Administration, Militär und Wirtschaft im römischen Raetien

Augusta Vindelicum und Castra Regina


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Entstehung der Provinz Raetia
II.1 Geographische und demographische Gegebenheiten
II.2 Verwalter und Verwaltung bis ins 2. Jh. n.Chr

III. Legionen zwischen Alpenvorland und Limes
III.1 Administration Raetiens - Augusta Vindelicum und Castra Regina
III.2 Zusammensetzung und Aufgaben der Soldaten

IV. Wandel zum Handel ?
IV.1 Augusta Vindelicum
IV.2 Castra Regina

V. Fazit und Ausblick

VI. Bibliografie

I. Einleitung

Im Jahre 1873 wurde auf dem Gebiet des heutigen Regensburg ein Kalksteinquader gefunden. Nichts besonderes, wäre da nicht die Inschrift, aus der hervorgeht, dass hier bereits unter der Regentschaft des römischen Kaisers Marc Aurel und seines Mitherrschers und Sohnes Commodus ein Legionslager mit Namen Castra Regina gegründet worden war.[1] Es ist klar, dass dieses nicht das einzige in der römischen Provinz Raetien gewesen ist und auch darüber hinaus zeugt noch heute ein veränderter Getreidewuchs auf den Feldern vielfach von der Existenz einiger kleiner Kastelle.[2]

Warum wurde die Stationierung von Truppen am Limes, der Grenze zu den Völkern, die auf dem großen Gebiet, dass häufig als „Germania Magna“ bezeichnet worden ist, nötig? Ein kurzer Rückblick in die Zeit der römischen Expansion ist für die Beantwortung dieser Frage angebracht. Weiterhin soll auch die Beschaffenheit der Administration der Provinz eine Rolle spielen, denn in diesem Punkt herrscht in der Forschung keinesfalls Klarheit. So hat z.B. Gunther Gottlieb erhebliche Probleme bei der Feststellung und Charakterisierung regionaler Zentren abgesehen von Augsburg. Ebenfalls ist umstritten, inwieweit die Gliederung der Provinzen - denn das betrifft nicht nur Raetien - auf alteingesessene Stämme zurückgeht.[3] Ein Vergleich der wichtigen Stützpunkte Castra Regina und Augusta Vindelicum darf darum nicht fehlen.

Die zeitliche Obergrenze setzt der schleichende Niedergang des weströmischen Reiches, mit dem funktionale Veränderungen der Legionslager einhergingen. In der Zwischenzeit waren die einquartierten Soldaten jedoch nicht rund um die Uhr mit Kämpfen beschäftigt, denn schenkt man Drinkwater Glauben, so war die Gefahr vor den angrenzenden Völkern eher gering.[4] Was waren also die praktischen Aufgaben? Ziegelfunde weit entfernt von eigentlichen Aufenthaltsorten der Legionen deuten auf eine hohe bauliche Tätigkeit hin.[5]

Ich werde in dieser Abhandlung also weitgehend chronologisch vorgehen.

Einem Blick ins erste Jh. n.Chr. folgt die Analyse der in Raetien stationierten römischen Legionen und eine Beschäftigung mit der Entwicklung zweier Lager bis ins frühe fünfte Jahrhundert. Die eher dürftige Quellenlage beschränkt die Auswertung weitgehend auf Grabinschriften, Ziegelfunde, Militärdiplome, Münzen oder andere Alltagsgegenstände. Hilfreich waren insbesondere die detaillierten stadtgeschichtlichen Abhandlungen von Roeck[6] und Dietz[7]. Dort sind auch viele der Inschriften und Funde zu sehen. Empfehlenswert sind ebenfalls die Untersuchungen Gottliebs[8] und die Aufsatzsammlung „Zivile und militärische Strukturen im Nordwesten der römischen Provinz Raetien“[9], deren Autoren sehr anschauliches Bildmaterial verarbeitet haben.

II. Die Entstehung der Provinz Raetia

II.1 Geographische und demographische Gegebenheiten

Als die Römer im Jahre 15 v.Chr. über die Alpen und ins Alpenvorland vorstießen, betraten sie keinen „luftleeren Raum“, denn auf dem Gebiet zwischen Oberitalien und Germania Magna nördlich der Donau hatten bereits die Raeter und einige keltische Stämme gesiedelt.[10] Hierzu zählten einerseits die Vindeliker, von denen mit den Brigantiern (Brigantium/Bregenz) und Estionen (Cambodunum/Kempten) zwei Einheiten mit stadtartigen Ansiedlungen bekannt sind und andererseits die Licati, über deren „oppidum“ Damasia wenig bekannt ist. Diese Siedlung soll wohl auf dem Auerberg nahe Schongau gelegen haben.[11] Allerdings war von den Kelten nicht mehr viel Widerstand gegen die römische Expansion aufgebracht worden, da sie selbst im Konflikt mit germanischen Stämmen aus dem Norden standen.[12]

Als Drusus und Tiberius schließlich mit einer zangenartigen Militäraktion ins Land zwischen Obergermanien und dem zur gleichen Zeit annektierten Noricum vordrangen, mussten sie wohl nur eine größere Schlacht gewinnen, über die wenig bis nichts bekannt ist.[13] Von den geographischen Vorraussetzungen gibt uns bereits Tacitus einen Einblick, indem er von „Wäldern“, „Sümpfen“, schlechtem Boden und kaltem Wetter spricht.[14] Allerdings relativiert sich diese eher negative Beschreibung etwas, wenn wir etwas genauer auf die Gegebenheiten der ca. 80.000 km² großen Provinz schauen. Zunächst ist hierbei die gut ausgeprägte Flusslandschaft Raetiens zu beachten. Lech und Wertach stellten für das zwischen 8 und 5 v.Chr. eingerichtete Lager Augusta Vindelicum - so auch Architekturtheoretiker Vitruv - die idealen Vorraussetzungen für eine erfolgreiche Verteidigung dar.[15] Später sind auch die Flüsse Donau, Regen und Naab genutzt worden, als die Kastelle Kumpfmühl und Groß Prüfening sowie das Legionslager Castra Regina in deren unmittelbarer Nähe errichtet wurden. Hier befand sich auch die Regensburger Bucht, die nicht vom bayrischen Wald überwachsen und deren Lößboden sehr fruchtbar war.[16] Weiterhin ersetzte die Donau zu einigen Teilen den obergermanisch-raetischen Limes. Aus logistischer Sicht stellten die Flüsse jedoch nicht nur eine Grenzlinie dar, sondern dienten neben ihrer Nahrungsversorgungsfunktion auch als Transportweg, der z.B. bei der Beschaffung von Steinen zum Bau von Wehranlagen hilfreich war.

Das Straßennetz war teilweise vorhanden, bedurfte aber eines römischen Ausbaus. Wann die große „Via Claudia Augusta“, welche letztendlich von Italien über den Brenner bis zur Donau führte, fertiggestellt wurde, ist nicht ganz klar. Jedoch führte sie beim römischen Vorstoß schon mindestens bis zum Alpenvorland.[17]

II.2 Verwalter und Verwaltung bis ins 2. Jh. n.C.

Beschäftigen wir uns nun mit der Verwaltung der neugeschaffenen Provinz des römischen Imperiums. Die provisorische Militäradministration wich bereits unter Tiberius einem ritterlichen Procurator.[18] Eigenständig wurde Raetien wohl unter Kaiser Claudius.[19] Die schon angesprochenen regionalen Einheiten,

deren Namen auf die keltischen Stämme der Brigantier, Estionen und Likatier zurückgehen, bestanden wohl nicht aus einfach übernommenen Stammesangehörigen. Funde deuten über die „Ureinwohner“ hinaus auch auf germanische, pannonische und italische Bevölkerung hin.[20] Es sind wohl deshalb eher die neu eingesiedelten Bevölkerungsgruppen, welche die ersten Römerstädte gründeten und bewohnten. Es wurden hier bestehende und neu geschaffene Strukturen zu civitates (peregrinea), also mittleren Verwaltungsebenen mit städtischem Zentrum und einem gewissen Territorium. Hier waren es vor allem Bauern, die ihre villa rustica anlegten. Militärische Hauptstation wurde zunächst Cambodunum/Kempten, worauf einige Waffenfunde hindeuten. Durch die Soldaten wurden hier zunächst die Straßen gesichert und so die langsame Entwicklung von Zivilsiedlungen und des Handelswesens gewährleistet.[21]

Im Laufe des ersten Jahrhunderts lief jedoch Augusta Videlicum Cambodunum den Rang ab. Von einer Art Veteranenkolonie mauserte sich der günstig gelegene Ort nach der Auflösung des Legionslagers um 17 n.Chr. zu der wohl wichtigsten zivilen Siedlung.[22] Die Anfänge dieser Konsolidierung liegen im Dunkeln. Mit dem Vordringen nach Norden Richtung Donau ging eine Umstrukturierung der Truppen und die Einrichtung neuer Truppenstützpunkte einher. Auch die innerrömischen Auseinandersetzungen, die im Vierkaiserjahr 69 mündeten, bedingten eine Restaurierung der Anlagen.[23] So ist z.B. das Kastell Kumpfmühl um 80 n.Chr. unter Titus in der Nähe des späteren Castra Regina gegründet worden.[24] Die alten Siedlungen wurden mit Ausnahme Augusta Vindelicums eher zivil, da sich die Soldaten weitgehend an der Grenze aufhielten. Tacitus schreibt erst um 98 n.Chr. von einer blühenden Stadt, mit der wohl Augusta gemeint sein muss.[25] Die konsequente Fortführung der regionalen Gliederung blieb in Raetien wohl lange Zeit aus. Hierzu hätte eine Munizipalisierung der zentralen Orte mit ihren Territorien gehört.[26] Mit diesem Schritt wurde das zweithöchste römische Stadtrecht verliehen. Tacitus berichtet 98 noch von einer „colonia“, deren Rechtsstatus unverbindlich oder latinischen Rechts entsprach, zumindest aber dem römischen Recht untergeordnet war.[27] Zum Municipium wurde erst 120/21 Augusta Vindelicum - nun unter dem Namen „Aelia Augusta“ - erhoben.[28] Diese ziemlich späte Strukturierung bedeutet jedoch nicht, dass sich entlang des Straßennetzes kein Handel und keine Siedlungen entstanden wären, wenn dies in anderen Provinzen, wie dem Noricum, auch schneller vonstatten ging.[29]

III. Legionen zwischen Alpenvorland und Limes

III.1 Administration Raetiens - Augusta Vindelicum und Castra Regina

Im Jahre 138 war Antoninus Pius römischer Kaiser geworden. Unter seiner Herrschaft oder spätestens der des Commodus wurde der Limes stetig ausgebaut und mit Kastellen und Wehrtürmen versehen. An die Stelle der 106 km langen Holzpalisadenbegrenzung trat nun eine 2-3 Meter hohe steinerne Mauer. Das beschäftigte einerseits die nach den Markomannenkriegen dort stationierten Soldaten und beugte andererseits den immer häufiger werdenden Plünderzügen „alamannischer“ Stämme vor. Warum diese immer wieder in Konflikt mit den Römern kamen, ist nicht abschließend zu bestimmen. Jedoch zeigt die Erforschung des damaligen Klimas, dass Ernährungskrisen ein durchaus möglicher Grund für die nachbarschaftlichen Aggressionen gewesen sein könnten.[30]

Für die Orte an Lech und Wertach hatte diese Entwicklung zur Folge, dass sie nicht mehr an der Grenze, sondern zentraler lagen. Aus diesem Grund wurden sie natürlich auch weniger militärisch genutzt. In Augusta übte bis zum Ende des 3. Jahrhunderts ein Statthalter des Kaisers zivile und militärische Gewalt aus. Als Munizipium hatte Aelia Augusta aber auch einen Rat, der wohl normalerweise aus 100 decuriones bestand und die Selbstverwaltungsrechte wahrnahm. Des weiteren gab es die vier quattuorviri als Art Polizei und die seviri, welche als antike Kulturdezendenten Feste organisierten und Heiligtümer sowie den Kaiserkult pflegten.

[...]


[1] Vgl. Dietz, K., u.a.: Regensburg zur Römerzeit. Regensburg ²1979, S. 192.

[2] Vgl. Mackensen, M.: Frühkaiserliche Kleinkastelle an der oberen Donau. In: Weimert, H. (Hrsg.): Zivile und militärische Strukturen im Nordweste der römischen Provinz Raetien. Heidenheim 1988, S. 13-32, hier S.13.

[3] Vgl. Gottlieb, G.: Die regionale Gliederung in der Provinz Rätien. In: Ders. (Hrsg.): Raumordnung im Römischen Reich. Zur regionalen Gliederung in den gallischen Provinzen, in Rätien, Noricum und Pannonien. München 1989, S. 75-87, hier S. 86.

[4] Vgl. Drinkwater, J.F.: The Alamanni and Rome (Caracalla to Clovis). Oxford 2007.

[5] Vgl. Dietz, K., u.a.: Regensburg zur Römerzeit, S. 83.

[6] Roeck, B.: Geschichte Augsburgs. München 2005.

[7] Dietz, K., u.a.: Regensburg zur Römerzeit.

[8] Gottlieb, G.: Das römische Augsburg. Historische und methodische Probleme einer

Stadtgeschichte. München 1981. sowie Gottlieb, G.: Die regionale Gliederung in der Provinz Rätien.

[9] Weimert, H. (Hrsg.): Zivile und militärische Strukturen im Nordweste der römischen Provinz Raetien. Heidenheim 1988.

[10] Vgl. Fischer, T./Riedmeier-Fischer, E.: Der Römische Limes in Bayern. Geschichte und Schauplätze entlang des UNESCO-Welterbes. Regensburg, 2008, S. 21.

[11] Vgl. Gottlieb, G. (Hrsg.): Raumordnung im Römischen Reich, S. 77.

[12] Vgl. Fischer, T./Riedmeier-Fischer, E.: Der Römische Limes in Bayern, S. 21.

[13] Vgl. Roeck, B.: Geschichte Augsburgs, S. 13.

[14] Tac. Germ. 4-5.

[15] Vgl. Roeck, B.: Geschichte Augsburgs, S. 14.

[16] Vgl. Dietz, K., u.a.: Regensburg zur Römerzeit, S. 41.

[17] Vgl. Gottlieb, G.: Das römische Augsburg, S. 16.

[18] Vgl. Fischer, T./Riedmeier-Fischer, E.: Der Römische Limes in Bayern, S. 25.

[19] Vgl. Roeck, B.: Geschichte Augsburgs, S. 15.

[20] Vgl. Gottlieb, G. (Hrsg.): Raumordnung im Römischen Reich, S. 77.

[21] Vgl. Fischer, T./Riedmeier-Fischer, E.: Der Römische Limes in Bayern, S. 23f.

[22] Vgl. Gottlieb, G.: Das römische Augsburg, S. 16.

[23] Vgl. Dietz, K., u.a.: Regensburg zur Römerzeit, S. 54.

[24] Vgl. Fischer, T./Riedmeier-Fischer, E.: Der Römische Limes in Bayern, S. 26.

[25] Vgl. Tac. Germ. 41.

[26] Vgl. Gottlieb, G. (Hrsg.): Raumordnung im Römischen Reich, S. 76.

[27] Vgl. Gottlieb, G.: Das römische Augsburg, S. 21.

[28] Vgl. Roeck, B.: Geschichte Augsburgs, S. 16.

[29] Vgl. Gottlieb, G. (Hrsg.): Raumordnung im Römischen Reich, S. 82.

[30] Vgl. Roeck, B.: Geschichte Augsburgs, S. 16. sowie Fischer, T./Riedmeier-Fischer, E.: Der Römische Limes in Bayern, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Administration, Militär und Wirtschaft im römischen Raetien
Untertitel
Augusta Vindelicum und Castra Regina
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
PS Rom und die Alamannen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V139828
ISBN (eBook)
9783640500895
ISBN (Buch)
9783640500772
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augsburg, August Vindelicorum, Regensburg, Castra Regina, Raetien, Limes, Römerzeit
Arbeit zitieren
Martin Gerasch (Autor), 2009, Administration, Militär und Wirtschaft im römischen Raetien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139828

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