Es gibt wohl nur sehr wenige Philosophen, bei denen das Denken so eng mit dem Leben verknüpft ist wie bei Sören Kierkegaard. Demzufolge liegt die Versuchung nahe, Kierkegaards Denken und Schreiben als Ausdruck seines Lebens zu werten und damit auch eventuell – zu entwerten. Obwohl sich intimste Tagebuchaufzeichnungen und Liebesbriefe in seinen ästhetisch-philosophischen Schriften wiederfinden lassen und einige seiner Bücher als Botschaft für eine einzige Person gedacht sind, dass die unglückselige Verlobungsgeschichte von ihn immer wieder erneut thematisiert und philosophisch reflektiert wurde, läßt zunächst auf eine außergewöhnliche Einheit von Leben und Werk schließen. Vieles wird natürlich erst durch Kierkegaards Lebensgeschichte verständlich, dennoch gehen die Bewegungen und Ergebnisse, wie die Triftigkeit und Bündigkeit seines Denkens weit über die Kontingenz eines Lebenslaufes hinaus. Offensichtlich gehört Kierkegaard auch zu jener Art von Menschen, deren geistiges Schaffen durch ein bedeutsames Erlebnis bestimmt ist und dementsprechend aus lauter Variationen zu ein und demselben Thema, aus der vielfältigen und vielschichtigen Abwandlung eines einzigen Grundmotivs zu bestehen scheint. Von der Kraft, die sich aus solch einem großen Erlebnis heraus entwickeln kann, sagt Nietzsche einmal: „aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen“ und meint, dass es Menschen gäbe, die diese Kraft so wenig besäßen, dass sie an einem einzigen Erlebnis, an einem einzigen Schmerz wie an einem kleinen blutigen Riß verbluteten.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1. Kierkegaard, Leben und Werk - Leitgedanken
2. "Der Begriff Angst – Eine schlichte psychologisch-andeutende Überlegung in Richtung auf das dogmatische Problem der Erbsünde"
2.1. Die Möglichkeit oder der Schwindel der Freiheit
Abschließende Gedanken und Folgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Schlüsselwerk „Der Begriff Angst“ von Søren Kierkegaard, um zu ergründen, wie die Angst als existentielle Kategorie grundlegend zum Menschsein gehört. Dabei wird insbesondere das Spannungsfeld zwischen Freiheit, psychologischer Analyse und dem dogmatischen Problem der Erbsünde beleuchtet, um ein tieferes Verständnis für die menschliche Existenz zu gewinnen.
- Die Einheit von Kierkegaards Leben und seinem philosophischen Werk
- Die Phänomenologie der Angst als „Schwindel der Freiheit“
- Die Bedeutung des qualitativen Sprungs für die individuelle Freiheit
- Die Verknüpfung von Psychologie, Philosophie und Theologie
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Möglichkeit oder der Schwindel der Freiheit
„Kierkegaards Angstabhandlung unternimmt erstmals den Versuch, Freiheit auf der Grundlage einer Phänomenbeschreibung der Angst systematisch zu klären. Sie gibt indes keine unzweideutige Auskunft darüber, welche Freiheit es ist, die sie vor Augen führen möchte. Außer der Möglichkeit, Freiheit als die der Selbsttäuschung zu begreifen, legt sie, zumindest auf den ersten Blick, ebenfalls einen willenstheoretischen Freiheitsbegriff nahe.“
Eine zentrale Passage in Kierkegaards Der Begriff Angst lautet folgendermaßen: „Angst läßt sich mit Schwindel vergleichen. Kommt jemand dahin, daß sein Auge in eine gähnende Tiefe hinuntersieht, so wird ihm schwindelig. Aber was ist der Grund, es ist ebensosehr sein Auge wie der Abgrund; denn gesetzt, er hätte nicht hinuntergestarrt. So ist die Angst der Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will, und die Freiheit nun in ihre eigene Möglichkeit hinunterblickt, und dann die Endlichkeit ergreift, um sich daran festzuhalten. In diesem Schwindel sinkt die Freiheit nieder.“
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in die Thematik anhand von Vergleichen zu Kafka und einleitende Hinführung zum Werk Kierkegaards.
Einleitung: Biographische Skizze von Kierkegaard und Darstellung seines Denkens als Ausdruck seiner Lebensgeschichte.
1. Kierkegaard, Leben und Werk - Leitgedanken: Detaillierte Betrachtung des Einflusses der pietistischen Erziehung des Vaters und des Reflexionszwangs auf Kierkegaards Existenz.
2. "Der Begriff Angst – Eine schlichte psychologisch-andeutende Überlegung in Richtung auf das dogmatische Problem der Erbsünde": Analyse der Schrift als Versuch, theologische Fragen durch eine psychologische Betrachtung der Angst zu fundieren.
2.1. Die Möglichkeit oder der Schwindel der Freiheit: Untersuchung des Kernbegriffs der Angst als Schwindel der Freiheit und des Übergangs zur Sünde durch den individuellen Sprung.
Abschließende Gedanken und Folgerungen: Reflexion über die heutige Aktualität der existentiellen Kategorien bei Kierkegaard und den Zusammenhang von Angst und Lebensverständnis.
Schlüsselwörter
Angst, Søren Kierkegaard, Freiheit, Existenzphilosophie, Erbsünde, Schwindel, Psychologie, Individualität, Sünde, Menschsein, Reflexion, Dogmatik, Möglichkeit, Existenz, Selbstverhältnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Sören Kierkegaards Werk „Der Begriff Angst“, um das komplexe Phänomen der Angst und dessen Bedeutung für das menschliche Dasein zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Abhandlung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verknüpfung von Freiheit, Sünde, der Rolle des Individuums und der wissenschaftlichen Methodik Kierkegaards im Kontext seiner Zeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, die Frage zu klären, wie die Angst als fundamentales Element zum Menschsein gehört und wie sie innerhalb einer Existentialdialektik verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische und existenzanalytische Untersuchung, die Kierkegaards Schriften unter Rückgriff auf zeitgenössische Interpretationen und phänomenologische Aspekte interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Leben Kierkegaards, die Bedeutung der Freiheit als „Schwindel“, die psychologischen Ansätze zu Erbsünde und Sündhaftigkeit sowie der „qualitative Sprung“ erörtert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Angst, Freiheit, Einzelner, Existenz, Sünde und Möglichkeit geprägt.
Inwiefern spielt der Vater Kierkegaards eine Rolle für sein Verständnis von Angst?
Die strenge pietistische Erziehung des Vaters wird als entscheidender Einfluss für Kierkegaards tiefen Reflexionszwang und seine Auseinandersetzung mit Schwermut und Schuld dargestellt.
Warum wird die Angst als „Schwindel der Freiheit“ bezeichnet?
Kierkegaard beschreibt Angst als einen Schwindel, der entsteht, wenn der Geist in seine eigene unendliche Möglichkeit blickt, wodurch das Individuum in einen Zustand der Unsicherheit gerät, der die Freiheit verdeckt.
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- Marta Cornelia Broll (Author), 2004, Sören Aabye Kierkegaard - Der Begriff Angst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140664