Das Glück ist weit ohne Wohlberatenheit?
Was ist das höchste Gut, das der Mensch in seinem Leben durch eigene Aktivität erreichen kann? Dies ist die Frage, die Aristoteles in seiner Schrift „Nikomachische Ethik“ stellt und auf welche er sehr schnell das „Glück“ als Antwort präsentiert. Da dieses von ihm als Tätigkeit der Seele nach der ihr wesenhaften Tüchtigkeit definiert wird, muss also nach diesen Tüchtigkeiten oder Tugenden gesucht werden. Im Buch VI beschäftigt sich Aristoteles nun mit den dianoëtischen, also den Verstand betreffenden Formen der Tugenden.
5 Grundformen der Erkenntnis
Aristoteles stellt nun die These auf, dass es fünf Grundformen gäbe, durch welche die Seele das Richtige erkennen könne. Zunächst das praktische Können, dann die wissenschaftliche Erkenntnis, weiterhin die sittliche Einsicht und abschließend philosophische Weisheit und den intuitiven Verstand. Im nachfolgenden Teil ordnet Aristoteles diese nun danach, ob sie sich auf veränderbare Dinge beziehen (dies ist der überlegende Teil der vernünftigen Seele) oder auf feststehende (der denkende Teil) und charakterisiert sie.
Darauf aufbauend schließt er methodisch jene Teile aus, die auf Ausgangsprämissen basieren, aber über dieselben keine Auskunft geben können. Er ist also auf der Suche nach den Möglichkeiten der Einsicht in den gegebenen Unterbau aller Wissenschaft. Bis zum Abschnitt 10 erläutert Aristoteles noch nicht die richtigen Tugenden, aber schildert den Weg auf dem man zu deren Erkenntnis kommen soll.
Die wissenschaftliche Erkenntnis
Da wir die wissenschaftliche Erkenntnis als etwas, das exakt ist und ein Anderssein ausschließt bewerten, ist sie zum denkenden Teil zu zählen. Es gibt hier kein wahr oder falsch, sondern von der Gegebenheit der Vorgänge, die von den wissenschaftlichen Erkenntnissen differieren, wissen wir nichts. Aristoteles folgert daraus, dass unsere durch Deduktion und Induktion erzielten Ergebnisse notwendig und ewig sind. Diese Methode hilft uns also bei der Erkenntnis unveränderbarer Sachverhalte. So liefert uns die wissenschaftliche Erkenntnis sichere Schlüsse, die als Lehren weitergegeben werden können. Quasi wie im Mathematikunterricht.
Inhaltsverzeichnis
5 Grundformen der Erkenntnis
Die wissenschaftliche Erkenntnis
Das praktische Können
Die sittliche Einsicht
Philosophische Weisheit und intuitiver Verstand
Mit-sich-zu-Rate-gehen
Wohlberatenheit
Ein Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht Aristoteles' Definition des Glücks als höchste menschliche Tätigkeit und analysiert die hierfür notwendigen dianoëtischen Tugenden im sechsten Buch der Nikomachischen Ethik. Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen den fünf Grundformen der Erkenntnis, der sittlichen Einsicht und dem Prozess der Wohlberatenheit herauszuarbeiten, um zu verstehen, wie der Mensch das „höchste Gut“ zutreffend erreichen kann.
- Analyse der fünf Grundformen der Erkenntnis nach Aristoteles.
- Unterscheidung zwischen dem denkenden und dem überlegenden Teil der Vernunft.
- Die Rolle der sittlichen Einsicht im praktischen Handeln.
- Die Bedeutung von Wohlberatenheit als methodischer Weg zum Glück.
- Verhältnis von theoretischem Wissen und praktischem Können.
Auszug aus dem Buch
Wohlberatenheit
Wann ist man also wohlberaten? Nicht, wenn man etwas schon weiß, denn danach braucht man nicht mehr zu suchen. Wenn man etwas glücklich errät ebenfalls nicht, da hier keine Reflexion vorzunehmen ist und man durchaus eine falsche Entscheidung treffen kann.
Wohlberatenheit impliziert aber eine Korrektheit. Es gibt zwar kein wahr oder falsch im wissenschaftlichen Sinne, aber die richtige Meinung ist irgendwo die Wahrheit und somit die Wohlberatenheit eine überlegte, richtige Denkform. Kein Endergebnis, aber der gute Weg auf der Suche nach den höchsten Grundsätzen.
Nun bedarf aber natürlich auch wiederum der Begriff „Richtigkeit“ einer Definition. Erreicht ein unbeherrschter Mensch sein Ziel, so hat er zwar richtig reflektiert, aber was er erreicht hat ist nicht richtig und hat keinen Wert für ihn. Andererseits kann man sein gestecktes Ziel auch erreichen, trotz oder gerade dadurch, dass man einen falschen Schluss gezogen hat. Da der Weg jedoch fehlerhaft war, kann man auch hier nicht von Wohlberatenheit sprechen. Langes Mit-sich-zu-Rate-gehen ist indes keine Vorraussetzung für Wohlberatenheit, da mancher auch schnell zu seinem Ziel findet und auch nach langer Überlegung muss noch nicht notwendig das Richtige klar geworden sein.
Zusammenfassung der Kapitel
5 Grundformen der Erkenntnis: Aristoteles klassifiziert die menschlichen Erkenntnisformen in fünf Bereiche und unterteilt diese in den denkenden sowie den überlegenden Teil der Vernunft.
Die wissenschaftliche Erkenntnis: Dieses Kapitel erläutert, dass wissenschaftliche Erkenntnis exakte, notwendige und ewige Wahrheiten liefert, die auf Deduktion und Induktion basieren.
Das praktische Können: Es wird die Unterscheidung zwischen Handeln und Hervorbringen getroffen und das praktische Können als eine auf Veränderbares bezogene Form der Vernunft definiert.
Die sittliche Einsicht: Das Kapitel beschreibt, wie sittliche Einsicht das Handeln auf ein allgemeines Endziel ausrichtet und sie vom bloßen theoretischen Wissen abgrenzt.
Philosophische Weisheit und intuitiver Verstand: Hier wird die Verbindung von diskursiver Erkenntnis und intuitivem Verstand als vollendete Form der Weisheit untersucht.
Mit-sich-zu-Rate-gehen: Es wird erörtert, wie sittliche Einsicht im praktischen Leben dabei hilft, durch kluges Vorgehen Einzelziele zu erreichen.
Wohlberatenheit: Das Kapitel definiert Wohlberatenheit als eine korrekte, überlegte Denkform auf dem Weg zu höchsten Grundsätzen, unabhängig vom bloßen Endergebnis.
Ein Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, wie das Zusammenwirken der Vernunftformen dem Menschen ermöglicht, das höchste Gut zutreffend zu erfassen.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Glück, Vernunft, Erkenntnis, sittliche Einsicht, praktisches Können, Wohlberatenheit, Weisheit, intuitiver Verstand, Handeln, Tugend, Philosophie, Ethik, Lebensführung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert philosophische Konzepte des sechsten Buches der Nikomachischen Ethik von Aristoteles, insbesondere die Frage, wie der Mensch durch Vernunft zum „Glück“ gelangt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die dianoëtischen Tugenden, die Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft sowie die Methodik der richtigen Lebensführung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erläuterung, wie der Mensch durch Erkenntnis und Wohlberatenheit sein Handeln auf das „höchste Gut“ ausrichten kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die auf der kritischen Auswertung von Aristoteles' Originalschrift unter Einbeziehung von Fachübersetzungen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die fünf Formen der Erkenntnis (wissenschaftliche Erkenntnis, praktisches Können, sittliche Einsicht, Weisheit, intuitiver Verstand) systematisch erläutert und deren praktischer Nutzen für den Menschen geprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das Glück, die sittliche Einsicht, die Vernunft, das praktische Können und die Wohlberatenheit.
Warum unterscheidet Aristoteles zwischen Handeln und Hervorbringen?
Diese Unterscheidung ist essenziell, da das Handeln (verbunden mit sittlicher Einsicht) einen Zweck in sich selbst hat, während das Hervorbringen (praktisches Können) auf ein äußeres Ziel gerichtet ist.
Was bedeutet der Begriff „Wohlberatenheit“ in diesem Kontext?
Wohlberatenheit ist keine bloße Anhäufung von Wissen, sondern eine spezifische Denkform und ein „guter Weg“, der reflektiert zum richtigen Handeln hinführt.
- Quote paper
- Martin Gerasch (Author), 2009, Aristoteles' Nikomachische Ethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139836