Federico Fellini

'Der Weiße Scheich' - Der schmale Grat zwischen Realität und Illusion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zwei Figuren - Zwei Welten
2.1 Maske und Gesicht
2.2 Der Konflikt zwischen Realität und Illusion

3 Das Problem der Abhängigkeit

4 Fazit

5 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Obwohl er anfänglich eher als Misserfolg angesehen worden war, gilt der Film Der weiße Scheich (1952) heute als Klassiker der italienischen Komödie.[1]

Der Film basiert auf einer Vorlage von Michelangelo Antonioni, der sich mit seinem Dokumentarfilm L´amorosa menzogna (1949) einige wenige Jahre zuvor bereits mit der Beliebtheit der fumetti beschäftigt hatte, den populären Fotoromanen für meist weibliche Erwachsene, in denen romantische Abenteuergeschichten anhand mit Sprechblasen versehener Fotos erzählt wurden.

In seinem ersten Spielfilm als allein verantwortlicher Regisseur[2] erzählt Federico Fellini die Geschichte eines frisch vermählten Paares aus der italienischen Provinz, das sich in den Flitterwochen in Rom befindet. Ivan (gespielt von Leopoldo Trieste) ist ein gestrenger und übereifriger Ehemann, der den gemeinsamen Aufenthalt in Rom minutiös durchgeplant hat und insgeheim hofft, dass sein Onkel ihm zu einer Stelle am Vatikan verhilft. Aus diesem Grunde ist ihm sehr daran gelegen, bei seinen römischen Verwandten ein gutes Bild von sich und seiner Ehe abzugeben. Wanda (gespielt von Brunella Bovo) hingegen ist ein stiller und verträumter Mensch. Die Flitterwochen in Rom versteht sie als Gelegenheit, endlich einmal Fernando Rivoli (gespielt von Alberto Sordi) den Helden ihres Lieblingsfotoromans Der Weiße Scheich persönlich zu treffen, mit dem sie bereits zuvor in regem Briefkontakt stand. Gerade erst in Rom angekommen, entwischt sie aus dem Hotel und sucht das Redaktionsbüro des Fotoromans auf. Dort erfährt sie, dass sie ihr Idol Fernando Rivoli bei den Aufnahmen zu einer neuen Folge am Strand von Fregene treffen wird. Derweil muss der verzweifelte Ivan seinen Verwandten die Abwesenheit seiner jungen Ehefrau erklären oder vielmehr verheimlichen, während sich Wandas Traum zu erfüllen scheint, als Rivoli ihr in Fregene die Rolle einer Haremsdame anbietet. Allerdings tut er dies nicht ohne Hintergedanken. Als Wanda schließlich schwer enttäuscht Rivolis wahren Charakter erkennt, versucht sie, sich im Tiber zu ertränken, was ihr jedoch kläglich misslingt. Gegen Ende des Films wieder vereint, entschließen sich Ivan und Wanda, mit einer Lebenslüge zu leben.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung zweier unterschiedlicher Interpretationsversuche, die jeweils einen anderen Schwerpunkt in der Betrachtung der beiden Hauptfiguren haben. Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf den Arbeiten Peter Bondanellas ruhen, der in dem Film Der Weiße Scheich das stetige Aufeinanderprallen der Welt der Illusionen mit der Welt des Realen als das entscheidende Thema versteht.

Beide Welten sieht Bondanella in den jeweiligen Charakteren der Hauptfiguren verkörpert. Zum Beweis seiner These verweist er auf die zwei strikt getrennten und doch so kunstvoll verknüpften Erzählstränge in der Narration der Geschichte, die es in dieser Arbeit nachzuvollziehen gilt.

Der Untersuchung Bondanellas These schließt sich die Darstellung einer Arbeit von Frank Burke an, der ganz im Gegensatz zu Bondanella nicht die Unterschiede sondern vielmehr die Gleichheit der Figuren in einem ihnen allen gemeinsamen Mangel und Bedürfnis betont.

2 Zwei Figuren - Zwei Welten

Ivan Cavalli ist ein typisch kleinbürgerlicher Mann aus der italienischen Provinz, der sich vor allem durch sein obsessives Verhältnis zu minutiöser Zeitplanung und Pünktlichkeit und durch seine bedingungslose Hörigkeit bezüglich geltender moralischer Normen auszeichnet.[3] Er ist in einem Leben voller Konventionen gefangen und aus diesem Grunde zwangsläufig das Gegenteil eines spontanen und emotional gesteuerten Menschen. Jeden einzelnen Augenblick seiner Flitterwochen in Rom hat er penibel und ausschließlich nach seinen Bedürfnissen geplant:

[...] first, the patriotic homage to the Tomb of the Unknown Soldier at Piazza Venezia; then, the obligatory deference to the Church during papal visit at the Vatican with his relatives. Only after the demands of Church and State have been met does Ivan schedule the consummation of his marriage in the late evening.[4]

Unter Berücksichtigung Ivans kleinbürgerlicher Lebensweise und seiner eigensinnigen Prioritätensetzung ist es kaum verwunderlich, dass seine junge Ehefrau Wanda ihre Sehnsucht nach Romantik und Emotionalität in ihren Fotoromanen zu stillen versucht.

Ivans soziale Maske (social mask), also die Rolle mit all ihren dazugehörigen Verhaltenskodizes, die ihm sein soziales Umfeld abverlangt[5], bewirkt, dass er in der Öffentlichkeit ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und den Wunsch als frommer und patriotischer Mann wahrgenommen zu werden verspürt. In der Privatsphäre seiner Ehe verursacht seine soziale Maske hingegen eine unnachgiebige Strenge seiner Frau gegenüber und die strikte Einforderung ihres Respekts.

"His worst fear is that his life will spin out of control, particulary as a result of some minor infraction of his strict moral code by his new wife, causing him a loss of face."[6]

Im Gegensatz zu Ivan ist seine Frau Wanda eine eher naive, romantische Tagträumerin, deren einziger Gedanke es offensichtlich ist, sich während ihrer gemeinsamen Flitterwochen in Rom Ivans ständiger Bevormundung zu entziehen und ihr Idol Fernando Rivoli zu treffen, der in ihren geliebten Fotoromanen allwöchentlich den Weißen Scheich mimt.

Wanda hat bereits mehrere Fanbriefe an Rivoli geschickt und nach einer Einladung ins Incanto Blu, dem Redaktionsbüro der Fotoromanzeitschrift, organisiert sie geschickt ihr Entkommen aus dem Hotel und damit auch kurzzeitig Ivans Besitzansprüchen. Dass ihr Ausflug jedoch einen ganzen Tag in Anspruch nehmen wird, war keineswegs geplant und soll im Laufe des Films dem jungen Ehepaar erhebliche Schwierigkeiten bereiten.

2.1 Maske und Gesicht

So ist die Grundlage für eine permanente Konfrontation zwischen Ivans konventionellen Werten, die sich ausschließlich an seiner sozialen Maske orientieren, und den kindlich, romantischen Fantasien von Wanda geschaffen, die völlig von der Begierde besessen zu sein scheint, zumindest für einen Augenblick die Träume auszuleben, die hinter ihrer von Ivan geforderten Rolle als respektable, gewissenhafte Ehefrau im Verborgenen liegen.

In this case, however, the director is more interested in the metaphysical clash of reality and illusion and the resulting tension between mask and face. In fact, Fellini employs the fastidious Ivan Cavalli and his wife Wanda to embody each aspect of this psychological conflict.[7]

Die so offensichtliche Unvereinbarkeit der Charaktere beider frisch vermählten Eheleute spiegelt sich - so Bondanellas - auf geschickte Art und Weise in den zwei voneinander getrennten Erzählsträngen des Films wider.[8] In dem Augenblick nämlich, da Wanda das Badezimmer flutet und sich aus dem Hotelzimmer stielt, um Rivoli im Redaktionsbüro von Incanto Blu zu treffen, ändert sich die Erzählstruktur des Films schlagartig. "He [Fellini] narrates their misadventures in parallel fashion, employing abrupt and ironic cuts between sequences, avoiding more traditional dissolves or fade-outs."[9]

[...]


[1] Vgl. im Folgenden Wiegand (2003)

[2] In seinem Film Lichter des Varieté (1950) teilte sich noch Fellini die Arbeit am Drehbuch und die Regie mit Alberto Lattuada.

[3] Vgl. im Folgenden Bondanella (1992)

[4] Ebd., S. 82

[5] Vgl. hierzu auch: Weihe (2004) "Die soziale Maske setzt an die Stelle der moralisch integren Persönlichkeit eine funktionale Wirkungsästhetik. Die Frage Wie handle ich? wird ersetzt durch die Frage Wie wirke ich?.

(S. 87)

[6] Ebd., S. 82

[7] Bondanella (1978), S. 228

[8] Vgl. im Folgenden: Bondanella (1992)

[9] Ebd., S. 83

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Federico Fellini
Untertitel
'Der Weiße Scheich' - Der schmale Grat zwischen Realität und Illusion
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar für Filmwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V140741
ISBN (eBook)
9783640478965
ISBN (Buch)
9783640479085
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fellini, Der weisse Scheich, Lo sceicco bianco, the white sheik, Filmanalyse, Neorealismus, neo realism
Arbeit zitieren
Viktor Witte (Autor), 2009, Federico Fellini, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140741

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