Die Parabel vom verlorenen Sohn im ‚Helmbrecht’ von Wernher der Gartenære


Seminararbeit, 2005

12 Seiten, Note: gut - sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Parabel vom verlorenen Sohn - Auffälliger Referenztext im ‚Helmbrecht’

3. Auszahlung des Erbes als Schnittstelle in der Vater-Sohn Beziehung

4. Schlüsselstelle Rückkehr
a) Schuld und Vergebung - Neutestamentliche Vergebungstheologie bei Lukas
b) Schuld und Bestrafung - Mittlalterliche Ethik der Strafe bei Wernher

5. Das Ende des Helmbrecht - Gericht und Busse

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der ‚Helmbrecht’, das einzige bekannte Werk von Wernher dem Gärtner, ist eine eindrückliche Moralschrift des Mittelalters. Diese Verserzählung weist in ihrem ersten Teil markante Ähnlichkeit zur neutestamentlichen Parabel vom verlorenen Sohn auf. Im zweiten Teil verlässt sie jedoch den Verlauf ihrer Vorlage.

In dieser Arbeit sollen die Abweichungen im ‚Helmbrecht’ vom biblischen Vorbild aufgezeigt und die Gründe dafür an Helmbrechts Verhalten festgemacht werden. Dabei ist die Frage von Interesse, inwiefern die moralischen Aussagen der beiden Texte miteinander vereinbar sind.

Das erste Kapitel gibt den Plot der Parabel an, stellt die beiden Texte als Ganze gegenüber und beschreibt ganz grob ihr Verhältnis zueinander. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird anhand der Schlüsselstellen die kontinuierliche Abweichung von der Folie untersucht. Der für die Abweichung zu Grunde liegende Umgang mit Werten hat dabei zentrale Wichtigkeit. Denn damit lässt sich am Ende erklären, wieso die Ausgänge der beiden Texte derart unterschiedlich - ja sogar gegenteilig sind.

Es soll stets der Text von Wernher im Vordergrund stehen und die gemachten Aussagen sollen am mittelhochdeutschen Text gezeigt werden.

2. Die Parabel vom verlorenen Sohn - Auffälliger Referenztext im ‚Helmbrecht’

Im Lukas-Evangelium steht in einer Reihe von Gleichnissen dasjenige vom verlorenen Sohn. Es gehört zu den bekanntesten Texten in der Bibel und funktioniert daher sowohl heute als auch im Mittelalter als intertextueller Verweis bei der Lektüre oder beim Hören des ‚Helmbrecht’.

„Die […] Parabel vom verlorenen Sohn, [handelt von einem jungen Mann] der sein Erbteil von seinem Vater fordert, in die Welt hinauszieht, sein Gut verprasst, bis ihm nur noch übrigbleibt, sich als Schweinehirt zu verdingen, schliesslich reuig zum Vater zurückkehrt, der ihn liebevoll wieder aufnimmt und den daheimgebliebenen braven älteren Sohn beschwichtigt.“1

Die Komplexität der Verserzählung vom Meier Helmbrecht entsteht nun dadurch, dass sie unmissverständlich den bekannten Referenztext anklingen lässt, in den zentralen Aussagen jedoch mit ihm bricht, ja sogar eine konträre Haltung einnimmt. Die Vorlage wird sowohl inhaltlich modifiziert, als auch formal erweitert. Hat die biblische Parabel ihre Botschaft, nämlich diejenige der Vergebung, zum Zeitpunkt der Rückkehr des Sohnes bereits verkündet, fängt die moralisch potenteste Sequenz im ‚Helmbrecht’ erst an. Der Helmbrecht-Leser sieht sich also einem Text gegenüber, der das Wissen des Lesers über die Grundaussage des ‚verlorenen Sohns’ dazu verwendet, in dessen Weiterführung seine neue Moral in schockierender Art und Weise zu vermitteln.

„Der Meier Helmbrecht, so sehr er sich formal an den Handlungsverlauf des Gleichnisses vom verlorenen Sohn hält, den er verdoppelt, ist inhaltlich und dem Sinn nach in seinem ersten Teil die frei aktualisierende Durchführung, in seinem zweiten Teil die Umkehrung des biblischen Grundschemas.“2

Im Folgenden wird der Fokus speziell auf die Schlüsselstellen und ihre unterschiedlichen Realisierungen in den beiden Texten gerichtet. Dabei soll die Entwicklung in der Erzählung Wernhers, welche in einem der Parabel entgegengesetzten Schluss gipfelt, dargestellt werden.

3. Auszahlung des Erbes als Schnittstelle in der Vater-Sohn Beziehung

Von der Geburt an, während Kindheit und Jugend, bis zum Zeitpunkt der endgültigen Ablösung vom Elternhaus, ist neben der mentalen Verbundenheit eines Kindes zu seinen Eltern (seinen originär am nächsten stehenden Mitmenschen) ganz klar die finanzielle Abhängigkeit das bindende Element. Dies gilt gleichermassen für alle Söhne und Töchter in allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Darum ist sowohl in der Parabel des verlorenen Sohns als auch im ‚Helmbrecht’ der Zeitpunkt der Auszahlung des Erbteils gleichbedeutend mit der vom Sohn ersehnten Möglichkeit zur Emanzipation. Die Auszahlung wird dadurch zum performativen Akt, welcher den Sohn zum eigenständigen Mann erklärt, der sich nun vom Vater lösen kann. Dies verbildlicht Wernher der Gärtner auf eindrückliche Weise dadurch, dass das Erbteil des jungen Helmbrecht ein Reitross ist, mit dem er sich sogar physisch vom Vater entfernt, indem er davonsprengt. hin drâte erüber den gater (V. 648).

Neben der oben geschilderten Funktion des Erbteils, als die Ablösung vollziehendes Mittel, kommt ihm eine weitere Funktion zu: Wenn das Erbe in die Hände des Sohnes übergeht, geschieht in beiden Texten dessen Zerfall. Der Verlust des vererbten Vermögens, welcher im Lukas-Evangelium anhand des Verprassens des Geerbten durch den Sohn illustriert wird3, beschreibt Wernher indem er den Kauf des Hengstes als Verlustgeschäft darstellt:

er koufte den hengst umb zehen phunt: er h ê t in an der selben stunt

kûme gegeben umbe driu:

owûverlorniu sibeniu! (V. 399-402).

Dieses Faktum, dass das Erbe in den Händen des Sohnes seinen Wert verliert, ist ein gewichtiges Mittel im Aufbau der moralischen Grundaussage beider Texte. Der erzwungene Auszug aus dem Elternhaus ist ein Weg ins Unglück. Nach dem Aufbrechen der finanziellen Banden bricht die gebietende Gewalt des Vaters über seinen Sohn drastisch zusammen. Gleichzeitig beflügelt die erlangte Freiheit den Sohn ungemein. Dies führt zu einer Veränderung im Verhalten des Vaters. Er Versucht den Einfluss auf seinen Sohn über andere Kanäle aufrecht zu erhalten. Dazu schreibt Peter von Matt:

„ Danach [nach der Übergabe des Pferdes] verschärft sich beider Verhalten. Der Sohn wird vollends unbändig: […]

ich bizze wol durch einen stein; ich bin sô muotes ræze,

hei waz ich î sensæze!

Andererseits steigert sich der Vater bald ins Flehen, bald in die Nähe des Fluches; schliesslich wird er prophetisch. Beides, Fluch und Prophetie, sind sakrale Gesten, archaische Elemente also, die sich aber in diesem literarischen Konfliktfeld von der Antike bis in die Moderne hinein gehalten haben.“4

Die Entwicklung vom Flehen via Fluchen zur prophetischen Vorausschau auf den Untergang des Sohnes, zeigt den verzweifelten Versuch des Vaters, den zunehmenden Verlust an Macht über seinen Sohn zu kompensieren. Diese drei Stadien lassen sich im ‚Helmbrecht’ an folgenden Stellen exemplarisch festmachen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Existenz des jungen Helmbrecht wird verflucht.

Der prophetische Ausblick auf den schrittweisen Untergang des Sohnes geschieht durch Träume. Dieser letzte Traum handelt vom Tod des Helmbrecht.

Das stetige Ignorieren Helmbrechts dieser immer inniger werdenden Warnungen haben den Effekt, dass der Leser (Hörer) sogar angesichts der grausamen Bestrafung Helmbrechts nur wenig Mitleid mit ihm hat. Wer so stur wie Helmbrecht jede wohlgemeinte Warnung abschmettert hat es anscheinend nicht anders verdient. In der Parabel vom verlorenen Sohn werden dem Leser zur Entwicklung des Vater- Sohn Verhältnisses rund um den Auszug keine Informationen gegeben. Sei dies gewollt, oder lediglich die Konsequenz der Kürze des Textes, fest steht, gerade weil der Vater keine Mahnungen an den Sohn ausspricht, erhält er eine erstaunlich souveräne Position - die Position des neutestamentlichen Gottes. Er überlässt dem Menschen den freien Willen sich von ihm abzuwenden, damit dieser zur Einsicht seiner Fehlbarkeit gelangt und als reuiger Sünder Vergebung erhält. Im folgenden Kapitel wird diese Lehre genauer untersucht und mit derjenigen des ‚Helmbrecht’ verglichen.

4. Schlüsselstelle Rückkehr

a) Schuld und Vergebung - Neutestamentliche Vergebungstheologie bei Lukas

Wie im ersten Kapitel bereits erwähnt, endet die Parabel vom verlorenen Sohn mit dem freudigen Empfang des Sohnes und der Tilgung seiner Schuld. Diese Vergebung ist nur durch die Einsicht des Sohnes gesündigt zu haben möglich: „Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heissen.“5

Diese Szene, in der der Sohn vor den Vater tritt, sein Haupt vor ihm neigt, und voll Reue die eigene Überheblichkeit ablegt, ist in der christlichen Theologie sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingung für Vergebung.

b) Schuld und Bestrafung - Mittlalterliche Ethik der Strafe bei Wernher

Helmbrecht wird ebenfalls freudig empfangen als er das erste Mal heimkehrt (V. 835- 894). Doch von diesem Punkt an beginnt sein unaufhaltsamer Weg ins Verderben. Was sind nun aber die Gründe für diese Entwicklung, die Helmbrecht in den Tod führt und was ist die Aussage, die dahinter steht?

„So eindeutig die Aussage des Lukas theologisch ist, so entschieden ist die Wernhers ethisch. Es geht nicht um Gott und Mensch, es geht um Mensch unter Menschen. Doch wird eine solche Scheidung und Unterscheidung überhaupt dem Denken des christlichen Mittelalters gerecht? Die doppelte Verfehlung des Sohnes macht die innige Verflechtung von Religion und Ethik offenbar, doppelt, weil Helmbrecht sowohl das vierte Gebot verstösst, als auch gegen die soziale Ordnung seiner Zeit und seiner Gesellschaft.“6

[...]


1 Frenzel, Stoffe der Weltliteratur, S. 737-740.

2 Kolb, Der Meier Helmbrecht zwischen Epos und Drama, S.52.

3 Lukas 15, 13.

4 Matt, Verkommene Söhne, missratene Töchter, S. 62f.

5 Lukas 15, 21.

6 Brettschneider, Die Parabel vom verlorenen Sohn, S.24 f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Parabel vom verlorenen Sohn im ‚Helmbrecht’ von Wernher der Gartenære
Hochschule
Universität Zürich
Note
gut - sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V140732
ISBN (eBook)
9783640488414
ISBN (Buch)
9783640488575
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wernher der Gartenære, Wernher, Gärtner, Helmbrecht, Sohn, verlorene Sohn
Arbeit zitieren
Mathias Haller (Autor), 2005, Die Parabel vom verlorenen Sohn im ‚Helmbrecht’ von Wernher der Gartenære, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140732

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