Gewaltlosigkeit und Feindesliebe in der Bergpredigt

Ethische Betrachtungen


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Textanalytischer Teil
2.1 Vom Töten und von der Versöhnung
2.2 Von der Vergeltung
2.3 Von der Liebe zu den Feinden
2.4 Die Seligpreisungen

3. Weiterführende Schlussfolgerungen

4. Fazit

5. Literatur/ Quellen

1. Einleitung

Auf den folgenden Seiten soll der Versuch gemacht werden, eine aktuelle ethische Sicht auf die Aspekte von Gewaltlosigkeit und Feindesliebe in der Bergpredigt[1] zu richten. Ein solches Unternehmen muss sich natürlich den Vorwurf der Bezogenheit auf die eigenen Zeitläufte und der Entfernung vom Worte Jesu gefallen lassen, wie alle Bibelexegese und am Ende alle Theologie. Aber nach der Auffassung des Schreibers der vorliegenden Arbeit ist gerade die Bergpredigt ein Text, der gemacht ist für die konkrete Exegese in der konkreten Zeit, in der der Mensch als Leser der Bibel jeweils verhaftet ist. Anders als in der konkreten, konkret auf die Zeit bezogenen Exegese kann dieser Text wohl für den Leser auch gar keinen christlichen Sinn gewinnen.

In diesem Sinn sollen auf den folgenden Seiten konkrete Textstellen im Rahmen einer subjektiven, der Zeit und den Umständen der Rezeption folgenden Ethik betrachtet werden. feindesliebe und Gewaltlosigkeit sind denn auch keine festen Bedeutungsdimensionen - wie der Schreiber der vorliegenden Arbeit die Rolle dieser Begriffe versteht - sondern Kategorien eines konkreten christlichen Auftrags an alle Leser.

Gegliedert ist die vorliegende kleine Arbeit in eine kurze orientierende Einleitung, einen textanalytischen Teil, der vier Textstellen beleuchten soll sowie einen Teil mit weiterführenden Schlussfolgerungen. Ein bündiges Fazit soll die Arbeit dann abschließen.

2. Textanalytischer Teil

2.1 Vom Töten und von der Versöhnung

Ein zentrales Element der „Magna Charta der christlichen Friedensethik“[2] (Johannes Beutler) ist der Abschnitt über das Töten und die Versöhnung, mit heutigen Worten vielleicht am besten als Abschnitt über die elementare, archaische Gewalt und den Umgang mit ihr bezeichnet. Die vollständige Stelle lautet im Text der Einheitsübersetzung:

„21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. 25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. 26 Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.“

Diese Stelle ist deshalb vollständig zitiert worden (was unüblich ist), weil sie zu jenen Stellen der heiligen Schrift gehört, die wohl am häufigsten unvollständig zitiert, ja aus dem Zusammenhang gerissen in Bruchstücken zitiert werden. Im Zitat finden sich die Worte vom Zorn gegen den Nächsten, dem nach nicht verfallen soll und vom Dummkopf, den man seinen Nächsten nicht nennen soll. Im Folgenden soll die Stelle auf ihre ethische Dimension als Ganzes im Zusammenhang der Bergpredigt betrachtet werden.

Jesus greift zunächst das Gebot auf, das das Töten verbietet; dieser Rückbezug ist, wie Jesus an einer anderen Stelle der Bergpredigt betont, nicht als Revision, sondern als Erfüllung der Gebote des Alten Testaments zu verstehen: Jesus legt die Worte des Alten Testaments also neu aus, so wie ein Theologe dies auch mit der Bergpredigt tun würde, wenn er es mit einer historisch bedingten Sedimentation an starren Fehlauslegungen zu tun hätte. Zunächst tut Jesus in seiner Abhandlung über die elementare Gewalt also nichts anders, als die Voraussetzungen für seine Exegese des Alten Testaments zu definieren. Diese Voraussetzungen fasst Jesus als „Erfüllung“: Er widerspricht nicht, sondern erfüllt die alten Worte mit dem Leben einer neuen semantischen Fortsetzung in der Richtung hin zum Nächsten. Seine exegetische Strategie der Erfüllung[3] ist eine Strategie der semantischen Erweiterung; die Struktur dieser semantischen Erweiterungsstrategie soll im Folgenden näher auseinandergesetzt werden.

Jesus greift das alttestamentarische Tötungsverbot auf; er bestätigt seine Gültigkeit, hängt aber noch eine wesentliche Fortsetzung daran; er besteht darauf, dass die Tötung nicht nur in der physischen Vernichtung eines Menschen als verbotswürdige Handlung beginne, sondern dass eine Tötung ex pricipio auch in einer anderen Handlung stattfinden kann. Das Tötungsverbot gilt nach Jesus also auch für Handlungen, die nicht physisch töten.

Solche Handlungen sind aber ein Töten im christlichen Sinn; und Jesus führt genau aus, was er zu den Handlungen rechnet, die im christlichen Sinne eine phänomenologische Übereinstimmung mit dem Tötungsakt aufweisen: Der Zorn gegen den familiär Vertrauten, die verbale Erniedrigung als minderwertiges menschliches Wesen, die soziale Erniedrigung als glaubens- und gesellschaftsfremd. Diese vor allem verbalen Handlungen rechnet Jesus also zur phänomenologischen Tatklasse der Tötungen. Die Strafen, die Jesus dafür in Aussicht stellt, sind denen der Tötung ebenbürtig.

Die Strafidentität im Hinblick auf so unterschiedliche Handlungen wie einer verbalen Erniedrigung und einer physischen Tötung muss zu denken geben. Für Jesus ist das Töten in logischer Folge kein isolierter phänomenologisch klarer Akt, sondern eine strukturelle Dimension menschlichen Handelns. Gewalt ist Töten; sie beginnt bei dem Schimpfwort und endet bei der physischen Tötung. Diese Botschaft einer strukturellen Gewalt als verbotswürdiger Handlungsstruktur verbietet im Grund auch die moralische Distanzierung von der Sünde des Tötungsakts als physischer Tötung: Der Mensch kann sich nicht von der Struktur der Gewalt distanzieren, weil er fast immer mitten drin steckt. Für Jesus ist die moralische Heuchelei gegenüber der rohen physischen Gewalt also inakzeptabel.

Diese wirkungsvolle Distanzierung von der Heuchelei der „harmlosen Sünde“ verbaler oder andersartiger struktureller Gewalt gegenüber der „schweren Sünde“ etwa des physischen Mordes kann als eine der ganz zentralen christliche Wertsetzungen begriffen werden.

Jesus geht aber auch gegen eine andere Dimension der Heuchelei gegenüber der Gewalt vor: Er bezieht sich ab V 23 auf jene Haltung, die den Groll und die sozialen Konflikte der Menschen bewusst ignoriert in der Vorstellung, selbst „schuldlos“ zu sein an diesen Zusammenhängen und Empfindungszuständen im zwischenmenschlichen Bereich. Jesus befiehlt den ersten Christen, im Falle der Wahrnehmung von zwischenmenschlichen Spannungen der Sache auf den Grund zu gehen und selbst die Versöhnung zu betreiben. Wichtig erscheint hier der Aspekt der Initiative; der Christ ist nach Jesus dazu verpflichtet, klärend auf den Nächsten zuzugehen und aktiv eine Lösung zu suchen. Er soll seine Geschäfte unterbrechen, auch den Göttern nicht opfern, wenn er eine derartige Beobachtung macht.

[...]


[1] MK 5,1- 7,29.

[2] Beutler, Johannes: Die Bergpredigt -- Magna Charta christlicher Friedensethik, in: Justenhoven, Heinz-Gerhard/Schumacher, Rolf (Hrsg.): „Gerechter Friede“ -- Weltgemeinschaft in der Verantwortung. Zur Debatte um die Friedensschrift der deutschen Bischöfe, Stuttgart 2003, S. 29- 40.

[3] Vgl. dazu auch: Büchele, Herwig: Bergpredigt und Gewaltfreiheit, in: Stimmen der Zeit 199 (1981), S. 636f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gewaltlosigkeit und Feindesliebe in der Bergpredigt
Untertitel
Ethische Betrachtungen
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Theologie und Ethik)
Veranstaltung
Friedensethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V140293
ISBN (eBook)
9783640484812
ISBN (Buch)
9783640484928
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewaltlosigkeit, Feindesliebe, Bergpredigt, Ethische, Betrachtungen
Arbeit zitieren
Robert Falk (Autor), 2009, Gewaltlosigkeit und Feindesliebe in der Bergpredigt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140293

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gewaltlosigkeit und Feindesliebe in der Bergpredigt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden