Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen

Fernsehen als Ideologie


Seminararbeit, 2004

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theodor W. Adorno - "Anwalt des Nicht-Identischen" Eine Einführung

2. Probleme der Begriffsbestimmung
2.1. Adornos Theorie der Kulturindustrie

3. Prolog zum Fernsehen
3.1. Fernsehen als Ideologie

Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Verdacht, daß die Realität, die man serviert, nicht die sei,

für die sie sich ausgibt, wird wachsen.

Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen (1953)

Adorno stand zeit seines Lebens kritisch, wenn nicht schon eher pessimistisch in der Beurteilung und Bewertung neuer Medien gegenüber. Er bezweifelte die Möglichkeit einer »nachauratischen« neuen Kunst und sprach Rundfunk, Film und Fernsehen absolut jeden Erkenntniswert ab und das nicht nur im Vergleich zur alten bürgerlichen autonomen Kunst. Für Adorno bedeutete technische Reproduktion immer einen Verlust, 1959 formulierte er dies für den Rundfunk folgendermaßen:

„So hat in Amerika Edward Suchman in einer ingeniösen Studie dargetan, daß von zwei Vergleichgruppen, die sogenannte ernste Musik hörten und von denen die eine diese Musik durch lebendige Aufführungen, die andere nur vom Radio her kannte, die Radiogruppe flacher und verständnisloser reagierte als die erste.“1

Für ihn liegt dies nicht ausschließlich an einem möglichen sozialen und/oder bildungsrelevanten Gefälle zwischen den beiden Untersuchungsgruppen, und ebenso wenig an der Verwendung des neuen Mediums Rundfunk, sondern an den Eigenarten der technischen Reproduktion selbst. Das Verfahren der technischen Reproduktion ist untrennbar mit den Standards der Kulturindustrie, der Verflachung, der Wiederholung und Verdoppelung etc. verknüpft.2 Der Inhalt der Ideologien trete stets in seiner Bedeutung hinter deren Form zurück und so ändert sich „mit der Technik der Verbreitung zugleich das Verbreitete“.3 Für Adorno bedinge die Form der technischen Reproduktion automatisch auch den Verlust an Möglichkeiten zur objektiven Einsicht des reflektierenden Individuums.4 Beispielsweise bezweifelte er u. a. auch, ob eine »Rundfunk« -Symphonie überhaupt noch eine Symphonie genannt werden dürfe.5 So bewirken beide Prozesse, d.h. also die Veränderung in der Produktion wie die der technischen Reproduktion und Distribution eine Vervollkommnung der Reproduktionsleistungen, so dass die Produkte der Kulturindustrie die Realität immer „realistischer“ abbilden.6

„Der Prolog zum Fernsehen ebenso wie Fernsehen als Ideologie beruht auf Studien, die [... Adorno] 1952/53 als wissenschaftlicher Leiter der Hacker Foundation in Amerika durchführte. Die Resultate sind keineswegs blank auf das deutsche Fernsehen zu übertragen. Aber sie bezeichnen allgemeine Tendenzen der Kulturindustrie.“7

Um wenige Begriffe der Kritischen Theorie ranken sich so viele interessierte Interpretationen und Missverständnisse wie um den der Kulturindustrie. Im wesentlichen sind das die Medien der Massenkommunikation und die zu kommerziellen Zwecken fabrizierten Kulturgüter sowie auch die gern auch als überflüssig bezeichneten Konsumgegenstände. Die Kulturindustrie mag viel nutzlosen Unfug produzieren, der Einzelnen überhaupt nicht gefällt, doch den Schrecken der totalitären Repression hat sie lange schon verloren. Es scheint eher so, als sei eine Kritik der Kulturindustrie, wie sie Adorno formuliert hat, mit dem Fortbestand jenes Systems kraftlos und jedes Werturteil über die Kultur hinfällig geworden zu sein. Theodor W. Adornos Analysen der Kulturindustrie, ganz explizit im Kapitel "Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug" der Dialektik der Aufklärung wie auch in den späteren Schriften, lassen ein deutliches Bild entstehen: Entscheidende Auswirkungen auf den einzelnen Konsumenten und dessen Bewusstsein haben u. a. das Ensemble von Profitinteressen, Großkonzernen, Medienprodukten, Massenmedien, Technik und Verwaltung, allgemein formuliert, also der ganze industrielle Komplex. Die zentrale Rolle, die Adorno der Kulturindustrie zuschreibt, ist, dass „[d]er Gesamteffekt der Kulturindustrie [...] der einer Anti-Aufklärung [ist]; in ihr wird [...] Aufklärung, nämlich die fortschreitende technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewußtseins.“8

Adornos Philosophie umfasst die Auseinandersetzung mit der traditionellen Philosophie, der Kultur der bürgerlichen Gesellschaft, der Gesellschaftstheorie und den Sozialwissenschaften und er hat vielleicht wie kein anderer „die kulturelle Moderne in all ihrer Zweideutigkeit ausgemessen; Zweideutigkeiten, in denen sich Möglichkeiten einer Entfesselung ästhetischer und kommunikativer Potentiale ebenso ankündigten wie die Möglichkeiten eines Absterbens der Kultur.“9 Für einen besonders guten Griff in der reichhaltigen wie fast unübersichtlichen Sekundarliteratuer zur Philosophie Adornos halte ich den Vortrag »Adorno, Anwalt des Nicht-Identischen«, den Prof. Albrecht Wellmer im Juli 1984 im Rahmen der Reihe »Klassiker der Moderne« an der Universität Koblenz hielt. Eine Einführung, die nicht als Einführung im Sinne einer Vermittlung elementarer Kenntnisse verstanden werden soll, denn diese wäre philosophisch betrachtet wertlos, sondern als eine Einführung in das Denken des philosophischen Autors, die sich im Falle Adornos schwierig gestaltet, weil aus Adornos Einsicht heraus, dass Philosophie, wenn sie diesen Namen verdient, sich weder auf Thesen bringen noch referieren lässt, woraus er radikale Konsequenzen, was auch die Form seines eigenen Philosophierens betraf, zog.10 Der erste Teil dieser Arbeit widmet sich dieser Einführung um der Persönlichkeit Adornos wie seiner philosophischen Denkweise etwas näher zu kommen und sie ein Stückchen fassbarer wie verständlicher werden zu lassen. Kulturindustrie, ein Begriff, den Adorno geprägt hat. Seine Analysen zur Kulturindustrie zeichnen ein deutliches Bild, er macht den Komplex der Kulturindustrie nicht nur dafür verantwortlich, dass die geistigen Gebilde rigoros dem Profitmotiv unterworfen wurden, viel mehr noch für den gesamten Prozeß der Wirklichkeitskonstruktion und Sinnvermittlung in der spätkapitalistischen Gesellschaft und für die soziale Integration der Subjekte insgesamt. Jene Techniken, die darauf abzielen, Menschen im Zustand psychischer Abhängigkeit zu halten, statt sie wahrhaft über diese Welt aufzuklären, die das Immergleiche11 wiederhole und Alternativen zum Bestehenden vergessen mache, so dass der Einzelne im Zustand eines nur scheinbar mündigen Konsumenten verharre, obwohl die objektiven Möglichkeiten einen anderen Zustand erlaubten, diesen Vorwurf an die Kulturindustrie fasst Adorno im Bergriff der »umgekehrten Psychoanalyse« zusammen. Im Mittelpunkt des zweiten Teiles der vorliegenden Arbeit steht Adornos Theorie der Kulturindustrie. Die Analysen zur Kulturindustrie sind im unmittelbaren Zusammenhang zu seinen ideologiekritischen Inhaltsanalysen zu betrachten, die auf seinen Untersuchungen des amerikanischen Fernsehfilmes beruhen. Die Studien, die Adorno Anfang der fünfziger Jahre anfertigte und später unter dem Titel »Prolog zum Fernsehen« ebenso wie »Fernsehen als Ideologie« veröffentlichte, sind Gegenstand des dritten Teiles dieser Arbeit, und bezeichnen, bezugnehmend auf das deutsche Fernsehen, die allgemeinen Tendenzen der Kulturindustrie.

1. Theodor W. Adorno - "Anwalt des Nicht-Identischen"

Eine Einführung

Ähnlich seiner Zeitgenossen Heidegger und Wittgenstein war Adorno der Ansicht, dass die große Philosophie der europäischen Tradition sich über weite Strecken an einem falschen Ideal orientiert hat: „dem Ideal eines systematischen, methodisch gesicherten und auf festen Fundamenten aufbauenden Wissens. [...] Adorno war nicht der erste, der erkannte, daß eine philosophische Wissenschaft [die sich im Sinne am Ideal eines methodisch gesicherten Erkenntnisfortschritts orientiert um die Philosophie endlich aus dem unverbindlichen Meinungsstreit der Schulen herauszuführen und sie in den Rang einer echten Wissenschaft zu erheben] nicht möglich ist; oder daß sie, wenn sie ernsthaft realisiert würde, das Ende der Philosophie bedeuten würde.“12 Das Unverwechselbare, dass die Philosophie Adornos ausmacht, ist jedoch nicht diese Einsicht, es ist eher die Art, wie er sie formulierte, begründete und aus ihr Konsequenzen zog. Adornos Texte sind „dicht wie komplexe und in jeder Nuance durchgehörte Musikstücke - »mit den Ohren denken« war ein Wahlspruch Adornos -; es sind konzentriert komponierte Texte, denen die Idee zugrunde liegt, daß Gedanken nur so viel wert sind wie die sprachliche Form, in der sie sich äußern. Dieser Idee liegt ein tiefes Mißtrauen Adornos gegen die alltäglichen wie gegen die wissenschaftlichen Formen sprachlicher Kommunikation zugrunde. Dieses Mißtrauen, oder vielmehr die Sprachkritik, als die er es formuliert hat, ist in gewissem Sinne der Kern von Adornos Philosophie.“13 Die Texte der Kritischen Theorie besitzen oft eine esoterische Sprache, ein hohes Abstraktionsniveau und bieten eine sehr komplexe Verarbeitung nahezu aller wichtigen Philosophien aus den letzten Jahrhunderten. „Der Widerstand, den der Text provozieren will, soll transformiert werden in Widerstand gegen die traditionellen Theorien, Philosophien, Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen.“14 In der Negativen Dialektik, Adornos philosophischen Hauptwerk postuliert er für die Philosophie folgendes: „An ihr ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen.“15 Die Negative Dialektik, im Jahre 1966 erschienen, „nimmt [so Schiefelbein] vor allem aus zwei Gründen eine zentrale Stellung im Denken Adornos ein: sie stellt die differenzierteste methodische Reflexion seiner früheren materialen Arbeiten dar, und sie ist zugleich der Versuch, das Verhältnis von Theorie und Praxis weit über das bisher in der Philosophie Geleistete hinaus neu zu bestimmen, um »über die offizielle Trennung von reiner Philosophie und Sachhaltigem oder Formalwissenschaftlichem hinauszugelangen«16. Das Ziel dieser philosophischen Untersuchung ist es, die Authentizität eines konkreten Philosophierens zu erweisen, das sich im Widerstand gegen alle »approbierte Denkerei« bewegt.“17 Das heißt in Adornos Worte gekleidet: »Nicht über Konkretes ist zu philosophieren, vielmehr aus ihm heraus«18. Adorno nannte seine eigene Verfahrensweise ausdrücklich »materialistisch«, weil sie von der bestehenden Situation und nicht von einer apriorischen Auffassung vom »Wesentlichen« ausgeht und qualifizierte seine Überlegungen explizit als »materialistisch« und »dialektisch«. Wer bestimmt aber nun, was »materialistisch« oder »dialektisch« bedeutet? Van Reijen stellt diesbezüglich zu Recht die Frage, ob „die Philosophie das Wunderland der Alice [ist], in dem Humpty Dumpty diagnostiziert, daß diejenigen, die die Macht haben, darüber bestimmen, was ein Wort bedeutet? Es ist in der Philosophie üblich, die

Verwendung von Begriffen durch die Tradition zu legitimieren. Was aber nun ein bestimmter Terminus in einer bestimmten Tradition genau bedeutet hat, unterliegt auch wieder einer Interpretation (abgesehen davon, daß die Feststellung, eine bestimmte Philosophie gehöre zur Tradition - oder auch nicht -, ihrerseits umstritten sein kann).“19 Zur Beantwortung der Frage, geht van Reijen in der Annahme, dass „Adorno [...] durch die Verwendung der Qualifikation »dialektisch-materialistisch« zu erkennen geben wollte, daß er seine Philosophie als Konsequenz oder zumindest doch als Variation einer bestimmten Tradition sah. [...] Das Problem einer Einordnung der Philosophie Adornos von außen liegt nun darin, daß »dialektisch« sowohl im Sinne einer idealistischen als im Sinne einer materialistischen Dialektik zu verstehen ist.“20 Einerseits gibt es nicht viele, die Adorno als echten Materialisten deuten, andererseits viele, die ihn für einen Idealisten halten und ihm unterstellen, dass er diesen Idealismus hinter einem Pseudomaterialismus versteckt habe.21 Diese Streitfrage ist aber schon deshalb unlösbar, „weil die Idealisten ihr Selbstverständnis nicht wiederfinden in dem, was ihre Kontrahenten, die Materialisten, Idealismus nennen, und umgekehrt. [...Und so vertritt van Reijen die Ansicht, dass] es nicht um einen Streit um Begriffe [geht], sondern um das Verhältnis zwischen Begriffen und Wirklichkeit. [Dennoch scheint eines auf der Hand zu liegen, dass] die Bezugspunkte in der Tradition [klar sind]: Hegel und Marx.“22 Bei allen Unterschieden zwischen Hegel und Marx läßt sich immerhin soviel Gemeinsamkeit festhalten, dass Dialektik für beide bedeutet, „die Entwicklung der Gesellschaft, der Kultur und damit überhaupt von allen Formen der Selbstreproduktion als Auseinandersetzung zwischen entgegengesetzten Kräften modellhaft zu fassen [und dass] Philosophie als Kritik [...] Darstellung dieser Entwicklung [als] Teil derselben [ist] und [...] also unmittelbar zur gesellschaftlichen Praxis [gehöre]. In diesem Sinne schließt Adorno an Hegel und Marx an. [... Allerdings unterscheidet er sich von ihnen deutlich], da er die Bewegung nicht linear auffaßt, wie Hegel und Marx es tun, indem sie die Geschichte auf ein Ziel und damit auf ein Ende hin denken [..., sondern für] Adorno ist die Bewegung eine oszillierende zwischen zwei oder mehreren Extremen. Das Wirkliche ist jeweils eine besondere Konstellation verschiedener Elemente, die sich zwar immer in Bewegung halten, aber kein Ziel haben. Es gibt wechselnde Konstellationen in der Beziehung von Subjekt und Objekt, Natur und Geschichte, Wissenschaft und Gesellschaft. Keine ist »wahrer« als die andere. Man kann nur jeweils feststellen, worin sie sich unterscheiden. Es gibt jedoch keinen archimedischen Punkt, von dem aus das Ganze fixiert werden könnte. Dieser Wechsel der dialektischen Perspektive hängt [für van Reijen ...] mit der Sichtweise zusammen, die Adorno im Unterschied zu Hegel und Marx auf das Negative hat. Für Hegel und Marx ist das Negative notwendiger Bestandteil der Geschichte und überhaupt jeglicher Bewegung und Entwicklung. Weil sie aber ein Ende der Geschichte denken (Hegel die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft in den Staat, Marx das Reich der Freiheit), ist für sie die Negativität irgendwann (als Negation der Negation) aufgehoben, und das heißt, schließlich eliminiert. Für Adorno gilt aber, daß das Negative solange besteht, wie überhaupt etwas besteht. Es ist für ihn undenkbar, daß es jemals eine wirkliche Totalität geben sollte, daß jemals alles so sein würde, wie es sein sollte, und zu einem ruhigen Ende gelangt. Mit anderen Worten: Niemals wird all das, was gedacht werden kann, zur gesellschaftlichen Wirklichkeit werden, und das Wirkliche identisch sein mit dem Denken. [...Wenn es also berechtigt ist, dass Adornos Philosophie materialistisch genannt werden kann, dann] weil er Wissenschaft und Philosophie ebensowenig idealistisch betrachtet wie er die materielle Grundlage der Gesellschaft rein ökonomisch auffaßt. Adornos Absicht ist es zu zeigen, daß die herkömmlichen Trennungen von Theorie und Wirklichkeit ihren Sinn verloren haben. Die Theorie ist, auch noch in ihrer »Falschheit« als Erkenntnistheorie, als Idealismus zur materiellen Gewalt geworden, indem sie bestehende Machtverhältnisse perpetuiert. Andererseits ist das Materielle, in Gestalt ökonomischer Wertvorstellungen, zur alles beherrschenden Leitvorstellung geworden. In einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der das »Idealistische« und das »Materialistische« Rollentausch praktizieren, kann nur materialistische Theorie die Grundvoraussetzung dafür schaffen, daß alles wieder (oder zum ersten Mal) so sein kann, wie es von sich aus sein sollte. Es geht dabei nicht zuletzt darum, das Ausspielen von »erster« gegen »zweite« Natur als ein widersprüchliches Unterfangen darzustellen und somit der Kritik ein (materialistisches) »fundamentum in re« zu verschaffen. Gelingt das, dann ist auch das Bild einer von Praxis distanzierten Theorie verschwunden. Die Aufhebung der Distanz zwischen Theorie und Praxis kommt zum Ausdruck im Verschwinden der Herrschaft, die Menschen über Menschen ausüben. Ihren Antrieb erhält Adornos Philosophie aus der Feststellung, daß die bestehenden Verhältnisse von den Menschen anders wahrgenommen werden, als sie tatsächlich sind. Für Adorno ist dies am besten greifbar in der Tatsache; daß Menschen sich selbst, andere und ihre gesellschaftlichen Beziehungen in Termini der Abstraktion, die im Warentausch auf die Spitze getrieben ist, erfahren und denken. Insofern hat Adornos Philosophie auch in dieser Hinsicht eine materialistische Basis. Es zeigt sich, daß die Kritik der Gesellschaft zugleich Kritik der Philosophie als Erkenntnistheorie ist, so wie die Kritik der Erkenntnistheorie gleichzeitig und in derselben Hinsicht Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse ist.“23 Kehren wir dennoch zunächst wieder zum Kern oder ins Zentrum von Adornos Philosophie - der Sprachkritik - , oder anders formuliert: zur „Kritik des »identifizierenden Denkens«, der »signifikanten Sprache«, des allgemeinen Begriffs“24 zurück und erinnern uns an Adorno Postulat für die Philosophie: „An ihr ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen.“25 Und hier offenbaren sich die Schwierigkeiten, was Adornos Philosophie betrifft, da er selbst immer wieder betont, dass Philosophie, wenn sie diesen Namen verdient, sich weder auf Thesen bringen noch im wesentlichen referieren lässt.

Was aber ist damit gemeint? Wenn man einigermaßen selbstkritisch ist, so wird man feststellen, dass man nach einer Lektüre einer referierenden Darbietung eines Philosophen oder einer philosophischen These ebenso klug oder aber auch nicht, wie zuvor ist.26 Woran liegt das? Nachvollziehbar beantwortet Wellmer diese Frage: Es liegt daran, „daß die Resultate oder Thesen in der Philosophie - also das, was sich referieren läßt - nur ebensoviel wert sind wie die Bewegung des Gedankens, die sich in ihnen kristallisiert hat; diese Bewegung des Gedankens aber läßt sich nicht - im gewöhnlichen Sinne des Wortes - mitteilen uns als Information nach Hause tragen, sie läßt sich vielmehr nur aneignen, indem man sie nachvollzieht.“27 Adornos konzentriert komponierten Texten liegt wie schon oben erwähnt, die Idee zugrunde, „daß Gedanken nur so viel wert sind wie die sprachliche Form, in der sie sich äußern“28 und dass „[d]ieser Idee [...] ein tiefes Mißtrauen Adornos gegen die alltägliche wie gegen die wissenschaftliche Formen sprachlicher Kommunikation zugrunde [liegt].“29 So führt „[...] die Kritik des »identifizierenden Denkens«, der »signifikanten Sprache«, des allgemeinen Begriffs“30 im gewissen Sinne ins Zentrum von Adornos Philosophie. Das wirft jedoch unweigerlich eine weitere Frage auf, ob es nicht paradox ist, wenn ein Philosoph dem Denken in allgemeinen Begriffen misstraut, denn wie, wenn nicht mit Hilfe von allgemeinen Begriffen sollte man dann philosophieren?31 Oder anders formuliert: wie sollte man „in verständlichen Worten einer Philosophie gerecht werden, die etwas zu sagen versucht, das sich der begrifflichen Darstellung entzieht?“32 Um ins Zentrum von Adornos Philosophie, der Kritik des identifizierenden Denken zu gelangen, ist die Dialektik der Aufklärung, das Buch, das Adorno zusammen mit seinem Freund Max Horkheimer in den Kriegsjahren 1942 - 1944 im amerikanischen Exil schrieb, bedeutend.

[...]


1 Adorno 1959, S. 110; Bei der Studie Suchmans handelt es sich wahrscheinlich um Suchman 1941, eine Arbeit, bei der Suchman Adornos Arbeitsergebnisse aus dem Radio Research Projekt verwertete. Adorno arbeitete zwischen 1939 und 1941 als Leiter der musikalischen Abteilung am von Paul F. Lazarsfeld geleiteten und von der Rockefeller Foundation finanzierten Radio Research Project.

2 Vgl. Adorno 1965, S. 227

3 Adorno 1927/65, S. 525

4 Vgl. Adorno 1957, S. 496

5 Vgl. Adorno 1965, S. 102

6 Vgl. Adorno 1950, S. 270; Adorno bezeichnet den Film, wegen seiner Fähigkeit die Realität perfekt nachzubilden, als “drastisches Medium der Kulturindustrie“

7 Adorno 1953a, S. 69; Einfügung und Auslassung C. B.

8 Adorno 1963b, S. 345; Auslassungen und Umstellung: C.B.

9 Wellmer 1990, S. 9

10 Vgl. Wellmer 1990, S. 135

11 Zum Wesen der Kulturindustrie gehört: die Wiederholung des Immergleichen, das Bestreben, einzelne künstlerischen Werke zum »Hit« zu machen. Wiederholung stumpft die Sinne ab. Es gilt: „Was E war, kann U werden!“ (Adorno »Orpheus in der Unterwelt.« In: Adorno 1984, S. 548)

12 Wellmer 1990, S. 136; Umstellung: C.B.

13 Ebd., S. 137

14 van Reijen 1990, S. 7

15 Adorno GS Bd. 6, 1966, S. 27

16 Adorno GS Bd. 6,1970, S. 10 zitiert in: van Reijen 1990, S. 75

17 Schiefelbein, Peter: Adornos »Negative Dialektik«, S. 75 - 87. In: van Reijen 1990, S. 75

18 Adorno GS Bd. 6,1970, S. 43 zitiert in: van Reijen 1990, S. 75

19 van Reijen 1990, S. 65; Umstellung: C.B.

20 Ebd., S. 66; Auslassungen: C.B.

21 Vgl. ebd., S. 66

22 Ebd., S. 66; Einfügungen, Auslassungen und Umstellungen: C.B. 7

23 van Reijen 1990, S. 66 - 70 ; Einfügungen, Auslassungen und Umstellungen: C.B. 8

24 Wellmer 1990, S. 137

25 Adorno 1966, S. 27

26 Und welcher Student bzw. welche Studentin möge behaupten, dass das nicht wahr wäre, jene(r) werfe sozusagen, den ersten Stein.

27 Wellmer 1990, S. 135

28 Ebd., S. 137; Zum Verständnis Adornos, was den Begriff Text betrifft, folgendes: „Philosophie soll Text und Enträtselung des Textes in einem sein. Wenn Adorno auch von »Text« redet, so tun wir doch gut daran, uns zu vergegenwärtigen, daß er sich durchaus an Benjamin orientiert und daß es von daher besser ist, an »Bilder« zu denken. Das »Bild« umfaßt mehr Möglichkeiten menschlicher Erfahrungen und Erfahrungsweisen, als der Terminus »Text« suggeriert. “ (van Reijen 1990, S. 14 f.)

29 Ebd., S. 137; Umstellung: C.B.

30 Ebd., S. 137; Auslassung: C.B.

31 Vgl. ebd., S. 137

32 Ebd., S. 137

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen
Untertitel
Fernsehen als Ideologie
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Politische Philosophie als Zeitdiagnose
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V140662
ISBN (eBook)
9783640478392
ISBN (Buch)
9783640478132
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor, Adorno, Prolog, Fernsehen, Ideologie
Arbeit zitieren
Marta Cornelia Broll (Autor), 2004, Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140662

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