der Aufstand aus und verbreitete sich binnen kurzer Zeit über weite Teile des Landes. Die Bezeichnung „Bauernaufstand“ suggeriert jedoch ein verzerrtes Bild. Nicht nur dörfliche Unterschichten, Landarbeiter, Tagelöhner oder Knechte, auch besser situierte Bauern, die auch öffentliche Funktionen in Dorfverwaltungen ausübten, schlossen sich der Bewegung an.[25] Auch in Frankreich kam es zu Ausschreitungen der „Jacquerie“, sie werden in der Forschung als noch blutiger und exzessiver bezeichnet, obgleich in England viele königliche Richter und Grundherren misshandelt und ermordet wurden.[26] Die englischen Aufständischen brannten ganze Herrenhöfe nieder und vernichteten grundherrliche Urkunden und Abgabenlisten.

Ein Kleriker namens John Ball wurde aus dem Gefängnis befreit. Er war der „geistige Kopf der Bewegung[27] und sprach die Forderungen der Massen in einer radikalen Form aus. In einer berühmten Rede stellte der Kleriker die später nahezu sprichwörtlich gewordene Frage: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“[28] Ein entlassener Soldat namens Wat Tyler übernahm die militärische Führung der Widerständler aus Kent. Er drang mit den Rebellen in Canterbury ein, plünderte den erzbischöflichen Palast und wandte sich von dort aus weiter nach London. Parallel dazu drangen die Massen aus Essex über Colchester und Waltham in London ein.[29]

Der König Richard II. und sein Gefolge (u. a. Simon Sudbury und der verhasste Prior Robert Hales) flohen in den Tower von London, wo sie von den Rebellen umzingelt waren und nebenbei einen erschreckenden Ausblick auf die brennenden Ruinen des Savoy im Westen und der Clerkenwell Priory im Nordwesten hatten.[30] Laut EIDEN könne über das, was sich im Tower abgespielt hatte nur spekuliert werden, da die Chronisten sich widersprechen, wenn sie überhaupt davon berichten. Auch bestehe Unklarheit über Entscheidungsstrukturen der Regierung, wer eine harte Linie fuhr oder wer den Rebellen nachgeben wollte.[31] Unterdessen wurden die Widerständler mithilfe sympathisierender Handwerker und Lohnarbeiter in die Stadt gelassen.[32] Dort jagten sie die verhassten „Verräter“ und Ratgeber des Königs, brannten ihre Häuser nieder, öffneten Gefängnisse und ließen die Gefangenen frei, ermordeten einige Juristen und Bedienstete.[33] Nach Angaben der Anonimalle Chronicle sei es von einem Turm des Towers aus zu einem Gespräch des Königs mit den Rebellen gekommen.[34] Richard II. zeigte sich unter dem Druck der Aufständischen bereit, ihre Forderungen zu prüfen und ließ ein Schriftstück aufsetzen, das ihnen Straferlass versprach. Weiterhin forderte er sie auf, nach Hause zu gehen und ihre Anklagen schriftlich einzureichen. Es lässt sich wohl erahnen, dass die Rebellen damit nicht zufrieden waren und sie forderten weiterhin die Köpfe aller Rechtsgelehrten und Kanzleibeamten.[35]

[...]


[1] Krieger, Karl-Friedrich: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert, München 1990, S. 199.

[2] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 199.

[3] Schnurmann, Claudia: Vom Inselreich zur Weltmacht: die Entwicklung des englischen Weltreichs bis ins 20. Jahrhundert, Stuttgart/Berlin/Köln 2001, S. 40.

[4] Eiden, Herbert: „In der Knechtschaft werdet ihr verharren …“: Ursachen und Verlauf des englischen Bauernaufstandes von 1381 (Trierer Historische Forschungen, Bd. 32), Trier 1995, S. 247/248.

[5] Maurer, Michael: Kleine Geschichte Englands, Stuttgart 1997, S. 55.

[6] Maurer, M.: Kleine Geschichte, S. 55.

[7] Schnurmann, C.: Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 41.

[8] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 42.

[9] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 42.

[10] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 41.

[11] Maurer, M.: Kleine Geschichte, S. 55.

[12] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 42.

[13] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 41/42.

[14] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 42.

[15] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 42/43.

[16] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 43.

[17] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 43.

[18] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 42.

[19] Maurer, M.: Kleine Geschichte, S. 56.

[20] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 43.

[21] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[22] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[23] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[24] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[25] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 44.

[26] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[27] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[28] Schnurmann, C.:, Vom Inselreich zur Weltmacht, S. 44.

[29] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 197.

[30] Eiden, H.: „In der Knechtschaft…“, S. 240.

[31] Eiden, H.: „In der Knechtschaft…“, S. 240.

[32] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 198.

[33] Krieger, K.-F.: Geschichte Englands, S. 198.

[34] Eiden, H.: „In der Knechtschaft…“, S. 240.

[35] Eiden, H.: „In der Knechtschaft…“, S. 240.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der englische Bauernaufstand von 1381 und die Hanse
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: England und die Hanse
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V139773
ISBN (eBook)
9783640499328
ISBN (Buch)
9783640499373
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bauernaufstand, Hanse
Arbeit zitieren
Erik Kurzke (Autor), 2009, Der englische Bauernaufstand von 1381 und die Hanse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139773

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