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Gerade der Befund, dass Menschen für das Artensterben verantwortlich sind, ruft zwangsläufig die Ethik auf den Plan. In der Übernahme dieser Verantwortung liegt die Bedingung der Möglichkeit von Umweltethik.
Die Umweltethik kann dieser Verantwortung nur gerecht werden, wenn sie in der Lage ist, praktische Maßgaben zu formulieren, deren Umsetzung dann freilich nicht mehr in ihr Ressort fällt, sondern gesellschaftspolitisch realisiert werden muss. Die Praxisfähigkeit dieser Maßgaben kann nur dann gewährleistet werden, wenn diese Maßgaben auf einem soliden normativen Fundament ruhen. Erst das Zusammenspiel von empirischen Erhebungen der bio- und ökowissenschaften und notwendigen normativen Grundlegung ermöglicht den Gewinn von konkreten und zugleich verbindlichen handlungs(an)leitenden Aussagen.
Hiermit ist zugleich ein Problem angezeigt zu dessen Aufarbeitung diese Untersuchung einen Beitrag leisten möchte: Wie in anderen Teilbereichen der praktischen Philosophie ist auch das Spektrum umweltethischer Entwürfe erwartungsgemäß heterogen. Die prominentesten Richtungen dieses Spektrums – sie werden im Verlauf dieser Arbeit einzeln verhandelt – kursieren unter den Etiketten des Anthropo-, Patho-, Bio- und Ökozentrismus. Zwischen den Vertretern der angeführten Positionen herrscht, was angesichts der Unterschiedlichkeit der Zentrierungen nicht weiter verwundert, heftiger Streit. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der Analyse von Artenschutzbegründungen eine konzise Diagnose dieses Streites zu erstellen sowie in therapeutischer Absicht Schlichtungsskizzen zu entwickeln.
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Inhaltsverzeichnis
1. Das Artenschutzproblem im Rahmen der Umweltethik
2. Vorstellung des Begründungskonzepts
3. Vorbemerkungen zum Artbegriff
4. Vorstellung der umweltethischen Grundpositionen
4.1 Anthropozentrismus
4.2 Pathozentrismus
4.3 Biozentrismus
4.4 Monistischer Holismus
5. Begründungsskizzen für den Artenschutz
5.1 Begründungsskizzen für einen anthropozentrischen Artenschutz
5.2 Begründungsskizzen für einen pathozentrischen Artenschutz
5.3 Begründungsskizzen für einen biozentrischen Artenschutz
5.4 Begründungsskizzen für einen monistisch-holistischen Artenschutz
6. Pluralistischer Holismus: Der Ethikentwurf von Martin GORKE
7. Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine logisch-philosophische Analyse verschiedener Artenschutzbegründungen durchzuführen, um die bestehenden Streitigkeiten zwischen umweltethischen Positionen zu diagnostizieren und Schlichtungsskizzen zu entwickeln. Dabei wird insbesondere die Unterscheidung zwischen Rechtfertigung und Begründung genutzt, um die normativen Grundlagen zu prüfen.
- Logische Analyse und Strukturierung von umweltethischen Begründungsmodellen
- Kritische Untersuchung von anthropozentrischen, pathozentrischen, biozentrischen und holistischen Ansätzen
- Differenzierung zwischen Begründung und Rechtfertigung innerhalb der Ethik
- Analyse des Begründungskonzepts von Martin GORKE im Kontext des pluralistischen Holismus
- Untersuchung der Praxisfähigkeit und normativen Fundierung von Artenschutzargumenten
Auszug aus dem Buch
2. Vorstellung des Begründungskonzepts
Den Anfang des im Folgenden umrissenen Philosophieverständnisses bildet die Einsicht, dass Subjekte handelnd Zwecke resp. Ziele verfolgen. Zur Realisierung von Zielen resp. zur Herbeiführung von Zwecken benötigt man geeignete Mittel. Analog zu nichtsprachlichen Vollzügen lassen sich auch sprachliche Vollzüge als Mittel zur Verfolgung von Zwecken verstehen. So kann ein Treueschwur ein geeignetes Mittel sein, um die Begehrte zum Gang vor den Traualtar zu motivieren, ein guter Ratschlag mag manchen Freund vom Begehen einer großen Dummheit abhalten, lauthals skandierte Fangesänge können der favorisierten Mannschaft zum entscheidenden Treffer verhelfen. Dies sind Beispiele für sprachlich verfasste Vollzüge.
Eine Besonderheit von sprachlich verfassten Vollzügen ist, dass sie sämtliche Gegebenheiten (sprachliche wie nichtsprachliche) zum Thema haben können. Sprachliche Vollzüge können sich mithin selbst thematisieren. Motiviert durch die Einsicht, dass man auch und insbesondere redehandelnd Zwecke verfolgt, sollen im Folgenden sprachlich verfasste Vollzüge als Redehandlungen angesprochen werden. Da sowohl Sequenzen als auch Teile von Redehandlungen in dieser Arbeit Untersuchungsgegenstand sind, wird im Folgenden die leitende Redehandlungs- resp. Sprachkonzeption erläutert.
Redehandlungen werden meist nicht isoliert geäußert, sondern in einer Sequenz von Redehandlungen. Sequenzen von Redehandlungen sind sowohl Anekdoten, Büttenreden und Heldenepen als auch Argumentationen, Beweise und Begründungen. Diskurse seien diejenigen Redehandlungssequenzen, die ausschließlich kognitive Redehandlungen als Glieder haben. Die in dieser Arbeit im Fokus stehenden Redehandlungssorte ‚Begründung’ resp. ‚Argumentation’ resp. ‚Beweis’ sind ein spezieller Diskurstyp. Es sei angemerkt, das Diskurse und mithin Begründungen als kognitive Glieder in größeren Redehandlungszusammenhängen mit nicht-kognitiven Elementen vorkommen können. Wie sich Begründungen aus Redehandlungen aufbauen wird später verhandelt, zunächst gilt der einzelnen Redehandlung die Aufmerksamkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Artenschutzproblem im Rahmen der Umweltethik: Dieses Kapitel verortet das Thema im Bereich der Ethik und umreißt die Struktur der Umweltethik in Ressourcen-, Tier- und Naturethik.
2. Vorstellung des Begründungskonzepts: Es werden die theoretischen Grundlagen des Handelns und die sprachliche Struktur von Redehandlungen, insbesondere Begründungen, analysiert.
3. Vorbemerkungen zum Artbegriff: Hier werden die biowissenschaftliche Definition von Arten und die philosophische Debatte um deren ontologischen Status kurz thematisiert.
4. Vorstellung der umweltethischen Grundpositionen: Das Kapitel sichtet die Diskurslandschaft, wobei Anthropozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus und monistischer Holismus vorgestellt werden.
5. Begründungsskizzen für den Artenschutz: Auf Basis der zuvor vorgestellten Ethiken werden konkrete Argumentationsmodelle für einen eingeschränkten oder umfassenden Artenschutz entwickelt.
6. Pluralistischer Holismus: Der Ethikentwurf von Martin GORKE: Eine ausführliche Analyse von Martin GORKEs Ansatz, der eine direkte moralische Berücksichtigung von Arten garantiert.
7. Ergebnisse und Ausblick: Zusammenfassende Diagnose der umweltethischen Debatten und Diskussion der begrifflichen Mängel in der Argumentationspraxis.
Schlüsselwörter
Umweltethik, Artenschutz, Begründung, Rechtfertigung, Anthropozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus, Holismus, Moralgemeinschaft, Interessenethik, normative Prinzipien, Sprachphilosophie, logische Analyse, Martin GORKE, Artenvielfalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung von Begründungsstrategien für den Artenschutz innerhalb der Umweltethik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die logische Struktur von Argumentationen, die Unterscheidung zwischen verschiedenen umweltethischen Strömungen und die Analyse, wie aus diesen ethischen Fundamenten Artenschutz normativ begründet werden kann.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, eine konzise Diagnose des Streits zwischen verschiedenen umweltethischen Richtungen (wie Anthropo-, Patho-, Bio- und Ökozentrismus) zu erstellen und Schlichtungsansätze aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine logisch-philosophische Analysemethode, die auf einer präzisen Sprachkonzeption und der Unterscheidung von Rechtfertigungsdiskursen und formellen Begründungen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung umweltethischer Grundpositionen und die Anwendung dieser Prinzipien auf konkrete Begründungsskizzen für den Artenschutz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben den zentralen Begriffen wie Umweltethik und Artenschutz sind vor allem Begriffe wie Begründungslogik, Moralgemeinschaft und der Streit um den ontologischen Status von Arten prägend.
Welche Bedeutung hat die Unterscheidung von Rechtfertigung und Begründung in der Arbeit?
Diese Unterscheidung ist konstitutiv für den Autor; während Begründungen auf Prinzipien basieren, dienen Rechtfertigungen der Plausibilisierung von Redeinteressen.
Wie bewertet der Autor den ökozentrischen Ansatz nach Aldo Leopold?
Der Autor erkennt den Einfluss von Leopolds Landethik an, weist jedoch auf erhebliche philosophisch-methodische Mängel hin, die eine stringente Begründung auf ökozentrischer Basis erschweren.
- Quote paper
- Magister Artium Stefan Krauss (Author), 2007, Artenschutzbegründungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140773