In der vorliegenden Hausarbeit werde ich den Brief des Alexios untersuchen, ihn anhand verschiedener geschichtswissenschaftlicher Meinungen einordnen, mögliche Argumente für und wider der Fälschungs- bzw. Echtheits-These abwägen und abschließend ein Fazit ziehen, in dem ich die Frage verfolge: Ist es möglich, dass der Brief des Alexios einen wahren historischen Kern enthält?
Meine Arbeit grundiere ich mit den historischen Quellen der Gesta Dei per Francos von Abt Guibert von Nogent, verfasst 1106–1109, in der der Verlauf des Ersten Kreuzzugs geschildert wird, der Historia Hierosolymitana, in der Robert von Reims zwischen 1006 und 1118 eine Fassung des kompletten »Briefs« verewigte und Anna Komnenas Alexias, in der Alexios Komnenusʼ Tochter um das Jahr 1148 ein Geschichtswerk über die Taten ihres Vaters verfasste.
Der Forschungsstand zum »Brief« ist folgender: Neun monografische Aufsätze und eine schwer festzustellende Anzahl an Erwähnungen und Bemerkungen beschäftigten sich mit dem »Brief«. Die umfangreichste und detaillierteste Untersuchung verfasste 1879 der Kreuzzughistoriker Riant; er hielt den »Brief« in Gänze für eine Fälschung, den Robert von Reims nach dem gelungenen Ersten Kreuzzug im Orient anfertigte und als Excitatorium der Historia Hierosolymitana anfügte.
Inhaltsverzeichnis
1. Gliederung
2. Einleitung
3. Robert von Flandern und Alexios Komnenen
4. Der Brief des Kaisers Alexios I Komnenen an den Grafen Robert I von Flandern
4.1 Probleme der Form des »Briefs«
4.1.1 Das falsche Protokoll
4.1.2 Falscher Aufbau eines byzantinischen Auslandsschreibens
4.2 Probleme der Sprache des »Briefs«
4.2.1 Ich- und Wir-Form im »Brief«
4.2.2 Andere falsch verwendete Ausdrücke
4.3 Probleme des Inhalts des »Briefs«
4.3.1 Teil eins
4.3.2 Teil zwei
4.3.3 Teil drei
4.4 Probleme der Datierung des »Briefs«
5. Besteht die Möglichkeit, dass der »Brief« einen wahren Kern enthält?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Authentizität des an Robert von Flandern gerichteten Briefes von Kaiser Alexios Komnenen, der in der Historiographie des Ersten Kreuzzugs eine bedeutende Rolle spielt. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob es möglich ist, dass dieses Dokument einen wahren historischen Kern enthält oder ob es sich um eine vollständige Fälschung handelt.
- Analyse der formale Struktur und des byzantinischen Protokolls.
- Untersuchung sprachlicher Anachronismen und inhaltlicher Ungereimtheiten.
- Einordnung in den historischen Kontext des ausgehenden 11. Jahrhunderts.
- Vergleich mit zeitgenössischen Quellen wie der Gesta Dei per Francos und der Historia Hierosolymitana.
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Das falsche Protokoll
Zum kaiserlichen Protokoll im »Brief« ist folgendes zu sagen: Das Schreiben kombiniert Intitulatio und Salutatio, wie es in Byzanz erst in den 1150er Jahren (nach westlicher Imitation) üblich wäre. Der byzantinische Kaiser – der sich eigentlich als imperator Romeon (oder Romanorum) tituliert – bezeichnet sich im »Brief« mehrfach als imperator Constantinopolitanus. Diese Titulierung ist eine in westlichen Quellen häufig verwendete abwertende Wendung.
Auch die Verbindung von verschiedenen Personen in der Anrede entspricht nicht byzantinischen Gewohnheiten. Des Weiteren ist die Formulierung et pacem in [eodem] Domino nostro Iesu Christo et Patre eius ae Spiritu sancto in Byzanz aufgrund der unterschiedlichen christlichen Glaubensauffassung nicht wahrscheinlich und findet sich in keinem anderen überlieferten kaiserlichen Schreiben. Auch ist es in Byzanz nicht üblich, die Salutatio am Beginn des Briefs noch einmal zu wiederholen. Das Protokoll lässt sich demnach in keinem Punkt auf ein byzantinisches Schreiben zurückführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gliederung: Übersicht über den Aufbau der wissenschaftlichen Arbeit.
2. Einleitung: Hinführung zur Problematik des Briefes als historisches Dokument und Darstellung des Forschungsstandes.
3. Robert von Flandern und Alexios Komnenen: Skizze der historischen Beziehung beider Akteure als Voraussetzung für die Authentizitätsprüfung.
4. Der Brief des Kaisers Alexios I Komnenen an den Grafen Robert I von Flandern: Zentrale Analyse des Dokuments hinsichtlich Form, Sprache und Inhalt.
5. Besteht die Möglichkeit, dass der »Brief« einen wahren Kern enthält?: Synthese der Untersuchungsergebnisse und abschließende Einschätzung des historischen Wahrheitsgehalts.
Schlüsselwörter
Alexios Komnenen, Robert von Flandern, Erster Kreuzzug, Historische Authentizität, Byzanz, Diplomatik, Quellenkritik, Fälschungsvorwurf, Kreuzzugshistoriographie, Historia Hierosolymitana, Gesta Dei per Francos, Excitatorium, Pelschenegen, Seldschuken, Konstantinopel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die Echtheit eines historischen Schreibens, das dem byzantinischen Kaiser Alexios Komnenen zugeschrieben wird und an den Grafen Robert von Flandern gerichtet sein soll.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen diplomatische Quellenkritik, byzantinische Kaiserurkunden, die Geschichte des Ersten Kreuzzugs und das Verhältnis zwischen dem lateinischen Westen und Byzanz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, durch eine detaillierte Analyse der Form, Sprache und des Inhalts zu klären, ob der Brief authentisch ist oder als politisch motivierte Fälschung eingestuft werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Methode angewandt, bei der das Dokument mit den Standards byzantinischer Auslandsschreiben sowie historischen Tatsachen der Zeit abgeglichen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Untersuchungen zur formalen Struktur, zur zeitgenössischen Sprache und zur inneren Logik der berichteten Ereignisse im Brief.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Quellenkritik, byzantinische Diplomatie, Authentizitätsprüfung und Kreuzzugsgeschichte charakterisieren.
Warum wird der "Brief" oft als Fälschung betrachtet?
Der Brief enthält zahlreiche Anachronismen und sprachliche Wendungen, die in byzantinischen Kanzleien des 11. Jahrhunderts unüblich waren, aber in westlichen Quellen des Mittelalters vorkommen.
Welche Rolle spielt die Datierung für die Glaubwürdigkeit?
Die Datierung im Dokument widerspricht oft den historisch nachweisbaren Ereignissen in Byzanz, was den Verdacht eines tendenziösen Excitatoriums zur Mobilisierung des Westens erhärtet.
- Arbeit zitieren
- Julian Drescher (Autor:in), 2020, Der Brief von Kaiser Alexios I Komnenus an Robert, den Grafen von Flandern. Fake News aus dem Mittelalter oder authentisches Zeugnis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1401291