Kaum einem Philosophen kann treffender das Prädikat: eindeutige politische Zweideutigkeit, zweideutige politische Eindeutigkeit, zugeschrieben werden als Friedrich Nietzsche. Kurt Tucholsky formulierte 1932 in diesem Zusammenhang treffend: „Einige Analphabeten der Nazis, die wohl deshalb unter die hitlerischen Schriftgelehrten aufgenommen worden sind, weil sie einmal einem politischen Gegner mit dem Telephonbuch auf den Kopf gehauen haben, nehmen Nietzsche heute als den ihren in Anspruch. Wer kann ihn nicht in Anspruch nehmen! Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafür ein Nietzsche-Zitat besorgen. Bei Schopenhauer kann man das nicht so leicht: Bei Nietzsche … Für Deutschland und gegen Deutschland; für den Frieden und gegen den Frieden; für die Literatur und gegen die Literatur – was sie wollen.“
Und doch oder aber eben gerade deswegen galt Nietzsche lange Zeit in der Rezeption unter Historikern, Philosophen und Politikern aller Couleur als intellektueller Wegbereiter des nationalsozialistischen Gedankengutes und der faschistischen Ideologie. Um die Frage nach einer wie auch immer gearteten Vorläuferschaft Nietzsches zu beantworten sollte ein Blick in seine Werke genügen, hierbei fällt auf, dass in keinem einzigen seiner Texte die Vokabel Faschismus oder auch faschistisch fällt. Woraus schöpfen also derartige Behauptungen ihre Legitimation?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Einführung in die wissenschaftliche Relevanz
1.2 Forschungsstand
1.3 Aufbau und Vorgehensweise
2. Nietzsches politische Zentralmotive und seine Verwendbarkeit für den Faschismus
2.1 Die Verbindung eines Machtstaates mit einem Zweckstaat
2.2 Der Kriegsbegriff bei Nietzsche
2.3 Die Politische Rassenontologie Nietzsches
3. Fazit
4. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis von Friedrich Nietzsches Philosophie zum Faschismus und Nationalsozialismus, um zu analysieren, inwiefern Nietzsches Denken als ideologische Grundlage für diese Bewegungen instrumentalisiert wurde.
- Analyse der politischen Zentralmotive in Nietzsches Werk
- Untersuchung der instrumentellen Rezeption durch das NS-Regime
- Auseinandersetzung mit den Begriffen Machtstaat und Zweckstaat
- Diskussion des Nietzsche'schen Kriegsbegriffs zwischen Pazifismus und Barbarei
- Kritische Beleuchtung der politischen Rassenontologie bei Nietzsche
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Kriegsbegriff bei Nietzsche
Nietzsche wurde in seiner Rezeption als Pazifist und Kriegstreiber gleichermaßen betitelt. Er zeigt sich als nicht fassbar, als jemand, der alsbald diese, alsbald jene Position bezieht und gerade im Widerspruch sein Heil zu finden scheint.
1878 schreibt er zum Krieg im ersten Teil von „Menschliches, Allzumenschliches“: „ Der Krieg ist unentbehrlich (…), nicht nur der Kriege, sondern der grössten und furchtbarsten Kriege – also zeitweilige Rückfälle in die Barbarei – (…), um nicht an den Mitteln der Cultur ihre Cultur und ihr Dasein selber einzubüssen.“ Den kulturstärkenden Einfluss von kriegerischen Auseinandersetzungen findet man bei Nietzsche an einer Reihe von weiteren Stellen, zum Teilen mit Verweisen auf die Vorbildfunktion der Griechen in der Antike, Krieg als Form der Zivilisation, und Zivilisation die erst durch Krieg ihre Vollkommenheit erreichen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die politische Zweideutigkeit Nietzsches und stellt die Forschungsfrage nach seiner Rolle als Wegbereiter des Faschismus.
2. Nietzsches politische Zentralmotive und seine Verwendbarkeit für den Faschismus: In diesem Kapitel werden Nietzsches Konzepte zu Macht, Staat, Krieg und Rasse analysiert und auf ihre Kompatibilität mit faschistischer Ideologie geprüft.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Nietzsches Philosophie zwar instrumentalisierbar war, aber durch ihre innere Widersprüchlichkeit einer einfachen politischen Einordnung widersteht.
4. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Primärtexte auf.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Faschismus, Nationalsozialismus, Machtstaat, Zweckstaat, Protofaschismus, Rassenontologie, Kriegsbegriff, Instrumentalisierung, politische Ideologie, Philosophiegeschichte, Übermensch, Wille zur Macht, Antisemitismus, Rezeptionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das komplexe und kontroverse Verhältnis zwischen der Philosophie Friedrich Nietzsches und den Ideologien des Faschismus sowie des Nationalsozialismus.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Hauptfelder umfassen die Interpretation von Macht- und Zweckstaat, Nietzsches zwiespältige Haltung zum Krieg sowie seine Theorien zur Rassenontologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, inwieweit Nietzsche als intellektueller Wegbereiter für faschistische Ideologien gesehen werden kann und wie seine Schriften durch Herrschende instrumentalisiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, bei der zentrale Begriffe aus Nietzsches Werk mit zeitgenössischen faschistischen Diskursen verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Macht- und Zweckstaats, den Kriegsbegriff sowie die politische Rassenontologie, stets mit dem Fokus auf die Anschlussfähigkeit an nationalsozialistisches Gedankengut.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem Namen Nietzsche vor allem „Protofaschismus“, „Wille zur Macht“, „Instrumentalisierung“ und „politische Rassenontologie“.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Alfred Baeumler?
Baeumler wird als ein Autor hervorgehoben, der versuchte, Nietzsche direkt mit dem Nationalsozialismus zu verbinden, indem er trennende Elemente bewusst ausklammerte.
Wie geht die Arbeit mit dem Widerspruch in Nietzsches Denken um?
Die Arbeit erkennt Nietzsches Vielgesichtigkeit an und stellt fest, dass die Instrumentalisierung durch die Nazis erst möglich wurde, indem man Teile seines Denkens ignorierte, während man andere überbetonte.
- Citar trabajo
- Hendrik Schneider (Autor), 2008, Friedrich Nietzsche in der Rezeption des Faschismus und Nationalsozialismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140343