In der Meinung der Öffentlichkeit gelten Skandinavien und die USA als die Vertreter gegensätzlicher sozialpolitischer Ansätze. Um die spezifisch deutsche Sozialpolitik in den Kontext zu anderen Sozialpolitiken, wie etwa beispielsweise in Skandinavien oder in den Vereinigten Staaten von Amerika, setzen zu können, müssen erst einmal grundlegende Begriffe definiert werden.
Die staatliche Sozialpolitik, der Sozialstaat und das System der sozialen Sicherung gehören eng zusammen, ohne allerdings identisch zu sein. „Vielmehr bezeichnet die Sozialpolitik das Mittel, um soziale Benachteiligungen und Gegensätze innerhalb einer Gesellschaft durch politisches Handeln auszugleichen bzw. auszuschließen, während der Sozialstaat eine weit geschlossenere Zielprojektion verkörpert und das System der sozialen Sicherung den geeigneten institutionellen Rahmen zur Verfügung stellt.“ 1 Die Sozialpolitik dient also als Hilfsmittel, um etwaige erwünschte gesellschaftliche Zustände herbeizuführen und zu manifestieren oder um unerwünschte auszuschließen, so zum Beispiel große soziale Ungleichheit. Dabei müssen auch der jeweilige gesellschaftliche Kontext beziehungsweise die unterschiedlichen Traditionen mit einbezogen werden. Denn auch der bewusste Verzicht auf weitgehende staatliche Einflussnahme auf die sozialen Strukturen ist gleichwohl Politik, wie der „compassionate conservatism“-Ansatz der Regierung Bush zeigt. 2
Der Begriff des Wohlfahrtsstaates hingegen, wie er mit Skandinavien verbunden wird, charakterisiert grundsätzlich „(...) einen bestimmten Typus der Staatstätigkeit. Er kennzeichnet Länder, in denen der Staat eine aktive Rolle in der Steuerung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Abläufe übernimmt und einen beträchtlichen Teil seiner Ressourcen sozialpolitischen Zwecken widmet, die der Förderung nach einer größeren Gleichheit der Lebenschancen in den Dimensionen Einkommenssicherung, Gesundheit, Wohnen und [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Definition Sozialpolitik/Sozialstaat/Wohlfahrtsstaat
1.1. Zur Geschichte, Entwicklung und den Strukturen der Sozialstaatlichkeit in Deutschland
2. Stellenwert und Form der Sozialpolitik
2.1. in Skandinavien
2.2. in den USA
3. Vergleich der deutschen Sozialpolitik mit der amerikanischen/skandinavischen Sozialpolitik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die deutsche Sozialpolitik im internationalen Vergleich als eine „Politik des mittleren Weges“ charakterisiert werden kann. Hierzu werden die deutschen Strukturen den Ansätzen in Skandinavien und den USA gegenübergestellt, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme sowie deren jeweiliger politischer Philosophien zu analysieren.
- Definition und Abgrenzung der Begriffe Sozialpolitik, Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat.
- Historische Entwicklung und Strukturen der deutschen Sozialstaatlichkeit.
- Analyse skandinavischer und US-amerikanischer Sozialpolitikmodelle.
- Vergleichende Untersuchung der Ansätze hinsichtlich ihrer wohlfahrtsstaatlichen Ausprägung.
- Diskussion der Konzepte von Dekommodifizierung und Vollbeschäftigung im internationalen Kontext.
Auszug aus dem Buch
3. Vergleich der deutschen Sozialpolitik mit der US-amerikanischen und der skandinavischen Sozialpolitik
Im allgemeinen verfügt die Regierung eines Landes über ein erhebliches Maß an Autonomie gegenüber Wirtschaft und Gesellschaft, um beispielsweise grundsätzliche sozialpolitische Entscheidungen selbständig zu gestalten. „Der politisch-administrativen Praxis steht ein Handlungskorridor zur Verfügung, dessen Wände durch allgemein akzeptierte Verfahrensregeln (...) befestigt sind, dessen untere Grenze durch den vom Vorgänger ererbten Spielraum definiert und deren obere Grenze durch die historisch gewachsene Arbeitsteilung zwischen Staat und Wirtschaft vorgegeben ist.“
Was die Größe des Handlungskorridors eines jeden Landes, im vorliegenden Fall der Handlungskorridor der US-amerikanischen, der schwedischen sowie der deutschen Politik, angeht, unterscheidet sich dieser von Land zu Land. „Der hochentwickelte Sozialstaat, der große öffentliche Sektor und die relativ geringe Arbeitslosigkeit in Schweden bis Ende der 80er Jahre lassen sich zu einem großen Teil durch spezifische politische Bedingungen erklären: (...) eine sozialdemokratische Partei, die über lange Zeit hinweg die führende Regierungspartei war.“ Ein weiterer Grund war das spezifisch schwedische Parteiensystem, in dem das bürgerliche Lager ideologisch und organisatorisch zersplittert und deshalb politisch geschwächt war. Sicherlich spielen auch die große Bedeutung der Solidarität innerhalb der schwedischen Gesellschaft und den Regierenden eine große Rolle. Dadurch konnte ein Teil der Verantwortung des Sozialstaates in die Wirtschaft und in die Gesellschaft getragen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Definition Sozialpolitik/Sozialstaat/Wohlfahrtsstaat: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Grundlegung und unterscheidet die Begriffe Sozialpolitik, Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat anhand ihrer unterschiedlichen funktionalen und normativen Ansätze.
1.1. Zur Geschichte, Entwicklung und den Strukturen der Sozialstaatlichkeit in Deutschland: Hier wird der historische Werdegang des deutschen Sozialstaats, beginnend mit der Bismarckschen Sozialgesetzgebung bis hin zu aktuellen Strukturen, nachgezeichnet.
2. Stellenwert und Form der Sozialpolitik: Dieser Abschnitt analysiert beispielhaft die Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme in unterschiedlichen Ländern.
2.1. in Skandinavien: Fokus auf das schwedische Modell, das durch hohe staatliche Steuerung, gewerkschaftlichen Einfluss und universalistische Sozialleistungen geprägt ist.
2.2. in den USA: Untersuchung des US-amerikanischen Modells, das stärker marktorientiert ist und auf privater Vorsorge sowie selektiver staatlicher Unterstützung basiert.
3. Vergleich der deutschen Sozialpolitik mit der amerikanischen/skandinavischen Sozialpolitik: Dieses Kapitel setzt die verschiedenen nationalen Systeme in Bezug zueinander und arbeitet die spezifischen Unterschiede in den Handlungskorridoren heraus.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass die deutsche Sozialpolitik als ein Modell des „mittleren Weges“ zwischen den Extremen Skandinaviens und der USA einzuordnen ist.
Schlüsselwörter
Sozialpolitik, Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat, Deutschland, Skandinavien, USA, internationaler Vergleich, soziale Sicherung, Dekommodifizierung, Vollbeschäftigung, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Subsidiarität, Sozialhilfe, Reformpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einem rechts- und politikwissenschaftlichen Vergleich der deutschen Sozialpolitik im internationalen Kontext, um deren spezifische Ausrichtung zu bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Strukturmerkmale des Sozialstaates, die historische Entwicklung der sozialen Sicherung sowie die vergleichende Analyse verschiedener Wohlfahrtsregime in Europa und den USA.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die deutsche Sozialpolitik als „Politik des mittleren Weges“ bezeichnet werden kann, indem sie sich zwischen dem skandinavischen und dem US-amerikanischen Modell positioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen komparativen politikwissenschaftlichen Ansatz, bei dem verschiedene Länderbeispiele (Deutschland, Schweden, USA) in ihren institutionellen, historischen und ökonomischen Kontexten gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Definition, eine historische Einordnung der deutschen Strukturen, eine Detailbetrachtung der Sozialsysteme in Schweden und den USA sowie einen direkten Vergleich dieser Modelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat, Dekommodifizierung, internationaler Vergleich und die jeweilige staatliche Rolle in der Sozialpolitik.
Inwiefern unterscheiden sich die USA und Schweden bei der Sozialhilfe?
Während Schweden auf ein universalistisches System mit hohen sozialen Ansprüchen setzt, zeichnet sich das US-amerikanische System durch eine stärkere Bedürftigkeitsprüfung, zeitliche Befristungen und eine größere Betonung privater Vorsorge aus.
Was bedeutet der Begriff „Dekommodifizierung“ im Kontext der Arbeit?
Der Autor verwendet den Begriff, um den Grad des aktiven staatlichen Eingreifens in den Markt zu beschreiben, um soziale Risiken abzufedern und ein Leben unabhängig vom Marktwert der eigenen Arbeitskraft zu ermöglichen.
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- Patrick Ehlers (Author), 2001, Die deutsche Sozialpolitik im internationalen Vergleich - Eine Politik des mittleren Weges?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14039