Das Fernbleiben einzelner Schüler/innen vom Unterricht bzw. von der Schule ist heutzutage ein vielerorts auftretendes Phänomen, welches nicht nur die Schulen selbst herausfordert (und ihr System hinterfragen lässt), sondern vielmehr eine besorgniserregende Problematik darstellt, die die gesamte Gesellschaft berührt. Bei der Vielzahl an Untersuchungen zum Zusammenhang von Schulschwänzen und Kriminalität (vgl. u.a. Braun 200), die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, ist es nicht verwunderlich, dass das Problem vielen ein „Dorn im Auge“ ist, welches es sich möglichst schnell zu entledigen gilt. Klar ist auch, dass durch eine Betonung dieser Betrachtungsweise die Problematik medienwirksam vermittelt wird und für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt. Schließlich ist Schulschwänzen ab einem gewissen Grad, gemäß der gesetzlich verankerten Schulpflicht, ein Regelverstoß, der geahndet und folglich sanktioniert werden muss. (...)Dementsprechend beklagt Stamm (2008), im deutschsprachigen Raum werde das Thema „Schulschwänzen“ in der wissenschaftlichen Literatur, v.a. aber in den Medien, in einer Art und Weise dargestellt und diskutiert, die für die betroffenen Kinder und Jugendlichen stigmatisierend sei, ohne wirkliche pädagogische Lösungsansätze für das Problem liefern zu können. Andererseits sei es so, dass man auf Nachfrage in den betreffenden Institutionen, den Schulen, Schulämtern und Bildungsministerien, häufig zu hören bekäme, Schulschwänzen stelle kein akutes Problem dar. Jedoch lässt sich mit Verweis auf bisherige Untersuchungen unterstellen, dass es sich dabei in der schulischen Alltagspraxis oftmals um eine Tabuisierung der Problematik handeln muss, indem, bewusst oder unbewusst, weggeschaut wird. (...) Auch wenn die Verortung des Problems im familiären Bereich prinzipiell durchaus plausibel klingt (...), so wird eine einseitige Attribuierung der Ursachen dem gesamten Bedingungskomplex jedoch nicht gerecht.
Das Interesse dieser Arbeit liegt deshalb darin, die Vielfalt möglicher Ursachen für die Entstehung schulaversiver Einstellungen und Verhaltensweisen zu dokumentieren. Die im Rahmen der Arbeit eigens durchgeführten Einzelfallstudien sollen das komplexe Bedingungsgefüge durch Beispiele aus der alltäglichen Realität von Schulschwänzern exemplarisch untermauern.
Inhaltsverzeichnis
1. Verhaltensauffälligkeit als übergeordnete Kategorie
1.1 Verhaltensauffälligkeiten in der Schule: Ein Überblick
2. Das Phänomen Schulabsentismus
2.1 Schulabsentismus als Oberbegriff für Formen des Fernbleibens von der Schule
2.1.1 Formen und Ausprägungen des Schulabsentismus
2.2 Psychologische und soziologische Erklärungstheorien im Kontext von Schulabsentismus
3. Ursachen und Bedingungen für die Entstehung von Schulabsentismus
3.1 Individuelle Faktoren
3.1.1 Der zeitliche Faktor
3.1.2 Geschlechtsspezifische Faktoren
3.1.3 Schul- und Leistungsangst
3.1.4 Schulversagen
3.1.5 Selbstkonzept
3.2 Schulische Faktoren
3.3 Familiäre Faktoren
3.4 Gruppendynamische Faktoren
4. Empirischer Forschungsstand zum Schulabsentismus – eine kritische Bilanz
5. Schulrechtliche Bewertung und Sanktionierung von Schulabsentismus
6. Forschungsdesign
6.1 Zentrales Erkenntnisinteresse
6.2 Zentrale Fragestellungen
6.3 Auswahl und Begründung der Untersuchungsmethode
6.3.1 Einzelfallstudie
6.3.2 Episodisches Einzelinterview
7. Auswertung und Ergebnisse der qualitativen Untersuchung
7.1 Ergebnisse bezogen auf Einflussfaktoren
7.1.1 Fallbeispiel „Hannah“
7.1.2 Fallbeispiel „André“
7.1.3 Fallbeispiel „Tina“
7.1.4 Fallbeispiel „Malte“
7.2 Verbesserungsvorschläge an Schule und Eltern aus Schülerperspektive
7.2.1 Fallbeispiel „Hannah“
7.2.2 Fallbeispiel „André“
7.2.3 Fallbeispiel „Tina“
7.2.4 Fallbeispiel „Malte“
7.3 Fazit
8. Kritische Reflexion der eigenen Untersuchung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Ursachen und Bedingungen des Schulabsentismus bei Kindern und Jugendlichen. Das primäre Ziel besteht darin, schulaversives Verhalten nicht nur als individuelles Defizit zu begreifen, sondern als komplexes Bedingungsgefüge, das unter anderem durch die Schule mitverantwortet wird, um daraus pädagogische Handlungsansätze abzuleiten.
- Multikausale Ursachenanalyse von Schulabsentismus
- Qualitative Einzelfallstudien mit betroffenen Schülern
- Die Rolle schulischer Rahmenbedingungen und Lehrerpersönlichkeiten
- Familiäre und gruppendynamische Einflussfaktoren
- Pädagogische Interventions- und Präventionsstrategien
Auszug aus dem Buch
Schulische Faktoren
Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Stamm betont, dass die pädagogische Diskussion zum Thema des Schulabsentismus – auch wenn sie gerade in Deutschland in den letzten Jahren einen nicht unerheblichen Zulauf an wissenschaftlichen Beiträgen erfahren habe – weiter forciert werden müsse, um die Bedeutsamkeit und Tragweite dieses Phänomens für das schulische Lernen noch stärker in den Köpfen der Verantwortlichen vor Ort, sprich bei den Schulämtern, Schulleitungen und Lehrern, festzusetzen. Wichtig sei dabei zu verdeutlichen, „dass die Frage der Schulpräsenz mit vielen anderen Fragestellungen verknüpft ist, die sie aktuell zu bearbeiten haben – mit Partizipation, Gewalt, Unterrichtsqualität und Leistungstests – und die somit einen Qualitätsindikator für die Schule darstellt.“ (Stamm 2008, 105)
Die meisten Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die höchsten Absentismusquoten an Hauptschulen registriert werden. Speziell die Form der Schulverweigerung (und nur schwer umkehrbaren Schulabkehr) scheint hier im Vergleich zu anderen Schulformen überproportional häufig vorzukommen (vgl. Mauer 2008, 25). Insbesondere schlechte elterliche Vorbilder und die Tatsache, dass die Degradierung des Hauptschulabschlusses berufliche Perspektiven von vorneherein immer stärker einschränkt, führen dazu, dass Hauptschülern immer mehr das Verständnis für den Sinn des Schulbesuchs genommen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Verhaltensauffälligkeit als übergeordnete Kategorie: Einführung in die interdisziplinäre Definition und das Verständnis von Verhaltensstörungen im pädagogischen Kontext.
Das Phänomen Schulabsentismus: Differenzierung der verschiedenen Begriffe und Erscheinungsformen des Fernbleibens von der Schule.
Ursachen und Bedingungen für die Entstehung von Schulabsentismus: Analyse individueller, schulischer, familiärer und gruppendynamischer Einflussfaktoren.
Empirischer Forschungsstand zum Schulabsentismus – eine kritische Bilanz: Kritische Auseinandersetzung mit vorliegenden quantitativen und qualitativen Studien zur Problematik.
Schulrechtliche Bewertung und Sanktionierung von Schulabsentismus: Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen und der kritischen Bewertung repressiver Maßnahmen.
Eigene (qualitative) Untersuchung: Vorstellung des Forschungsdesigns sowie der qualitativen Einzelfallanalysen von vier Schülern inklusive Auswertung und Verbesserungsvorschlägen.
Kritische Reflexion der eigenen Untersuchung: Methodenkritische Betrachtung der durchgeführten qualitativen Interviews.
Schlüsselwörter
Schulabsentismus, Schulschwänzen, Schulverweigerung, Verhaltensauffälligkeit, pädagogische Intervention, Schulpflicht, Schülerperspektive, Einzelfallstudie, Sozialisation, Schuldistanz, Prävention, Bildungssoziologie, Lehrerpersönlichkeit, Familiäre Faktoren, Resilienz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das Phänomen Schulabsentismus und erforscht dessen Ursachen sowie die Bedingungen für seine Entstehung bei Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die theoretischen Grundlagen von Verhaltensauffälligkeiten, die verschiedenen Formen des Schulabsentismus, die rechtliche Situation sowie die Analyse individueller, familiärer und schulischer Einflussfaktoren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, ein Verständnis für den problemlösenden Charakter des Schulschwänzens zu entwickeln und den Fokus von rein repressiven Maßnahmen hin zu pädagogischen Präventions- und Interventionskonzepten zu verschieben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativen Forschungsansatz, insbesondere durch episodische Einzelinterviews in Form von Einzelfallstudien mit vier Schülern, um subjektive Perspektiven zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Ursachenanalyse und eine eigene empirische Untersuchung, in der die Erfahrungen betroffener Schüler analysiert und daraus Verbesserungsvorschläge für die Schule abgeleitet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Schulabsentismus, Schulverweigerung, pädagogische Intervention, Schulpflicht, Prävention sowie den ökosystemischen Ansatz in der Erziehungswissenschaft.
Welche Rolle spielt die Lehrerpersönlichkeit bei der Entstehung von Schulabsentismus?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass eine negative Lehrerpersönlichkeit, autoritäre Beziehungsstrukturen und mangelnde Empathie wesentliche Risikofaktoren sind, die zu schulaversiven Einstellungen bei Schülern führen können.
Welchen Stellenwert nimmt die Kooperation zwischen Eltern und Schule ein?
Eine enge, partnerschaftliche Kooperation wird als essenziell betrachtet, da ein Mangel an Kommunikation häufig zu einer Tabuisierung führt, während eine gelebte Schulpartnerschaft als wichtiger Schutzfaktor gegen Schulabsentismus wirkt.
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- M.A of Education Robert Wetzorke (Author), 2009, Erziehung und Beratung von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen am Beispiel des Schulabsentismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140506