Welchen Einfluss hatte die Plünderung Roms 410 durch Alarich auf Orosius’ Historiographie "Historiae adversus paganos" und welche Rolle spielte die Theorie der "vier Weltreiche" in diesem Werk? Hierzu erörtern wir einleitend knapp den Kriegszug Alarichs gegen Rom. Anschließend stellen wir die Theorie der »vier Weltreiche« vor. Im Folgenden beschreiben wir die veränderte Lage der Christen und der Historiographie im 4. und frühen 5. Jahrhundert n. Chr. Anschließend untersuchen wir den Text "Historiae adversus paganos" von Orosius. Abschließend resümieren wir unsere erlangten Forschungserkenntnisse und ziehen ein Fazit. Die Quellengrundlage dieser Arbeit bilden die biblischen Bücher Daniels und das Buch "Historiae adversus paganos" aus dem Jahr 410–417 n. Chr. von Paulus Orosius, welche mithilfe von Sekundärliteratur eingeordnet und von uns im Hinblick auf unsere Forschungsfrage untersucht werden.
Im Gegensatz zu früheren Darstellungen der Ereignisse um 410 klassifiziert die moderne Geschichtswissenschaft den Fall Roms 410 nicht als jähes oder plötzliches Ereignis, das unweigerlich zum Untergang des Weströmischen Reiches führte. Der "Katastrophentheorie" entgegen steht die Ansicht, "barbarische" – in ihrer Mehrheit germanische – Völker seien langsam und beinahe ausschließlich friedlich in das Römische Reich immigriert. Doch um 250 n. Chr. begannen Goten erstmals eine Reihe gewalttätiger Einfälle im Osten des Limes, als sie – unter Druck von den aus Osten stammenden Völkern – den fortschreitenden Zerfall der Macht Roms und seine folgliche Schwächung dank der zahlreichen Mitglieder ihres Volkes, die sich friedlich im Römischen Reich etabliert hatten, erkannten. Von 251 bis 270 verwüsteten Gotenkrieger Mösien, Thrakien, plünderten Athen und schlugen Kaiser Decius, ehe Kaiser Aurelianus ein Ansiedelungs- und Friedens-Abkommen mit ihnen schloss, das mehr als ein Jahrhundert (bis 375) währte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eroberung Roms 410 durch Alarich
3. Die Theorie der »vier Weltreiche«
3.1 Daniel 2 – der Traum Nebukadnezars
3.2 Daniel 7 – der Traum Daniels
3.3 Vergleich von Daniel 2 und 7
4. Historiographien vor 410
4.1 Die veränderte Lage der Christen und der Historiographie im 4. und frühen 5. Jahrhundert n. Chr.
4.2 Hieronymus
5. Die Veränderung der Theorie der »vier Weltreiche« nach Roms Plünderung in Orosius' Werk
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Eroberung Roms durch Alarich im Jahr 410 auf die Geschichtsschreibung des Paulus Orosius, insbesondere sein Werk Historiae adversus paganos, und analysiert, wie er hierbei die biblische Lehre von den vier Weltreichen theologisch neu interpretierte.
- Die historische Einordnung der Plünderung Roms 410 durch die Westgoten.
- Die Analyse der biblischen Weltreich-Theorie in den Büchern Daniel 2 und 7.
- Die Untersuchung der christlichen Historiographie und ihrer Entwicklung vor und nach 410.
- Der Vergleich der Interpretation der Weltereignisse bei Orosius gegenüber heidnischen zeitgenössischen Sichtweisen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Daniel 2 – der Traum Nebukadnezars
Im zweiten Kapitel des Buches Daniel berichtet der Prophet vom Traum Nebukadnezars und dessen Deutung. Daniel legt im biblischen Text den Zeitpunkt des Geschehens fest: Es handelt sich um das zweite Jahr von Nebukadnezars Regierungszeit. Da die Amtsperiode des Herrschers überliefert ist, lässt sich dieses Ereignis – schenken wir der Bibel Glauben – auf das Jahr 603 v. Chr. datieren.
Im besagten Buch erwacht der babylonische König aus einem Traum und ist von diesem so sehr verschreckt, dass er „alle Zeichendeuter und Weisen und Zauberer und Wahrsager zusammenrufen“ lässt, um ihm diesen zu deuten. Keinem dieser Seher gelingt es, Nebukadnezars Traum zu deuten. Der König war darüber so sehr verärgert, dass er den Plan hegte, alle Weisen in Babel töten zu lassen. Von diesem Urteil war auch Daniel betroffen. Dieser bat jedoch den König um eine Frist und wandte sich an seinen Gott, der im Text nicht namentlich erwähnt, sondern nur Gott des Himmels genannt wird, um sein Leben und das der anderen Propheten zu retten. In der folgenden Nacht wurde Daniel die Bedeutung des königlichen Traumes offenbart, sodass er ihm diesen deuten konnte.
Der König sollte von einem großen Bild, „das schrecklich anzusehen“ war geträumt haben. Der Kopf dieses Abbildes – höchstwahrscheinlich ist damit eine Statue gemeint – soll „von feinem Gold, seine Brust und seine Arme [...] von Silber, sein Bauch und seine Lenden [...] von Kupfer, seine Schenkel [...] von Eisen [und] seine Füße teils von Eisen und teils von Ton“ gewesen sein. Zusätzlich sollte Nebukadnezar von einem Stein geträumt haben, der aus dem Himmel herabstürzte und das Bildnis zerstörte, sodass nichts mehr von allem zu erkennen war und nur noch der Stein zu einem Berg wurde und „die ganze Welt füllte“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung benennt die Forschungsfrage nach dem Einfluss der Plünderung Roms auf Orosius' Historiae adversus paganos und führt in die theoretischen Grundlagen ein.
2. Eroberung Roms 410 durch Alarich: Dieses Kapitel skizziert die historischen Hintergründe der westgotischen Ansiedlungsversuche auf römischem Gebiet und die Eskalation, die zum Fall der Stadt führte.
3. Die Theorie der »vier Weltreiche«: Hier erfolgt eine Analyse der biblischen Daniel-Texte und der darin enthaltenen Prophetie über aufeinanderfolgende Reiche.
4. Historiographien vor 410: Das Kapitel untersucht die christliche Geschichtsschreibung vor dem Ereignis des Jahres 410 und die Rolle von Hieronymus als Vorläufer.
5. Die Veränderung der Theorie der »vier Weltreiche« nach Roms Plünderung in Orosius' Werk: Das Hauptkapitel analysiert die spezifische Transformation der Weltreich-Lehre durch Orosius unter dem Eindruck des traumatischen Ereignisses.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Orosius erfolgreich eine christliche Geschichtstheologie formuliert, die Roms Fall interpretatorisch in den Heilsplan integriert.
Schlüsselwörter
Paulus Orosius, Alarich, Plünderung Roms 410, Historiae adversus paganos, Daniel, Weltreich-Theorie, Geschichtstheologie, christliche Historiographie, Hieronymus, Heilsplan, Spätantike, Westgoten, Gotteskritik, Apokalyptik, Reichsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die geistige Reaktion christlicher Denker, insbesondere Orosius, auf die traumatische Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahr 410.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Schwerpunkte sind die christliche Geschichtsschreibung, die Interpretation apokalyptischer biblischer Texte und die politische Selbstdarstellung des Römischen Reiches in der Spätantike.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Orosius das Ereignis des Jahres 410 in den christlichen Heilsplan integriert und die Theorie der vier Weltreiche umdeutete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse historischer Quellen sowie theologische Exegese, unterstützt durch moderne sekundärhistorische Ansätze.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung biblischer Vorlagen (Daniel), die Analyse der zeitgenössischen historiographischen Tradition und die spezifische Auswertung von Orosius' Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Orosius, Weltreich-Theorie, Heilsgeschichte, und Roms Fall.
Warum war die Deutung des traumatischen Ereignisses von 410 so wichtig für Orosius?
Da heidnische Zeitgenossen den Untergang Roms auf die Abkehr von den alten Göttern zurückführten, sah Orosius sich gezwungen, eine alternative, positive christliche Deutung zu liefern.
Wie unterscheidet Orosius die Weltreiche nach der Geburt Christi?
Orosius betont, dass in der christlichen Ära die kriegerischen Auseinandersetzungen Gottes Wirken unterstellt sind und somit humaner sowie weniger blutig verlaufen als in der vorchristlichen Zeit.
- Arbeit zitieren
- Julian Drescher (Autor:in), 2020, Die Eroberung Roms durch die Westgoten 410 und die Lehre von den vier Weltreichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1401289