Militärische Ausbildung in Heer und Luftwaffe ab 1943

Ausbilderidentität und Ausbildungsdauer unter Berücksichtigung von Erlebnisberichten ehemaliger Soldaten und Einbeziehung des Volkssturms


Examensarbeit, 2009
118 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Narrative Interview in der Theorie und in der praktischen Umsetzung
2.1 Das Narrative Interview in der Forschungsliteratur
2.2 Eigene Praxiserfahrungen und Schlussfolgerungen

3. Die Interviewten: Ihre Viten und die Interviewumstände

4. Militärische Ausbildung ab
4.1 Die Ausbilder- fronterfahren und Rekonvaleszenten?
4.2 Ausbildungsdauer ab 1943
4.3 Ausbildungsdauer und Ausbilder in der Luftwaffe

5. Vormilitärische Ausbildung in HJ und RAD ab 1943

6. Der Volkssturm: Aufstellung, Ausbildung und Verwendung

7. Resümee
Quellen- und Literaturverzeichnis
Anhang

1. Einleitung

Mit Verschlechterung der Kriegslage für das Dritte Reich ab 1943 vollzogen sich auch Veränderungen in der Einsatzweise von Soldaten, in Taktiken, Ausbildung und Bewaffnung. Die Maßnahmen, die von Seiten der Führung getroffen wurden, reichten von der Aufstellung von Luftwaffenfelddivisionen, „Magen-“ oder „Ohrenbataillonen“ und der Einziehung von 15-Jährigen bis zum Aufstellen von Kampf- und Kampfunterstützungseinheiten aus weiblichem Personal in den letzten beiden Kriegsmonaten. Es wurden aber auch junge Rekruten ohne gründliche Ausbildung direkt an Ausbildungseinheiten der Fronttruppen überstellt, wo sie dann eigentlich noch hätten ausgebildet werden sollen, was aber oft wegen der militärischen Lage nicht möglich war. Marinesoldaten, Piloten, Beamte, Eisenbahner und 60-jährige Volkssturmmänner bildeten das letzte Aufgebot des „Tausendjährigen Reiches“.

Der Nationalsozialismus und der 2. Weltkrieg gehören sicherlich zu den besterforschten Feldern der Geschichtswissenschaft, so dass es auch hierzu an Publikationen nicht mangelt. Beim Lesen eines eher populärwissenschaftlichen Magazins stieß ich auf eine Passage, welche besagt, dass in den letzten zehn Kriegsmonaten des Zweiten Weltkrieges knapp die Hälfte der insgesamt gefallenen deutschen Soldaten fiel – 2,5 Millionen.[1] Auch eine wissenschaftliche Studie Rüdiger Overmans bestätigt diese Zahl.[2] Beim Studium dieses Werkes fiel außerdem auf, dass die Überlebensdauer der ab 1942 Rekrutierten zum Teil drastisch abfiel, so dass sie 1945 weniger als einen Monat betrug.[3]

Das mochte dem rücksichtlosen Einsatz trotz offenkundiger Unterlegenheit, oft als „Verheizen“ bezeichnet, geschuldet sein, doch findet man in der Literatur oft Formulierungen, die „schlecht ausgebildete und ausgerüstete Soldaten“ erwähnen oder, dass „halb ausgebildeter Ersatz“ eingesetzt wurde. Interessant war aber, dass in den meisten Werken dazu keine näheren Angaben gemacht wurden.

Um Licht ins Dunkel dieser Allgemeinplätze zu bringen, führte ich im Zeitraum von Dezember 2008 bis Juli 2009 narrative Interviews mit sieben ehemaligen Soldaten durch, die ab 1943 eingezogen worden waren. In verschiedenen Publikationen wurden ähnliche Interviews zur Faktenfindung durchgeführt, so dass die von verschiedenen Historikern und mir durchgeführten narrativen Interviews hier als wichtigste Quellen betrachtet werden können, genauso wie Erfahrungsberichte, Autobiographien Nichtinterviewter und Briefe. Dies setzt natürlich „die Überzeugung, dass Menschen sich richtig erinnern können, d.h. in ihrer Erinnerung damals Erlebtes wieder aktualisiert werden kann“, voraus.[4]

Die zu dem Zwecke vorliegender Arbeit durchgeführten Interviews mit ehemaligen Soldaten bzw. einem Angehörigen der RAD-Flak geben Aufschluss darüber wie sie diesen Teil ihrer Lebensgeschichte selbst erlebt haben, aus welchem sozialen Umfeld sie kamen, wie sie zum Nationalsozialismus standen und vor allem, wie sie ihre militärische Ausbildung erlebten und bewerten.

Verzerrend und störend wirkte sich dabei das Alter der Zeitzeugen aus, also die zunehmende zeitliche Distanz zu den Ereignissen im Fokus dieser Arbeit, eine mit zunehmendem Alter einhergehende Vergesslichkeit, sowie eine eindeutig auszumachende Tendenz unter den Befragten, ihre Ausbildung nicht sonderlich reflektiert zu haben bzw. diese als unwichtig im Vergleich zu den Erlebnissen im Krieg anzusehen. Bei der Frage nach Kriegserlebnissen konnten viele der Zeitzeugen noch detaillierte und informative Berichte abgeben. Sprach man die Interviewpartner hingegen auf ihre vorausgegangene Ausbildung an, wurden sie oftmals sehr wortkarg und hatten, generell gesprochen, wenig bis schlechte Erinnerung daran.

Als wäre dies nicht schon Hindernis genug, muss man sich als gewissenhafter Historiker natürlich die Frage stellen, „in welchem Verhältnis das im Interview Erzählte zur vergangenen Wirklichkeit steht“[5], also ob die gemachten Angaben stimmig mit den tatsächlichen Abläufen sind. Um dies herauszuarbeiten habe ich auch einige Werke zu den Einheiten der Soldaten untersucht, sowie allgemeinere Werke über Ausbildung und Werdegang von deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg herangezogen, um das Erzählte zeitlich, lokal und inhaltlich richtig einordnen bzw. interpretieren zu können. Angaben, die nicht der Wahrheitsfindung bezüglich der Ausbildungsdauer oder Einheitszugehörigkeit dienten, habe ich nicht überprüft, da diese nicht im Fokus vorliegender Arbeit stehen. Auch die von mir aus anderen Werken übernommenen militärischen Lebensläufe habe ich nicht kritisch untersucht, da das nur über einen Archivbesuch hätte erfolgversprechend realisiert werden können. Da ich aber keine ausreichenden finanziellen Mittel für eine Fahrt zu den entsprechenden Archiven, hier vor allem das Bundesmilitärarchiv in Freiburg, aufbringen konnte und dies obendrein von meinem Betreuer für vorliegenden Arbeitstyp und die benötigten Akten nicht für unbedingt notwendig erachtet wurde, verzichtete ich darauf. Deshalb bitte ich auch die unterschiedlichen Zitierweisen der indirekt zitierten Archivalien zu entschuldigen. In der Annahme, dass ich nur „kopieren“ konnte, was andere an Quellen verwendet hatten, erschien es mir vorteilhafter, keine einheitliche Zitierweise zu verwenden, um keine Verwechselungen aufgrund der Unbesehenheit der Dokumente meinerseits zu provozieren. Deshalb übernahm ich die Angaben so, wie ich sie fand.

Lediglich angegeben werden – und auch das nur in grober Form – sollen die Viten der Interviewten und Gesamteindrücke aus den Interviews. Dies dient dem Ziel, einen Gesamteindruck von den Interviewten gewinnen zu können, um direkte Zitate und Aussagen aus den Interviews besser einordnen zu können. Die Interviewangaben wurden sprachlich nicht bereinigt, d.h. dialektale Färbungen aus den Aufnahmen werden wiedergegeben.

Basierend auf diesen Annahmen habe ich mich für folgende Eingrenzung des Themas entschieden:

1. Eine militärische Ausbildung, die den tatsächlichen Verhältnissen an der Front so nah wie möglich kommen soll, wird von Männern geleitet, die selber auch dort gewesen waren. Die Untersuchung stützt sich zudem auf die Hypothese, dass ein Ausbilder, der verwundet und versehrt war, diese Verwundung meist an der Front erlitten hatte. Folglich betrachte ich Verwundete als fronterfahren. Dies im Einzelfall nachzuweisen oder auch zu widerlegen dürfte sicherlich lohnenswert, aber kaum in repräsentativem Maße vernünftig umsetzbar sein, ohne enorme Kosten zu verursachen und viel Zeit in Anspruch zu nehmen.
2. Die Dauer ist neben Eignung und Erfahrung der Ausbilder der größte Einflussfaktor für die Qualität der Ausbildung. Dazu gehört auch, dass sie ohne große Komplikationen durchgeführt werden kann.
3. Eine Luftwaffe mit guten Piloten hätte einen viel größeren Einfluss auf die Kampfhandlungen an Land und in der Luftschlacht um das Reich haben können, als dies tatsächlich der Fall war.
4. Entsprechende Vorbildung kann die eigentliche Rekrutenausbildung beschleunigen, so dass diese in kürzerer Zeit durchgeführt werden kann.
5. Der Volkssturm und auch die Rekruten mit minimaler Ausbildung hätten in den meisten Fällen, wenn man es völlig rational betrachtet und moralisch hätte handeln wollen, nicht eingesetzt werden dürfen.

Ziel dieser Arbeit ist es nun, folgende Fragestellungen zu beantworten: Waren die Ausbilder, welche die Rekruten ab 1943 ausbildeten, Fronterfahrene, die zur Erholung o.ä. abkommandiert wurden, oder Genesende, welche sich bis zu ihrer völligen Wiederherstellung in der Heimat bzw. in einem besetzen Land als Ausbilder betätigten, um dann an die Front zurückzukehren oder so geschädigt waren, dass sie nicht mehr frontverwendungsfähig waren? Handelte es sich dabei um Unteroffiziere bzw. angehende Offiziere, die selbst noch Anwärter waren? Waren diese dann eventuell selbst schon an der Front gewesen?

Gab es signifikante Unterschiede in der Ausbildungsdauer im Laufe der Jahre? Wie war die Ausbildung prinzipiell organisiert? Konnte sie durchwegs planmäßig durchgeführt werden oder gab es störende äußere oder innere Einflüsse?

Wie war die Situation bezogen auf die Ausbilder und Dauer der Ausbildung in der Luftwaffe?

Inwieweit wurden die angehenden Rekruten in der HJ und dem RAD vormilitärisch geschult? Wie viel Vorwissen bzw. welche Fähigkeiten konnte man also bei ihnen voraussetzen, als sie eingezogen wurden?

Wie waren Ausbildung und Organisation des Volkssturms? Verlief Organisation und Ausbildung überall gleich? Wer waren die Ausbilder des Volkssturms? Woran „krankte“ es? Hätte die Ausbildung überhaupt Erfolg versprechen können?

Aus Platzgründen müssen Angelegenheiten der Marine, welche die Ausbildung betreffen, unerwähnt bleiben.

Vorliegende Arbeit fußt hauptsächlich auf den ausgewerteten Interviews, den Erfahrungsberichten und der Memoirenliteratur ehemaliger Soldaten, aus denen wertvolle Informationen gewonnen werden konnten, sowie auf Lokalstudien, aber auch aus Werken mit Überblickscharakter, von denen nun einige genannt werden sollen. Methodisch greife ich also auf ein Konglomerat aus biographischer Methode, Quellenarbeit und Literaturauswertung und auch Vergleichen zurück.

Besonders aufschlussreich für die Bearbeitung des Themas waren die Werke von Andreas Kunz, sowohl „Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944 bis 1945“, welches in der Reihe „Beiträge zur Militärgeschichte“ unter der Nummer 64 im Jahre 2005 vom Militärischen Forschungsamt herausgegeben wurde, als auch der Aufsatz „ Die „Aktion Leuthen“ – das Ende des deutschen Ersatzheeres im Frühjahr 1945“, veröffentlicht in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZFG) Nummer 48 aus dem Jahre 2000 auf den Seiten 789-806. In beiden Werken zeichnet Kunz detailliert die Lage der Wehrmacht in den letzten beiden Kriegsjahren ab, geht in ersterem Werk auch auf den Volkssturm, die Marine und die Luftwaffe ein und führt dem Leser anschaulich vor Augen, wie das Naziregime, insbesondere OKW, OKH und SS auf die sich immer schärfer zuspitzende Lage reagierten und mit größtem Einsatz versuchten, durch die Mobilisierung von Massen siegreich hervorzugehen statt auf Klasse zu setzen, und welchen Illusionen sie unterworfen waren. In genanntem Aufsatz widmet sich Kunz der Mobilisierung des Ersatzheeres Ende 1944 und im Frühjahr 1945, welches die wankenden und bröckelnden Fronten mit Ausbildern und größtenteils schlecht ausgerüsteten und Bewaffneten stabilisieren sollten.

Im Kapitel über die Luftwaffe greife ich hauptsächlich auf die Dissertation Ernst Stillas aus dem Jahre 2005[6] und die Memoiren Adolf Gallands[7], Jagdflieger und General der Jagdflieger, zurück. Erstgenannter zeigt auf, dass die Luftwaffe den „Faktor Mensch“ von Anfang an unterschätzte und erst zu spät geringfügige Gegenmaßnahmen ergriff.

Das den Volkssturm betreffende Kapitel basiert hauptsächlich auf den Werken David Yeltons[8] und Franz Seidlers[9]. Ersteres besticht durch die Vielzahl an Informationen, die wohlorganisiert von den Kapiteln bezüglich der Vorüberlegungen bis zum Einsatz reichen, letzteres durch die große Zahl an Abbildungen. Allerdings fallen gerade bei letztgenanntem die Allgemeinplätze, plakative Aussagen und zu große Verallgemeinerungen negativ auf.

Obwohl die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und der Menschen, die er betraf, gut erforscht ist, bleibt ein Werk, speziell zum Hintergrund vorliegender Arbeit, oder aber auch zum Zustand des Feldheeres in personeller Hinsicht in den letzten 12 Monaten des Krieges ein Desiderat der Forschung. Sowohl Andreas Kunz[10], als auch Rüdiger Overmans[11] begründen dies mit der unglücklichen Quellenlage, da viele Unterlagen verlorengegangen sind und das Verfassen von Schriftstücken auf den unteren Verwaltungs- und Kommandoebenen der Streitkräfte aufgrund der Wirren der letzten Kriegsmonate reduziert wurde bzw. diese nie am Bestimmungsort ankamen. Da die „Aktion Leuthen“ und ihre Umsetzung bisher kaum in der Literatur beachtet worden ist, können nur Andreas Kunzes Angaben hierfür als maßgeblich gelten. Ähnliches gilt auch für Veröffentlichungen im Bereich des Verhältnisses von Luftwaffe und Personal, wobei hier Stillas Werk als Maßstab gelten muss, nicht nur wegen der relativen Unerforschtheit des Gebietes, sondern auch wegen der Güte des Werkes. Der Themenkomplex „Ausbilder“ und „Ausbildungsdauer“ scheint bisher in der Forschung weitgehend ignoriert worden zu sein oder nur auf geringste, nicht kontrastive Weise porträtiert worden zu sein, so dass von der Existenz von Werken von Allgemeingültigkeit nicht die Rede sei kann.

Zum Aufbau vorliegender Arbeit und zum Inhalt der Kapitel:

Im folgenden Kapitel 2 wird der Forschungsstand zum Narrativen Interview behandelt und über die Schwierigkeiten, aber auch die positiven Erkenntnisse in den geführten Interviews berichtet. Auch Folgerungen und Empfehlungen aus ihnen sollen erwähnt werden.

Kapitel 3 enthält die chronologisch geordneten Lebensläufe der Befragten, jedoch erfolgt, wie oben erwähnt, keine kritische Untersuchung des Gesagten. Es geht lediglich darum, einen Eindruck von den Lebensumständen der ehemaligen Soldaten gewinnen zu können und gewisse Eckdaten für sie darstellen zu können.

In Kapitel 4.1 wird dann zunächst die Frage nach der Fronterfahrung bzw. dem Genesendenstatus der Ausbilder behandelt. Kapitel 4.2 enthält eine, nach Datum des Beginns der Militärzeit chronologisch geordnete, Aufstellung der tatsächlichen oder angenommenen Ausbildungsdauer, gewonnen aus den „militärischen Lebensläufen“ der Interviewten bzw. den, in der Sekundär- und Memoirenliteratur gemachten Angaben.

Kapitel 4.3 behandelt ausschließlich die Fragen nach Ausbildungsdauer und der Ausbilderidentität – soweit es Erfahrung und Verwundung betrifft – in der Luftwaffe ab 1943.

In Kapitel 5 wird dann die Frage beantwortet, ob und inwieweit die vormilitärische Vorbildung der Ausbildungsdauer angerechnet werden kann, bzw. ob und ab wann eine Verkürzung der Rekrutenzeit aufgrund der Vorbildung vertretbar war.

Kapitel 6 beinhaltet ausschließlich die Organisation, den Aufbau und die Ausbildung des Volkssturms, sowie dessen geplante und tatsächliche Verwendung.

2. Das Narrative Interview in der Theorie und der praktischen Umsetzung

2.1 Das Narrative Interview in der Forschungsliteratur

Diese Form des Interviews gehört zur Gruppe der teilstandardisierten Interviews. Bevor ich genauer auf die Charakteristika und Problematiken dieses speziellen Interviewtyps eingehe, möchte ich noch einige Anmerkungen bezüglich des Typus des teilstandardisierten Interviews machen.

Diese werden auch als teil- oder semistrukturiert bezeichnet oder auch als Leitfaden-Interviews, können sich über einen oder mehrere Termine hinziehen, thematisch sehr offen oder sehr begrenzt sein.[12] Der Befragende kann dabei sehr frei in der Formulierung seiner Fragen sein, das Interview spontan aufgrund eintretender Erzählungen anders verlaufen lassen, als dies der Leitfaden vorsieht, also Fragen vorziehen, streichen oder anders formulieren, sollten gewisse Frageinhalte vom Befragten schon behandelt worden sein. Auch Fragen, die dem Interviewer erst während des Interviews als interessant oder möglicherweise bedeutsam erscheinen, können in den Fragenkatalog aufgenommen werden, etwa wenn der Befragte etwas erzählt, von dem der Befragende meint, dass dies relevant für die Einschätzung der Person, des Erlebens des Sachverhalts der- oder desselben sein könne.

Anders als beim vollstandardisierten Interview gibt es hier keine Antwortvorgaben, so dass die Interviewten völlig frei ihre Ansichten und Meinungen äußern können. Nachfragen können, sollte etwas unklar geblieben sein oder der Sachverhalt die Kenntnisse des Interviewers über die aktuelle Thematik übersteigt, vom Interviewer zu passenden Stellen oder Zeitpunkten eingeworfen werden.

Das narrative Interview ist inhaltlich sehr eng mit dem biographischen Interview verwandt, da beide sich mit der Lebensgeschichte des Befragten beschäftigen. In der Forschungspraxis wird der erste von den beiden Begriffen gern für eine Interviewform des letzteren gebraucht. Kern des narrativen Interviews ist jedoch die freie Erzählung aus dem Stegreif, ausgelöst durch eine Eingangsfrage.[13] Es ist aber auch möglich, dass die Lebensgeschichte in Zusammenhang mit etwas anderem steht, so zum Beispiel „die Geschichte einer Betriebsstillegung oder die Geschichte der Zusammenlegung von Ortsgemeinden handeln.“[14]

Entwickelt wurden Theorie und Form des narrativen Interviews von Fritz Schütze Ende der 1970er Jahre. Der Hauptteil eines narrativen Interviews besteht aus der „Erzählung selbsterlebter Ereignisse durch den Informanten“.[15] Der Befragende muss den Befragten dazu veranlassen, die Geschichte, die hinter dem zu erforschendem Gegenstand steht, von sich aus in einer zusammenhängenden Erzählung wiederzugeben. Dies geschieht durch eine Frage, welche die Erzählung anstößt, so zum Beispiel: „Wie und wann haben Sie von Ihrer Einberufung erfahren und was war ihr erster Gedanke?“ Wichtig ist, dass dies aus dem Stegreif passiert, da Vorbereitung und Planung die Resultate verzerren können. Typischerweise fängt der Befragte dann bei der Ausgangssituation an, im Fall vorliegender Arbeit also mit: „Damals, also im August '43, war ich gerade vom Urlaub nachhause gekommen, als [...].“

Die Geschichte wird so lange weiter erzählt, bis das Ende des zu behandelnden Abschnitts erreicht wird. Dazwischen können und werden auch andere Elemente eingebaut: Beschreibungen und Argumentationen, sowie Episoden und Rückblenden. Die Dauer der Haupterzählung kann zeitlich stark variieren: „Diese Phase kann 5 Minuten oder 5 Stunden dauern.“[16]

Typischerweise gliedert sich ein narratives Interview also in folgende Phasen: Einstiegsphase, die Phase der Haupterzählung, die nach Abschluss derselbigen gefolgt wird von der Nachfragephase und der Bilanzierungsphase.[17]

Die Nachfragephase ist geprägt von der Erörterung unklar gebliebener Punkte der Erzählung, etwa Jahreszahlen, Personennamen und Ereignissen, oder auch wenn etwas widersprüchlich erscheint oder auffällige zeitliche Lücken vorhanden sind. Dies geschieht durch gezieltes Nachfragen des Interviewers. Es empfiehlt sich also, Notizen während der Erzählung zu machen. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung des Gesagten, in der man vorläufig Bilanz ziehen und Theorien über das Geschehene in der Erzählung aufstellen kann.

Eine weitere Form des narrativen Interviews, bei der auch eine Bilanzierungsphase eingeplant ist, ist das autobiographisch-narrative Interview. In genannter Phase soll der der/die Befragte verallgemeinerte Fragen abstrakter Natur über sich selbst beantworten.[18] Allgemein lässt sich über solche Interviews sagen, dass nach der formellen und inhaltlichen Analyse der Textstruktur und den Eigentheorien sich konstatieren lässt, „ dass die Menschen sehr viel mehr von ihrem Leben „wissen“ und darstellen können, als sie in ihren Theorien über sich und ihr Leben aufgenommen haben.“ Dadurch erschließen sich dem Forscher mehr Daten als durch Befragungsformen, die nur nach Alltagstheorien der Befragten über sich selbst fragen.[19] Deshalb können hier auch Brüche mit der eigenen Selbstinszenierung gut erkannt werden.[20]

Was Schütze hier über das autobiographisch-narrative Interview sagt, gilt natürlich genauso auch für „rein“ narrative Interviews: „Das Gelingen eines autobiographisch-narrativen Interviews setzt voraus, dass der Informant akzeptiert, sich dem narrativen Strom des Nacherlebens seiner Erfahrungen zu überlassen [...]. Er lässt sich noch einmal durch den Strom seiner ehemaligen Erlebnisse und Erfahrungen treiben.“[21]

Qualitative Interviews in der Sozialforschung sind eng mit der verstehenden Soziologie verbunden.[22] Offenheit und Kommunikation sind wichtige Postulate bei der Erhebung von Daten mittels qualitativer Interviews. Der Begriff der „Offenheit“ meint, dass der Befragende ohne vorgefasste Meinungen oder Hypothesen das Interview beginnt. Die Bildung von vorgenannten Begriffen „sollten sich im Forschungs- und Erhebungsprozess im Sinne einer schrittweisen Klärung ergeben.“[23] Das jedoch, so Hopf, habe sich bei manchem Forschungsprojekt so geäußert, dass die Arbeiten vor der Erhebung der Daten von Defiziten erfüllt waren, da man keine genügende Eingrenzung des Themas vornahm und eine ungenügende Präzision der Fragestellung die Folge war. So wurde suggeriert, dass dies charakteristisch für die verstehende Soziologie sei.

Zu einer eventuellen Qualifikation der Interviewer gibt es noch keine festen Grundsätze oder Konzeptionen, jedoch existiert eine mehr oder minder allgemeingültige Vorstellung darüber, dass die Befragenden tatsächlich auch Teil des Mitarbeiterstabs des jeweiligen Forschungsprojekts sein sollten, damit sie mit der Zielsetzung dessen vertraut sind. Bernart und Krapp führen außerdem den Grund der Überarbeitung bzw. Revidierung des Fragebogens während der Interviews selbst an.[24] Zudem sollten sie im Vorfeld möglichst reflektieren darüber, was ein gut geführtes Gespräch ausmacht und eventuell das Führen von Interviews vorher privat probieren, so dass gewisse, möglicherweise auftretende Probleme schon im Vorfeld erkannt werden können.

Planungsfehler, wie das Avisieren von zu wenig Zeit oder die Tendenz, zu viele Fragen behandeln zu wollen, sowie ein eher anteilnahmslos scheinendes bloßes Abhaken von Fragen, sollten vermieden werden. Das Suggerieren von Antworten oder Bewertungen derselben könnte zur Verzerrungen des Ergebnisses führen. Außerdem sollte man die Bereitschaft mitbringen, sich auf die befragte Person einzulassen und ihr wirklich zuzuhören. Starres Festhalten am Leitfaden könnte zu Frustration auf beiden beteiligten Seiten führen, genauso wie Disziplinierungen mittels Zeitplans oder ähnlichem.[25]

Außerdem sollte der Erzähler während der Darstellung nicht unterbrochen werden und von Seiten des Interviewers auch keine Werturteile abgegeben werden.[26] Wierling schreibt hierzu: „Die interviewende Person sollte sich weitgehend zurückhalten und Zweifel, Widerspruch oder eine spontane Deutung nur dann äußern, wenn dadurch das Selbstvertrauen der Befragten nicht so reduziert wird, dass sie in Anpassung, Schweigen oder Abwehr verfallen.“[27] Hier wird also eindeutig auf Sozialkompetenz hingewiesen, doch nähere Kriterien werden nicht gegeben. Auch bei Bernart und Krapp findet sich eine relativ vage Kriterienangabe: „Im Gegensatz zu verschiedenen anderen Interviewverfahren muss er (der Interviewer, d. Verfasser) alles tun, was den Erzählfluss des Befragten fördert. Das narrative Interview verlangt somit eine anspruchsvolle Mischung aus professionellen, sozialen und psychischen Kompetenzen.“[28]

Hier finden sich außerdem 3 Gebote der sozialen Interaktion: „1. erkennbar uninstrumentelle Offenheit, 2. Verzicht auf jedes Hinführen des anderen auf eigene Vorgaben, und 3. Vermeidung jeden Anscheins eines eigenen „going native“.“[29]

Problematisch könnte es sich zudem auswirken, wenn die Stimmung zwischen den beteiligten Personen noch unterkühlt ist und der Befragte deswegen sich nicht recht „traut“, ausschweifend und ausführlich zu berichten. Auch könnte es sein, dass den Interviewern eine solche Intimität mit sehr oft Unbekannten zu schaffen macht, so dass sie vorschnell den Befragten das Wort übergeben, obwohl diese noch keine Ahnung haben, was eigentlich von ihnen erwartet wird.[30] Natürlich kann sich diese Intimitätserfahrung auch störend auf den Befragten auswirken. Auch eine Verwirrung des Gesprächspartners durch die Frage nach Motiven, Gründen usw. statt nach der Erzählung sollte vermieden werden. Laut Hermanns werden zudem unbefriedigende Ergebnisse oft den Interviewpartnern angelastet[31], anstatt die Gründe hierfür zu gleichen Teilen auch beim Interviewer zu suchen.

Verzerrungen des Interviews bzw. der Inhaltsauswertung des Interviews können auftreten, wenn der Forscher nicht den Realitätsgehalt des Gesagten überprüft, sondern auswertet, was er selbst für wahr hält. Auch der „Level of Permissiveness“, also eine Grenze des Erlaubten, könnte sich störend auf das Interview auswirken. Unter „Level of Permissiveness“ versteht man laut Atteslander und Kneubühler „eine allgemein wirkende Verhaltensnormierung, die dadurch bestimmt wird, dass das verbale Verhalten im Interview weitgehend von den Vorstellungen bestimmt wird, was in einer bestimmten Situation als erlaubt, erwartet betrachtet wird.“[32] Auch das Interaktionsverhalten kann sich natürlich störend auf das Interview selbst auswirken, so zum Beispiel können Antworten dadurch verzerrt werden.[33] Unkonzentriertheit kann sich ebenso störend auf das Interview und seine Ergebnisse auswirken.[34]

2.2. Eigene Praxiserfahrungen und Schlussfolgerungen

Aus eigener Erfahrung möchte ich hinzufügen, dass die vornherein den Interviewten genannte Dauer von zwei Stunden immer voll und ganz ausgereicht hat, der verwendete Leitfaden eigentlich nur mehr als Orientierungshilfe diente und aktives Zuhören, also Nicken, Blickkontakt, Lächeln an passenden Stellen, die Interviewten meistens bestärkte, mehr zu erzählen, oder die beendete Erzählung wieder neu aufzunehmen. Den gleichen Effekt hatte oft, wenn auch nicht immer, das Nachfragen oder das Stellen von ursprünglich nicht vorgesehenen Fragen. Bei manchen Interviews merkte ich schnell, dass ein Abweichen vom klassischen Phasenschema des narrativen Interviews wohl am besten wäre, da ein allzu starres Festhalten daran sicherlich nur hinderlich gewesen wäre.

Als meist sehr effektiv hat sich erwiesen, den Interviewten einen Überblick über meine Fragestellung zu geben und sie zu bitten, frei und ungezwungen zu erzählen. Von Nutzen war auch die zunehmende Sachkenntnis meinerseits über die Umstände der Ausbildung, des Kampfeinsatzes, der Bewaffnung usw., so dass ich oft wusste, was die Herren gerade wohl meinten, wenn sie es nicht genau formulieren bzw. exakt benennen konnten. Generell waren die Befragten sofort bereit, sich mit mir zu treffen und ihre Erfahrungen mitzuteilen; sicherte man ihnen jedoch die Anonymisierung der Namen und der Herkunfts- bzw. Wohnorte zu und erwähnte den eigentlichen Hauptfokus der Arbeit, verstärkte sich das Vertrauen und die Bereitschaft deutlich.

Was die Ergebnisse der Interviews beeinträchtigte, waren hauptsächlich Erinnerungslücken, was bei der zeitlichen Distanz keine große Überraschung darstellte. Ebenfalls hinderlich war die Beschränktheit der Erinnerungen an die Ausbildung und die Ausbilder. Dies ist möglicherweise damit zu erklären, dass für die Befragten (wahrscheinlich auch für die meisten anderen ehemaligen Soldaten) diese Zeit nicht so voll von Erinnerungswerten war, wie der spätere Kampfeinsatz, für den die vorausgehende Ausbildung eine Art „Vorgeplänkel“ darstellte. Die Befragten konnten oft minutenlang von Kriegserlebnissen erzählen, aber auf die Ausbildung angesprochen, wurden die meisten sehr einsilbig, so dass ich oft versuchen musste, ihnen mittels Stichwortgebung, etwa Erwähnen von mir bekannten Ausbildungsinhalten und –prinzipien, ihnen diesbezüglich etwas zu entlocken. Genau dieses Stichwortgeben hat aber oft dazu geführt, dass die Interviewten einfach direkt oder in leicht abgewandelter Form wiederholten, was ich vorgegeben hatte, was sich natürlich verzerrend auf die Authentizität der Antworten auswirkte, so dass ich, wenn im Zweifel, diese Aussagen nicht auswertete. Manche Interviewpartner waren stellenweise sehr unkonzentriert und geistig abwesend, was die Interviewführung erschwerte. Schwerhörigkeit erwies sich in einem Fall auch als stark behindernd bei der Durchführung des Interviews.

Bei einem Interview war auch deutlich die Tendenz zu spüren, Gelerntes oder als allgemein akzeptierte Aussagen ohne Reflektion zu übernehmen: Herrn Ds mehrfache Aussagen, dass das später – er meinte schon vor der Schlacht von Stalingrad – „doch keine richtige Ausbildung mehr war“, hörten sich zu sehr nach gelernter Lehrmeinung an, als nach eigener Überzeugung.[35]

Hilfreich wäre es aber gewesen sich einen allgemeinen Überblick über die Ausbildungsinhalte, mögliche Phasen, etwas über die Orte, an denen sie stattfanden, anzulesen, da die Auswertung der Interviews und die Orientierung währenddessen leichter gefallen wäre. Dies hätte es aber erforderlich gemacht, die Interviewten Tage oder Wochen vorher nach Eckdaten zu befragen, was sich möglicherweise negativ auf deren Bereitschaft zu erzählen bzw. die Unmittelbarkeit ausgewirkt hätte. Außerdem hätte sich so bereits eine vorgefertigte Meinung bilden können, von der das Interviewergebnis sicherlich auf negative Art und Weise beeinflusst worden wäre.

3. Die Interviewten- Ihre Viten und die Interviewumstände

In diesem Kapitel werden die militärischen Lebensläufe sowie die damaligen Lebensumstände der sieben von mir interviewten Männer kurz aufgezeigt. Es werden außerdem Intervieweindrücke und -umstände wiedergegeben. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gesagten, sofern sie nicht die Ausbildung betraf, erfolgt nicht.

Interviewpartner Nr.1 (im folgenden Herr A genannt) wurde am 20. Dezember 2008 in seinem Zuhause in U. von mir besucht. Er wurde 1926 geboren und kam mit 17 Jahren, nach abgeschlossener Gesellenprüfung im Metzgerhandwerk in einer Metzgerei in S., als Rekrut am 01.05.1943 nach Breslau/Lissa zum 1. lIG[36] Ausbildungs- und Ersatzbataillon. Später kam er dann zu einer Pak-Abteilung. Nach eigenen Angaben gehörte er der 3. Panzerdivision an. Es handelt sich dabei um die 3. SS-Panzerdivision „Totenkopf“.

Er geriet in russische Gefangenschaft und kehrte 1950 aus dieser heim, machte sich dann selbstständig, erwarb den Meistertitel und führte lange Jahre eine eigene Metzgerei in U. Ursprünglich kam er aus L., in der Nähe von U. gelegen. Wie der wohl größte Teil der dortigen Bevölkerung war seine Familie katholisch. Beruf des Vaters war Landwirt. Dieser war auch Bürgermeister in L., jedoch auf die Frage ob dieser in einer Partei war, gab Herr A zwei sich widersprechende Angaben. Beim ersten Mal gab er an, sein Vater sei in keiner Partei gewesen, beim zweiten Mal sagte er aus, dieser sei Zentrumsmitglied und „ein schwerer Gegner der Nationalsozialisten“ gewesen. Auch seinen Bruder machte er einmal zum ehemaligen Bürgermeister von L.

Der Vater war 1894 geboren worden und wurde 1939 zum Militär eingezogen, aber laut Herrn A nach einem Jahr aus der Wehrmacht entlassen. Er war bereits im Ersten Weltkrieg Soldat und seinem Sohn laut diesem „ein guter Lehrmeister vom Militär her.“ Dieser gab ihm auch den Rat mit, sich nie freiwillig zu melden, und er riet ihm außerdem: „Solang du an Lehrgang machst, bist von der Front weg.“ Die Mutter war Hausfrau. Herr A war eines von 4 Kindern. Der 1928 geborene Bruder wurde auch noch zum Militär eingezogen, kam aber nicht mehr in den Einsatz, was er aber laut Herrn A wäre, „hätte der Krieg 4 Wochen länger gedauert“. Die Reaktion der Familie und seine eigene auf die Nachricht von seiner Einberufung war ein gelassenes „denn man hat damit gerechnet.“

Das Interview mit Herrn A verlief stellenweise sehr schwierig, eine große Erzählung wollte nicht so recht in Gang kommen. Ich musste ihn dann öfters ansprechen, um ihn dazu zu animieren die Erzählung fortzusetzen. Die Verständigung war insgesamt relativ schwierig, obwohl er nach circa 5 Minuten sein Hörgerät holte. Später brachte ihm dann ein Familienangehöriger seinen Entlassungskoffer, in dem Herr A dann länger kramte und immer wieder ein Objekt vorzeigte und kommentierte. Auch schien er meine Bitte um eine längere Erzählung um die Umstände seiner Ausbildung vergessen zu haben, da er mich immer wieder fragte: “So, was wollen Sie denn noch wissen von mir?“ Dies könnte dadurch bedingt gewesen sein, dass er von der Lokalpresse zuvor schon mehrmals speziell zu den Erlebnissen in der Gefangenschaft befragt worden war. Er wechselte oft das Thema und schien generell sehr unkonzentriert. Außerdem verwies er mehrmals auf ein „Büchla, do hob ich alles aufgeschrieben.“

Informant Nr. 2 oder Herr B wurde am 27.12.1925 geboren. Auch ihn besuchte ich am 20. Dezember 2008 bei sich zuhause in S. Er wurde zunächst im Februar 1943 zum RAD nach Erlangen und Nürnberg eingezogen und war dort nach eigenen Angaben ein viertel Jahr. Nach Abschluss dessen wurde er nach Regensburg zur leichten Artillerie-Ersatzabteilung 10 eingezogen. Später gehörte er dann dem Füsilierbataillon 335 und dem Grenadierregiment 178/9 an. Er war Fernsprecher und meist mit dem vorgeschobenen Beobachter der Artillerie nahe der Frontlinie im Einsatz.

Herr B wurde am 29.12.1944 so schwer verwundet, dass er das Kriegsende und die Gefangenschaft in einem Lazarett am Tegernsee erlebte. Seine Familie zählte damals 5 Köpfe. Er hatte einen älteren Bruder, Jahrgang 1924, der am 04.03.1945 in einem Lazarett verstarb, nachdem er 1942 eingezogen wurde. Ob damit zunächst auch Dienst beim RAD gemeint war, bleibt unklar. Der Bruder wurde im Laufe seiner militärischen Laufbahn Leutnant und besuchte eine Kriegsschule.

Herrn Bs Vater war Ofensetzer, von diesem erlernte er auch sein Handwerk. Er war in keiner Partei, „aber wählen du mer schwarz.“ Die Familie ist katholisch. Der Vater verstarb 1942.

Herr B gab an, dass die Waffen-SS versucht habe, während seiner Zeit beim RAD junge Männer anzuwerben, aber Beitrittszwang erlebte er nicht. Anders traf es seine beiden Cousins, die angeblich ungefragt zur Waffen-SS kamen. Beide waren zunächst zurückgestellt worden.

Angst erlebte er nicht beim Empfang des Gestellungsbefehls, es war laut ihm eher so: “Da hat mer gar nix denken brauchen. Bist halt hin. Fertig, aus.“ Die Reaktion der Eltern umschrieb er folgendermaßen: „Was willst denn machen?“

Auch er gab, genauso wie Herr A, an, sich nie freiwillig gemeldet zu haben: „So narrisch war ich net.“

Herr B war sehr aufgeschlossen und kooperativ, die Verständigung verlief sehr gut. Die Atmosphäre während des Interviews war locker und angenehm. Bereitwillig zeigte er mir den Splitter, durch den er schwer verwundet wurde und sein Soldbuch bzw. seinen Wehrpass. Er erzählte oft lang und konsistent.

Informant Nr. 3 oder Herr C wurde am 23.03.1928 in B. geboren. Er besuchte, bis er eingezogen wurde, ein Gymnasium in B. Er erhielt mehrmals Einberufungsbescheide, den ersten im Sommer 1944 nach Frankreich, jedoch „mindestens 4 bis 5“, die er jedes Mal, so wie es ihm aufgetragen worden war, dem Dirigenten des HJ-Bannorchesters B. gab, woraufhin der „sich darum kümmerte.“ Im Oktober 1944 erhielt er allerdings einen Einberufungsbescheid, den der Dirigent nicht mehr abändern konnte, so dass er ab Dezember 1944 in einem Wehrertüchtigungslager der HJ in Zerbst bei Dessau für den Wehrdienst vorbereitet wurde. Von dort kam er nach einem Selektionsprozess durch Abschreiten der Reihen und der Nummernvergabe durch Abzählen von 1 und 2 im Februar 1945 nach Radolfzell zu einer Einheit der 12. SS-Pz.Div. „Hitlerjugend“.

Anfang April gelangte er dann in den Einsatz, wurde am 26.04.1945 leicht verwundet und begab sich mit den Resten seiner Einheit am 01.05.1945 in Gefangenschaft. Aus dieser wurde er am 12. Dezember 1945 entlassen.

Herr C kehrte zurück nach B., holte durch einen Frontteilnehmerkurs im März 1947 das Abitur nach und begann in Würzburg dann das Lehramtsstudium mit den Fächern Mathematik und Physik. Aufgrund seiner SS-Vergangenheit durfte er jedoch nicht weiter studieren. Er ging schließlich zu Siemens und blieb dort bis zur Pensionierung für diese Firma tätig.

Sein Vater war Redakteur bei einer Lokalzeitung, er wurde Ende 1943 zum Zoll eingezogen. Die Mutter war gelernte Bankkauffrau, sie wurde dann kriegsdienstverpflichtet, zunächst in eine Wäscherei, dann in die Stadtverwaltung der Stadt B. Die Familie war evangelisch, die Mutter versuchte, ihn religiös zu erziehen, doch er war nach eigenen Angaben „nur äußerlich dabei.“ Der Vater war SPD-Wähler „wie alle Zeitungsleute.“ Die Großeltern sollen pro-nationalsozialistisch eingestellt gewesen sein, denn Herr C erinnerte sich an „viel Streit“ zwischen den Eltern und den Großeltern. Die Familie bewohnte ein Mehrfamilienhaus, zusammen mit einer katholischen Beamtenfamilie und einer jüdischen Unternehmerfamilie. Die Mutter empfand die Situation, dass ihr einziges Kind Soldat werden sollte, als schlimm, Herr C selber nahm es eher stoisch gelassen auf: „Is hal so.“ Trotz all der negativen Erlebnisse, Erfahrungen und Nöte möchte er die Zeit nicht missen, wobei nicht ganz klar ist, ob er damit nur seine Zeit bei der Waffen-SS meinte oder die gesamte Kriegs- und Nachkriegszeit, die seine Kindheit und Jugend ausmachte.

Das Interview fand bei Herrn C zuhause in B. am 7. April 2009 statt. Er erzählte sehr ausführlich, informativ und plastisch. Sein Gedächtnis ließ ihn fast nie im Stich, er selber sagte, „dass die Ereignisse hellwach präsent“ wären. Die Atmosphäre während des Gesprächs war sehr gelöst und angenehm. Herr C sprach offen und ohne erkennbare Zurückhaltung.

Informant Nr. 4 oder Herrn D besuchte ich am 13.12. 2008 in M. Er wurde am 11.11.1926 geboren und besuchte zu dieser Zeit die Landwirtschaftliche Fachschule in Altenburg. Am 13.03.1944 sollte er sich in Weißenfels in der Infanteriekaserne melden. Von da an wurde seine Einheit nach einem Aufenthalt in Polen nach Norwegen verlegt, wobei sie zumindest in Polen auch als Reserve gedient haben soll. Währenddessen wurde er als Funker und Granatwerferführer ausgebildet. Auch Dänemark und Belgien werden von ihm als Aufenthalts- bzw. „Durchgangsländer“ erwähnt. Es war laut ihm schon kühl und soll Anfang oder Ende September gewesen sein, als er mit seiner Einheit in den Westwall nahe Trier gebracht wurde. Dort machte er dann die Ardennenoffensive als Soldat der 18. Volksgrenadierdivision mit und ging an der Westfront entweder am 22. oder 27.02.1945 in Gefangenschaft, wobei anzumerken ist, dass er letzteres Datum im Verlaufe des Interviews zweimal nannte, das erstere nur einmal. Auch bei der Beschreibung seiner Entlassung und der Heimreise nannte er verschiedene Daten für dieselben Ereignisse.

Herr D sagte aber auch aus, dass seine Einheit schon südlich Tarnopol im Einsatz gestanden haben soll, was verwunderlich erscheint, da er meinte, in Polen nur Reserve gewesen zu sein; dies hätte einen Kampfeinsatz nach 4-6 Wochen Ausbildung bedeutet. Den Abtransport nach Norwegen begründet er damit, dass seine Einheit so starke Verluste hatte, dass eine Neuaufstellung erforderlich war. Dann sprach er allerdings auch wieder davon, nie an der Ostfront eingesetzt worden zu sein.

Auf der Landwirtschaftlichen Fachschule war er, da er Wehrbauer werden und dann in den eroberten Gebieten Osteuropas siedeln sollte – wie, seinen Angaben zufolge, alle zweiten Söhne.

Während des Besuchs der Landwirtschaftlichen Fachschule wurde eine Werbeveranstaltung der Waffen-SS abgehalten. Herr D, der sich als Wortführer seiner Klasse präsentierte, soll nach eigener Erinnerung zu dem Leutnant gesagt haben: „Isch gehe zum Militär, aber nisch zur SS.“

Die Familie besaß nach eigenen Angaben 38 Hektar Land und einige Gebäude. Der Vater starb schon 1929. Sein ältester Bruder fiel im Krieg, für den jüngsten gab er zwei Geburtsdaten an: einmal den 14.03.1929 und einmal den 02.06.1929. Letzterer bekam noch den Gestellungsbefehl vom Volkssturm, kam aber nicht mehr zum Kampfeinsatz. Von den 2 Schwestern leistet eine bei der Flugabwehr Dienst, die andere war laut seinen Angaben beim RAD. – Nach dem Krieg macht Herr D Karriere bei der Reichsbahn der DDR.

Allgemein ist zu dem Interview mit Herrn D zu sagen, dass es geprägt war von einer starken Dominanz seinerseits, was während der Haupterzählung sehr förderlich, in der Nachfrage- und Bilanzierungsphase aber eher hinderlich war. Des Weiteren muss seine Inkonsistenz bei den Daten als verwirrend und bedauerlich vermerkt werden, was aber zum Teil ausgeglichen wurde durch eine große Erzählbereitschaft. Obwohl Herr D bis dahin keinen müden Eindruck machte, fiel er nach knapp 51 Minuten in einen kurzen Schlaf.

Informant 5 oder Herr E wurde am 11.05.1926 geboren und am 01.11.1943 nach Breslau-Lissa eingezogen, blieb dort aber nur kurze Zeit und verbrachte dann seine Ausbildung in Apeldoorn in den Niederlanden. Nach der Landung der Alliierten bei Anzio und Nettuno in Italien im Frühjahr 1944 wurde seine Einheit dorthin transportiert, um die Landungsköpfe zu bekämpfen. Er selbst war zunächst „Schütze 1“ an einem lIG[37], laut eigenen Angaben für das Einrichten des Geschützes zuständig. Danach wurde seine Einheit herausgelöst und nach Debrecen/Ungarn verlegt, aber auch Ljubljana wurde von ihm als Aufenthaltsort genannt. Von da an gehörte er der Division „Reichsführer SS“ an. Diese wurde dann wieder in Italien zum Einsatz gebracht, wo Herr E am 13.10.1944 schwer verwundet wurde und dann nach Lindau am Bodensee ins Lazarett kam und dort das Kriegsende erlebte.

An anderer Stelle berichtete Herr E auch davon, von Anfang an der Division „Reichsführer-SS“ angehört zu haben.

Herr E hatte zwei Brüder, die auch zu Soldaten wurden. Der ältere von ihnen, Jahrgang 1923, war Kompaniechef und fiel in Russland, sein Zwillingsbruder geriet in französische Gefangenschaft. Sein Vater war bei der Flak in den Niederlanden eingesetzt. Herr E selbst war vor seiner Einberufung Forsthelfer in der Nähe B.s und schloss auch die Forstgehilfen-/Waldfacharbeiterausbildung – er nannte beide Begriffe – erfolgreich ab. Die Familie besaß „ein bisschen Landwirtschaft“, etwa 30 Tagwerk und etwas Viehhaltung mit Pacht. Der Vater war Blockleiter, also NSDAP-Mitglied, und angestellt beim Kulturamt, dem heutigen Wasserwirtschaftsamt. Von einem Beruf der Mutter berichtete Herr E nichts. Seine Familie war katholisch.

Von einer besonderen Reaktion der Mutter, nachdem sie erfuhr dass ihr Sohn eingezogen werden würde, berichtete er nichts. Seine Reaktion fasste Herr E in zwei Sätzen zusammen: „Einrücken musst sowieso“ und er war “vielleicht auch ein bisschen stolz.“

Das Gespräch fand bei Herrn E zuhause in B. am 29. Juli 2009 statt. Er hatte sich wohl ein wenig auf das Gespräch vorbereitet, denn er las immer wieder die Eckdaten seiner militärischen Laufbahn ab, die er sich wohl zur Sicherheit, sollte ihn das Gedächtnis kurzzeitig verlassen, auf eine Fernsehzeitung aufgeschrieben hatte. Herr E war sehr erzählfreudig und hatte auch ein sehr gutes Gedächtnis.

Informant 6 oder Herr F wurde am 09.12.1942 zum Panzerregiment 35 nach Bamberg eingezogen. Da seine militärische Ausbildung und Erziehung unbestreitbar überwiegend im Jahr 1943 stattfand, habe ich ihn, trotz des früheren Einzugsdatums, in diese Arbeit mit einbezogen. Er wurde im Herbst 1942 in Z. bei M. geboren. Vor seiner Einberufung absolvierte er eine Ausbildung zum Schlosser, die im September 1942 beendet war. Bereits für den 3.10. desselben Jahres hatte er einen Gestellungsbefehl erhalten, den er jedoch nicht einhalten konnte, da er sich etwas gebrochen hatte. Von Bamberg wurden seine Einheit dann nach Frankreich verlegt. Er diente in der 2. Abteilung des Panzerregiments 35. 1944 wurde diese dann in den Einsatz nähe Minsk und Warschau gebracht. Nach Kampfhandlungen in Ostpreußen und im Kurland, und nachdem die Einheit die Panzer zurücklassen musste, wurden sie von Hela aus auf Zerstörer gebracht, die Befehl hatten, die Männer nach Berlin zu bringen, um die Stadt zu entsetzen. Schließlich gelangte er von Flensburg über Kiel, wo er am 12.05 in Gefangenschaft ging. Er meinte, am 23.08.1944 in Neustadt bei Lübeck in ein Entlassungslager gekommen, daraufhin am 23.11.1945 nach Rattelsdorf bei Bamberg entlassen worden zu sein. Später gab er dann an, am 01.09.1945 die Sektorengrenze bei Hof überschritten zu haben. Genau an diesem Tag will er dann auch nach Hause gekommen sein.

Herr F hat besaß Bücher über die Panzer des 2. Weltkrieges, in denen er immer wieder blätterte, um mir dies und das zu illustrieren. Sein technisches Wissen, besonders das, was er auch heute noch sehr anschaulich und detailliert über Technik und Teile der Panzer zu berichten wusste, erstaunte mich. Auch über das Fahren eines Panzers und das Laden des Geschützes konnte er berichten. Das Interview fand am 13.12.2008 bei ihm zuhause in M. statt, wo er, seine Frau und die Familie eines Kindes zusammen ein Haus bewohnen.

Herr F stammt aus einer 4-köpfigen Familie. Die Mutter war Hausfrau und verstarb 1943. Der Vater war von Beruf Pumpenwärter beim Kohlebergbau, der in der Gegend stark betrieben wurde. Die Familie lebte von dem Einkommen des Vaters und der Versehrtenrente, die er aufgrund einer im 1. Weltkrieg erlittenen Verwundung bekam. Herr F hatte einen Bruder, der schon 1919 geboren worden war und im Krieg in der Luftwaffe diente. Über seine zwei Schwestern erzählte der Informant nicht viel. Die Familie war evangelisch, doch Herr F empfindet sich heute als nicht mehr gläubig. Sein Vater wählte früher SPD oder war auch Parteimitglied, 1943 trat er jedoch in die NSDAP ein. Deswegen wurde ihm dann auch nach Kriegsende von der Siegermacht der Besatzungszone auferlegt, die Leichen von Zwangsarbeitern aus einem Außenlager in der Nähe von Rehmsdorf zu exhumieren. Freiwillig in den Krieg wollte sich Herr F nicht melden, der zuständige Ortsgruppenleiter wollte ihn dazu bringen, sich zur SS zu verpflichten. Die Frage, ob er denn die Waffen-SS für eine Eliteeinheit hielt, verneinte er, doch später erklärte er die Waffen-SS dann zu einer solchen. Das Gespräch mit ihm fand am 13.12.2008 statt.

Herr G war Informant Nr.7. Ihn interviewte ich zusammen mit seinem Schwiegersohn am 7. Dezember 2008 in dessen Haus in B. Er selber stammt aus E., wo er im Februar 1927 geboren wurde. Die Oberschule schloss er im Mai 1943 mit dem sogenannten „Einjährigen“ ab und begann dann eine Ausbildung in einem Architekturbüro. Nach einem mehrtätigen Fahrradausflug kam er an einem Sonntag im August 1943 nach Hause zurück und fand dort seinen Gestellungsbefehl für den nächsten Tag vor. Er befand sich zunächst in Altschweier bei Bühl beim Reichsarbeitsdienst, dem er von nun an ununterbrochen angehörte. Er und seine Abteilung wurden kurz nach dem Separatfrieden Italiens mit den Alliierten im September 1943 nach Südfrankreich verlegt, genauer gesagt nach Salon de Provence, in die Nähe von Marseille. Dort übernahmen sie eine Flakbatterie. Dort blieben Herr G, welcher der Messstaffel angehörte, und seine Abteilung bis Sommer 1944, von da aus traten sie dann den Rückzug nach Osten an. Nach den Rückzugswirren – der Teil der Truppe, bei dem Herr G sich aufhielt, war schon als vermisst gemeldet worden – wurde die Abteilung im November 1944 nach Essen verlegt, wo sie die Industrieanlagen gegen Luftangriffe verteidigen sollte. Nach einer Verwundung wieder genesen, wurde Herrn G mitgeteilt, dass seine Abteilung in den Oderbruch verlegt worden war. Er wurde daraufhin gen Wriezen in Marsch gesetzt, um festzustellen, dass seine Einheit wiederum verlegt worden war. Daraufhin fuhr er nach Essen zurück, meldete sich dort, um dann einen Marschbefehl nach Leutzsch bei Leipzig zu erhalten, wo er dann bei einem Feldflugplatz Göpschelwitz eingesetzt wurde.

Dort wurden er und andere Männer dann auch infanteristisch eingesetzt. Sie wurden nach Kämpfen gezwungen, sich ins Muldetal zurückzuziehen, wo er dann, nach Auflösung seiner Einheit, in Gefangenschaft geriet. Aus dieser wurde er im August 1945 entlassen und kehrte nach E. zurück, wo er den Beruf des Bauingenieurs im öffentlichen Dienst ausübte, nach Erwerb des Abschlusses an einer Staatsbauschule.

Schon in der Oberschule kamen Angehörige der Waffen-SS und versuchten dort, junge Männer anzuwerben. Ein Schulkamerad Herrn Gs „hatte Beziehungen zu dem Wehrbereichskommando in Gmünd“ und besorgte ihnen Reserveoffiziersbescheinigungen. In E. war eine SS-Kaserne, in der laut Herrn G 3.000 Mann stationiert waren, die Bevölkerungszahl E.s betrug zu diesem Zeitpunkt circa 6.000. Der Ort war sehr stark katholisch geprägt, dies gab Herr G als Grund dafür an, dass die „SS verhasst war bis ins ‚Tz’ “.[38]

Circa 10% der Einwohner E.s sollen der evangelischen Konfession angehört haben. Die katholische Familie zählte sechs Köpfe. Der Vater, Jahrgang 1897, war Maschinenschlosser und Elektriker im örtlichen Elektrizitätswerk und deshalb u.k.-gestellt. Er hatte im 1. Weltkrieg in der kaiserlichen Marine gedient und wurde auch Mitglied der SA, dies aus Gründen der Freundschaft zu anderen Männern, aber: „auf jeden Fall war der keine 2 Jahre in der SA.“ Der SA-Eintritt führte auch zu einem Familienstreit.

Die Reaktion des Vaters auf die Einberufung seines Ältesten war ruhig und gelassen. Die Mutter war Sekretärin in einem Verlag, wo sie auch während des Kriegs gelegentlich arbeitete. Sein Bruder, der im November 1927 geboren wurde, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst. Er war Angehöriger einer der beiden „Hermann Göring“-Divisionen. Herr G beschrieb sich und seine Familie immer als inneren Gegner des Nationalsozialismus: „Bei uns in der Familie hat keiner den Adolf gemocht.“ Er war vor dem Verbot 1937 Mitglied der katholischen Bewegung „Neudeutschland“ gewesen und gehörte auch während des Krieges einem Kreis an, der sich regelmäßig mit einem Kaplan traf, um sowohl Religiöses als auch Politisches zu erörtern. Sie hatten „natürlich gar nichts am Hut mit den Nazis.“ Sein katholischer Freundeskreis trat geschlossen der örtlichen Motor-HJ bei, weil diese zahlenmäßig schwach war und man sich so Ruhe vor nationalsozialistischer Einflussnahme erhoffte, was nach eigenen Angaben auch von Erfolg gekrönt war. Außerdem durfte man laut Herrn G nur das Abitur machen, wenn man in der HJ war. Ein einflussreicher Nationalsozialist wollte Herrn G auch auf eine „Napola“ schicken. Seine eigene Einstellung zum Krieg und Nationalsozialismus fasste er so zusammen: „Wäre ja nie gegangen, wenn ich nicht hätte müssen“ und „Man hat eben immer versucht, diese Leute so zu ärgern, dass sie mit uns nichts anfangen konnten. Aber sie konnten uns auch nicht an de Karre fahren, dass sie uns, dass mer gesagt hat, der kommt ins KZ oder so.“ Das Verhalten der Familie und der Gleichgesinnten beschrieb er so: „Man hat des immer so richtig diplomatisch, die einfach e bissle ausgespielt, dieses Volk.“

Das Gespräch mit Herrn G. war sehr angenehm, die Erzählung sehr konsistent und detailliert. Größere Erinnerungslücken tauchten nicht auf.

[...]


[1] Kriegsende 1945. Das Finale des Weltenbrandes. (= Geo Epoche 17). S. 9.

[2] Rüdiger Overmans: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, (= Beiträge zur Militärgeschichte 46. hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt.) München 1999. S. 318.

[3] Vgl. Anlage 3: Überlebensdauer der Wehrmachttodesfälle.

[4] Dorothee Wierling: Disziplinäre Perspektiven: Geschichte. In: Handbuch qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. hrsg. von Flick, Uwe/ von Kardoff, Ernst/ Keupp, Heiner. Weinheim 21995. S. 47-52. Hier: S. 51.

[5] Ebd.

[6] Ernst Stilla: Die Luftwaffe im Kampf um die Luftherrschaft. Entscheidende Einflussgrößen bei der Niederlage der Luftwaffe im Abwehrkampf im Westen und über Deutschland im Zweiten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung der Faktoren „Luftrüstung“, „Forschung und Entwicklung“ und „Human Ressourcen“. (= Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn) Bonn 2005.

[7] Adolf Galland: Die Ersten und die Letzten. Jagdflieger im 2. Weltkrieg. München 191993.

[8] David Yelton: Hitler´s Volkssturm. The Nazi militia and the fall of Germany 1944-1945. Lawrence 2002.

[9] Franz Seidler: „Deutscher Volkssturm“. Das letzte Aufgebot 1944/45. Augsburg 1999.

[10] Andreas Kunz: Die „Aktion Leuthen“- das Ende des deutschen Ersatzheeres im Frühjahr 1945. [= ZfG 48 (2000). S. 789-806]. S. 789f.

[11] Zum Meldesystem bei Verlusten: Rüdiger Overmans: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg (= Beiträge zur Militärgeschichte 46. hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt) München 1999. S. 13-66.

[12] Christel Hopf: Qualitative Interviews in der Sozialforschung. Ein Überblick. In: Handbuch qualitative Sozialforschung. Weinheim 21995. S. 177.

[13] Hopf. S. 179.

[14] Harry Hermanns: Methoden. Narratives Interview. In: Handbuch qualitative Sozialforschung. Weinheim 19952 S. 182-185. Hier: S. 183.

[15] Ebd.

[16] Dorothee Wierling: Disziplinäre Perspektiven. Geschichte. In: Handbuch qualitative Sozialforschung. Weinheim 2 1995. S. 47-52. Hier: S. 50.

[17] Hermanns: S. 184.

[18] Hopf. S. 179.

[19] Hermanns: S. 185.

[20] Wierling: S. 51.

[21] Fritz Schütze: Kognitive Figuren des autobiographischen Stegreifserzählens. In: Martin Kohli / Günther Robert (Hg.): Biographie und soziale Wirklichkeit. Neue Beiträge und Forschungsperspektiven. Stuttgart 1984. S. 78-117. Hier: S. 78f. Zit. nach: Yvonne Bernart/ Stefanie Krapp: Das narrative Interview. Ein Leitfaden zur rekonstruktiven Auswertung. (= Forschung, Statistik & Methoden. Bd. 3. hrsg. von Roland Arbinger/ Reinhold Jäger/ Peter Nenninger) Landau 1997. S. 23.

[22] Hopf: S. 180.

[23] Dieselbe. S. 181.

[24] Yvonne Bernart/ Stefanie Krapp: Das narrative Interview. Ein Leitfaden zur rekonstruktiven Auswertung. (= Forschung, Statistik & Methoden. Bd. 3. hrsg. von Roland Arbinger/ Reinhold Jäger/ Peter Nenninger) Landau 1997.

[25] Dies. S. 182.

[26] Hermanns: S. 184.

[27] Wierling: S. 50.

[28] Bernart/Krapp: S. 29.

[29] Joachim Matthes: Zur transkulturellen Relativität erzählanalytischer Verfahren in der empirischen Sozialforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37 (2). S. 310-326 Hier: S. 321. Zit. nach: Bernart/Krapp: S. 29.

[30] Hermanns: S. 185.

[31] Ebd.

[32] Peter Atteslander/ Hans-Ulrich Kneubühler: Verzerrungen im Interview. Zu einer Fehlertheorie der Befragung. Opladen 1975. S. 14. Zit. nach: Bernart/Krapp: S. 32.

[33] Bernart/Krapp: S. 32.

[34] Vgl. Richard Költringer Gültigkeit von Umfragedaten. Wien/Köln 1993. Zit. nach: Bernart/Krapp S. 32.

[35] Vgl. dazu: Kunz: Wehrmacht und Niederlage. S. 20f.

[36] Leichtes Infanteriegeschütz.

[37] Leichtes Infanteriegeschütz.

[38] Religiosität wurde von der SS abgelehnt. Gefallene der Waffen-SS wurden zum Beispiel nicht mit Kreuzen bestattet.

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Militärische Ausbildung in Heer und Luftwaffe ab 1943
Untertitel
Ausbilderidentität und Ausbildungsdauer unter Berücksichtigung von Erlebnisberichten ehemaliger Soldaten und Einbeziehung des Volkssturms
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Autor
Jahr
2009
Seiten
118
Katalognummer
V140818
ISBN (eBook)
9783640499823
ISBN (Buch)
9783640499991
Dateigröße
1573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Militärische, Ausbildung, Heer, Luftwaffe, Ausbilderidentität, Ausbildungsdauer, Berücksichtigung, Erlebnisberichten, Soldaten, Einbeziehung, Volkssturms
Arbeit zitieren
Robert Kerlin (Autor), 2009, Militärische Ausbildung in Heer und Luftwaffe ab 1943, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140818

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