Das Sprachbewusstsein Kurt Tucholskys


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
25 Seiten, Note: 2,2

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Sprachgeschichte
2.1 Problembereiche einer Sprachgeschichte
2.2 Gegenstand der Sprachgeschichte des Deutschen

3 Sprachbewusstsein und Sprachbewusstseinsgeschichte
3.1 Stufen des Sprachbewusstseins nach dem Grad der Explizitheit des sprachlichen Wissens (nach Eva Neuland)
3.2 Sprachbewusstsein und Wissenssoziologie
3.3 Sprachgeschichtsschreibung und Sprachbewusstseinsgeschichte

4 Das Sprachbewusstsein Kurt Tucholskys
4.1 Kurzer biografischer Abriss
4.2 Neudeutsch
4.3 Der neudeutsche Stil
4.4 Man sollte mal

5 Schlussbemerkungen und Fazit

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Zuge der Industrialisierung in Deutschland und den damit verbundenen Neuerungen auf zahlreichen Gebieten wie Wissenschaft, Technik und Bildung, kam es auch zur Ausbildung einer „Gemein- oder Standardsprache“[1] durch die Festlegung einheitlicher Normen sowie Regeln, beispielsweise in Orthographie und Wortgebrauch durch das „Orthographische Wörterbuch“ von Konrad Duden (1880) oder die „Deutsche Bühnenaussprache“ von Theodor Siebs (1898).[2] Für Peter von Polenz ist für die Sprachgeschichte, die im Folgenden noch näher erläutert wird, der Zeitraum vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart vor allem deshalb wichtig und in einem Zusammenhang zu betrachten, weil wesentliche Prozesse des Wandels der Sprache ebenso wie „sprach(en)politische und sprachkritische Probleme des 20. Jahrhunderts[3] “ bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Große geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen beziehen immer auch die Sprache mit ein. Kein Wandel geschieht gänzlich ohne Auswirkungen. Veränderungen in der Sprache, im Sprachgebrauch der Menschen werden gleichzeitig immer bemerkt und dokumentiert. Einer, der die Benutzung der Sprache sowohl schriftsprach- als auch sprechsprachlich beobachtet und dokumentiert hat, ist der Schriftsteller und Satiriker Kurt Tucholsky (1890-1935). In dieser Arbeit soll gezeigt werden, welches Bewusstsein Tucholsky für die Sprache seiner Zeit hatte, wie er sie kritisierte, ob er Anregungen für Veränderungen gegeben hat und was sein Ideal von Sprache war. Damit befindet sich diese Arbeit unmittelbar im Feld der Sprachbewusstseinsgeschichte. Doch bevor einzelne Sprachglossen des berühmten Kritikers der Weimarer Republik analysiert und aus ihr Erkenntnisse Tucholskys über die Sprache formuliert werden, sollen die Begriffe und Gegenstände von Sprachgeschichte und Sprachbewusstsein näher beleuchtet und geklärt werden.

2 Sprachgeschichte

2.1 Problembereiche einer Sprachgeschichte

Schlägt man im Lexikon der Sprachwissenschaft[4] den Begriff „Sprachgeschichte“ nach, so erhält man folgende knappe Erklärung:

[…] „Gesamtheit aller sprachlichen Veränderungen in der Zeit. Dabei kann unterschieden werden zwischen sprachintern (sprachstrukturell, systemabhängig) motivierten Veränderungen und sprachextern motivierten Veränderungen.“ […][5]

Im Folgenden soll näher auf den Gegenstand Sprachgeschichte eingegangen werden und Erläuterungen mit Zuhilfenahme des Textes von Klaus J. Mattheier „Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven[6] getroffen werden. Speziell im Gegenstandsbereich der deutschen Sprachgeschichte gäbe es eine „ungeheure Ausweitung […] durch verstärkte soziokommunikative und soziopragmatische Einbettung in die soziale Gemeinschaft der Sprecher“.[7] Diese dadurch eröffneten neuen Themenfelder sind unter anderem die historische Semantik, Entwicklung von Stilistik und Rhetorik sowie eine Erforschung von speziell historischen Sprechakten.[8] In allen Bereichen wurden jedoch bis dato lediglich punktuelle Untersuchungen und auf Theorien und Methoden basierende Entwürfe[9] durchgeführt. Mattheier thematisiert, dass es einen Zwiespalt in der Beschäftigung mit der Sprachgeschichte gäbe. Nämlich einerseits die Klage über die Problematik der deutschen Sprachgeschichtsschreibung, die er damit begründet, dass es eine „Lückenhaftigkeit“[10] im „Gegenstandsspektrum“[11] der Sprachgeschichte gebe und auch die nötigen methodologischen Konzepte fehlten, andererseits von einem wahren „Sprachgeschichteboom“[12] gesprochen werden könne. Somit formuliert Mattheier, was der deutschen Sprachgeschichtsschreibung im Wesentlichen fehlt und dies sei ein „organisierendes Zentrum[13]. Deshalb fordert Mattheier ein „einheitliches theoretisch-methodisches Konzept, in dem all die oben angesprochenen Themenbereiche in ihrer Beziehung zueinander beschrieben und erklärt werden können“.[14]

Nachdem Mattheier die Grundlage für die deutsche Sprachgeschichte in einer Theorie des Sprachwandels, ausgelöst durch die Veränderungen im Handeln der Gesellschaft, ansiedelt, formuliert er sechs Teilprobleme der deutschen Sprachgeschichtsforschung, die in dieser Arbeit ebenfalls kurz erwähnt werden sollen.

Er beginnt mit der Feststellung, dass die genormte Standardsprache, die seit 1800 zumindest teilweise erreicht wurde, meist einen natürlichen Schlusspunkt für alle sprachhistorischen Entwicklungen darstellt.[15] Es müsste jedoch wenigstens der gesamte Wandlungsprozess in der Sprache der deutschen Sprachgemeinschaft erfasst werden[16], so die Forderung bzw. der Lösungsansatz von Mattheier. Ergänzend zu dieser Problematik ziehen Mattheier und Peter von Polenz´ verschiedene Bedeutungen von „geschichtlich“ im „Handbuch Sprachgeschichte“ heran. Zwei dieser Bedeutungen würden demnach das Problem erfassen. Erstens ist „geschichtlich“ bedeutsam für den weiteren Verlauf der Entwicklung des heutigen Zustandes, zweitens für die momentan gesellschaftlich Handelnden bzw. Betroffenen.[17] Die Historizität würde hierbei finalistisch bestimmt werden, also auf das Ziel bezogen.

Die nach dem 18. Jahrhundert aufgekommene Inhaltsarmut von sprachgeschichtlichen Darstellungen[18] nennt Mattheier ein zweites Teilproblem der deutschen Sprachgeschichtsforschung.

Ein drittes theoretisches Problem sieht er in der Vernachlässigung der Sprechsprache im Vergleich zur Schriftsprache, die lange Zeit dazu verwendet wurde, Aussagen über „die Sprache“[19] allgemein (die Sprechsprache einbeziehend) zu treffen, wobei nach Mattheier viele Texte oft unreflektiert verwendet wurden.

In der Beschränkung der Sprachgeschichtsschreibung auf die vorrangig nationale Perspektive[20] sieht er das vierte Teilproblem. Eine Behebung des Problems und damit eine internationale Sprachgeschichte könne allerdings nur geschehen, wenn die Ausweitung des Gegenstandbereichs auf zwei Ebenen erfolge. Auf der einen Seite sollte die Sprachgeschichte der Nachbarvölker und die damit verbundenen linguistischen und soziolinguistischen Verflechtungen[21] in den Mittelpunkt sprachgeschichtlicher Betrachtungen gerückt werden. Bei dieser Ebene, so betont Mattheier, solle an die „direkten Wechselwirkungen von ausgebildeten Kultursprachen, also etwa zwischen dem Deutschen und dem Französischen“[…][22] gedacht werden. Die hier konstruierte Ebene wäre dann Sprachkontaktgeschichte, die die Geschichte der Ausbildung von Sprachgrenzen zwischen den Bereichen einschließe.[23] Auf der anderen Seite sollte eine vergleichende Analyse die sprachhistorischen Entwicklungen, die von mehreren bzw. allen europäischen Sprachgemeinschaften durchlaufen wurden, untersuchen.[24] Ein Beispiel dazu wäre der Übergang von der Oralität zur Skribalität, die jede Sprachgemeinschaft durchlaufen hat.

Die Frage nach dem „sprachwandeltheoretischen Hintergrund[25] der deutschen sowie anderer Sprachen ist eine weitere Problematik. Aus diesem Diskussionsansatz bildete sich schließlich ein Konzept heraus, das von einem äußeren und einem inneren Sprachwandel ausgeht. Das Wechselspiel zwischen eben diesen präge die Sprachgeschichte.[26] Das Konzept geht von folgenden Entitäten aus, nämlich einer „materiellen Seite der Sprachgeschichte“ (nach Hans Eggers) und einer „geistigen bzw. gesellschaftlich-kulturellen Seite der Sprache unter externen Bedingungen des konkreten Sprachgebrauchs“.[27] Beide lassen sich in ihrer Form der Beschäftigung unterscheiden. So versucht die strukturelle Sprachgeschichte, die den inneren Bereich einnimmt, mit dem „Vergleich von zeitlich gestaffelten Systemausschnitten den inneren Sprachwandel, die Veränderungen in den Strukturen eines Sprachsystems, herauszuarbeiten[28]. Die hier beschriebene Vorgehensweise käme also einer diachronen Betrachtung gleich. Das Beschäftigungsfeld der äußeren Sprachgeschichte liegt in der Auseinandersetzung mit verschiedenen „Beziehungen zwischen sprachlichen Entwicklungen in dem gesellschaftlichen Umfeld[29], in dem sie geschehen. Diese Betrachtungsweise ist mehr handlungsorientiert als die der strukturellen Sprachgeschichte, die lediglich das System „Sprache“ und die in ihm vollzogenen Veränderungen in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt. Die Lösung des augenscheinlichen Problems der Beziehung zwischen innerer und äußerer Sprachgeschichte löste 1966 Peter von Polenz. Der deutsche Sprachwissenschaftler unterschied zwei Typen diachroner Sprachbetrachtung. Bei dieser Unterscheidung stehen sich letztendlich die Sprachgeschichtsschreibung und eine Beschreibung „historischer Sprachzustände durch die historische Grammatik/ historische Wortforschung[30] gegenüber. Später formulierte von Polenz die strukturanalytisch-synchrone Beschreibung als Primat vor einer geschichtlichen Analyse, indem er die Forderung aufstellte, dass eine methodisch gesicherte Sprachgeschichte nur unter dem Gesichtspunkt einer vollständigen und exakten Beschreibung aller Systeme der einzelnen Epochen möglich sei.[31] Diese Ansicht führt allerdings zu dem Problem, dass Sprache allein als System gehandhabt wird und alle weiteren und zusätzlichen Bedingungen, die die Sprache unter dem Gesichtspunkt eines Gebildes von soziokultureller Gestalt und als Medium des gesellschaftlichen Handelns betrachten, in einen externen Bereich abgedrängt werden.[32]

Das sechste Teilproblem für Mattheier besteht in der Betrachtung der Sprachgeschichte als Teil einer Gesellschaftsgeschichte der betreffenden Sprachgemeinschaft.[33] Das führt zu dem nächsten Problem, nämlich „welche Beziehungen anzusetzen sind zwischen der Sozialgeschichte und der Sprachgeschichte einer Gemeinschaft und ob eine einfache Soziologisierung der Sprachgeschichte eine Lösung darstellt“.[34] Nun sei in den sprachhistorischen und sprachwandeltheoretischen Diskussionen die Forderung nach einer „Vermittlerinstanz“ laut geworden, die zwischen den gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen und der Sprache vermitteln könne.[35] Peter von Polenz glaubt eine solche Instanz in der Medien- und Bildungsgeschichte gefunden zu haben.

Allerdings gibt es momentan noch keine, allen Forderungen entsprechende Lösung des Problems von Sprache zur Gesellschaft in der Geschichte.[36]

Aus den genannten Teilproblemen fasst Mattheier eine Aufgabe zusammen, die in der Erarbeitung einer Sprachwandeltheorie besteht, die neue Fragestellungen an die Sprachgeschichte stellt und aus „der die in der deutschen Sprachgeschichte zu beobachtenden Veränderungsprozesse ihre theoretische Begründung erfahren“.[37]

Klaus J. Mattheier nennt desweiteren forschungsmethodische Probleme und Desiderate, die sich aus einer Ausweitung „des Gegenstandsbereichs sprachhistorischer Analyse[38] ergeben.

An erster Stelle nennt Mattheier die Dringlichkeit der Erarbeitung einer variationslinguistischen Beschreibungsmethode. Diese Methode müsste in der Lage sein, synchrone Systemstrukturen von vergangenen Epochen zu beschreiben und Veränderungen in den nächstfolgenden Systemen mithilfe des Vergleichs herauszuarbeiten.[39] An die zweite Stelle setzt Mattheier die Aufgabe, neue Textsorten und Quellentypen und alle metasprachlichen Informationen und Erkenntnisse einer „gesellschaftlichen Formation[40] systematisch zu erschließen. Den weiteren methodologischen Problembereich formuliert der deutsche Sprachwissenschaftler in der Trennung von „typisch schriftsprachigen und indirekt auf Sprechakte hindeutenden Sprachphänomenen in den schriftlichen Quellen der Vergangenheit“.[41]

2.2 Gegenstand der Sprachgeschichte des Deutschen

Mattheier formuliert 4 wesentliche Gegenstände der Sprachgeschichte.

Zum traditionell wichtigsten Gegenstand deklariert Mattheier den geschichtlichen Wandel und die Entwicklungen in der Sprache selbst, also die Sprachsystemgeschichte. Dabei reicht das Spektrum von den einzelnen Lauten bis hin in den Satzbereich.[42] Der zweite Gegenstand ist die Sprachbewusstseinsgeschichte, die sowohl jedes systematische und unsystematische Wissen über die Sprache beinhaltet, als auch von den unterschiedlichen Motivationen von Handlungen und Urteilen, die in einer Sprachgemeinschaft oder dessen Mitglied, verbreitet sind.[43] Dieses Sprachwissen schließt sämtliche Überlegungen über die Sprache, wie zum Beispiel relativ unreflektiertes alltägliches Wissen, genauso ein, wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Weil genau dieses Sprachwissen immer „Gegenstand von Veränderungsprozessen“[44] ist, sollte es mit in die Sprachgeschichte einbezogen werden.

Der dritte Gegenstand ist die Sprachkontaktgeschichte. Er beinhaltet den Grad des Kontaktes und die Auswirkungen von diesem auf eine oder mehrere Sprachgemeinschaften bzw. deren Sprachen. Eine Beschreibung in diesem Gegenstandsbereich könnte folgende Aufgaben haben: Einmal wäre der Fakt der Verdrängung der Kultursprache Latein durch die Herausbildung von Nationalsprachen zu nennen. Weiter müssten Untersuchungen zu den heutigen deutschen Sprachgrenzen und deren Entwicklung unternommen werden. Zuletzt dürfe die Geschichte von direkten und indirekten Kontakten „zwischen dem deutschen Sprachraum und der deutschen Sprache einerseits und den umgebenden Sprachgemeinschaften andererseits[45] nicht vernachlässigt werden. Die Sprachgebrauchsgeschichte bildet den vierten Gegenstand der Sprachgeschichte.

Daraus kann nun gefolgert werden, dass sich wie anfangs zitiert die Sprachgeschichte mit allen sprachlichen Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen befasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Sprachbewusstsein und Sprachbewusstseinsgeschichte

Für die folgenden Ausführungen zum Sprachbewusstsein und dessen Geschichte soll sich auf Joachim Scharloth gestützt werden, der in seinem Text „Sprachbewusstseinsgeschichte und Mentalitätsgeschichte[46] Ausführungen zum Sprachbewusstsein, dessen Formen und Inhalte macht. Zur Begriffsbestimmung des Sprachbewusstseins bemerkt Scharloth, dass er in den unterschiedlichen sprachwissenschaftlichen Disziplinen verschiedene Ausprägungen erhalten habe.[47] So lässt sich das Konzept des Sprachbewusstseins in die allgemeine Sprachwissenschaft sowie in die Soziolinguistik einordnen. Hans-Martin Gauger schreibt in „Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft[48]: […] „Das Bewusstsein von ihm (des Sprachbesitzes) […] macht den Sprachbesitz erst zu einem solchen“[…][49] Hier nennt Gauger die Untrennbarkeit beider Faktoren. Daraus folgt für Scharloth die logische Konsequenz, dass das bewusste Wahrnehmen des eigenen Sprachbesitzes als Voraussetzung angesehen werden muss dafür, dass es existent ist.[50] Daraus wird nun wiederum gefolgert, dass jeder Sprecher ein solches Sprachbewusstsein haben muss, was allerdings nicht die Intensität im Grad der Ausprägung dieses Bewusstseins beeinflusst. Gauger formulierte drei Formen eines Sprachbewusstseins:

[…] „das durchschnittliche, das literarische und das sprachwissenschaftliche Sprachbewusstsein. Die beiden ersteren gehören gegenüber dem letzteren zusammen, da sie beide >naiv<, das heißt nicht durch die spezifische Distanzhaltung wissenschaftlicher Reflexion und deren interessenlose Interessiertheit gekennzeichnet sind.“ […][51] Allerdings, betont Gauger, hätten alle drei Formen eine Differenzierung nötig, da sie uneinheitlich sind.[52] Die bisher genannten Formen des Sprachbewusstseins stellen die internen Formen dessen dar, neben denen allerdings noch ein externes[53] Sprachbewusstsein vorhanden ist. Dieses externe Sprachbewusstsein beinhaltet „die Einstellungen der Sprechenden zu ihrem Sprachbesitz als ganzem, zu der Tatsache, daß sie einer bestimmten Sprachgemeinschaft angehören“[54]. Dieses Bewusstsein kann allerdings auch fehlen, ohne dass ein Funktionieren der Sprache gefährdet wäre.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Was eine einheitliche Definition des Begriffes „Sprachbewusstsein“ angeht, so betont Scharloth die Vielzahl an Definitionsversuchen und die „semantische Ungenauigkeit[55] des Begriffes. So fasst Scharloth die Übereinstimmungen aus den verschiedenen Definitionen so zusammen: „das Konzept des Sprachbewusstseins umfasse alle Grade der Explizitheit des sprachlichen Wissens und der ihnen korrespondierenden Sprachhandlungsdispositionen.“[56]

3.1 Stufen des Sprachbewusstseins nach dem Grad der Explizitheit des sprachlichen Wissens (nach Eva Neuland)

In Anlehnung an Brigitte Schlieben-Lange unterschied Eva Neuland die unterschiedlichen Grade der Explizitheit in Form von Bildungsstufen des Sprachbewusstseins, dabei orientierte sie sich an die Theorie der Erkenntnisstufen von Gottfried Wilhelm Leibniz.[57]

Die erste Stufe, die Stufe des vorwissenschaftlichen metasprachlichen Begleitbewusstseins, definiert Neuland als Stufe, auf der sprachliche Größen auf der einen Seite zwar identifiziert werden, auf der anderen Seite in ihrer „spezifischen Beschaffenheit[58] allerdings nicht beschrieben werden können. In der zweiten Stufe sind die Erkenntnisse bereits sicher und begründet.[59] Diese Stufe gliedert Neuland wiederum in zwei weitere Stufen auf, von denen die eine mit „alltägliches Sprachbewusstsein“ betitelt wird, in der „Fehlurteile, Widersprüche und falsches Bewusstsein[60] nicht ausgeschlossen sind, die andere keinen festen Terminus zugeschrieben bekommen hat. Schlieben-Lange bezeichnet diese Stufe als wissenschaftliches Sprachbewusstsein[61], das sich aus dem wissenschaftlich metasprachlichen und reflexiven Wissen zusammensetzt.[62] Jenen drei Stufen ordnet Neuland drei Ebenen sprachlichen Wissens zu, nämlich die Ebene der „Unterscheidung von sprachlichen Einheiten“, die Ebene der „Kommunikation im Vollzug“ und die Ebene der „Konstitution von Identitäten“.[63]

Das gesamte Wissen über das System der Sprache umfasst die erste Ebene, während in der zweiten das pragmatische Wissen über die Verwendungsweisen bzw. die Variationen einer Sprache im Zentrum stehen. Der dritten Ebene, der „Konstitution von Identitäten“, liegt das „Wissen über die sozialsymbolische Funktion von Sprache als ein Mittel sozialer Abgrenzung und Identifikation von Sprachgemeinschaften“[64] zugrunde. Somit lässt sich die Handlungsbezogenheit von Sprache auf den letzten beiden Ebenen deutlich erkennen, während die erste Ebene eher einem strukturalistischen Erkenntnisinteresse dient. Ein wichtiger Faktor ist weiterhin, dass Sprachbewusstsein auch eine „soziale Orientierungsfunktion[65] besitzt, welche dem jeweiligen Sprecher dabei hilft, Personen, Situationen und soziale Institutionen zu kategorisieren. Diese Kategorisierung erfolgt durch das Bereitstellen von handlungsorientierendem Wissen durch das Bedingen von sprachlichen und sozio-situativen Merkmalen.[66] Eine Analyse eines unter diesem Gesichtspunkt betrachteten Sprachbewusstseins könnte dazu beitragen, zu erforschen, wie soziale Ordnungen von Sprechern wahrgenommen werden.[67] Auch die Ideologiekritik könnte eine wichtige Funktion des Sprachbewusstseins darstellen.

[...]


[1] Wolff, Gerhart: Deutsche Sprachgeschichte, 2.,durchgesehene und aktualisierte Aufl., Tübingen 1990. S. 185

[2] ebda

[3] Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3, 19. und 20. Jahrhundert, Berlin, New York 1999. S. 1

[4] Bußmann, Hadumod (Hg.): Lexikon der Sprachwissenschaft, Dritte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart 2002. S. 623

[5] ebda

[6] Mattheier, Klaus J.: Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven, in: Gardt, Andreas, Mattheier Klaus J., Reichmann, Oskar (Hgg.): Sprachgeschichte des Neuhochdeutschen. Gegenstände, Methoden, Theorien, Tübingen 1995. S. 1-18

[7] ebda S. 2

[8] ebda

[9] ebda

[10] ebda S. 1

[11] ebda S. 1

[12] ebda S. 2

[13] Mattheier, Klaus J.: Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven. S. 2

[14] ebda S. 2

[15] ebda S. 3

[16] ebda S. 4

[17] ebda

[18] ebda S. 5

[19] Mattheier, Klaus J.: Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven. S. 6

[20] ebda S. 7

[21] ebda S. 7

[22] ebda S. 7

[23] ebda S. 7

[24] ebda S. 8

[25] ebda

[26] ebda

[27] ebda

[28] Mattheier, Klaus J.: Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven. S. 8

[29] ebda

[30] ebda S. 8

[31] ebda S. 8

[32] ebda S. 9

[33] ebda

[34] Mattheier, Klaus J.: Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven. S. 9

[35] ebda

[36] ebda S. 10

[37] ebda S. 10

[38] ebda S. 12

[39] ebda

[40] ebda S. 13

[41] ebda S. 14

[42] Mattheier, Klaus J.: Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven. S. 15

[43] ebda S. 16

[44] ebda

[45] ebda S. 17

[46] Scharloth, Joachim: Sprachbewusstseinsgeschichte und Mentalitätsgeschichte, in: Scharloth, Joachim: Sprachnormen und Mentalitäten. Sprachbewusstseinsgeschichte in Deutschland im Zeitraum von 1766-1785, Tübingen 2005.

[47] ebda S. 9

[48] Gauger, Hans-Martin: Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft, München 1976.

[49] ebda S. 46

[50] Scharloth, Joachim: Sprachbewusstseinsgeschichte und Mentalitätsgeschichte. S. 10

[51] Gauger, Hans-Martin: Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft. S. 47

[52] ebda S. 47

[53] ebda S. 51

[54] Gauger, Hans-Martin: Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft. S. 51

[55] Scharloth, Joachim: Sprachbewusstseinsgeschichte und Mentalitätsgeschichte. S. 11

[56] ebda S. 11

[57] Scharloth, Joachim: Sprachbewusstseinsgeschichte und Mentalitätsgeschichte. S. 12

[58] ebda

[59] ebda S. 13

[60] ebda

[61] ebda

[62] ebda

[63] ebda S. 14

[64] ebda S. 14

[65] Scharloth, Joachim: Sprachbewusstseinsgeschichte und Mentalitätsgeschichte. S. 15

[66] ebda

[67] ebda

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Sprachbewusstsein Kurt Tucholskys
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Sprachbewusstseinsgeschichte und Sprachgeschichte
Note
2,2
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V139775
ISBN (eBook)
9783640499335
ISBN (Buch)
9783640499267
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachbewusstsein, Kurt, Tucholskys
Arbeit zitieren
Anke Schulz (Autor), 2008, Das Sprachbewusstsein Kurt Tucholskys, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139775

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