„Ich darf mit Befriedigung feststellen, dass die Probleme einer Philosophischen Anthropologie heute geradezu in den Mittelpunkt aller philosophischen Problematik in Deutschland getreten sind“1), so schreibt Max Scheler in der Einleitung zu seiner Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ im April 1928. Obschon die Dringlichkeit, die er der Anthropologie beimisst, hier primär erkennbar ist; Max Scheler wendet sich erst in seinem Spätwerk, zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, diesem Themenkreis zu. Schon seit Erwachen seines philosophischen Bewusstseins, so Scheler weiter in seiner Einleitung, haben ihn die Fragen ‚Was ist der Mensch, und was ist seine Stellung im Sein?‘ wesentlich beschäftigt. Die moderne philosophische Anthropologie sieht sich seinerzeit vor die Aufgabe gestellt, die Wesensfrage vor dem Hintergrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse neu zu stellen. Max Schelers Schrift gilt in diesem Zusammenhang als Begründungsschrift der modernen Anthropologie.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Zielsetzung und Abgrenzung des Themas
2. Zum Anliegen und zur Bedeutung der Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“
3. Der stufenförmige Aufbau des Scheler’schen anthropologischen Modells
3.1. Die Theorie der praktischen Intelligenz in Max Schelers Anthropologie
3.2. Zur Theorie des Geistes in Max Schelers Anthropologie
4. Praktische Intelligenz und Geist und ihre Bedeutung in Gesamtzusammenhang von Max Schelers Anthropologie
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Geist und praktischer Intelligenz innerhalb der philosophischen Anthropologie von Max Scheler, insbesondere unter Rückgriff auf sein Werk „Die Stellung des Menschen im Kosmos“, um die spezifische Sonderstellung des Menschen gegenüber dem Tier theoretisch zu fundieren.
- Analyse des stufenförmigen Aufbaus der psychischen Kräfte bei Scheler.
- Unterscheidung zwischen Gefühlsdrang, Instinkt, praktischer Intelligenz und Geist.
- Erörterung der Bedeutung von Triebsteuerung versus geistiger Freiheit.
- Herausarbeitung der menschlichen Fähigkeit zur Weltoffenheit und Abstraktion.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Theorie der praktischen Intelligenz in Max Schelers Anthropologie
Die vierte und gleichzeitig höchste Wesensform des psychischen Lebens bezeichnet Scheler als „praktische Intelligenz“, auch sie ist eine Folge des assoziativen Gedächtnisses, jedoch auf einer höheren Ebene. Ihr Ziel ist zunächst immer ein Handeln, dass dem Zweck dient, einem bestimmten Trieb zu folgen und ein Bedürfnis zu erfüllen. „Wir sprechen von organisch ‚organisch gebundener‘ Intelligenz, solange als das innere und äußere Verfahren, welches das Lebewesen einschlägt, im Dienste einer Triebregung oder einer Bedürfnisstillung steht, und wir nennen diese Intelligenz auch ‚praktisch‘ da ihr Endsinn immer ein Handeln ist, durch das der Organismus sein Trieb-Ziel erreicht (bzw. verfehlt).“6) Für Scheler sind alle Handlungen von Lebewesen triebgesteuert, allerdings ist dies keineswegs negativ bewertet zu sehen, sondern Triebe sind lediglich Antriebsimpulse, die Folge eines Instinkts ausgelöst werden. Ein Wesen handelt intelligent, wenn es ohne Probierversuche eine Aufgabe, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, löst. Scheler formuliert wie folgt: „Der Unterschied der Intelligenz gegenüber dem assoziativen Gedächtnis liegt klar zu Tage: Die zu erfassende Situation, der im Verhalten praktisch Rechnung zu tragen ist, ist nicht nur artneu und atypisch, sondern vor allem auch dem Individuum ‚neu‘“.7)
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Max Scheler begründet die Notwendigkeit einer neuen philosophischen Anthropologie, um die Frage nach dem Wesen des Menschen vor dem Hintergrund zeitgenössischer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu beantworten.
1. Zielsetzung und Abgrenzung des Themas: Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die begrifflichen Unterschiede zwischen praktischer Intelligenz und Geist in Schelers Anthropologie herauszuarbeiten und ihre Bedeutung in seinem Hauptwerk zu definieren.
2. Zum Anliegen und zur Bedeutung der Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“: Scheler identifiziert eine Identitätskrise des Menschen seiner Zeit, bedingt durch unvereinbare Ideenkreise der Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften, die eine Neudefinition der Wesensfrage erforderlich macht.
3. Der stufenförmige Aufbau des Scheler’schen anthropologischen Modells: Das Kapitel erläutert die verschiedenen Schichten psychischer Kräfte vom Gefühlsdrang bis hin zum Geist, um die Sonderstellung des Menschen durch eine Analyse der kosmischen Welt zu begründen.
3.1. Die Theorie der praktischen Intelligenz in Max Schelers Anthropologie: Hier wird die praktische Intelligenz als höchste Stufe des organisch gebundenen Lebens definiert, die zwar problemlösendes Handeln bei Tieren ermöglicht, jedoch stets triebgesteuert bleibt.
3.2. Zur Theorie des Geistes in Max Schelers Anthropologie: Der Geist wird als weltoffenes, vom organischen Leben losgelöstes Prinzip eingeführt, das dem Menschen erst ermöglicht, die Welt als solche wahrzunehmen und in einem Wechselspiel mit Trieben neue Erkenntnisse zu schaffen.
4. Praktische Intelligenz und Geist und ihre Bedeutung in Gesamtzusammenhang von Max Schelers Anthropologie: Die beiden Prinzipien werden gegenübergestellt, wobei deutlich wird, dass erst das Zusammenspiel von praktischer Intelligenz und Geist das spezifisch menschliche Bewusstsein und die Abstraktionsfähigkeit ermöglicht.
5. Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird festgehalten, dass Schelers Anthropologie den Weg zu einer Weltoffenheit weist, die den Menschen in seiner Sonderstellung über bloße Triebbefriedigung hinaus erhebt.
Schlüsselwörter
Philosophische Anthropologie, Max Scheler, Geist, praktische Intelligenz, Gefühlsdrang, Instinkt, Sonderstellung des Menschen, Wesensfrage, Triebsteuerung, Selbsterhaltung, Weltoffenheit, Selbstbewusstsein, Die Stellung des Menschen im Kosmos, Mikrokosmos, Ideirung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das anthropologische Modell von Max Scheler mit einem Fokus auf der Unterscheidung zwischen der "praktischen Intelligenz" des Tieres und dem "Geist" des Menschen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum steht der stufenförmige Aufbau der psychischen Kräfte bei Scheler, der Vergleich zwischen Mensch und Tier sowie die Bedeutung der Geistigkeit für das menschliche Selbstverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Begriffe Geist und praktische Intelligenz im Kontext von Schelers Hauptwerk theoretisch präzise voneinander abzugrenzen und ihre jeweilige Funktion innerhalb seiner Anthropologie herauszustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und Interpretation, die sich primär auf Max Schelers Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert das Stufenmodell des Psychischen auf, analysiert die praktische Intelligenz als triebgesteuertes Handeln und stellt dem den Geist als weltoffenes, nicht-organisches Prinzip gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen gehören philosophische Anthropologie, Sonderstellung des Menschen, Geist, praktische Intelligenz, Weltoffenheit und das Stufenmodell.
Inwiefern unterscheidet sich die praktische Intelligenz vom Geist?
Während die praktische Intelligenz an Bedürfnisse und die jeweilige Umwelt gebunden ist, zeichnet sich der Geist durch seine Freiheit von Bedürfnissen und seine Fähigkeit zur Abstraktion und objektiven Weltwahrnehmung aus.
Welche Rolle spielen die Triebe im menschlichen Geist nach Scheler?
Triebe und Geist sind laut Scheler kein Gegensatz, der einander ausschließt, sondern stehen in einem ständigen Wechselspiel; der Geist benötigt den Widerstand der Triebe, um Erkenntnis zu erzeugen.
Was versteht Scheler unter der "Sammlung" des Menschen?
Die "Sammlung" beschreibt einen Reflexakt, der es dem Menschen ermöglicht, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, das über das rein instinktive Verhalten hinausgeht.
- Citar trabajo
- Sandra Greiner (Autor), 2008, Erläuterung des Unterschieds zwischen Geist und praktischer Intelligenz, sowie seiner Bedeutung in Max Schelers Philosophischer Anthropologie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139880