Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Problematik um die Diagnose Schizophrenie seitens der Behandelnden und Betroffenen in meiner Arbeit darzustellen. Es ist für mich deshalb von Bedeutung, weil ich im Verlauf meines Studiums und in der Zusammenarbeit mit den Betroffenen zu der Erkenntnis kam, dass sich hinter der Diagnose weitaus mehr verbirgt, als sich die Allgemeinheit auch nur im geringsten vorstellen kann. Nun könnte der Trugschluss folgen, dass es keine Bedeutung hat, wie gut das Wissen der Allgemeinheit über das Krankheitsbild ist, doch leider ist das nicht so. Die Gesellschaft trägt einen großen Anteil zur Rehabilitation bei und wenn sie der Krankheit abwertend gegenübersteht, kann auch die Wiedereingliederung der Betroffenen nicht bedarfsgerecht erfolgen.
Die schizophrenen Erkrankungen sind durch eine große Vielfalt von Symptomen und Vielgestaltigkeit der Verlaufsbilder gekennzeichnet. Sie können von Person zu Person, aber auch von Zeitpunkt zu Zeitpunkt unterschiedlich zum Ausdruck kommen, was eine einheitliche Beschreibung des Krankheitsbildes schier unmöglich macht.
Das Wissen über dieses Krankheitsbild ist in den letzten Jahrzehnten zwar hinsichtlich der Entstehungsbedingungen, Behandlungsmöglichkeiten und der psychologischen und sozialen Prozesse während des Verlaufs förmlich explodiert und trotzdem bestehen noch viele Unsicherheiten. Diese betreffen die Behandelnden und Betroffenen sowie deren Umfeld. Auf der Seite der Behandelnden spiegeln sie sich in Fehldiagnosen wider. Doch gibt Möglichkeiten diese zu vermeiden und wenn ja, wie?
Auch die Betroffenen haben eine Last resultierend aus der Unsicherheit zu tragen. Sie stoßen immer wieder an Ablehnung und Ausgrenzung. Nur wie kann das möglich sein, nachdem die damaligen belastenden Ausfassungen widerlegt sind?
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
1 Grundlagen zur Diagnose und Klassifikation
1.1 Klassifikation schizophrener Erkrankungen
1.1.1 Klassifikation nach ICD-10
1.1.2 Klassifikation nach DSM-IV
1.2 Die Subtypen
1.2.1 Paranoide Schizophrenie (F20.0)
1.2.2 Hebephrene Schizophrenie (F20.1)
1.2.3 Katatone Schizophrenie (F20.2)
1.2.4 Schizophrenia Simplex (F20.6)
1.3 Beschreibung der Symptome
1.3.1 Die positiven Symptome
a. Formale Denkstörungen
b. Wahn
c. Sinnestäuschungen
d. Ich-Störungen
e. Psychomotorische Störungen
1.3.2 Die negativen Symptome
1.3.3 Erläuterung zu den negativen Symptomen
1.4 Diagnoseinstrumente
1.4.1 Verfahren zur Diagnoseerstellung
1.4.2 Verfahren zur Symptomerfassung und Verlaufsbeurteilung
1.4.3 Verfahren zur Erfassung von Risikofaktoren und Ressourcen
1.4.4 Verfahren zur Erfassung neuropsychologischer Defizite
1.4.5 Verfahren zur Erhebung dysfunktionaler Kognitionen
1.5 Verlauf schizophrener Erkrankungen
1.5.1 Der Frühverlauf
1.5.2 Der Langzeitverlauf
a. Klassifikation nach ICD-10
b. Verlaufsergebnisse einer Langzeitstudie
1.6 Zusammenfassung
2 Probleme der Diagnostik schizophrener Erkrankungen
2.1 Bedeutung der Diagnosen für die psychiatrische Praxis
2.2 Probleme der Behandelnden bei der Abgrenzung
2.2.1 Fallbeispiele zur Entstehung von Fehldiagnosen
2.2.2 Mögliche Fehler und Probleme der Differentialdiagnostik und wie Fehldiagnosen vermieden werden
2.3 Wichtige Differentialdiagnosen
2.4 Zusammenfassung
3 Auswirkungen der Diagnose für die Betroffenen
3.1 Von Metaphern und Mythen
3.1.1 Die Rolle der Medien
3.1.2 Ergebnisse der Einstellungsforschung nach Beeinflussung durch die Medien
3.2 Die Entstehung und Funktion des Stigmas
3.2.1 Folgen der Stigmatisierung für Betroffene
3.2.2 Wege zur Stigmabewältigung
3.2.3 Programm und Methodik
3.2.4 Kritische Sicht zur Wirksamkeit der Anti-Stigma-Kampagnen
3.3 Zusammenfassung
II Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der Diagnosestellung bei Schizophrenie sowohl aus der Perspektive der Behandelnden als auch aus der Sicht der Betroffenen, um aufzuzeigen, wie diagnostische Unsicherheiten und soziale Stigmatisierung den Genesungsprozess und die gesellschaftliche Wiedereingliederung beeinflussen.
- Klassifikationssysteme und Symptomatik der Schizophrenie
- Diagnostische Herausforderungen und die Vermeidung von Fehldiagnosen
- Einfluss medialer Darstellung auf das gesellschaftliche Bild
- Psychosoziale Folgen der Stigmatisierung für Betroffene
- Wirksamkeit von Anti-Stigma-Programmen
Auszug aus dem Buch
3.1 Von Metaphern und Mythen
Die Krankheit Schizophrenie ist auch für Erfahrene nur schwer greifbar. So ist kaum vorstellbar, welche Ratlosigkeit bei den Betroffenen und deren Umfeld entsteht. Bei so viel Ungewissem und Unklarheiten geschieht es schnell, dass Vorurteile in die Wissenslücken rutschen. Einerseits besteht das Märchen der unheilbaren Störung und andererseits die Unterstellung Schizophrenie gäbe es gar nicht. Der Begriff Schizophrenie steht allgemein für alles, was schlecht ist. Er wird somit zur Metapher der Diffamierung, was wiederum einen entscheidenden Anteil an der Stigmatisierung hat (vgl. Finzen, 2001). Auf das Stigmatisierungsproblem werde ich im folgenden Abschnitt näher eingehen.
Auch Häfner (2005) beschreibt die Mythen über die Krankheit und erläutert sie an einer Auswahl geläufiger Stereotype aus verschiedenen Kulturen. In manchen Kulturen heißt es die Krankheit Schizophrenie sei ansteckend und wird durch böse Geister verursacht (bes. in den Entwicklungsländern). Ein weit verbreiteter Stereotyp in unserer Kultur ist, dass schizophren Erkrankte unberechenbar und gefährlich sind und deshalb eingeschlossen werden müssen. Ein ziemlich alltäglicher Mythos ist, dass an Schizophrenie Erkrankte grundsätzlich unzurechnungsfähig sind und aus diesem Grund nicht imstande seien über ihre Krankheit und Behandlung mit zu entscheiden.
Möller-Leimkühler (2004) ist der Ansicht, dass das Bild der psychisch Kranken nicht nur durch die Kultur zu begründen ist, sondern auch von den jeweiligen soziokulturellen Norm und Wertvorstellungen einer Zeit geprägt wurde und die Stereotypen und Vorurteile hier ihren Ursprung haben. Im theozentrischen Weltbild des Mittelalters war die Auffassung verbreitet, der psychisch Kranke sei von bösen Geistern besessen und nur durch Exorzismus heilbar. Im humanistischen Weltbild der Renaissance dominierte die Vorstellung er verfüge über hellseherische Fähigkeiten und wurde somit für eine Hexe oder Hofnarr gehalten. Die Folge war die Verbannung aller Formen von Unvernunft und die Ausgrenzung in riesige Internierungseinrichtungen. Mit der Etablierung der Psychiatrie als Wissenschaft wurde er schließlich als krank definiert und in spezifischen Irrenanstalten untergebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grundlagen zur Diagnose und Klassifikation: Dieses Kapitel erläutert die Kriterien der Diagnosestellung, die relevanten Klassifikationssysteme sowie die Symptomatik und die verschiedenen Verlaufsformen der Schizophrenie.
2 Probleme der Diagnostik schizophrener Erkrankungen: Der Abschnitt verdeutlicht die Komplexität und Fehleranfälligkeit bei der Diagnosefindung in der klinischen Praxis und unterstreicht die Bedeutung der Differentialdiagnose.
3 Auswirkungen der Diagnose für die Betroffenen: Hier wird analysiert, wie Mythen, mediale Berichterstattung und soziale Stigmatisierung die Lebenssituation der Betroffenen sowie deren erfolgreiche Rehabilitation nachhaltig erschweren.
Schlüsselwörter
Schizophrenie, Diagnose, Klassifikation, Stigmatisierung, Differentialdiagnose, Symptome, Psychiatrie, Rehabilitation, Medien, Vorurteile, Krankheitsbild, klinische Praxis, Fehlbehandlung, soziale Ausgrenzung, Behandelnde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die kritischen Aspekte und Herausforderungen bei der Diagnose der Schizophrenie sowie die schwerwiegenden sozialen Folgen, die diese Diagnose für die betroffenen Patienten mit sich bringt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der medizinischen Klassifikation der Krankheit, den Schwierigkeiten der Differentialdiagnostik, der Rolle der Medien bei der Vorurteilsbildung sowie den Mechanismen der sozialen Stigmatisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, für die Komplexität der Diagnosestellung zu sensibilisieren und aufzuzeigen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Diagnosen zur Verbesserung der Lebensqualität und Rehabilitation Betroffener beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender psychiatrischer Studien, Klassifikationsmanuale (ICD-10, DSM-IV) und sozialpsychologischer Forschungsergebnisse zu Stigmatisierungsprozessen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert im ersten Kapitel die Grundlagen der Klassifikation und Symptome, gefolgt von einer detaillierten Untersuchung der diagnostischen Probleme und der sozialen Auswirkungen (Stigmatisierung) im dritten Kapitel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schizophrenie, Diagnose, Stigmatisierung, Differentialdiagnose, psychiatrische Praxis und Rehabilitation.
Warum sind Fallbeispiele für die Diagnoseproblematik relevant?
Fallbeispiele veranschaulichen, wie voreilige Diagnosen ohne gründliche Abklärung des Gesamtbildes zu schwerwiegenden, unnötigen Konsequenzen wie langfristiger Medikation führen können.
Welchen Einfluss haben Medien auf das Leben von Patienten?
Medien festigen durch einseitige und oft negativ konnotierte Berichterstattung Stereotype, die zur Ausgrenzung und Diskriminierung Betroffener im Alltag beitragen.
- Arbeit zitieren
- Marlen Leukert (Autor:in), 2008, Die Probleme der Diagnose Schizophrenie aus Sicht der Behandelnden und Betroffenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140035