Personalpronomina

Subsysteme und Grammatikalisierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

33 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Verschiedene Typen von Personalpronomina

2 Das System der Personalpronomina
2.1 Personalpronomina: stark vs. defizient
2.2 Defiziente Pronomina: schwach vs. klitisch
2.2.1 Die defizienten Pronomina des Italienischen
2.2.2 Die defizienten Pronomina des Deutschen
2.3 Personalpronomina: stark – schwach – klitisch

3 Das Grammatikalisierungsmodell von Lehmann
3.1 Grammatikalisierung
3.2 Bestimmung der Grammatizität
3.3 Die Grammatikalisierungsskala
3.4 Grammatikalisierungszyklen
3.4.1 Grammatikalisierung auf diachroner Ebene
3.4.2 Grammatikalisierung auf synchroner Ebene
3.4.3 Der Grammatikalisierungszyklus der Personalpronomina

4 Die Grammatizität der Personalpronomina
4.1 Integrität
4.2 Skopus
4.2.1 Das Pronomen als Argument des Verbs
4.2.2 Das Pronomen und die koreferente DP
4.3 Paradigmatizität
4.4 Fügungsenge
4.4.1 Die Fügungsenge zwischen Pronomen und Verb
4.4.2 Die Fügungsenge zwischen Pronomen und koreferenter DP
4.5 Wählbarkeit
4.5.1 Die Wahl des Paradigmas
4.5.2 Die Wahl des Zeichens
4.6 Stellungsfreiheit

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Verschiedene Typen von Personalpronomina

Personalpronomina bilden eine Unterklasse der Pronomina. Von anderen Pronomina unterscheiden sie sich in erster Linie hinsichtlich ihrer Funktion, oft auch in ihrer morphologischen Form.

Aber auch die Personalpronomina selbst lassen sich hinsichtlich ihrer Funktion und in vielen Sprachen auch aufgrund der morphologischen Formen weiter unterteilen. In den romanischen Sprachen unterscheidet man gängigerweise zwischen starken und klitischen Pronomina: Starke Pronomina werden unter Betonung verwendet, klitische Pronomina in den übrigen Fällen. Die Bezeichnung ‚klitisch’ bezieht sich auf die Eigenart dieser Pronomina, sich an das Verb anzulehnen[1] (cf. Cardinaletti 1999:33).

Die Personalpronomina des Deutschen bilden ein einheitliches morphologisches Paradigma. Hinsichtlich ihrer Verwendung lassen sich diese jedoch ebenfalls in betonte und unbetonte Pronomina unterteilen. Allerdings verhalten sich die unbetonten deutschen Pronomina nicht genauso wie die klitischen Pronomina der romanischen Sprachen (cf. Cardinaletti/Starke 1996:21-24). Dies und die Tatsache, dass es in den romanischen Sprachen auch noch Pronomina gibt, die sich weder den starken noch den klitischen Typen eindeutig zuordnen lassen, haben Anna Cardinaletti und Michal Starke zu dem Schluss geführt, dass es generell d r e i Typen von Personalpronomina gibt. Sie haben dies anhand vieler Sprachen überprüft (cf. Cardinaletti/Starke 1996:27) und die Ergebnisse in verschiedenen Arbeiten dargelegt.

Durch ihre Ausführungen fiel mir auf, dass diese Einteilung in drei Typen im Prinzip einer Abstufung von lexikalischeren hin zu mehr funktionalen Zeichen entspricht.

Funktionale bzw. grammatische Zeichen unterscheiden sich von lexikalischen dadurch, dass sie keine lexikalisch-semantischen Merkmale tragen. Sie referieren nicht selbständig, sondern sind ausschließlich für die grammatischen Aspekte des Sprachsystems verantwortlich. Der Unterschied zwischen lexikalischen und grammatischen Zeichen ist graduell, d.h. sprachliche Zeichen können auf einer Skala zwischen diesen beiden Polen eingeordnet werden. Der Grad, zu dem ein Zeichen grammatisch ist, bestimmt seine „Grammatizität“ (cf. Lehmann 1995:1252-1253).

Pronomina sind relativ arm an semantischen Merkmalen. Sie referieren zwar auf außersprachliche Entitäten, bezeichnen diese aber nicht. Ihr Referenzbezug ist immer abhängig von einem sprachlichen oder auch nicht-sprachlichen Kontext[2].

Die höhere Grammatizität der Personalpronomina gegenüber vollen DPs[3] dürfte unbestritten sein, daher verzichte ich auf eine diesbezügliche Ausführung. Ziel dieser Arbeit ist vielmehr, die von Cardinaletti und Starke erarbeiteten drei Pronominaltypen auf ihre Grammatizität hin zu untersuchen und festzustellen, inwieweit sich dieses Dreiersystem mit der Grammatikalisierungstheorie von Lehmann, auf die ich mich in dieser Arbeit beziehe, vereinbaren lässt.

Da die unbetonten Personalpronomina des Deutschen, wie gesagt, nicht unbedingt mit den klitischen der romanischen Sprachen vergleichbar sind, werde ich ergänzend auch auf die Personalpronomina des Italienischen eingehen.

Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit Personalpronomina, andere Pronominalformen bleiben unberücksichtigt. Wenn im Folgenden also von ‚Pronomina’ die Rede ist, sind immer ‚Personalpronomina’ gemeint.

Um den Rahmen dieser Arbeit nicht übermäßig auszuweiten, muss ich auch auf einige interessante Erscheinungen, wie z.B. Präpositionalverbindungen verzichten. Das sog. ‚clitic doubling’ im Italienischen wird am Rande Erwähnung finden.

Beginnen werde ich mit der Vorstellung der Argumente und Ergebnisse von Cardinaletti und Starke zu dem dreiteiligen Pronominalsystem (Kap.2). In Kap.3 gehe ich kurz auf die für diese Arbeit relevanten Aspekte der Grammatikalisierungs-theorie von Lehmann ein. Schließlich werden in Kap.4 die verschiedenen Pronominaltypen auf ihre Grammatizität hin untersucht und die gewonnenen Erkenntnisse am Schluss (Kap.5) zusammengefasst.

2 Das System der Personalpronomina

2.1 Personalpronomina: stark vs. defizient

Betrachtet man die deutschen Personalpronomina, so zeigt sich, dass diese ein geschlossenes morphologisches Paradigma bilden:

Tab.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Pronomina lassen sich z.T. phonologisch reduzieren. In Tab.2 sind die reduzierten Formen nach Wiese (1996:249) aufgelistet, es handelt sich dabei um die standardsprachlich akzeptablen Formen, die auch in Lento-Sprechweise vorkommen:

Tab.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Reduktion ist (sowohl in Lento- als auch in Allegro-Sprechweise) nur in bestimmten Kontexten möglich. Nicht möglich ist sie, wenn das Pronomen kontrastiert (1a), koordiniert (2a), modifiziert (3a) oder isoliert (4a) wird, in diesen Kontexten muss immer die Vollform verwendet werden (1b-4b):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In dieser Hinsicht verhalten sich die reduzierbaren Pronomina des Deutschen genauso wie die klitischen Pronomina des Italienischen[4] (5a-8a). Hier muss in einem betonten Kontext anstelle eines klitischen Pronomens ein starkes verwendet werden (5b-8b) (cf. Cardinaletti 1999: 34-35):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine weitere Parallele zeigt sich im semantischen Bereich: Die klitischen Pronomina des Italienischen können sowohl auf menschliche, als auch auf nicht-menschliche Entitäten referieren (9a), starke Pronomina dagegen nur auf menschliche (9b) (cf. Cardinaletti 1999:54-55). Soll ein Pronomen, das auf eine nicht-menschliche Entität referiert, in einem betonten Kontext verwendet werden, muss auf ein Demonstrativpronomen zurückgegriffen werden (9c).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Gleiche gilt für das Deutsche, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie in den romanischen Sprachen gibt es also auch im Deutschen zwei Arten von Pronomina, wenn auch nicht zwei morphologisch unterschiedliche Paradigmen existieren.

In Anlehnung an die Terminologie bei Cardinaletti und Starke bezeichne ich diese beiden Arten von Pronomina im Folgenden als „defiziente“ vs. „starke“ Pronomina (Cardinaletti/Starke 1999:149-150). Defiziente Pronomina finden im Normalfall Verwendung und können auf beliebige Entitäten referieren, starke Pronomina hingegen werden nur in besonderen Kontexten herangezogen und können nur auf menschliche Entitäten referieren.

Ein Unterschied zwischen starken und defizienten Pronomina zeigt sich im Deutschen auch an der Satzstellung: Schwache Pronomina stehen immer vor Satzadverbien, die als linke Begrenzung der VP angesehen werden können. Das heißt, schwache Pronomina müssen aus der VP herausbewegt werden (11a, b), während starke (betonte) Pronomina ebenso wie volle DPs dort verbleiben können (11c, d) (cf. Cardinaletti 1999: 49).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Besonderheit stellt das deutsche Pronomen der 3.Pers.Sg.n., es, dar: Es handelt sich hierbei um ein defizientes Pronomen, das auf beliebige Entitäten referieren (12a) und nie in betonten Kontexten verwendet werden kann (12b-e):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Gegensatz zu den anderen defizienten Pronomina gibt es jedoch kein starkes Gegenstück zu es (cf. Cardinaletti/Starke 1996:28)[5].

2.2 Defiziente Pronomina: schwach vs. klitisch

Bisher wurde gezeigt, dass sich im Deutschen die Pronomina genau wie in den romanischen Sprachen in defiziente und starke Pronomina unterteilen lassen. Im Folgenden werden die defizienten Pronomina näher betrachtet.

2.2.1 Die defizienten Pronomina des Italienischen

Nun gibt es in Sprachen, die über mehr als ein morphologisches Paradigma von Pronomina verfügen, z.T. noch weitere morphologisch unterscheidbare Pronominalformen, wie z.B. im Italienischen für die 3.Pers.Pl.dat.: a loro ist die starke Form, gli die defiziente. Eine weitere Form bildet das Pronomen loro, das sich, gemessen an den bisherigen Kriterien, ebenfalls wie ein defizientes Pronomen verhält: Es kann auf beliebige Entitäten referieren (13a), jedoch weder kontrastiert, koordiniert, modifiziert noch isoliert werden (13b-e) (cf. Cardinaletti/Starke 1996:25-27)[6]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An der Wortstellung lässt sich allerdings ein Unterschied zwischen loro und dem anderen defizienten Pronomen gli feststellen (cf. Cardinaletti/Starke 1996:25):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Pronomen loro hat eine andere Distribution als gli, es kann durch eine Partikel wie mai vom Verb getrennt werden, während defiziente Pronomina wie gli stets verbadjazent stehen, sich also wie Köpfe verhalten[7]. Dies zeigt sich auch daran, dass letztere ihre klitische Position am Verb beibehalten, wenn dieses an eine andere Stelle im Satz bewegt wird (cf. Cardinaletti/Starke 1996:29-30)[8]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser Beobachtung können die defizienten Pronomina noch einmal unterteilt werden in klitische (verbadjazente) und nicht-klitische Formen. Bei dem nicht-klitischen Pronomen loro handelt es sich also um einen dritten Pronominaltyp, der zwar viele Eigenschaften der klitischen Pronomina teilt, sich distributionell jedoch von diesen unterscheidet.

Auch hier werde ich mich an die Terminologie bei Cardinaletti und Starke halten und die nicht-klitischen defizienten Pronomina als „schwach“, die verbadjazenten als „klitisch“ bezeichnen (Cardinaletti/Starke 1999:168).

Hiernach erhalten wir nun die folgende Einteilung (Cardinaletti 1999:62):

Personalpronomina

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Hier und im Folgenden ist mit der Bezeichnung ‚klitisch’ nicht nur eine phonologische, sondern immer auch eine syntaktische Eigenschaft gemeint, bei der auch das Trägerelement eine Rolle spielt.

[2] Bei einem außersprachlichen Kontext spricht man von ‚deiktischer’, bei einem Bezug auf den sprachlichen Kontext von ‚anaphorischer’ Verwendung, wobei ich zu letzterer (trotz der begrifflichen Ungenauigkeit) auch die ‚kataphorische’ Verwendung zähle.

Bourstin (1996) weist darauf hin, dass auch bei der anaphorischen Verwendung von Pronomina weniger auf ein koreferentes Element im Text vor- oder zurückgegriffen wird, sondern vielmehr auf ein in der Vorstellung der Diskursteilnehmer präsentes Denotat. Dies erklärt auch mögliche Diskordanzen zwischen Antezedens und Pronomen (s. Kap. 4.5.2). Ich werde hier jedoch aus praktischen Gründen trotzdem zwischen deiktischer und anaphorischer Verwendung unterscheiden

[3] Volle DPs (als determinierte NPs) stehen in einer paradigmatischen Relation zu Personalpronomina, die als intransitive Determinatoren angesehen werden können (cf. Vater 1991:17-20).

[4] Eine Übersicht über die italienischen Pronominalformen findet sich am Ende des 2. Kapitels (S. 10).

[5] Umgekehrt gibt es im Italienischen unter den defizienten Pronomina eine Genitivform für die 3. Pers., ne, der die jeweils mit di (bzw. da) gebildete starke Form entspricht (di lui, di lei, di loro). Für die 1. und 2. Pers. sind jedoch im Gen. keine defizienten Pronomina vorhanden. In unbetonten Kontexten wird hier ebenfalls die starke Form verwendet (cf. Lepschy/Lepschy 1986:143 ).

[6] Die Beispiele (13-15) sind nach denen in Cardinaletti/Starke (1996:25, 27) gebildet.

[7] Ausführlichere Argumentationen für den Kopf-Status eines klitischen Pronomens und den phrasalen Status defizienter nicht-klitischer Pronomen wie loro finden sich in Cardinaletti/Starke 1999.

[8] Beispiel (16) ist Cardinaletti/Starke (1996:29-30) entnommen.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Personalpronomina
Untertitel
Subsysteme und Grammatikalisierung
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Oberseminar: Sprachwandel
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
33
Katalognummer
V140445
ISBN (eBook)
9783640475537
ISBN (Buch)
9783640475438
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Personalpronomen, Grammatikalisierung, Pronomen, Pronomina, Personalpronomina
Arbeit zitieren
Petra Jecker (Autor:in), 2000, Personalpronomina, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140445

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Titel: Personalpronomina



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