Erhöhte Geschwindigkeit führt zu einer Verknappung der Zeit, die einem Menschen für eine bestimmte Handlung zur Verfügung steht. Dies bewirkt, dass die Anforderungen an die psychische Regulation dieser Handlung verschärft werden und somit die Person-Umwelt-Interaktion intensiviert wird. Diese Doktorarbeit befasst sich mit eben dieser Frage der optimalen Handlung am Beispiel hoher Geschwindigkeit, welche anhand von praktischen Erfahrungsberichten aus der Aviatik und dem Sport diskutiert, mit theoretischen Ansätzen aus verschiedenen Disziplinen reflektiert betrachtet und in Prozessmodellen dargestellt wird.
Die Thematik ist sowohl für die untersuchten als auch für alltägliche Situationen von Interesse. Der Autor will seine Leserinnen und Leser dazu anregen, die empirischen Ergebnisse losgelöst von den genannten Beispielen auch auf individuelle und kollektive Themen im wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Alltag zu beziehen, die eine erhöhte Geschwindigkeit und damit Stressbelastung zur Folge haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Grundsätzliche Fragestellung
1.2 Aufbau der Arbeit
2 Die Person-Umwelt-Interaktion in der kognitiven Handlungstheorie
2.1 Handlungsraumspezifische Konzeption
2.1.1 Repräsentative Handlungsräume
2.1.2 Eingrenzung
2.1.2.1 Strukturverwandtschaften
2.1.2.1.1 Handlungsintention
2.1.2.1.2 Geschwindigkeit
2.1.2.1.3 Expert(inn)enwissen
2.1.2.1.4 Risiko
2.1.2.2 Strukturunterschiede
2.1.2.2.1 Biomechanische Settings
2.1.2.2.2 Wahrnehmungssysteme
2.1.2.2.3 Steuerungssysteme
2.1.2.2.4 Feedbacksysteme
2.1.3 Persönlichkeitsspezifische Anforderungen
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Kognitionspsychologische Konzeption
2.2.1 Wahrnehmung
2.2.1.1 Limitierende Funktion
2.2.1.2 Wahrnehmung und Handlung
2.2.1.3 Informationsselektion
2.2.2 Kognition
2.2.3 Emotion
2.2.3.1 Neurophysiologische Ursachen
2.2.3.2 Psychophysiologische Konsequenzen
2.2.4 Motivation
2.2.5 Bewusstsein
2.2.5.1 Ordnungsschwelle
2.2.5.2 Aufmerksamkeit und Konzentration
2.2.5.3 Automatisierung
2.2.5.4 Verändertes Bewusstsein
2.2.5.4.1 Psychologische Sicht
2.2.5.4.2 Physikalische Sicht
2.2.5.4.3 Psychophysikalische Sicht
2.2.5.5 Zeit
2.2.6 Volition
2.2.7 Persönlichkeit
2.2.8 Zusammenfassung
2.3 Handlungstheoretische Konzeption
2.3.1 Dimensionen der Handlung
2.3.1.1 Situationsoptimierung
2.3.1.2 Intentionalität
2.3.2 Organisationsstruktur des Handelns
2.3.2.1 Prozess
2.3.2.2 Regulierende Systeme
2.3.2.3 Regelungsprinzipien
2.3.2.4 Interne Repräsentation
2.3.3 Zusammenfassung
2.4 Zusammenfassung und Ausblick
2.5 Konsequenzen für die Studie
2.6 Präzisierung der Fragestellung
3 Qualitativ-empirische psychologische Forschung
3.1 Grundsätzliche Überlegungen
3.2 Wissenschaftstheoretisches Paradigma
3.2.1 Zur Logik in der Wissenschaftstheorie
3.2.2 Stellenwert von Sprache und Kommunikation
3.2.3 Erschliessung handlungsrelevanter interner Repräsentationen
3.2.4 Grundzüge der Grounded Theory Konzeption
3.3 Der Forscher als Instrument
3.4 Expert(inn)en-Stichproben
3.4.1 Expert(inn)en als Repräsentanten kleiner Stichproben
3.4.2 Kriterien für den Expert(inn)en-Status
3.4.3 Statistische Informationen
3.5 Forschungsprozess
3.5.1 Verwobenheit von Datenproduktion und -auswertung
3.5.2 Datenproduktion
3.5.2.1 Qualitative Interviews
3.5.2.2 Interviewvorbereitung und -durchführung
3.5.2.3 Problemfeld Interviewer-Effekt
3.5.2.4 Anonymität
3.5.3 Datenauswertung
3.5.3.1 Prozedur und Analyseinstrumente der Grounded Theory Konzeption
3.5.3.2 Chronologie der Forschungsphasen
3.5.3.2.1 Explorative Vorstudie
3.5.3.2.2 Erste Forschungsphase im Handlungsraum Sport
3.5.3.2.3 Zweite Forschungsphase im Handlungsraum Aviatik
3.5.3.2.4 Weiterführende Analyseschritte
3.5.4 Gütekriterien
3.5.4.1 Überlegungen für die qualitativ-empirische Forschung
3.5.4.2 Problemfelder der qualitativ-empirischen Forschung
3.5.4.2.1 Induktion und Deduktion
3.5.4.2.2 Stichproben- und Repräsentationsprobleme
3.5.4.3 Angewandte Kriterien
3.5.4.3.1 Gegenstandsangemessenheit
3.5.4.3.2 Transparenz des Forschungsprozesses
3.6 Methodenkritik
3.7 Zusammenfassung
4 Zur psychischen Regulation von optimaler Handlung
4.1 Handlungsführende und -begleitende Kognitionen und Emotionen der Sportler(innen)
4.1.1 Gesteigerte Intensität
4.1.1.1 Erhöhte Kompetenzgefühle und Befriedigung
4.1.1.2 Hohe Konzentration
4.1.1.3 Gesteigerte Wahrnehmung
4.1.1.4 Grenzerfahrung
4.1.2 Optimales Handlungsgefühl
4.1.2.1 Verschmelzung mit dem Gerät
4.1.2.2 Reduktion der "Selbstwichtigkeit"
4.1.2.3 Fliessen in einer "Zone"
4.1.2.4 Chaos
4.1.2.5 Handlung aus dem Unbewussten
4.1.2.6 "Körperaustritt"
4.1.3 Veränderte Zeitwahrnehmung
4.1.3.1 Relativität von Zeit und Geschwindigkeit
4.1.3.2 Zeitlupenwahrnehmung
4.1.3.3 "Zeitlosigkeit"
4.2 Handlungsführende und -begleitende Kognitionen und Emotionen der Piloten
4.2.1 Vorbereitungen
4.2.1.1 Planung und Auswertung
4.2.1.2 Hohe Motivation
4.2.1.3 Einschätzung von Risiko
4.2.2 Optimale Handlungsausführung
4.2.2.1 Hohe Konzentration
4.2.2.1.1 Situationsübersicht und Orientierung nach vorne
4.2.2.1.2 Gefühl der Einheit mit Gerät
4.2.2.1.3 Erhöhtes Erregungsniveau
4.2.2.2 Perfektion und gutes Handlungsgefühl
4.2.2.3 Relativität der Geschwindigkeitswahrnehmung
4.2.2.3.1 Winkelgeschwindigkeit von Objekten
4.2.2.3.2 Veränderte Wahrnehmung der Zeit
4.2.2.3.3 Täuschungen
4.2.3 Handlung unter Zeitdruck
4.2.3.1 Jetzt und Zukunft - ohne Vergangenheit
4.2.3.2 Reduktion auf Wesentliches und Entscheiden
4.2.3.3 Intuition, Erfahrung und Automatismen
4.2.3.4 Überforderung und Hormone
4.3 Ein Vergleich zwischen Sportler(inne)n und Piloten
4.3.1 Gemeinsamkeiten
4.3.2 Unterschiede
4.3.3 Zusammenfassung
4.4 Thematische Einzelfalldarstellungen
4.4.1 Die Wichtigkeit der Planung und Auswertung
4.4.2 Entscheiden und Handeln unter zeitlichem Stress
4.4.3 Optimale Handlungsausführung im Einklang mit optimalem Handlungsgefühl
4.4.4 Zeit- und Geschwindigkeitsrelativität - Neudefinition von Zeit
4.4.5 Grenzerfahrungen und Chaos
4.4.6 Kognitive Prozesse und Hormone
4.5 Zusammenhänge in Prozessmodellen
4.6 Hypothesen
5 Beitrag zur Entwicklung eines integrativen Handlungsmodells
5.1 Kognitionspsychologisch-handlungstheoretische Aspekte
5.2 Handlungsprozess
5.2.1 Antizipation
5.2.1.1 Kognitives Regulationssystem
5.2.1.2 Kognitive und emotionale Bewertung
5.2.2 Realisation
5.2.2.1 Psychophysikalische Synchronisation
5.2.2.2 Emotionales Regulationssystem
5.2.2.3 Automatisches Regulationssystem
5.2.2.4 Physiologisches Regulationssystem
5.2.3 Interpretation
5.2.3.1 Kognitive Differenzierung und Adaptation
5.3 Zusammenfassung
6 Konsequenzen
6.1 Trainingswissenschaftliche Aspekte
6.2 Handlungstheoretisch-kognitionspsychologische Aspekte
6.3 Entwicklungspsychologische Aspekte
7 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die psychische Regulation von optimaler Handlung bei hoher Geschwindigkeit durch eine empirische Studie zu untersuchen, um grundlegende Strategien und Wissensbestände von erfahrenen Sportlern und Piloten zu erschließen und theoretisch zu fundieren.
- Psychische Regulation bei hoher Geschwindigkeit und Zeitdruck
- Vergleich zwischen den Handlungsräumen Sport und Aviatik
- Rolle von Wahrnehmung, Konzentration und Intuition bei optimaler Handlung
- Entwicklung eines integrativen Handlungsmodells
- Bedeutung von Automatismen und mentalem Training
Auszug aus dem Buch
Auszug aus dem sportlichen Tagebuch von Gustav Weder, 1995
… Als ich dann starte und eine Kurve nach der andern hochkonzentriert durchfahre und ich mich nur auf das Erledigen der Arbeit konzentriere, kriege ich schon beim Start das erste gefühlsmässig gute Feedback. Man hat dieses Gefühl als Vergleich zu früheren guten Starts. Es setzt sich fort in der ersten und zweiten Kurve. Mit jedem positiven Erlebnis, mit jedem sich selbst bestärkenden Feedback, dass man gut unterwegs ist, wird das Gefühl immer besser. Die Unsicherheit verschwindet, und es eröffnet sich eine Wahrnehmung und Sicherheit, wo alles, was man x-mal mental in der Garderobe schon vorbereitet hat, jetzt einfach abläuft, ohne schwankende Emotion, nur Freude, ekstatische Freude. Der Wind wird immer stärker, die Geschwindigkeit immer höher und man kann mit dem Gerät machen, was man will. Das Gerät folgt den Steuerbewegungen mit Leichtigkeit. Du versuchst in Gedanken immer etwas in der Zukunft zu sein, die nächste Kurve schon vorzubereiten, wenn du noch in der vorherigen bist.
Das gelingt nur, wenn du dort, wo du im Moment bist, mit Sicherheit weisst, ja, das kann ich, das ist gut. Dieses fast unbewusste Steuern des Gerätes gelingt, wenn die mentalen Vorstellungsbilder, die man in der Garderobe hunderte Male vor dem geistigen Auge abspielt und sie verbindet mit dem zu erlebenden Druck- und Zuggefühl der Gravitation, mit der Lage im Raum, den Geräuschen, dem Erleben der Geschwindigkeit voll in der Person integriert sind und in diesem Moment abgerufen werden können. Diese Verankerung des wünschbaren Erlebens ist eine Art Projektion in die Zukunft. Das Antizipieren der Fahrt basiert auf diesem Phänomen. Die Wahrnehmung der Bahn in dieser perfekten Fahrt ist enorm. Man sieht alles, man spürt alles, man weiss, man wird das Richtige tun, damit das gute Gefühl bleibt. Es wird so zu einer Kettenreaktion. Von Kurve zu Kurve wird das Gefühl besser, stärker und gipfelt in einer enormen Sicherheit und Wahrnehmung von "Allem".
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung führt in die Thematik der optimalen Handlung bei hoher Geschwindigkeit ein, begründet das Forschungsinteresse anhand persönlicher Erfahrungen und umreißt den Aufbau der Dissertation.
2 Die Person-Umwelt-Interaktion in der kognitiven Handlungstheorie: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen dar, indem es Kognitions- und Handlungstheorien synthetisiert, um ein rahmentheoretisches Modell für die Person-Umwelt-Interaktion in hochbeanspruchenden Kontexten zu entwickeln.
3 Qualitativ-empirische psychologische Forschung: Der Methodikteil begründet den Einsatz eines interpretativ-konstruktivistischen Paradigmas und einer Grounded Theory Konzeption, um subjektive Theoriebestände von Experten zu erschließen.
4 Zur psychischen Regulation von optimaler Handlung: Dieser Teil präsentiert die empirischen Ergebnisse der Interviews mit Sportlern und Piloten, die in Kategoriensysteme überführt wurden, um die psychische Regulation bei hoher Geschwindigkeit detailliert zu beschreiben.
5 Beitrag zur Entwicklung eines integrativen Handlungsmodells: In der Diskussion werden die Hypothesen mit kognitionspsychologischen und handlungstheoretischen Theorien reflektiert, um ein integratives Modell der Handlungsregulation zu propagieren.
6 Konsequenzen: Das Kapitel leitet aus den gewonnenen Erkenntnissen Empfehlungen für die Trainingswissenschaft, die Psychologie und die weitere Forschung ab.
7 Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Reflexion über das Forschungsprojekt und den Mehrwert der gewählten Forschungsansätze.
Schlüsselwörter
Optimale Handlung, Hohe Geschwindigkeit, Psychische Regulation, Handlungstheorie, Kognitionspsychologie, Grounded Theory, Sportpsychologie, Aviatik, Flow-Erleben, Automatisierung, Wahrnehmung, Mentales Training, Expertise, Zeitwahrnehmung, Entscheidungsfindung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Dissertation untersucht die psychische Regulation bei optimalen Handlungen unter Bedingungen hoher Geschwindigkeit, am Beispiel von Spitzenathleten im Sport und Piloten in der Aviatik.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Person-Umwelt-Interaktion, die kognitive Wahrnehmung unter Zeitdruck, die Rolle von Intuition und Automatismen sowie die psychophysiologischen Aspekte maximaler Leistungsfähigkeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit zielt darauf ab, die handlungsführenden Kognitionen und Emotionen zu systematisieren, die es erfahrenen Individuen ermöglichen, in hochkomplexen und risikoreichen Situationen optimal zu handeln.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewandt?
Basierend auf dem interpretativ-konstruktivistischen Paradigma wurde eine qualitativ-empirische Studie nach der Methode der Grounded Theory durchgeführt, gestützt durch Interviews mit Experten aus Sport und Aviatik.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung, einen methodischen Teil sowie eine umfangreiche empirische Analyse, in der Kategoriensysteme für die psychische Regulation entwickelt und Hypothesen reflektiert werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind optimale Handlung, hohe Geschwindigkeit, psychische Regulation, Flow-Erleben, Automatisierung sowie das Expert(inn)en-Wissen.
Wie spielt die Zeitwahrnehmung bei hoher Geschwindigkeit eine Rolle?
Die Arbeit zeigt, dass Zeit unter extremen Bedingungen oft als relativ oder "dehnbar" empfunden wird, was auf eine optimierte Informationsverarbeitung und eine veränderte kognitive Verarbeitung hindeutet.
Warum wurden gerade Sportler und Piloten als Zielgruppe gewählt?
Beide Gruppen operieren in "hochbeanspruchenden Handlungsräumen", in denen Handlungsfehler lebensbedrohlich sein können, was sie zu idealen Objekten für die Untersuchung von Strategien zur optimalen Handlungsregulation macht.
- Arbeit zitieren
- Gustav Weder (Autor:in), 2002, Optimale Handlung am Beispiel hoher Geschwindigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1399173