Friedrich Hölderlin: Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter – Eine poetologische Lektüre


Seminararbeit, 2006

13 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Textgrundlage

2. Einleitung

Teil I
3.1. Form
3.2. Mythologischer Hintergrund
3.3. Textnahe Lektüre; Das Verhältnis zwischen Saturn und Jupiter / Natur und Kunst

Teil II
4.1. Schöpfung und Entschöpfung
4.2. Dichtung als Werkzeug der Identitätsfindung
4.3. Zirkulärer Entstehungsprozess
4.4. Zusammenführung im Knotenpunkt Sprache

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Textgrundlage

Natur und Kunst oder

Saturn und Jupiter.

Du waltest hoch am Tag’ und es blühet dein

Gesez, du hältst die Waage, Saturnus Sohn! Und theilst die Loos' und ruhest froh im

Ruhm der unsterblichen Herrscherkünste.

Doch in den Abgrund, sagen die Sänger sich, 5

Habst du den heilgen Vater, den eignen, einst Verwiesen und es jammre drunten,

Da, wo die Wilden vor dir mit Recht sind,

Schuldlos der Gott der goldenen Zeit schon längst:

Einst mühelos, und größer, wie du, wenn schon 10

Er kein Gebot aussprach und ihn der

Sterblichen keiner mit Nahmen nannte.

Herab denn! oder schäme des Danks dich nicht! Und willst du bleiben, diene dem Aelteren,

Und gönn’ es ihm, daß ihn vor Allen, 15

Göttern und Menschen, der Sänger nenne!

Denn, wie aus dem Gewölke dein Bliz, so kommt Von ihm, was dein ist, siehe! so zeugt von ihm,

Was du gebeutst, und aus Saturnus

Frieden ist jegliche Macht erwachsen. 20

Und hab’ ich erst am Herzen Lebendiges

Gefühlt und dämmert, was du gestaltetest, Und war in ihrer Wiege mir in

Wonne die wechselnde Zeit entschlummert:

Dann kenn’ ich dich, Kronion! dann hör ich dich, 25

Den weisen Meister, welcher, wie wir, ein Sohn Der Zeit, Geseze giebt und, was die

Heilige Dämmerung birgt, verkündet.1

2. Einleitung

Der Philosoph und Literaturrezipient Martin Heidegger betitelte Friedrich Hölderlin einst als Dichter des Dichters. In dieser Formulierung steckt zweierlei: Einerseits erhebt diese Bezeichnung Hölderlin in eine gesonderte Position, welche über dem „gemeinen“ Dichter thront und besagt, dass seine Dichtung diejenige der Anderen übertreffe. Andererseits wird damit ausgedrückt, dass er den Dichter dichtet, also in seinen Texten über die Dichtung reflektiert. Diese poetologische Sichtweise auf Hölderlin soll in der vorliegenden Arbeit anhand seiner Ode Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter genauer betrachtet werden. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage an den Text, wie Dichtung konzipiert sein soll und welche Rolle dem schaffenden Dichter zukommt. In einem ersten Teil wird ein Überblick über das Gedicht gewonnen. Dabei soll auf die Form und die im Gedicht zentrale Mythologie eingegangen werden. In textnaher Lektüre werden grundlegende Einsichten zum Verhältnis zwischen Saturn und Jupiter (Natur und Kunst) herausgearbeitet.

Im weiteren Verlauf wird der Fokus auf drei spezifische Aspekte der hölderlinschen Dichtungskonzeption gerichtet. Die Überlegungen dazu sollen am Ende dieser Arbeit anhand eines Hölderlin-Zitates zusammengeführt werden.

Als Textgrundlage wurde die siebenstrophige Abschrift III der historisch-kritischen Frankfurter Ausgabe verwendet. Die Frankfurter Ausgabe wurde gewählt, weil sie sich unmittelbar auf den handschriftlichen Text Hölderlins bezieht und somit dem Anspruch einer wissenschaftlich sauberen Edition am besten gerecht wird. Zur Klärung des mythologischen Hintergrunds verwendete ich das Gründliche Mythologische Lexikon von Hederich. Es war zur Zeit Hölderlins das Standardwerk und liefert die Informationen, auf welche die Dichter des späten 18. Jh. und 19. Jh. zurückgriffen.

Teil I

3.1. Form

Das Gedicht ist eine Ode mit sieben alkäischen Strophen zu je vier Versen - jeweils zwei elfsilbigen, einem neunsilbigen und einen zehnsilbigen Vers. Bei der alkäischen Ode handelt es sich um eine Gedichtform ohne Reim mit dem folgenden Strophenschema:

u - u - u - u u - u -

u - u - u - u u - u - u - u - u - u - u

- u u - u u - u - u

alle sieben Strophen folgen exakt diesem Schema.

Die alkäische Strophenform geht auf den griechischen Dichter Alkaios von Mytilene zurück, der im 7./6. Jh v. Chr. auf Lesbos lebte.2

3.2. Mythologischer Hintergrund

Saturn, oder griechisch Kronos, 3 ist eine Gottheit des alten Geschlechts der Titanen. Unter seiner Herrschaft soll ein goldenes Zeitalter geherrscht haben, in welchem die Menschen ohne Mühen und in Einklang mit der Natur gelebt haben. „[…] Korn und Wein [wuchsen] von sich selbst zur Genüge […]“4. Seine Frau Rhea gebar ihm unter anderem den Sohn Jupiter (gr. Zeus). Dieser Stürzte seinen Vater vom Thron und verbannte ihn in den Tartarus, den tiefsten Teil der Unterwelt. Anschliessend übernahm er die Herrschaft. Jupiter gilt als grösster Gott der Antike.

3.3. Textnahe Lektüre;

Das Verhältnis zwischen Saturn und Jupiter / Natur und Kunst

Bereits der Titel ordnet den Bereich der Natur Saturn zu und denjenigen der Kunst Jupiter. Schon das Layout weist auf diese Zuordnung der Götter zu je ihrer Späre hin:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die erste Strophe umreisst in ihrer präsentischen Erzählweise den aktuellen Zustand. Sie nennt den Herrschenden (Jupiter) aber nicht explizit, sondern beginnt seine Beschreibung als „Saturnus Sohn“ (Z. 2), der „hoch am Tag“ „walte[ ]t“ (Z. 1) und dessen „Gesetz“ „blühet“ (Z. 1). Dieser in äusserster Klarheit regierende Richter ist die Personifizierung einer sehr elaborierten, künstlichen Förmlichkeit. „[…] [Jupiter verkörpert] hier das Extrem der ‚Herrscherkünste’ [(Z. 4)], also eine geschichtliche Zuspitzung des Verhältnisses [zwischen Natur und Kunst] im Sinne des ‚Kunst’- Moments […].“5

In all seiner Macht bleibt Jupiter jedoch abhängig von seinem Vater („Saturnus Sohn“ Z. 2). Bereits an dieser Stelle zeigt sich auf subtile Weise die Grundposition von Hölderlins poetologischem Denken: die Verbindung von Natur und Kunst.

[Hölderlins] Grundposition ist die Vermittlung von ‚Natur’ und ‚Kunst’ bei Wahrung des Primats der ‚Natur’. Sowohl die übergreifende Vermittlung wie der in ihr bestehen bleibende Vorrang der ‚Natur’ […].6

Die nächsten beiden Strophen liefern den geschichtlichen Hintergrund zum Verhältnis Saturn - Jupiter. Die Verbannung Saturns in den Tartarus wird zum Thema: „in den Abgrund“ (Z. 5) habe Jupiter seinen „schuldlos[en]“ (Z. 9), „heilgen Vater“ (Z. 6) „verwiesen“ (Z. 7). In der dritten Strophe wird speziell die „mühelos[e]“ Stimmung zur Zeit der Regentschaft Saturns, der „goldenen Zeit“ angesprochen. In diesem natürlichen, unfassbaren (vgl. Z. 12) Zustand galten noch keine „Gebot[e]“ (Z. 9). Gerade darum, weil Saturn keine Gebote aussprach, wird er hier nun ausdrücklich (nach der Andeutung in der ersten Strophe) als dem Jupiter übergeordnet dargestellt („grösser“ Z. 10).

Der Dichter („Sänger“ Z. 5) ist derjenige, welcher sich noch an das saturnische, ursprüngliche Zeitalter und die darauf folgende geschichtliche Entwicklung erinnern kann. Aus dieser Erinnerung heraus formuliert der Dichter die Anklage gegen Jupiter, die in der vierten Strophe zentral wird. Er stellt Jupiter vor die Wahl, entweder abzudanken („herab denn!“ Z. 13), oder „dem Aelteren“ zu „diene[n]“ (Z. 14). Er soll es akzeptieren, dass die Natur für den Dichter Priorität hat („dass [Saturn] vor Allen, Göttern und Menschen, der Sänger nenne“ Z. 15f).

Die fünfte Strophe bestärkt die Position der Natur als generelle Grundlage („aus Saturnus Frieden ist jegliche Macht erwachsen.“ Z. 19f) und insbesondere als Grundlage für die Kunst. So kommt der „Blitz“ (Z. 17), das Hauptattribut des Jupiter- Zeus, aus dem „Gewölke“ (Z. 17), also einem verschwommen, saturnisch- prärationalen Gebilde.

In den letzten beiden Strophen tritt das lyrische Ich hervor. Es nennt in der sechsten Strophe die notwendige Bedingung um Jupiters Herrschaft anzuerkennen („dann kenn ich dich“ Z. 25). Diese Bedingung ist die Einwilligung Jupiters in die Synthese mit dem Saturnischen.

Dem ‚Lebendigen’ in der auf Saturn bezogenen vorletzten Strophe stehen in der auf Jupiter bezogenen letzten Strophe die ‚Gesetze’ gegenüber, dem ‚Fühlen’ (‚und hab ich erst am Herzen Lebendiges │ Gefühlt […]’) das ‚Kennen’ (‚dann kenn ich dich, Kronion!’).7

Wenn diese opponierten Begriffe zur Verschmelzung kommen und Saturn und Jupiter eine Symbiose bilden, dann ist Hölderlins poetologisches Ziel erreicht. Diese finale Verwachsenheit wiederspiegelt sich in der Anrede Jupiters als „Kronion“ (Z. 25).

Am Beginn der letzten Strophe apostrophiert das dichterische Ich nicht mehr wie in der ersten Strophe Jupiter als ‚Saturnus’ Sohn’, sondern als ‚Kronion’. Die Verwendung des von Kronos (Saturn) abgeleiteten Patronymikons pointiert die konzeptionelle Intention: Jupiter erscheint ganz als Sohn des Kronos (Saturn), so sehr, dass er schon im Namen mit ihm eine harmonische Einheit bildet.8

Die Gegenüberstellung von „Saturnus Sohn“ (Z. 2) und „Kronion“ (Z. 25) verdeutlicht den im Gedicht vollzogenen Wandel. Die zu Beginn angezeigte, aber durch die totalitäre Herrschaft Jupiters verunmöglichte Verbindung zu seinem Ursprung

[...]


1 Frankfurter Ausgabe, S. 793.

2 vgl. Meyers Grosses Taschenlexikon, Band 1, S.195. & Metzler Literatur Lexikon, S. 332.

3 Die in diesem Abschnitt gemachten Angaben orientieren sich im Wesentlichen an: Hederich, Gründliches Mythologisches Lexikon.

4 Hederich, Gründliches Mythologisches Lexikon,, Spalte 2165.

5 Hornbacher, Die Blume des Mundes, S. 122.

6 Schmidt, Geschichtsphilosophische Poetologie, in: Hildebrand (Hrsg.), Poetologische Lyrik, S. 84.

7 Schmidt, Geschichtsphilosophische Poetologie, S. 95.

8 Ebd. S. 87.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Friedrich Hölderlin: Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter – Eine poetologische Lektüre
Hochschule
Universität Zürich
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V140733
ISBN (eBook)
9783640481286
ISBN (Buch)
9783640481453
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hölderlin, Natur und Kunst, Saturn, Jupiter, Lyrik, poetologische Lyrik, poetologische
Arbeit zitieren
Mathias Haller (Autor), 2006, Friedrich Hölderlin: Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter – Eine poetologische Lektüre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140733

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