Italo Svevos "Una Vita" - Alfonso Nittis Beziehungen zu seiner Mutter und anderen Frauen


Hausarbeit, 2003
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:
1.1 „Una Vita“:
1.2 Die Frauenfiguren:

2. Die Rolle der verschiedenen Frauen:
2.1 Die Rolle der Mutter und ihre direkte Einflussnahme auf Alfonsos Leben:
2.2 Indirekte Einflussnahme der Mutter und die Rollen der anderen Frauen:
2.2.1 Alfonso Nitti – Maria:
2.2.2 Alfonso Nitti – Lucia Lanucci:
2.2.3 Alfonso Nitti – Annetta Maller:

3. Schluss:

4. Biographie Svevos:

5. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

1.1 „Una Vita“:

Svevos Roman „Una Vita“ spielt in der, für die damalige Zeit typischen Welt der Angestellten. Der Hauptprotagonist, Alfonso Nitti, ist ein Landarztsohn. Er ist vom Land in die Stadt gezogen und arbeitet als Bankangestellter. Er hat große Probleme mit mechanischer Arbeit und der Kontrolle derselben durch seine Vorgesetzten. Nitti flüchtet sich in realitätsferne Träume, in denen er die Kontrolle über andere hat und sich keiner mehr, wie er meint, dass es sei, über ihn lustig macht .

„So schuf sich sein Hirn eigene Welten. In diesen Träumen war er der Herr, um den sich alles drehte. Er war ungebunden, reich und glücklich.“[1]

Andere Möglichkeiten dem langweiligen Arbeitsalltag zu entfliehen findet er im privaten Studium von Literatur und Philosophie. Er beginnt ein pompöses Werk zu verfassen, „Die Idee der Moral in der modernen Welt“[2] mit welchem er allerdings nicht über das erste Kapitel hinauskommt.

Sein dennoch nicht geringes literarisches Wissen ebnet ihm den Weg zum Aufstieg über Annetta Maller, die Tochter seines Chefs. Diese möchte ihn als Koautor für einen, von ihr geschriebenen, Erfolgsroman gewinnen. Allerdings divergieren die Vorstellungen der beiden extrem, so dass Nitti bald seine Idee eines handlungsarmen, aber künstlerisch sehr hochwertigen Antiromans aufgibt und sich dem Stil Annettas anpasst. Nittis Anpassungsfähigkeit wird von Annetta mit einem heimlichen Sexualakt „belohnt“. Allerdings verwehrt ihm seine „Selbstfindungsschwäche“, die dazu führt, dass er sich primär mit sich selbst beschäftigt, das Verständnis der Reaktionen seiner heimlichen Geliebten aus einer ihm fremden sozialen Schicht. Annetta schreibt ihm einen Brief, in dem sie ihm mitteilt, dass sie ihrem Vater alles gestehen werde und ihn auffordert, zu seinem eigenen Schutz für ein paar Wochen zu seiner Mutter zu fahren.

Die halb erzwungene, halb freiwillige Flucht vor dem drohenden Skandal bringt Nitti allerdings keine Erlösung. Er kommt bei seiner Mutter an und muss er feststellen, dass

sie im Sterben liegt. Der langsame Tod der Mutter in einer kleinkarierten ländlichen Welt, versetzt Alfonso einen traumatischen Schock. Damit ist für ihn auch die Hoffnung auf eine mögliche Erholung im ländlichen Idyll zunichte gemacht.

Als er in die Stadt zurückkehrt, ist Annetta mit einem jungen Mann aus ihren Kreisen verlobt. Die Aufforderung des zukünftigen Bräutigams zum Duell öffnet Nitti die Möglichkeit der Flucht in den Selbstmord.

1.2 Die Frauenfiguren:

Im Weiteren soll nun auf die Rolle der Mutter, Carolina Nitti, und ihre Allgegenwärtigkeit in Alfonso Nittis Leben und Handeln eingegangen werden.

Dabei soll zwischen direkter Einflussnahme auf sein Leben und indirekter Einflussnahme auf sein Leben unterschieden werden.

Zusätzlich möchte ich auf die Beziehungen, die Alfonso Nitti zu anderen Frauen hat eingehen und ihre, an vielen Punkten nachweisbare Fremdbestimmtheit über Alfonsos Mutter aufzeigen.

Diese bestimmt immer wieder unbewusst sein Handeln, allein durch die starke Bindung Alfonsos an seine Mutter gerät er in eine Art „Beziehungsunfähigkeit“.

Allerdings bestimmen auch andere Frauen sein Schicksal, allen voran Annetta Maller, die Tochter seines Chefs (vgl. 2.2.3).

Mit dieser Problematik der Fremdbestimmtheit und der daraus resultierenden Unfähigkeit, Beziehungen zu leben, möchte ich mich nun im Hauptteil meiner Arbeit beschäftigen.

2. Die Rollen der verschiedenen Frauen

2.1 Die Rolle der Mutter und ihre direkte Einflussnahme auf Alfonsos Leben:

Der Roman „Una Vita“ umfasst 506 Seiten. Tatsächlich agierende Protagonistin ist Alfonsos Mutter, Carolina Nitti, nur auf genau 40 Seiten. Zählt man den Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Sohn mit, kommt man auf 47 Seiten von 506.

Allerdings reichen diese ca. 40 Seiten aus, um an diversen Punkten die Beziehung zwischen Mutter und Sohn aufzuzeigen.

Bei dem Gedanken daran, welche Freude er seiner Mutter bereiten würde heimzukehren ist „sein Glücksgefühl rein und ungetrübt.“[3]. Seine Mutter ist der wichtigste Mensch in seinem Leben, der zentrale Punkt. Svevo verdeutlicht dies unter anderem damit, dass er Nittis Mutter, im Gegensatz zu seinem bereits verstorbenen Vater, welcher nur als „Vater“ oder „Vater Nitti“ Erwähnung findet, einen Vornamen gibt.

Diese Tatsache impliziert unterschwellig eine leichte Auflösung des klaren Mutterbegriffs zugunsten eines allgemeineren, durch den Namen hauptsächlich als weiblich definierten Charakters, was eine Verschiebung in der Wertigkeit der Mutterfigur an sich zufolge hat.

Die starke Bindung an ihren Sohn verdeutlicht sich durch einige der ersten Worte die sie an ihn richtet nach seiner Ankunft im Elternhaus: „Es war nicht gut, das wir uns getrennt haben."[4] Sie braucht nur ihren Sohn „Jetzt, wo du da bist, brauch ich keine anderen Menschen.“[5].

Diese unnormale Beziehung ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass der Mutter von Seiten ihres Sohnes eine extreme Verehrung entgegengebracht wird. Als absolute, bestimmende Konstante in Alfonso Nittis Leben verliert diese selbst im Sterben nicht die Kontrolle über ihren Sohn und verbietet ihm zum Beispiel die Konsultation anderer Ärzte.[6] Nitti selber ist in Gegenwart seiner Mutter, die er für mehr wert als sich selbst empfindet, hin und hergerissen zwischen Hingabe und der eigenen Selbstverliebtheit, seinem stark ausgeprägten Narzissmus.

Da ihm die Mutter selber als weibliche Partnerin unerreichbar ist, bleibt Nitti, auch um seinem Narzissmus gerecht zu werden und sich keine Niederlage eingestehen zu müssen, nichts anderes, als die Beziehung zwischen ihm und Annetta Maller herabzuwürdigen und die Ehe seiner Eltern im Gegensatz dazu aufs Höchste zu glorifizieren.

„Er [Alfonso] zog Vergleiche zwischen ihr [Annetta] und der armen Frau, deren Schlaf er behütete. Selbst in ihrem jetzigen Zustand verriet Frau Carolina, wie sehr sie ihren Mann geliebt hatte und auf welche Art: mit einer solchen Demut, daß sie immer noch, wie in einer lebendigen Erinnerung, seine Gesten und sein ganzes Gehabe unbewußt nachahmte, sogar etwas von seiner Physiognomie war auf sie übergegangen. Für Alfonso wäre es eine Tortur gewesen, mit Annetta zu leben. Sie hätte ihn reich gemacht und daraus das recht abgeleitet, ihn wie einen Sklaven zu behandeln.“[7]

Er hat in Gegenwart der Mutter die Möglichkeit, die Rolle des männlichen Partners bis hin zum Körperkontakt zu übernehmen. Er benutzt das Bett seines Vaters und hält die Kranke im Arm während sie schläft.[8]

Carolina Nitti verstärkt mit nahezu jeder Äußerung die Bindung zu ihrem Sohn und zerstört damit seine Fähigkeit mit anderen Frauen eine Beziehung einzugehen immer mehr. Ihr Urteil ist zerschmetternd. „Du sollst sie nicht lieben. Du sollst keine lieben. Die Frauen sind deiner nicht wert.“[9].

Dies ist die letzte Äußerung, die Alfonsos Mutter bei völligem Bewusstsein tätigt. Danach fällt sie in eine Art Delirium, aus dem sie bis zu ihrem Tod nur wenige Male kurz erwacht.

Nach dem Tod der Mutter fällt Alfonso Nitti in ein tiefes Loch. Man könnte behaupten, dass er seiner Mutter folgen möchte, da auch er nun krank wird und in Fieberwahn fällt.

Im Delirium träumt er sich in die einzige Zeit in seinem Leben zurück, in der er wirklich glücklich war, seine Kindheit, in der seine Mutter ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil werden ließ.[10]

Allerdings folgt Alfonso Nitti seiner Mutter nicht in den Tod, sondern wird wieder gesund. Er kehrt in die Stadt zurück mit dem festen Vorsatz, seine Pflicht als Mann und

zu erfüllen und Annetta zu heiraten, wenn sie ihn noch nähme. Wohl fühlt er sich nicht wirklich damit, doch ihm hilft der Glaube daran, dass auch seine Mutter es gutheißen würde.

„Er lächelte dem Schatten seiner Mutter zu, die, wie ihm schien, seine Vorsätze billigte. Sein Gewissen war ruhig. Er tat nur, was nach der verbürgten Moral richtig war,(...)[11]

Man könnte diese Intention einer Heirat mit Annetta als Suche nach einem neuen weiblichen Fixpunkt im Leben des Hauptprotagonisten interpretieren, nachdem der Tod der Mutter ihn weitgehend orientierungslos zurückgelassen hat.

Bei seiner Ankunft in der Stadt ist Annetta allerdings mit Macario, einem Angehörigen ihrer sozialen Schicht, verlobt. Diese Tatsache nimmt Alfonso Nitti die erhoffte neue „Mutterersatzfigur“. Abweichend von gängigen Theorien könnte im Gegensatz zu der Herausforderung zum Duell dies auch der Auslöser für Nittis Selbstmord sein.

2.2 Indirekte Einflussnahme der Mutter und die Rollen der anderen Frauen:

In allen Werken Svevos gibt es eine weibliche Protagonistin, welche die Bedeutung und Funktion der Mutter übernimmt. Es ist nicht zwingend erforderlich, dass diese Figur auch wirklich die biologische Mutter ist. Svevo entwickelt diesen Gedanken immer weiter, so dass auch die Schwester, die Geliebte oder die Ehefrau des Hauptprotagonisten diese Funktion übernehmen kann.[12]

Diese Entwicklung zeigt sich in Svevos Hauptwerken, „Una Vita“, „Senilità“, und „La cosienza di Zeno“.

In „Una Vita“ ist es tatsächlich die biologische Mutter, die die bestimmende Kraft in Alfonso Nittis Leben ist. An sie ist er gefesselt durch ein unsichtbares Band, welches in lähmt und lebensunfähig macht. Nitti ist einerseits durch die übermächtige Liebe seiner Mutter zu ihm überfordert und andererseits sehr im infantilen Kleinkindstadium und der damit verbundenen Mutterfixierung verwurzelt[13], was dazu führt, dass diese Verbindung zwischen Mutter und Sohn statisch ist, da Nitti dadurch in seiner Weiterentwicklung eingeschränkt ist. Die Möglichkeit der Emanzipation von seiner Mutter und der Loslösung vom Elternhaus ist einfach nicht gegeben.

[...]


[1] Svevo, Italo: Una Vita; Rowohlt Verlag; Reinbeck bei Hamburg 1984; S. 49

[2] Svevo: Una Vita; S. 144

[3] Svevo: Una Vita; S. 337

[4] Svevo: Una Vita; S. 345

[5] Svevo: Una Vita; S. 347

[6] Svevo: Una Vita; S. 348

[7] Svevo. Una Vita; S. 353f

[8] Svevo. Una Vita; S. 352f

[9] Svevo: Una Vita; S. 378

[10] vgl. Svevo: Una Vita; S. 389

[11] Svevo: Una Vita; S. 397

[12] vgl.: Fortunata Gallistl, Maria: Romanistische Texte und Studien, Die Narzissmusproblematik im Werk Italo Svevos; Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, New York; 1993; S. 55

[13] Fusco, M. Italo Svevo. Conscience et réalité, Paris, Gallimard 1973, Italienische Übersetzung des 2. Teils, Italo Svevo. Coscienza e realtà, zitiert nach Fortunata Gallistl, Maria; Romanistische Texte und Studien, Die Narzissmusproblematik im Werk Italo Svevos; Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, New York; 1993; S.55

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Italo Svevos "Una Vita" - Alfonso Nittis Beziehungen zu seiner Mutter und anderen Frauen
Hochschule
Universität Augsburg  (Romanistik)
Veranstaltung
Italienische Literatur um 1900
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V14074
ISBN (eBook)
9783638195706
ISBN (Buch)
9783638746854
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italo, Svevos, Vita, Alfonso, Nittis, Beziehungen, Mutter, Frauen, Italienische, Literatur
Arbeit zitieren
Tobias Reff (Autor), 2003, Italo Svevos "Una Vita" - Alfonso Nittis Beziehungen zu seiner Mutter und anderen Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14074

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