Die vorliegende Arbeit widmet sich einer tiefgreifenden Analyse der Menschlichkeit der Einwohner von Güllen, wie sie in Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame" dargestellt wird. Ziel dieser Untersuchung ist es, die verschiedenen Aspekte der Menschlichkeit der Charaktere in Güllen zu beleuchten und zu verstehen, wie Dürrenmatt die menschliche Natur in einem Kontext von moralischem Verfall und materieller Verlockung darstellt. In diesem Zusammenhang werden die Lebensumstände der Güllener, ihre Individualität und kollektiven Verhaltensweisen sowie ihr Umgang mit Themen wie Humanismus, Egoismus, Wahrheit, Lüge und Schuld erörtert. Weiterhin wird die Bedeutung des selbstbestimmten Handelns und des Schönen als Merkmale der Menschlichkeit untersucht. Durch diese Analyse soll die Frage beantwortet werden, wie Dürrenmatt die Menschlichkeit in einer Gesellschaft skizziert, die von moralischen und ethischen Herausforderungen geprägt ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung- Dürrenmatts Drama: Der Besuch der alten Dame
2. Analyse der Menschlichkeit der Einwohner Güllens
2.1 Die Lebensumstände der Güllener
2.2 Individualität und das Kollektiv im Bezug zur Menschlichkeit
2.3 Humanistisches Verhalten und Menschenwürde
2.4 Egoismus
2.5 Wahrheit, Lüge und Schuld
2.6 Das selbstbestimmte Handeln als Merkmal der Menschlichkeit
2.7 Das Schöne als Merkmal von Menschlichkeit
3. Zusammenfassung: Die Wahrung der Menschlichkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die An- und Abwesenheit von Menschlichkeit bei den Einwohnern von Güllen in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie "Der Besuch der alten Dame" und stellt die Forschungsfrage, ob und auf welche Weise die Wahrung der Menschlichkeit in dem Dorf stattfindet oder missachtet wird.
- Untersuchung der Auswirkungen prekärer Lebensumstände auf die Menschlichkeit
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Kollektivdynamik und individueller Moral
- Evaluierung von egoistischem Verhalten und utilitaristischen Entscheidungsmustern
- Betrachtung von Wahrheit, Lüge und Schuld als moralische Kategorien
- Reflektion über ästhetische und humanistische Aspekte als Bedingungen der Menschlichkeit
Auszug aus dem Buch
2.4 Egoismus
Durch Z’s Kapital verlieren die Güllener also ihre Menschlichkeit. Die Güllener beginnen beispielsweise durch die Aussicht auf das Kapital egoistisch zu handeln. Diesen Egoismus begründet Michael Kazenwadel damit, dass die Güllener in ihrem ethischen Verhalten von der kantischen Prinzipienethik abweichen würden und stark zur Folgenethik tendieren würden. Kants pflichtethischer Ansatz impliziert, dass man andere Menschen nicht als Mittel zum Zweck verwenden dürfe. Man solle aus Pflicht zu einer bestimmten Maxime handeln und nicht aufgrund bestimmter Ziele oder Folgen agieren. Genau dies tun jedoch die Einwohner Güllens, wenn sie Z. schmeicheln, mit dem Ziel, an ihr Geld zu gelangen. Sie handeln dementsprechend unethisch bzw. egoistisch und missachten deshalb die Würde des Menschen.
Besonders deutlich wird dies in der Szene, in welcher sich das gesamte Dorf Güllen auf Z’s Besuch vorbereitet. Hier handeln die Güllener deshalb besonders egoistisch, weil sie sehr berechnend und manipulierend ihr Ziel verfolgen. So will der Bürgermeister in seiner Rede Fakten über Z’s Vergangenheit zu seinen Gunsten derartig abgeändert vortragen, dass Z. aufgrund dessen gut darstellt wird. Sie soll sich geschmeichelt fühlen und somit das Geld an Güllen zahlen. Zu sehen ist dies z. B. in der Szene, in welcher der Bürgermeister sagt: „die Geschichte mit dem Polizisten unterschlagen wir besser“ (S.19). Er unterschlägt diese Geschichte also zu seinem eigenen Vorteil. Der Egoismus der Güllener wird jedoch nicht nur dadurch deutlich, dass sie Z. aufgrund ihres Geldes verzwecklichen, sondern im Besonderen durch ihr Konsumverhalten. Durch den zunehmenden Konsum steigt für die Güllener die Notwendigkeit Ill zu töten. Ills Schicksal ist den Güllenern somit gleichgültig, da sie nur an ihr eigenes Wohl denken. Die Einwohner Güllens handeln demnach egoistisch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung- Dürrenmatts Drama: Der Besuch der alten Dame: Das einleitende Kapitel stellt das Drama als bekanntes Theaterstück vor und formuliert das Ziel der Arbeit, die Wahrung oder Missachtung der Menschlichkeit durch die Einwohner Güllens zu untersuchen.
2. Analyse der Menschlichkeit der Einwohner Güllens: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und beleuchtet anhand verschiedener Analyseaspekte wie Lebensumstände, Kollektivbewusstsein, Egoismus und Wahrheit, wie sich die Menschlichkeit bei den Güllenern manifestiert oder verliert.
2.1 Die Lebensumstände der Güllener: Die anfängliche Armut der Güllener und der spätere durch Konsum geprägte Wohlstand werden hinsichtlich ihres ambivalenten Verhältnisses zur Wahrung der menschlichen Würde betrachtet.
2.2 Individualität und das Kollektiv im Bezug zur Menschlichkeit: Es wird untersucht, wie die Bewohner Güllens einerseits als charakterlose Masse im Kollektiv zur Unmenschlichkeit neigen, andererseits aber innerhalb dieses Kollektivs gemeinschaftliche Gefühle entwickeln.
2.3 Humanistisches Verhalten und Menschenwürde: Dieses Kapitel prüft, inwiefern vereinzelt würdige Reaktionen auf unmoralische Angebote stattfinden, bevor die meisten Charaktere schließlich ihre Humanität zugunsten des Geldes aufgeben.
2.4 Egoismus: Hier wird erläutert, wie der Wunsch nach Kapital bei den Güllenern zu einem berechnenden und zweckethischen Handeln führt, das die Würde anderer missachtet.
2.5 Wahrheit, Lüge und Schuld: Die Abkehr von der Wahrheit zugunsten eines Lügekonstrukts, um den eigenen Konsum und die Taten zu rechtfertigen, wird hier als zentraler Beleg für die moralische Erosion analysiert.
2.6 Das selbstbestimmte Handeln als Merkmal der Menschlichkeit: Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Bewohner Güllens in ihrem Denken und Handeln überhaupt noch frei sind oder durch Claire Zachanassian determiniert werden.
2.7 Das Schöne als Merkmal von Menschlichkeit: Die Bedeutung von Ästhetik, Kunst und Sinnlichkeit als mögliche Förderer von Humanität wird thematisiert, wobei auch die Inszenierung des Schönen im Zusammenhang mit Ills Ende beleuchtet wird.
3. Zusammenfassung: Die Wahrung der Menschlichkeit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und verdeutlicht die Ambivalenz zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit als eine Gratwanderung, derer sich keiner entziehen kann.
Schlüsselwörter
Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Güllen, Menschlichkeit, Menschenwürde, Egoismus, Kollektiv, Moralische Erosion, Schuld, Lüge, Kapital, Humanismus, Individuum, Konsum, Ethik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die moralische Verfassung der Einwohner von Güllen in Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame" mit einem spezifischen Fokus auf den Begriff der Menschlichkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Armut und Reichtum, das Zusammenspiel von Individuum und Kollektiv, die Macht des Geldes, moralische Erosion sowie die Bedeutung von Wahrheit und individueller Freiheit.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern die Wahrung der Menschlichkeit im Handeln der Güllener Bewohner gegenüber Alfred Ill stattfindet oder aufgrund externer und interner Faktoren missachtet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Dramas unter Einbeziehung philosophischer Konzepte (wie kantische Prinzipienethik versus Folgenethik) sowie zeitgenössischer Interpretationen und Rundfunkanalysen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die Lebensumstände, die Gruppendynamik des Kollektivs, das humanistische Verhalten der Figuren, den aufkommenden Egoismus, das Lügenkonstrukt der Güllener sowie die determinierende Rolle von Claire Zachanassian und die Funktion ästhetischer Ideale.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Dürrenmatt, Menschlichkeit, moralische Erosion, Kollektiv, Egoismus und Schuld.
Wie bewertet der Autor das Handeln der Einwohner von Güllen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass es sich nicht um eine einfache schwarz-weiß Charakterisierung handelt, sondern dass die Bewohner in einem ambivalenten Prozess der moralischen Erosion stecken, wobei sie zwar für ihre Taten verantwortlich bleiben, aber auch durch die Machtverhältnisse des Geldes beeinflusst werden.
Welche Rolle spielt Alfred Ill in dieser Untersuchung?
Ill wird nicht nur als Opfer betrachtet, sondern auch als eine Figur, die selbst durch vergangene Taten und Eigennutz zur inhumanen Grundstimmung beiträgt, was die moralische Komplexität des Dramas unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Jonas Kirchenberg (Autor:in), 2023, Eine Untersuchung der Menschlichkeit der Einwohner Güllens in Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1404753