Wenn es den Idealtypus einer Zentralplanwirtschaft nach sowjetischem Vorbild ohne Privateigentum an Produktionsmitteln überhaupt jemals gegeben hat, die DDR gehörte bis 1972 nicht dazu. Bis zu diesem Zeitpunkt agierten in der Volkswirtschaft der DDR, unter ständigen ideologischen, rechtlichen und finanzpolitischen Druck der SED, über 11 000 private und halbstaatliche Industriebetriebe mit ca. einer halben Million Beschäftigten. Gemessen an der Zahl der Gesamtbetriebe in der DDR mögen diese Zahlen gering klingen, die Privatindustrie besaß jedoch bis zu ihrer Verstaatlichung von 1972 enorme Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern, für die Erstellung von Vorleistungen des staatlichen Maschinenbaus sowie für den Export in das kapitalistische Ausland. Wieso wurden diese Betriebe 1972 in Form einer Kampagne innerhalb eines viertel Jahres verstaatlicht, wenn ihr Anteil aufgrund rechtlicher und steuerlicher Zwänge sowie Alterung der Betriebsinhaber und Anteilseigner kontinuierlich zurückging und sich der ideologische Anachronismus privater Betriebe im Sozialismus peu a peu von selbst erledigte? Die Politik der SED folgte gegenüber privaten- und halbstaatlichen Unternehmen keinem klaren Konzept, sondern bewegte sich im Spannungsverhältnis von Ideologie und volkswirtschaftlichen Nützlichkeitserwägungen. Mit dem Machtantritt Honeckers 1971 sollte dieses Spannungsverhältnis endgültig aufgelöst werden und die soziökonomische Struktur an die der UdSSR angepasst werden. Dies erfolgte in Form einer Verstaatlichungskampagne im Frühjahr 1972, für die es seit Sommer 1971 verstärkt Anzeichen gab. Welche Gründe gab es für die die Verstaatlichungen. Wären diese aus rein wirtschaftlichen Gründen erfolgt, hätte man Sie schon im Zuge der Wirtschaftskrisen der fünfziger bzw. Anfang der sechziger Jahre durchführen können. Vermutlich gab es noch andere Motive, zumal in einem Staat, in dem das herrschende Regime den Anspruch eines Primates der Politik über alle gesellschaftlichen Bereiche erhob. Spielte also Vorgaben aus Moskau oder sozialpolitische Erwägungen eine Rolle. Insgesamt betrachtet hat die von Ulbricht eingeleitete und Honecker abgeschlossene Vernichtung der Privatwirtschaft die „Auszehrung der volkswirtschaftlichen Substanz fraglos beschleunigt“.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Forschungs- und Literaturstand
1.2 Vorgehen
2 Die Entwicklung der Privatwirtschaft bis zum Ende der sechziger Jahre
2.1 Die Entwicklung der Privatwirtschaft bis zum Abbruch des „Neuen Kurses“
2.2 Die Betriebe mit staatlicher Beteiligung
2.3 Privatindustrie in den sechziger Jahren
3 Die Verstaatlichungskampagne im Frühjahr 1972
3.1 Politische Weichenstellungen auf der 4. Tagung des ZK im Dezember 1971
3.2 Die Verantwortung der Blockparteien
3.3 Der Politbürobeschluss vom 08.Februar 1972
3.4 Der Verlauf der Kampagne
3.5 Unmittelbare Ergebnisse der Kampagne
4 Die Gründe der Verstaatlichungen
4.1 Gab es Vorgaben aus Moskau?
4.2 Sozialneid und Einkommensverteilung
4.3 Wirtschaftliche Gründe für die Verstaatlichungen
4.4 Der Wechsel von Ulbricht zu Honecker
5 Folgen der Verstaatlichungen
6 Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe und Ursachen der DDR-weiten Verstaatlichungskampagne von 1972. Ziel ist es, die Motive der SED für die Zerschlagung des privaten und halbstaatlichen Sektors zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, ob diese Entscheidung primär wirtschaftlich begründet war oder ideologischen Machtinteressen im Zuge des Machtwechsels von Walter Ulbricht zu Erich Honecker diente.
- Entwicklung und Rolle der Privatwirtschaft in der DDR bis 1971
- Die politische Steuerung der Verstaatlichung durch SED und Blockparteien
- Analyse der offiziellen und tatsächlichen Gründe für die Enteignungen
- Langfristige Folgen der Verstaatlichung für die Innovationskraft der DDR-Wirtschaft
Auszug aus dem Buch
3.4 Der Verlauf der Kampagne
Schenkt man Gerlach, dem Vorsitzenden der LDPD Glauben, kam Honecker bereits im Januar auf ihn zu um ihn zu bitten während des 11. LDPD Parteitages vom 16.-19. Februar 1972 in Weimar einen Versuchballon zu starten um die Reaktionen der Betroffenen Komplementäre zu erfahren. Deren Aufgabe war es, das gestiegene „politisch ideologische Bewusstsein des Mittelstandes“ durch Bereitschaftserklärungen zum Verkauf eigener Unternehmensanteile an den Staat zu inszenieren. Ein Großteil der Eigentümer und Komplementäre war jedoch keineswegs bereit seinen Betrieb an den Staat zu veräußern, wie sowohl die inoffiziellen Diskussionen hinter den Kulissen des LDPD Parteitages zeigten, als auch etliche Berichte des MfS, etwa im Zusammenhang mit dem Verlauf der Leipziger Frühjahrsmesse.
Der eigentliche Umwandlungsprozess lief für die Unternehmer in drei Etappen ab: In einer ersten erfolgte die „Überzeugung“ des Unternehmers zum Verkauf seines Unternehmens bzw. seiner Anteil, in der zweiten wurden Formalitäten in den jeweiligen Betrieben geklärt um schließlich die dritte, die eigentliche Gründung des VEB einschließlich der Berufung des neuen Betriebsleiters, vorzubereiten. Dass dieser Prozess im Einzelnen meist nicht freiwillig und mittels erheblichen Drucks von Seiten der örtlichen Parteiorgane und des MfS gegenüber den Komplementären und Unternehmern ablief, beschreibt Ebbinghaus äußerst detailreich am Beispiel des Kreises Suhl und des Bezirkes Karl-Marx Stadt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der privaten und halbstaatlichen Industriebetriebe in der DDR vor 1972 ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach den Gründen ihrer Verstaatlichung.
2 Die Entwicklung der Privatwirtschaft bis zum Ende der sechziger Jahre: Das Kapitel bietet einen historischen Überblick über den Umgang der SED mit dem privaten Sektor zwischen Enteignungswellen und Phasen wirtschaftlicher Notwendigkeit.
3 Die Verstaatlichungskampagne im Frühjahr 1972: Hier wird der unmittelbare politische Prozess der Verstaatlichungen beschrieben, von der Entscheidung auf dem 4. ZK-Plenum bis zur praktischen Umsetzung der Kampagne.
4 Die Gründe der Verstaatlichungen: In diesem zentralen Kapitel werden die verschiedenen Faktoren – von vermeintlichen Vorgaben aus Moskau über Sozialneid bis hin zu wirtschaftlichen Erfordernissen – kritisch untersucht.
5 Folgen der Verstaatlichungen: Das Kapitel beleuchtet die negativen Auswirkungen der Maßnahmen, insbesondere den Verlust an Innovationsfähigkeit und das Verschwinden kleinerer Konsumgüterprodukte.
6 Resümee: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung, die betont, dass die Verstaatlichung eine beschleunigte, aber inkonsequente Fortführung der DDR-Wirtschaftspolitik darstellte.
Schlüsselwörter
DDR, SED, Verstaatlichung, 1972, Privatwirtschaft, halbstaatliche Betriebe, Zentralplanwirtschaft, Erich Honecker, Walter Ulbricht, Wirtschaftskrise, Sozialismus, Enteignung, Arbeitsproduktivität, Mittelstand, Transformationsphase.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Verstaatlichungskampagne von 1972 in der DDR, bei der innerhalb weniger Monate fast alle verbliebenen privaten und halbstaatlichen Industriebetriebe in staatliches Eigentum überführt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Rolle des privaten Sektors in der DDR-Planwirtschaft, der politische Prozess der Entscheidung im Jahr 1972 sowie die sozioökonomischen Auswirkungen dieser radikalen Maßnahme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, welche Gründe ausschlaggebend für die Verstaatlichung waren und ob diese als notwendige wirtschaftliche Maßnahme oder als ideologische Zäsur durch die Ära Honecker zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen deskriptiven und historischen Ansatz unter intensiver Auswertung zeitgenössischer Dokumente, Parteitags-Redebeiträge, autobiographischer Aufzeichnungen und wirtschaftshistorischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Privatwirtschaft, die detaillierte Darstellung des Kampagnenverlaufs sowie eine tiefgehende Analyse der vier Hauptmotive: Moskaueinfluss, Sozialneid, wirtschaftliche Notwendigkeit und Machtwechsel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen DDR-Wirtschaftsgeschichte, Verstaatlichung, SED-Mittelstandspolitik, Betrieb mit staatlicher Beteiligung (BSB) und die Transformation von Privat- zu Volkseigentum.
Warum wird der Begriff „Versuchballon“ im Zusammenhang mit dem LDPD-Parteitag erwähnt?
Der Begriff bezieht sich auf die gezielte Strategie der SED, über die LDPD-Führung die Bereitschaft von Unternehmern zur freiwilligen Aufgabe ihrer Anteile zu testen, um die Kampagne als „freiwilligen“ Prozess zu inszenieren.
Welche Rolle spielten die Blockparteien wie die CDU oder LDPD bei den Verstaatlichungen?
Die Blockparteien agierten als Transmissionsriemen der SED-Politik und versuchten, durch vorauseilenden Gehorsam und aktive Mitwirkung an der Kampagne ihre eigene politische Existenz im DDR-System zu sichern.
- Arbeit zitieren
- Thomas Helmig (Autor:in), 2008, Die Verstaatlichungskampagne von 1972 in der DDR unter besonderer Berücksichtung ihrer Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140121