Das Motiv "Pflicht und Neigung" in: Die Jungfrau von Orleans

An welchen Stellen ist das Motiv anwendbar und wo gerät es an seine Grenzen?


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Prolog – der Helm als Zeichen

3 Die ‚brutale’ Jungfrau kämpft für ihr Land

4 Der Wandel im Inneren der Jungfrau
4.1 Montgomery- Szene
4.2 Der schwarze Ritter
4.3 Lionel- Szene

5 Johanna voller Schuldgefühle und Zweifel

6 Johannas Erhöhung als ‚tragisches’ Ende

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Jungfrau von Orleans“ ist eines der bekanntesten Werke Friedrich Schillers. Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete es sogar als Schillers bestes Werk1. Auch die Uraufführung des Werkes am 11. September 1801 in Leipzig bekam großen Beifall und wurde viel bejubelt. Somit kann diese „romantische Tragödie“ eine lange Erfolgsgeschichte aufweisen, die bis in die heutige Zeit anhält.

Aufgrund des großen Interesses für dieses Werk, gibt es auch zahllose Versuche, den Inhalt und die Aussage des Stücks zu deuten und zu interpretieren. Diese Versuche führen seit Jahren zu unterschiedlichsten Deutungsansätzen, die – meist mehr oder weniger – umstritten und nicht von jedem grundlegend akzeptiert werden. Norbert Oellers umschreibt diesen Zustand sehr treffend mit den Worten: „Die Rezeptions- geschichte der Tragödie ist das Ergebnis überspielter Ratlosigkeiten“.2 Man kann also sagen, dass es nicht eine Deutungsrichtung gibt, die an keiner Stelle bezweifelt werden kann. So gibt es „lediglich einen Grundkonsens über prinzipielle Richtungen der Deutung des Stückes, aber keine, von übergreifendem Konsens“.3

Einer der vielen Deutungsansätze beschäftigt sich mit dem Konflikt des Stückes, der zweifellos innerhalb der Protagonistin angesiedelt ist. Oft wird Johannas Handeln als Konflikt zwischen ihren Neigungen und ihrer Pflicht beschrieben. Eine umrissene Zusammenfassung dieser Auffassung beschreibt Inge Stephan:

In Johanna stehen sich [...] Pflicht und Neigung unversöhnlich gegenüber. Die Pflicht treibt Johanna in den Kampf [...]. Die Neigung lässt sie sich in den Engländer und Feind Lionel verlieben und weckt in ihr Wünsche nach Liebe und Zärtlichkeit. [...] Erst im Heldentod versöhnen sich die beiden widerstreitenden Prinzipien. Johanna überwindet die Sinnlichkeit und ringt sich zur Pflicht durch. 4

Doch kann man das Geschehen des Stückes mit einer so einfachen und pauschalen Aussage beschreiben? Kann man durchweg behaupten, dass Johanna nur aus Pflicht

und als reines „Werkzeug Gottes“5 gegen ihre Neigungen handelte?

Meines Erachtens lebt Johanna ihre Neigungen nicht nur aus, als sie die Liebe zu Lionel zeigt und sie wird auch am Ende des Stückes nicht in den Himmel erhoben, weil sie sich gegen ihre Neigungen für die Pflicht entschieden hat. Dieser Deutungsansatz wäre ganzheitlich gesehen zu banal.
Mit dieser Hausarbeit möchte ich aufzeigen, an welchen Stellen dieses Motiv durchaus anwendbar ist und – vor allem – wo es eindeutig an seine Grenzen gerät, denn „Die Jungfrau von Orleans ist eine eindeutige Absage an solche einsinnigen Deutungsversuche; der tragische Knoten bleibt komplex und lässt sich nicht mit einem Schlagwort zerhauen.“6

2 Prolog – der Helm als Zeichen

Wenn man also untersuchen möchte, ob Johanna den Sendungsauftrag nur ausführt, weil es ihre Pflicht ist und sie somit keinen eigenen Willen verfolgen würde, dann ist es besonders wichtig, auf den Prolog einzugehen. Dieser bietet bereits viele Hinweise darauf, dass Johanna den Auftrag eben nicht nur als reine Pflicht sieht.

Als hätte sie nur auf ein Zeichen gewartet, reißt sie Bertrands Helm an sich und beginnt begeistert von der Errettung Orleans zu sprechen, während der Sendungsauftrag noch nicht einmal erwähnt wurde. Auch Raimond bemerkt, dass es der Helm ist, „der sie so kriegerisch beseelt“ (Prolog/3, V. 329). Johanna spricht außerdem in höchsten Tönen von ihrem geliebten Vaterland und ist besorgt um dessen Zukunft.

Erst im vierten Auftritt des Prologs „versteht Johanna ihre patriotische Begeisterung [...] als Berufung“7 und man erfährt durch Johanna selbst von ihrem Sendungsauftrag. Sie erzählt, Gott habe zu ihr gesprochen und ihr den Auftrag erteilt, ihr Land zu retten, ihren König zu krönen und sich dabei nicht zu verlieben. Sie sieht den Helm als Zeichen Gottes (Prolog/4, V. 425f.) und fühlt sich durch ihn stark. Sie „durchflammt der Mut“ (V. 428) und „es treibt [sie] fort“ (V. 430).

Somit kann man eindeutig den „patriotischen Affekt als das Primäre in Johannas seelischem Haushalt“8 sehen, da sie zuerst begeistert von der Errettung Orleans spricht und erst im Anschluss an eine Rede voller Vaterlandsliebe ihren Sendungsauftrag nennt. Somit könnte man mit Karl Guthkes Worten treffend zusammenfassen: „Das Nationale kommt zuerst, Sendungsbewusstsein folgt“.9

Sie sieht also den Helm als Zeichen Gottes, „zögert nicht, dem Auftrag zu folgen“10 und zieht „begeistert in den Kampf“11, um die französischen Truppen zum Sieg zu führen. Somit kann man eindeutig sagen, dass sie den Auftrag nicht als reine Pflicht ausführt, sondern dass dieser auch ihrem eigenen Willen entspricht und sie so vollkommen identisch mit sich selbst ist.

3 Die ‚brutale’ Jungfrau kämpft für ihr Land

Nachdem Johanna also ihren Auftrag angenommen hat, zieht sie in ihren ersten Kampf. Dieser erste Kampf wird von Raoul, einem Ritter, geschildert, der ihn selbst miterlebt hat. Er beschreibt Johanna als „eine Kriegsgöttin, schön zugleich / Und schrecklich anzusehen“ ( I/9, V. 956f.), die ihr Heer mutig und ohne Furcht anführt ( I/9, V. 961-963). Durch ihren „Enthusiasmus, den sie den zersprengten und mutlosen französischen Truppen einflößt“ 12 kann sie „enorme kollektive Energien [wecken]“13.

Schon in ihrem ersten Kampf zeigt sich eindeutig die Brutalität, mit der die Jungfrau kämpft. So beschreibt Raoul den Kampf mit folgenden Worten: „Ein Schlachten war`s, nicht eine Schlacht zu nennen!“ ( I/9, V. 981), denn „neben postulierter Reinheit [...] hat Johanna auch eine „grauenhafte Rückseite“, die sich in Brutalität manifestiert“14.

[...]


1 vgl. NA 31, S. 36f.

2 vgl. Oellers, Norbert: „Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?“; 1996; S. 247.

3 vgl. Zymner, Rüdiger: Friedrich Schiller; 2002; S. 123.

4 vgl. Stephan, Inge: Hexe oder Heilige; 1988; S. 56.

5 vgl. Guthke, Karl S.: „Die Jungfrau von Orleans“ – Sendung und Witwenmachen; S.118.

6 vgl. Luserke-Jaqui, Matthias: Friedrich Schiller ; 2005 ; S. 328.

7 vgl. Guthke, Karl S.: „Die Jungfrau von Orleans“ – Sendung und Witwenmachen; 1996; S. 123.

8 vgl. Guthke, Karl S.: „Die Jungfrau von Orleans“ – Sendung und Witwenmachen; 1996; S. 123.

9 vgl. ebd. S. 124.

10 vgl. Oellers, Norbert: Schiller – Elend der Geschichte, Glanz der Kunst; 2005; S. 256.

11 vgl. ebd. S. 255.

12 vgl. Koschorke, Albrecht: Schillers Jungfrau von Orleans und die Geschlechterpolitik der Französischen Revolution; 2006; S. 243.

13 vgl. ebd. S. 247.

14 vgl. Darsow, Götz-Lothar: Friedrich Schiller; 2000; S, 204.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Motiv "Pflicht und Neigung" in: Die Jungfrau von Orleans
Untertitel
An welchen Stellen ist das Motiv anwendbar und wo gerät es an seine Grenzen?
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
"Schillers Dramen"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V140210
ISBN (eBook)
9783640472895
ISBN (Buch)
9783640472505
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflicht, Neigung, Jungfrau, Orleans, Schiller, Motiv, Pflicht und Neigung, Neigung und Pflicht, Jungfrau von Orleans, Friedrich
Arbeit zitieren
Lucie Wettstein (Autor), 2009, Das Motiv "Pflicht und Neigung" in: Die Jungfrau von Orleans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140210

Kommentare

  • Gast am 19.11.2009

    Einfach nur empfehlenswert! .

    Ich würde definitiv sagen, dass dies die wohl besten 11,99 Euro sind, die ich seit langem in ein Buch investieren durfte!
    Vielen Dank, Frau Wettstein!

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Titel: Das Motiv "Pflicht und Neigung" in: Die Jungfrau von Orleans



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