Embedded journalism - Kriegsberichterstattung unter Aufsicht


Examensarbeit, 2009
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Fragestellung

2 Das Konzept des embedded journalism

3 Konsequenzen des embedded journalism

4 Ergebnisse und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Fragestellung

Am 20. März 2003 begann die „Operation Iraqi Liberation“[1], die mit dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein enden sollte. Doch nicht nur Koalitionstruppen aus den USA, Großbritannien und anderen alliierten Staaten überquerten die Grenze zwischen Kuwait und dem Irak. Auch Mitglieder einer Berufsgruppe, die sich im Normalfall nicht mit Panzern und Militärfahrzeugen fortbewegt, waren hautnah beim Einmarsch mit dabei – Journalisten, Reporter und Kameraleute.[2]

Bis zu dieser offensichtlichen Zeitenwende war die Medienstrategie der US-Streitkräfte in zahlreichen bewaffneten Konflikten von Infor­mations­verknappung und von umfangreichen Zugangs­beschränkungen für Journalisten für die jeweiligen Kampfgebiete geprägt.[3] Schnelle Internet­leitungen, globale Satellitenverbindungen, mobile Kommunikationsmöglichkeiten und innovative Datenübertragungstechnologien hatten in der Vorphase des Irakkrieges in US-Regierung und Generalstab aber die Überlegung reifen lassen, dass die bis dato gängige Medienstrategie kaum mehr Erfolg versprechend sein würde. Eine Berichterstattung wäre wegen der fortentwickelten technischen Möglichkeiten weder effektiv zu zensieren noch einzuschränken gewesen.

Aus diesen Überlegungen heraus wurde für den Irakkrieg mit dem embedded journalism eine neue Medienstrategie entwickelt. Damit hofften die Medienstrategen des Pentagons nicht mehr zu unterbindende Kriegsberichter­stattung wenn schon nicht offen, so zumindest unterschwellig im eigenen Sinne beeinflussen zu können. Im Rahmen dieses Konzeptes wurden akkreditierte Journalisten Einheiten der britischen[4] und der US-Streitkräfte zugeteilt und konnten diese während des Irakkrieges begleiteten. Die Pressevertreter erhielten für ihre Berichterstattung vor Ort Informationen aus erster militärischer Hand und bekamen hautnahe Eindrücke von der Front.

Die vorliegende Arbeit beleuchtet das Konzept embedded journalism und beantwortet folgende Leitfrage: Welche Wirkung entfaltet diese Medienstrategie von Militär und Regierung für eine ausgewogene und kritische Berichterstattung über den Irakkrieg 2003? Dazu stellt die Arbeit zunächst die wichtigsten Merkmale des embedded journalism vor. In einem nächsten Punkt, gleichzeitig dem inhaltlichen Herzstück der Arbeit, folgt die Identifizierung von Problemfeldern, die durch die Einführung des Konzepts für die Kriegsberichterstattung neu aufgeworfen wurden. Genauso werden aber auch durch das embedding bewirkte Fortschritte und positive Effekte aufgezeigt. Zuletzt schließt sich eine Zusammenfassung der Ergebnisse und die Beantwortung der Leitfrage an. Eine medientheoretische Einordnung des Phänomens, eine Antwort darauf, ob und für welche Bezugsgruppen das neue Konzept als Erfolg zu werten ist, sowie eine vergleichende empirisch-inhaltliche Analyse der eingebetteten[5] mit der nicht-eingebetteten Kriegsberichterstattung kann die Studie aufgrund ihres begrenzten Umfanges nicht leisten. Durch die gesamte Arbeit zieht sich aber der Anspruch, kritische Punkte des embedded journalism aufzuzeigen und Folgefragen aufzuwerfen, die Basis für eine weitere, auch empirische Beschäftigung mit der Thematik sein können.

Geographisch und zeitlich beschränkt sich die Erörterung auf den Irakkrieg 2003. Grund hierfür ist, dass der embedded journalism bisher nur im Rahmen der „Operation Iraqi Freedom“ im Umfang mehrerer hundert Journalisten umgesetzt wurde. Für andere US-Militäreinsätze wurden nur partiell Anleihen daraus genommen oder nur einige Medienvertreter in aktive Einheiten eingebettet. Deshalb ist die Phase des Irakkrieges 2003 die ergiebigste für einen Erkenntnisgewinn mit Blick auf die neue Medienstrategie. Auch die bisher erschienene Literatur konzentriert sich – mit Ausnahme der historischen Ursprünge – auf diese erste konsistente Umsetzung des embedding.

An deutschsprachiger Literatur sind vor allem zwei wissenschaftliche Monographien hervorzuheben, die sich mit embedded journalism befassen. Kristina Isabel Schwarte[6] beleuchtet den Wandel in der Kriegsberichterstattung. Sandra Dietrich[7] zeigt am Beispiel des Irakkrieges 2003 Ursprünge, Ziele, Merkmale, Probleme und Nutzen des Konzeptes auf. Besonders Dietrichs empirische Analysen sind herauszustellen. Eine Studie[8] der US-amerikanischen Denkfabrik The RAND Corporation, die bereits 2004 erschien, beschreibt das Konzept detailliert und bewertet es als erfolgreich. Dies ist für eine regierungs- und streitkräftenahe Denkfabrik kaum verwunderlich, der Studie muss aber auch zugute gehalten werden, dass sie auch kritische Aspekte anspricht. Ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke haben zahlreiche embedded journalists nach ihrer Rückkehr zu Büchern verarbeitet. Nicht alle davon sind zu empfehlen, einige setzen stark auf Effekthascherei und liefern kaum neue Erkenntnisse. Ein breites und brauchbares Spektrum dieser Berichte von mit Militäreinheiten im Irak eingesetzten Pressevertretern liefern Bill Katovsky und Timothy Carlson.[9]

2 Das Konzept des embedded journalism

Im Oktober 2002 und damit rund ein halbes Jahr vor Beginn des Irakkrieges stellte das US-Verteidigungsministerium Pentagon – von bereits in der Einleitung aufgezeigten Überlegungen motiviert – das neue Medienkonzept des embedded journalism vor. Um dafür Berücksichtigung zu finden, mussten sich Medienorganisationen für ihre Journalisten bei der Pentagon-Dienststelle Office of the Assistant Secretary of Defense for Public Affairs – kurz OASD (PA) – bewerben. Insgesamt standen 920 Plätze in den drei Waffengattungen Marine, Luftwaffe und Armee zur Verfügung, es gingen aber nur 775 Bewerbungen ein, wovon 709 berücksichtigt werden konnten.[10] Das Konzept stand offen für Vertreter aller Medien – Print-, Radio- und Bildjournalisten, aber auch Kameraleute und Cutter.

Um die Pressevertreter auf ihren Einsatz im Irak vorzubreiten, boten die US-Streitkräfte so genannte Media Boot Camps an. Nur etwa 240 amerikanische Journalisten nahmen teil und lernten, wie sie sich beispielsweise richtig zu verhalten, sollte ihre Einheit unter Beschuss geraten.[11] Schilderungen des Journalisten John Koopman, der selbst an einem solchen Camp teilgenommen hatte, machen deutlich, dass bereits in dieser Frühphase des embeddings eine gewisse – im Zweifel unkritische – Nähe zwischen Pressevertretern und Militär (siehe auch Seite 8) entstand: „(…) [W]e joked and had a good time (…). And some started talking like soldiers.“[12]

Gegen Ende Februar 2003 wurden die ersten embeds in ihre militärischen Einheiten integriert. Zuvor hatten die betroffenen Journalisten mit den Streitkräften einen beidseitig jederzeit kündbaren Akkreditierungsvertrag abgeschlossen, der Rechte und Pflichten beider Parteien regelte. Das Militär garantierte den embedded journalists den uneingeschränkten Zugang zu den Kampfeinsätzen und die Beobachtung von Kampfhandlungen. Ebenso verpflichteten sich die Streitkräfte, für Unterkunft, Verpflegung, Transport und Schutz der embeds zu sorgen . Im Gegenzug sagten die Journalisten, die formal einen Offiziersrang erhielten, zu, die ihnen zugewiesene Einheit nicht zu verlassen, den soldatischen Tagesablauf zu teilen und aktiv in ihren jeweiligen Medien zu berichten. Wer die Einheit für unabhängige Recherchen verlassen wollte, dem war der Weg zurück verbaut. Auch wenn ein Reporter aus dem embedding -Programm ausgeschieden war, konnte seine Redaktion den frei gewordenen Platz nicht mit einem Ersatzmann[13] besetzen.

[...]


[1] „Operation Iraqi Liberation“ war der ursprünglich Codename der US-Streitkräfte für Irakkrieg 2003. In den heute geläufigen Codenamen „Operation Iraqi Freedom“ wurde die Mission erst später umbenannt. Die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs codierten ihren Beitrag am Irakkrieg als „Operation Telic“. Im Folgenden „Operation Iraqi Freedom“ synonym sowohl für das US-amerikanische als auch für das britische Militär-Engagement im Irak verwendet.

[2] CNN-Reporter Walter Rodgers berichtete bereits am 21. März 2009 per Videotelefon live über das Vorrücken des 7. US-Kavallerieregiments im Irak. Vgl. edition.cnn.com/2003/WORLD/meast/03/20/otsc.irq.rodgers/index.html

[3] Vgl. Dietrich (2007), S. 1

[4] Wenn im Folgenden von US-Truppen die Rede ist, gilt dies so es sich nicht um konkrete Einzelfälle handelt gleichermaßen – wenn auch meist in geringerem Umfang – auch für die britischen Streitkräfte, die Teil der Irakkriegskoalition waren.

[5] Embedded Journalism (engl) = eingebetteter Journalismus; der Begriff erklärt sich aus der Tatsache, dass die die Streitkräfte begleitenden Journalisten in militärische Einheiten „eingebettet“ wurden.

[6] Dietrich, Sandra, Embedded Journalism, Ursprünge, Ziele, Merkmale, Probleme und Nutzen von “Embedding” am Beispiel des Irak-Krieges 2003, Saarbrücken, 2007

[7] Schwarte, Kristina Isabel, Embedded Journalists, Kriegsberichterstattung im Wandel, Münster, 2007

[8] Paul, Christopher; Kim, James J., Reporters on the Battlefield, The Embedded Press System in Historical Context, The RAND Corporation, Santa Monica, 2004

[9] Katovsky, Bill, Carlson, Timothy (Hrsg.), Embedded, The Media at War in Iraq, Guilford, 2003

[10] Vgl. Paul/Kim (2004), S.54

[11] Vgl. ebd., S.53

[12] Koopman (2003), S.111

[13] Aus Gründen der Einfachheit und der besseren Lesbarkeit meint die jeweilige verwendete maskuline Form immer auch den femininen Gegenpart.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Embedded journalism - Kriegsberichterstattung unter Aufsicht
Hochschule
Freie Journalistenschule Berlin
Veranstaltung
Abschlussarbeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V140627
ISBN (eBook)
9783640498093
ISBN (Buch)
9783640498321
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Irakkrieg 2003 setzten die USA mit dem „Embedded journalism“ erstmals auf ein neues Konzept der Kriegsberichterstattung: Die Journalisten wurden einer kämpfenden Einheit zugewiesen und begleiteten diese während den Kampfhandlungen. Dieses Konzept befriedigt das Bedürfnis der Journalisten nach direktem Zugang zum Kriegsgeschehen, ermöglicht es der militärischen Führung aber auch, die Berichterstattung zu kontrollieren. Die vorliegende Arbeit leuchtet das Konzept des „Embedded Journalism“ aus und stellt Auswirkungen auf Berichterstattung und Berichterstatter dar.
Schlagworte
embedded journalism, Journalismus, Kriegsberichterstattung, Irakkrieg, Golfkrieg, USA, Irak, Medien
Arbeit zitieren
Florian Schiegl (Autor), 2009, Embedded journalism - Kriegsberichterstattung unter Aufsicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140627

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