Das Trinken ist eines der wesentlichen Handlungsbereiche in Kneipen. Der Konsum von Alkohol stellt zwar nicht das wichtigste Motiv für den Kneipenbesuch dar, dennoch kann sich kein Kneipengast auf Dauer dem vorherrschenden Trinkzwang entziehen. "Das Trinken in der Kneipe und die ihn kommunikativ umschließenden Handlungen sind stark formalisiert und institutionalisiert. Wer mit wem und was trinkt, ist alles andere als zufällig. Auch das Trinken trennt oder verbindet die Kneipenbesucher, die sich den dabei geltenden Regeln, Motiven, Werten, Konventionen und der sozialen Kontrolle unterziehen."
Trinken als Form des Sozialverhaltens steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Dabei geht es nicht nur um die Trinkmengen, sondern vor allem um Rituale, die mit der Aufnahme alkoholischer Getränke verbunden sind. Die Frage, warum besonders in Kneipen Alkohol getrunken wird, durchzieht die komplette Arbeit. Der Schwerpunkt liegt hier bei den Trinkmotiven 'normaler' Konsumenten und nicht der der Alkoholiker. Der Alkoholiker kann nicht anders, er braucht Alkohol, weil er sonst nicht vergessen kann. 'Normale' Konsumenten grenzen ihre Motivation gegenüber der der Süchtigen ab, indem sie die Freiwilligkeit, das Nicht-Brauchen besonders hervorheben. Außerdem trinken Millionen Menschen in Kneipen ohne Alkoholiker zu werden, so dass der Kneipe keinen direkten Bezug zum Alkoholismus nachgewiesen werden kann. Dies darf jedoch nicht als Verharmlosung missverstanden werden. Alle Menschen die Alkohol zu sich nehmen, sind unter bestimmten psychischen und sozialen Bedingungen gefährdet, jedoch spielt die Kneipe dabei eine untergeordnete Rolle.
Zuerst wird der Begriff Alkohol selbst umrissen und kurz auf den gegenwärtigen Stand des Alkoholkonsums pro Kopf in Deutschland eingegangen. Im nächsten Kapitel geht es dann vorrangig um die Motivation für das Alkoholtrinken und dessen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Der Hauptteil beginnt mit der Darstellung der Kneipe, dem Kneipenwirt und deren Aufgaben. Da Alkohol ritualisiert in Kneipen genossen wird, bilden verschiedene Trinkrituale den folgenden Schwerpunkt. Am Ende steht der volkskundliche Aspekt mit Vorschlägen zu weiteren Untersuchungen im Milieu Kneipe.
Es muss noch erwähnt werden, dass wenn in dieser Arbeit vom Trinken gesprochen wird, grundsätzlich, falls nicht anders angegeben, vom Trinken alkoholischer Getränke die Rede ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Alkohol?
3. Trinkmotive
3.1 Stellenwert alkoholischer Getränke
4. Die Kneipe
4.1 Der Kneipenwirt
4.2 Die Funktionen einer Kneipe
5. Trinkrituale
5.1 Das Niveautrinken
5.2 Das Rundentrinken
5.3 Wechselseitiges Einladen
5.4 Das Zutrinken und Trinken in Gruppen allgemein
5.5 Ex-Trinken
5.6 Trunkenheit
6. Volkskundliche Aspekte
7. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das soziale Phänomen des Alkoholkonsums und der Trinkrituale in Kneipen als Ausdrucksform von Geselligkeit und Identität. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Bedeutung des Trinkens für die Sozialstruktur innerhalb dieses spezifischen Milieus und analysiert, wie durch formale Regeln und Rituale soziale Beziehungen gestärkt oder abgegrenzt werden.
- Die soziokulturelle Bedeutung des Kneipenbesuchs und der Rolle des Wirtes
- Analyse verschiedener Trinkrituale (z.B. Rundentrinken, Niveautrinken, Wechselseitiges Einladen)
- Untersuchung von gruppenspezifischen Normen und sozialer Kontrolle
- Die Abgrenzung von "normalem" sozialem Trinken gegenüber pathologischem Alkoholkonsum
- Die Kneipe als städtisches Soziotop und Ort der Alltagsinszenierung
Auszug aus dem Buch
5.2 Das Rundentrinken
Ein weiteres zentrales Ritual im Kneipenleben ist das Rundentrinken, an dem sich nach Hanna Würths Umfrage 38% der Frauen und 49% der Männer beteiligen. Es ist schon in den volkstümlichen Trinkanstalten des ausgehenden Mittelalters belegt und wurde von Behörden argwöhnisch verfolgt und oft verboten. Ein Grund für die Kontrolle durch die Obrigkeit, war die Angst, dass durch die Gespräche der Angetrunkenen Revolten und Ordnungsstörungen entstehen könnten.
Rundentrinken ist ein gemeinschaftliches Trinkritual, bei dem nacheinander alle Mitglieder einer Gruppe jeweils eine Runde - meist derselben Art und Menge - alkoholischer Getränke ausgeben. Dabei lassen sich verschiedene Varianten unterscheiden: "sei es, dass einer nach dem anderen ordnungsgemäß seine Runde spendiert, sei es, dass eine solche durch ein Spiel (z.B. Würfeln, Knobeln) ausgemacht wird, sei es auch, dass es um eine Sanktion aufgrund ungeschickten oder falschen Benehmens ("das kostet jetzt aber ne Runde") geht." Rundentrinken ist erst beendet, wenn jeder im Durchschnitt dass zahlt, was er auch getrunken hat. Eröffnet man eine zweite Runde, wird der Durchlauf wiederholt. Während des Rundentrinkens darf gewöhnlich keiner die Runde verlassen um nach Hause zu gehen oder sich aus der Runde ausschließen um die Trinkmenge zu reduzieren. Nur wenn man selbst eine Runde bezahlt hat und sich somit aus der sozialen Verpflichtung der Anwesenheit ausgelöst hat, kann die Runde verlassen werden.
Das Rundentrinken kann schon zwischen minimal zwei Personen stattfinden und dient hauptsächlich der kommunikativen Stabilisierung. Es schränkt zwar die Handlungsfreiheit des einzelnen ein, entschädigt ihn aber gleichzeitig dafür. Dadurch, dass einer nach dem anderen für seine Runde unmittelbar aufkommen muss, bleibt die Trinkgesellschaft zusammen. Ebenso dient das Rundentrinken der Schaffung eines Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühls.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Trinken in der Kneipe als formalisierten Handlungsbereich und stellt den Fokus auf das Verhalten "normaler" Konsumenten sowie die Bedeutung von Ritualen heraus.
2. Was ist Alkohol?: Dieses Kapitel umreißt den Begriff Alkohol, seine biologischen Wirkungen auf den Organismus und gibt einen Überblick über den Alkoholkonsum in Deutschland.
3. Trinkmotive: Hier werden die Gründe für den Alkoholkonsum und dessen Bedeutung als gesellschaftliches Bindeglied und Ausdruck von Lebensfreude dargelegt.
3.1 Stellenwert alkoholischer Getränke: Dieser Unterpunkt thematisiert die gesellschaftliche Erwünschtheit des moderaten Konsums sowie die Verankerung des Alkohols in Redewendungen und Traditionen.
4. Die Kneipe: Das Kapitel beschreibt die historische Entstehung der Kneipe als städtisches Gegenmilieu und definiert sie als sozialen Raum.
4.1 Der Kneipenwirt: Der Wirt wird als Schlüsselperson identifiziert, die durch Gestaltung des Angebots und Vermittlung bei Konflikten das soziale Klima bestimmt.
4.2 Die Funktionen einer Kneipe: Hier werden die verschiedenen Rollen der Kneipe als Treffpunkt, Ort der Entspannung und Raum für Identitätsbildung hervorgehoben.
5. Trinkrituale: Dieses zentrale Kapitel analysiert die stark formalisierten Abläufe und Normen, die das Trinkverhalten in Kneipen steuern.
5.1 Das Niveautrinken: Es wird der individuelle Zeitrhythmus beim Trinken erläutert und dessen Funktion als Indikator für den Integrationsgrad einer Gruppe beschrieben.
5.2 Das Rundentrinken: Die Darstellung dieses gemeinschaftlichen Rituals zeigt auf, wie durch reihum erfolgendes Ausgeben von Runden der Zusammenhalt stabilisiert wird.
5.3 Wechselseitiges Einladen: Dieses Ritual wird als Ausdruck sozialer Anerkennung und mit spezifischen Erwartungen an die Kommunikationsbereitschaft verknüpft.
5.4 Das Zutrinken und Trinken in Gruppen allgemein: Es wird die verbale Begleitung beim Trinken sowie der soziale Druck zum Mitkonsum innerhalb der Gruppe diskutiert.
5.5 Ex-Trinken: Dieses Trinkmuster wird als eher seltene und dem geselligen Konsum entgegenstehende Form des schnellen Leerens von Gläsern beleuchtet.
5.6 Trunkenheit: Hier wird der Umgang mit starker Trunkenheit thematisiert, die durch soziale Kontrolle und im Extremfall durch Ausschluss sanktioniert wird.
6. Volkskundliche Aspekte: Der Autor plädiert für weiterführende volkskundliche Forschungen und Methoden der teilnehmenden Beobachtung im Kneipenmilieu.
7. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kneipe primär der Festigung von Sozialbeziehungen dient und Alkohol dabei eine soziale Schmierfunktion übernimmt.
Schlüsselwörter
Kneipe, Alkohol, Trinkrituale, Trinkmotive, Sozialverhalten, Kneipenkultur, Gruppenzusammenhalt, Soziotop, Niveautrinken, Rundentrinken, Kneipenwirt, Volkskunde, Alkoholkonsum, Sozialkontrolle, Geselligkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der ethnologischen Betrachtung von Kneipen als soziale Räume, in denen das Trinkverhalten nicht bloß Konsum, sondern ein hochgradig ritualisierter sozialer Akt ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den Motiven des Alkoholkonsums, der Funktion des Kneipenwirtes, der Bedeutung der Kneipe als Gesellschaftsnische und der detaillierten Analyse spezifischer Trinkrituale.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Besuch einer Kneipe weniger durch das Verlangen nach Alkohol als vielmehr durch das Bedürfnis nach sozialer Integration, Kommunikation und Identitätsbestätigung motiviert ist.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde primär angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer kulturwissenschaftlichen Auswertung bestehender Fachliteratur und theoretischer Ansätze zur Kneipensoziologie und Volkskunde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Kneipe als Raum, die Rolle des Wirtes als Gestalter des Ambientes und eine detaillierte Aufarbeitung diverser Trinkrituale wie Rundentrinken oder Niveautrinken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kneipe, Trinkrituale, Sozialverhalten, Gruppenzusammenhalt, Soziotop und Volkskunde.
Welche Rolle spielt der Kneipenwirt laut der Untersuchung?
Der Wirt ist die Schlüsselperson, die durch die Auswahl der Klientel, die Vermittlung bei Konflikten und die Gewährung von "Freigetränken" maßgeblich das Klima und die soziale Stabilität in der Kneipe sichert.
Wie wirkt sich soziale Kontrolle in der Kneipe auf den Alkoholkonsum aus?
Die Gruppe übt eine regulierende Wirkung aus. Abweichendes Verhalten wie exzessives Betrinken wird sanktioniert, da das Wohlbefinden in der Gemeinschaft von der Aufrechterhaltung sozialer Normen abhängt.
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- M.A. Silke Mohr (Author), 2005, Der Umgang mit Alkohol und das Trinkverhalten in Kneipen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140620