Fast jede Familie hat wohl Geheimnisse, deren Erforschung eine akribische Suche in alten Fotoalben und Unterlagen, oder sogar Archivarbeit erfordern würde. Besonders, wenn ein Familienmitglied verschwindet, beschäftigt das die Angehörigen oft für mehrere Generationen. So auch in der Familie von Beatrice Maier Anner, deren Grossmutter Leonie Laissle im Frühling 1915 in Zürich verschwand.
Das Schicksal ihrer Grossmutter, die bei ihrem Verschwinden Ehemann und vier Kinder zurückliess, beschäftigt sie seit ihrer Kindheit. Auch, weil es kaum eine Spur der Grossmutter gibt – keine Schriften, keine Bilder. Bei ihrer Spurensuche erfährt die Autorin nicht nur mehr über Leonie Laissle, sondern auch über das Leben ihrer beiden Schwestern, Hedwig und Liesel/Alice.
Maier Anner nimmt ihre Leserinnen und Leser in diesem Buch mit auf die spannende und wendungsreiche Suche nach ihrer vermissten Grossmutter, aber auch nach der Geschichte ihrer Familie. Anhand von verschiedenen Quellen wie Fotografien, amtlichen Dokumenten und Reden, die die Autorin mühsam zusammengeführt hat, ergibt sich schliesslich ein Gesamtbild über die verschiedenen Schicksale der Familienmitglieder. Maier Anners Buch richtet sich an alle, die geschichtsinteressiert sind und sie auf dieser detektivischen Reise in die Familiengeschichte begleiten wollen.
Mehr Informationen über die Geschichte der Familien Maier, Meierhofer und Anner sind auf dieser Website zusammengetragen: https://www.themaierannerfiles.ch/
Inhaltsverzeichnis
1 LEONIE MAIER
2 HEDWIG UNGER
3 LEONIE SIEMERS
4 HEDWIG WEBER
5 ALICE MAIER
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Familienbiographie dokumentiert das Schicksal der drei Schwestern aus der Reutlinger Familie Laissle (Leonie, Hedwig und Alice) im Zeitraum von 1882 bis 1974. Die Autorin geht dabei insbesondere der Frage nach, warum ihre biologische Grossmutter Leonie aus dem Leben ihrer Kinder verschwand und welche Rolle familiäre Geheimnisse sowie gesellschaftliche Konstruktionen dabei spielten.
- Rekonstruktion der Lebenswege der drei Laissle-Schwestern
- Aufarbeitung der Geschichte der verschwundenen Grossmutter
- Analyse familiärer Dokumente, Briefe und Fotografien
- Dokumentation Rettungsnetzwerke für jüdische Mitbürger
- Einordnung in den historischen Kontext der Kriegszeit
Auszug aus dem Buch
LEONIE SIEMERS
In Tat und Wahrheit war es für Leonie sehr schwierig, allein mit ihren vier kleinen Kindern in einer relativ entlegenen Irrenanstalt zu wohnen, dazu noch im ersten Weltkrieg, mit einem einberufenen Ehemann. Leonie war demnach unglücklich und es war ihr gelungen, im kulturellen Milieu von Zürich Kontakt zu Landsleuten aufzunehmen, im besonderen zu einem in der Schweiz wohnenden deutschen Schauspieler und späteren Ehemann: Kurt Otto Karl Siemers genannt Hildebrand (seine Mutter hiess Hildebrand).
Für seine offizielle Anmeldung in Zürich hatte Kurt Otto Siemers die Scheidung Maier-Laissle vom 20. August 1917 abgewartet. Als Bürger des Deutschen Reiches wäre Kurt Siemers eigentlich wehrpflichtig gewesen und da sind wir mitten im ersten Weltkrieg: vielleicht war er als dienstuntauglich befunden worden und hielt sich legal in der Schweiz auf?
Worin bestand die künstlerische Laufbahn von Kurt Otto Siemers genannt Hildebrand? Bei der Deposition seiner Schriften In Zürich am 30. August 1917, bezeichnet er sich als Schauspieler.
Danach folgt ein schwarzes Loch: erst 1933 taucht er wieder auf, geschieden, und in Berlin bei seiner Mutter an der Kaiser-Wilhelm Strasse 75(?) wohnend.
Zusammenfassung der Kapitel
1 LEONIE MAIER: Dieses Kapitel beleuchtet das Zusammentreffen von Hans Wolfgang Maier und Leonie Laissle und dokumentiert ihr gemeinsames Leben sowie die Geburt der Kinder bis zu Leonies Verschwinden.
2 HEDWIG UNGER: Hier wird der Lebensweg der ältesten Schwester Hedwig detailliert, die als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit Medizin studierte und als Ärztin tätig war.
3 LEONIE SIEMERS: Dieses Kapitel widmet sich der Suche nach dem weiteren Lebenspfad von Leonie nach ihrer Scheidung und beleuchtet ihre zweite Ehe mit dem Schauspieler Kurt Siemers.
4 HEDWIG WEBER: Das Kapitel beschreibt das Leben von Hedwig nach ihrer zweiten Heirat mit dem Arzt Frederick Parkes Weber in London.
5 ALICE MAIER: Die Geschichte der jüngsten Schwester Alice wird hier anhand der Aufzeichnungen ihrer Tochter Lorna Maier erzählt, die einen Einblick in das Leben in England gewährt.
Schlüsselwörter
Laissle, Familienbiographie, Hans Wolfgang Maier, Reutlingen, Zürich, Burghölzli, Medizinstudium, Rettungsnetzwerk, Familienarchiv, Emigration, Biografie, 20. Jahrhundert, Spurensuche, Frauenleben, Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der Aufarbeitung der Familiengeschichte der drei Laissle-Schwestern und der Suche der Autorin nach ihrer verschwundenen Grossmutter Leonie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Familienbiographien, akademische Lebenswege von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Ehe und Scheidung in der damaligen Zeit sowie Flucht und Rettungsnetzwerke.
Was ist das primäre Ziel des Buches?
Das Ziel ist, die Familienlegenden kritisch zu hinterfragen, Mythen (wie das angeblich jüdische Exil in Angola) anhand von Belegen zu korrigieren und die wahre Geschichte der Vorfahren zu dokumentieren.
Welche wissenschaftliche Methode nutzt die Autorin?
Die Autorin kombiniert historische Dokumentenanalyse (Matrikelverzeichnisse, Scheidungsurkunden, Adressbücher) mit mündlichen Familienüberlieferungen und der Interpretation fotografischen Quellenmaterials.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Lebensläufe der drei Schwestern Leonie, Hedwig und Alice jeweils in eigenen Kapiteln anhand von Briefen, offiziellen Registern und persönlichen Erinnerungsstücken nachgezeichnet.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Familienbiographie, Reutlingen, Maier-Familie, Frauenstudium, Archivarbeit und Fluchtgeschichte.
Inwiefern hat die Identität von Leonie für Verwirrung gesorgt?
Es existierte eine hartnäckige Familienlegende, Leonie sei eine Anwältin in Berlin gewesen und später nach Afrika geflohen; die Recherche zeigt jedoch, dass sie tatsächlich als Rechtsanwältin in Berlin tätig war, aber keineswegs jüdischer Abstammung war.
Welche Bedeutung kommt der Figur des Hans Wolfgang Maier zu?
HW Maier startete im Bereich der Psychiatrie im Burghölzli seine Karriere und war später massgeblich an einem Netzwerk beteiligt, das Menschen vor den Nazis in Sicherheit brachte.
- Quote paper
- Beatrice Maier Anner (Author), 2023, Drei Schwestern aus Reutlingen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1403907