Mit Jura Soyfer über Guantánamo denken

„Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang…“


Essay, 2009

10 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Mit Jura Soyfer über Guantánamo denken

- „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang…“[1]

-

Thomas Ochs

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,

Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,

In Armut und in Reichtum grenzenlos.

Gesegnet und verdammt ist diese Erde,

Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,

Und ihre Zukunft ist herrlich und groß![2]

Einen Denkversuch skizzieren

Ich nehme ein literarisches Werk zur Hand. Ich schlage es auf und beginne mit dem Lesen. Ich denke. Ich lese. Wieder denken und weiter lesen; immer wieder dasselbe wiederholen; ständiges Denken und ständiges Lesen; neu Denken und neu Lesen. Ich lese etwas und lerne daraus. Ich lese ein literarisches Produkt und entwickle eine neue Ansicht zu einer völlig anderen Sache. Ich denke also über etwas nach und habe stets das bisher Gelesene in meinem Kopf, um das zu Bedenkende besser zu verstehen und zu begreifen. Ich lese etwas und denke völlig anders nach, da Ich mit und nicht ohne das Gelesene denke. Ein willkürlich gewähltes Beispiel: Ich habe ein Stück von Jura Soyfer gelesen. Das Stück Weltuntergang habe Ich gelesen. Ich mache das nicht einfach nur aus Spaß, zwar willkürlich, aber nicht nur so aus Spaß. Ich lese ein Stück von Jura Soyfer und möchte danach über Guantánamo denken, damit Ich die aktuelle politische Situation besser begreifen, sie besser fassen, besser darüber nachdenken kann. Ich habe das Stück Weltuntergang nicht ausgewählt um über Guantánamo zu denken, sondern habe das Stück einfach gelesen und möchte jetzt über Guantánamo nachdenken. Ich habe etwas gelesen und möchte jetzt mit dem Gelesenen denken. Ich könnte auch ein anderes literarisches Werk lesen und dann über Guantánamo denken, um dann anders über Guantánamo zu denken, aber gerade habe Ich das Stück Weltuntergang von Jura Soyfer gelesen und gerade möchte Ich auch über Guantánamo nachdenken. Ich lese also nicht nur dieses Stück um mit diesem Stück anders über Guantánamo nachzudenken, sondern Ich lese dieses Stück auch um damit ein Stück weit mit den Worten des Autors auf Guantánamo zu blicken. Ich lese Weltuntergang von Jura Soyfer und blicke dann auf Guantánamo. Der Blick verändert sich nicht nur dadurch, dass Ich Weltuntergang einmal gelesen habe und dann über Guantánamo nachdenke, sondern fächert sich aufgrund des weiter und noch einmal Lesens sowie wiederholt Denkens immer weiter auf. Kurz skizziert sieht der Denkprozess also folgendermaßen aus: Ich lese zunächst willkürlich ein literarisches Produkt und entscheide danach über was Ich denken möchte, um dann Beides gemeinsam und nicht um in Parallelen, sondern um an sich genauer und differenzierter, zu denken. Das Denken als ersten Schritt zum Handeln.

Weltuntergang von Jura Soyfer

Als Ich das Stück Weltuntergang von Jura Soyfer gelesen habe, ist mir nicht nur aufgefallen, dass das skizzierte Welt- und Menschenbild Jura Soyfers größtenteils im Widerspruch zu dem vehementen Einspruch des Kometen Konrad am Ende seines Stückes steht. Nicht nur das ist kennzeichnend für das Stück. Ich habe nicht nur das an seinen Worten bemerkt. Es ist offensichtlich, dass das vernichtende Urteil des allmächtigen Kosmos die Menschheit zu vernichten, nur weil die „Sphärenharmonie“[3] durcheinander gekommen ist, deshalb nicht funktioniert, weil der Mensch die Möglichkeit haben sollte selbst über sein Glück oder Unglück zu entscheiden[4] . Das ist das Entscheidende am Menschenbild von Jura Soyfer. Der Mensch darf selbst entscheiden wie seine Zukunft aussehen wird. Der Mensch kann selber entscheiden, was mit ihm passiert. Entweder lernt er zunehmend aus seinen Fehlern und handelt demnach für eine Zukunft, die „herrlich und groß“[5] ist oder er vernichtet sich selbst. Dafür braucht es keine andere Allmacht. Aus diesem Grund enden die Stücke von Jura Soyfer stets offen.

[...]


[1] Jura Soyfer, „Weltuntergang. Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang…“, Auf uns kommt’s an. Szenen und Stücke Bd. 2: Jura Soyfer. Werkausgabe, Hg. Horst Jarka, Wien/Frankfurt am Main: Deuticke 2002, S. 57.

[2] Ebd. S. 96.

[3] Ebd. S. 62.

[4] Anm. Blick auf den Schlusssatz des Stücks richten; Vgl: Jura Soyfer, „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“, Auf uns kommt’s an. Szenen und Stücke Bd. 2: Jura Soyfer. Werkausgabe, Hg. Horst Jarka, Wien/Frankfurt am Main: Deuticke 2002, S. 134.

[5] Soyfer, „Weltuntergang“, S. 96.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Mit Jura Soyfer über Guantánamo denken
Untertitel
„Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang…“
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Jura Soyfer
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V140405
ISBN (eBook)
9783640487394
ISBN (Buch)
9783640487530
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jura, Soyfer, Guantánamo, Welt, Fall
Arbeit zitieren
Thomas Ochs (Autor), 2009, Mit Jura Soyfer über Guantánamo denken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140405

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