Das Vitalistische Substrat in Émile Zolas Roman "Le docteur Pascal"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Modell der Vitalkraft als permanentes Substrat
1.1 Jugend als Sinnbild für eine starke Vitalkraft
1.2 Das Alter als Zeichen schwindender Vitalkraft
1.3 Die Vitalkraft als eine pathologische Energie
1.4 Das Prinzip der Erneuerung der Vitalkraft
1.4.1 Erneuerung der Vitalkraft durch die Jugend anderer
1.4.2 Das vitalistische Denkmodell hinter der Methode der Einspritzungen

2 Die Vitalkraft als unberechenbare, pathologische, und zerstörerische Energie mit entgrenzendem Potential
2.1 Combustio Spontanea
2.2 Charles Tod
2.3 Tante Dides letzter Anfall

3 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Bildfeld der wilden Natur ist in der französischen Literatur des 19. Jahrhundert weit verbreitet. Begründet liegt dies in einem am Anfang des 19. Jahrhundert vollzogenen epistemologischen Wandel, in dem die Naturgeschichte durch eine neue Epistemologie des Lebens abgelöst wurde. Diesen Wandel verarbeitete die französische Literatur auf literarischer Ebene.

Die Naturgeschichte beruhte auf der Theorie der Repräsentation. Natur wurde als natürliche Ordnung verstanden, die durch die Analyse der Naturphänomene rekonstruiert werden konnte. Das Prinzip der Taxonomie ordnete die Lebewesen durch hierarchische Klassifikation in ein biologisches System ein. Die Biologie des 19. Jahrhunderts sah die Natur jedoch als Objektwelt mit eigenen Gesetzen. Die sichtbaren, äußeren Merkmale verloren an Bedeutung und das eigentliche Interesse lag auf dem Körper als Funktionszusammenhang von Organen. Für die Interaktion zwischen den Organen wurde eine fundamentale Lebensenergie gedacht. Dieser Ansatz ist vitalistischen Ursprungs. Die Vertreter des Vitalismus waren der Überzeugung, dass jedem Lebewesen eine „vis vitalis“ (Vitalkraft) innewohnt, die am Ursprung des Körpers steht, den Körper am Leben hält, über Wohlbefinden oder Krankheit entscheidet und schließlich schwindendes Potential hat. Weiterhin herrschte die Vorstellung, dass diese Lebensenergie endlich sei.

Diese Denkfigur einer fundamentalen Vitalkraft machte das Zentrum des neuen Wissens vom Körper im 19. Jahrhundert aus. Die Lebensenergie sei eine dem Körper selbst innewohnende Energie. Es herrschte die Vorstellung von einer eigengesetzlichen Kraft, welche die Quelle aller Lebensäußerungen sei.

Die These der vorliegenden Arbeit lautet, dass Émile Zola diese biologisch-vitalistische Denkfigur einer fundamentalen Lebensenergie in seinem Werk „Le docteur Pascal“ als permanentes Substrat zu Grunde legt und in exzessiven Momenten sowohl auf literarischer als auch textlicher Ebene in den Protagonisten eine transgressive, wilde und unkontrollierbare Vitalkraft verankert.

Émile Zola behandelt in seinem Roman „Le docteur Pascal“ als großes Sujet die Möglichkeiten der Medizin als Wissenschaft, sowie die des Arztes. Er wagt weiterhin den Versuch, Ursprünge und Gründe für Krankheiten zu begründen. Zu beiden Themengebieten bedient er sich der Studien von zeitgenössischen Wissenschaftlern.

Während die Wissenschaft – wie bereits oben erwähnt – den Funktionszusammenhang der Organe ins Zentrum ihres Interesse stellt, fokussiert Zola das entgrenzende Potential, das Unkontrollierbare der fundamentalen Lebensenergie. Dabei gilt in der vorliegenden Arbeit der Darstellung dieser fundamentalen Lebensenergie ein besonderes Interesse. Wie beschreibt Zola diese Lebensenergie und welches Potential schreibt er ihr zu?

Im ersten Teil der Arbeit soll das permanente vitalistische Substrat, welches dem Text zugrunde liegt, herausgearbeitet werden. Der zweite Teil der Arbeit beleuchtet die Szenen im Roman, in denen die Wildheit und Transgressivität der Vitalkraft besonders hervortritt.

1 Das Modell der Vitalkraft als permanentes Substrat

Die Figur des Doktors wird in dem Moment interessant, indem er das positivistische Terrain verlässt und vitalistische Ansätze deutlich werden. Als Wissenschaftler glaubt Pascal nur an Beweisbares und Überprüfbares, was durch die Ausübung seiner Experimental-Medizin - die für ihn selber und in der Romanhandlung eine große Rolle spielt - verdeutlicht wird. Aber auch die Verleugnung alles Transzendentalen und Überirdischen stehen in der Konsequenz seiner positivistischen Überzeugung. Gleichzeitig ist er jedoch von der Combustio Spontanea (Selbstverbrennung) des alten Macquards so begeistert, dass er sich zu begeisterten Reden darüber aufschwingt. In diesem Moment befindet er sich jenseits des positivistischen Terrains, aber genau diese Momente machen die Figur des Doktors interessant. Pascal vertritt demnach auch vitalistische Positionen. Aber nicht nur in der Figur des Arztes wird die vitalistische Energetik im Roman thematisiert. Die Idee des Vitalismus durchzieht auf der bildlichen Ebene die gesamte Romanhandlung.

1.1 Jugend als Sinnbild für eine starke Vitalkraft

Die Figur der jungen Nichte Clotilde ist in dem Roman das Sinnbild der gesunden Jugend. Ihre Vitalkraft ist noch nicht aus Altersgründen verbraucht oder durch Krankheit geschwächt. Der Leser bekommt den Eindruck, dass Clotilde vor Lebenskraft strotzt. Sie wird fortwährend mit dem Wortfeld „frais“ beschrieben und ihr Körper bekommt inbesondere die Beschreibung „rond“.

„C’était l’apparition de royal jeunesse, les yeux clairs, les lèvres saines, les joues fraîches, le cou délicat surtout, satiné et rond, ombré de cheveux follets vers la nuque.“ (S. 256f)[1] „Avec son cou délicat, si rond, si frais[…]“ (S. 219)

Die Beschreibung Clotildes als „ronde“ und „fraîche“ verweist einerseits auf die volle Vitalkraft, anderseits entsteht dadurch zwangsläufig beim Leser eine erotisierende Vorstellung. Auffällig ist auch, dass Clotilde beständig mit dem Wort „lait“ beschrieben wird. „Lait“ besitzt die Eigenschaft, dass sie flüssig ist. „Lait“ als Flüssigkeit ist als die den Körper durchfließende Vitalkraft zu interpretieren.

„Sa nuque penchée avait surtout une adorable jeunesse, d’une fraîcheur de lait, sous l’or des frisures folles. “ (S.43)

„[…][2] et elle était charmante, avec ses grands yeux, son visage de lait et de rose, dans l’ombre des vastes bords. “ (S. 104)

„Lait“ ist vor allem auch lebensspendende Kraft, die am Anfang jeden Lebens steht und auch in dieser Eigenschaft mit der Denkfigur der vis vitalis korrespondiert. Am Ende des Romans wird bis ins Detail beschrieben, wie Clotilde ihren Sohn stillt. Dadurch wird die Gegebenheit verdeutlicht, dass Clotilde mit ihrer Milch dem Kind Lebenskraft einflößt. Als junge Mutter strotzt sie vor fundamentaler Lebensenergie, welche sie durch die Milch an ihr Kind weitergibt.

Clotilde steht demnach als junge, gesunde Frau und schließlich als Mutter für eine kraftvolle und gesunde Lebensenergie.

Das von Clotilde neugeborene Kind steht am Ursprung des Lebens für neues und gesundes Leben. Der kleine Junge ist voll von Lebensenergie. Er wird als „gras et rose“ beschrieben, „avec sa bouche encore mouillée de lait […] sa petit tête ronde et nue, déjà semée de rares cheveux pâles“ (S.489). „La gorge menue et ronde, que le lait avait gonflée à peine. Une légère auréole de bistre avait seulement fleuri le bout de sein, dans la blancheur délicate de cette nudité de femme, divinement élancée et jeune.“

Auch das junge Mädchen Sophie, das auf Anraten des Doktors von ihrer schwindsüchtigen Familie getrennt wurde und bei ihrer Tante auf dem Land aufwächst, wird als junges, vor Kraft strotzendes Mädchen beschrieben. Sie hat „fortes jambes“ und „les joues remplies“.

„[…], il semblait qu’elle eût pris de la chair, d’aplomb sur ses fortes jambes, les joues remplies, les cheveux abondants. “ (S. 110f)

Erneut taucht hier mit „remplies“ eine Assoziation mit der Vitalkraft als fließende Energie auf, die auch schon bei der Verwendung des Begriffes „lait“ enstanden ist.

Junge und gesunde Leute verfügen über eine enorme Vitalkraft. Die fundamentale Lebenskraft stellt sich als eine fluide Energie dar, die den Körper ausfüllt und prall und rund erscheinen lässt.

[...]


[1] Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe Zola, Émile: Le docteur Pascal, Édition établie, présentée et annotée par Jean-Louis Cabanès, Paris 2004. Erschienen in der Reihe Le Livre de Poche, classique. ISBN: 2-253-16119-5

[2] Auslassungen werden von der Verfasserin durch […] gekennzeichnet.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Vitalistische Substrat in Émile Zolas Roman "Le docteur Pascal"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Arzt und Krankheit im französischen Roman des 19. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V139942
ISBN (eBook)
9783640501281
ISBN (Buch)
9783640501168
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Émile Zola, Le docteur Pascal, Vitalistisches Substrat, Vitalismus
Arbeit zitieren
Elisabeth Kirchhoff (Autor), 2008, Das Vitalistische Substrat in Émile Zolas Roman "Le docteur Pascal", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139942

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Vitalistische Substrat in Émile Zolas Roman "Le docteur Pascal"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden