Seit einigen Jahren scheinen alte Menschen zunehmend ins Blickfeld von Politik und Öffentlichkeit zu geraten. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in diesem Zusammenhang vor allem die zukünftige Bevölkerungsentwicklung mit großer Sorge betrachtet wird. Der Rückgang der Geburtenrate und die Zunahme der älteren Menschen drehen die Bevölkerungspyramide (vgl. Abb. 1) auf den Kopf,1 eine „dramatische demo-graphische Entwicklung”2 bahnt sich an, immer weni-ger Menschen, die im Arbeitsprozeß stehen, versorgen immer mehr alte Menschen. Die Sicherung der Renten ist ein regelmäßig wiederkehrendes Problem des Bundeshaushal-tes sowie ein immer aktuelles Wahlkampfthema. Auch die langanhaltende und intensive Debatte um die sog. Pflegeversicherung zeigte, daß die erwartete ,Überalterung‘ der Bundesrepublik jetzt schon ihre Schatten vorauswirft und es wird befürchtet, daß durch die Alten „die Generationensolidarität vor eine Bewährungsprobe”3 gestellt wird. Gleichzeitig bilden die alten Menschen jedoch auch einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor: etwa 20% „der Verfügungseinkommen der Privathaushalte werden durch Privathaushalte gestellt, die diese über die Altersversorgung beziehen”.4 Nicht nur die bekannten ,Kaffeefahrten für Senioren‘ haben Hochkonjunktur,
immer mehr Angebote der Freizeitindustrie richten sich speziell an alte Menschen,
da hier ein großes Potential an finanziellen Mitteln einerseits und Freizeit andererseits
gesehen wird.5
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Abb. 1: Veränderungen der Bevölkerungspyramide
Quelle: Statistisches Bundesamt
Betrachtet man allein dieses politische und ökonomische Interesse, so nimmt es auch nicht Wunder, daß die alten Menschen immer häufiger im Mittelpunkt multidisziplinärer Forschung stehen. Waren es zunächst vor allem Mediziner, die sich mit den (pathologischen) Altersveränderungen auseinandersetzten6, sind es heute auch Soziologen, Pädagogen, Psychologen, Pharmakologen, Biochemiker und zunehmend auch Gentechniker, die sich des Themas ,Alter‘ annehmen. Die Gerontologie als eigenständige Disziplin begann sich in Deutschland Ende der sechziger Jahre von der Geriatrie – als medizinischer Krankheitslehre des Alters – abzulösen und versuchte, die bisher gefundenen Daten und Fakten zu ordnen und sie in ein allgemeines Modell des Alterns einzubinden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Das Altersideal
1.2 Forschungsinteresse, Intervention und Altersideal
1.3 Erziehungswissenschaft und Gerontologie
1.3.1 ,Erziehung‘ und ,Bildung‘ in der Geragogik
1.3.2 Geragogische Praxis: ausgewählte Beispiele
1.3.2.1 Biographiearbeit mit alten Menschen
1.3.2.2 Geragogik und Pflegeausbildung
1.4 Implikationen für die Fragestellung
2. Theorie und Methode der Untersuchung
2.1 Lebenswelten und Lebenswirklichkeiten
2.2 Lebenswirklichkeit als Wirkungseinheit: die morphologische Sichtweise
2.2.1 Gestaltbildung und –umbildung: Auffassungsweisen und Analyse
2.2.2 Die Wirkungseinheit als Bezugs- und Erklärungssystem
2.2.3 Darstellung des morphologischen Vorgehens: von den ,Phänomenen‘ zu den ,Erklärungen‘
2.3 Charakteristik des Untersuchungsmaterials
3. Lebenswirklichkeiten hochbetagter Menschen als Entwicklungsnotwendigkeit
3.1 Lebenswirklichkeiten alter Menschen: Vorannahmen
3.2 Erste Bilanz der Interviews: das Leben als Schnittmuster
3.2.1 Absetzbewegungen
3.2.2 Geschichtlichkeit
3.2.3 Erlebte Vorteile des Alters
3.2.4 Einschränkungen und Verluste
3.2.5 Zukunftsperspektiven
3.2.6 Sterben und Tod
3.3 Zusammenfassung: Identität und Entwicklung
3.4 Psychologisierung der Fragestellung
4. Das Spannungsfeld der Wirkungseinheit: Sein ist Werden
4.1 Die Gestaltfaktoren
4.1.1 „Form(en) bewahren“
4.1.2 „Unveränderlichkeit“
4.1.3 „Bewältigen“
4.1.4 „Bewertungen“
4.1.5 „Fügungen“
4.1.6 „Aufbrüche“
4.2 Das Konstruktionsproblem: Leben in der Schwebe
5. Typische Lebenswirklichkeiten im hohen Alter: Geschichten um Geschichte
5.1 Die Typisierungen
5.1.1 Die Biographen
5.1.2 Die Penaten
5.1.3 Die Erstarrten
5.1.4 Die Opfer
5.1.5 Die Kranken
5.1.5.1 Die aktiven Kranken
5.1.5.2 Die resignierten Kranken
5.1.6 Die ,jungen‘ Alten
5.2 Vergleich der Typisierungen: Schweben als Kunst
5.3 Exkurs: die Demenz als Schwebezustand
6. Lebenswirklichkeiten und geragogische Konzeptionen
6.1 Biographiearbeit in der Schwebe
6.2 Geragogische Arbeit mit dementen Menschen
6.3 Zergliedernde vs. verstehende Sichtweise: Konsequenzen für die Pflegeausbildung
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Lebenswirklichkeiten hochbetagter Menschen aus einer morphologisch-psychologischen Perspektive. Ziel ist es, die pädagogischen und psychologischen Berührungspunkte innerhalb der Gerontologie herauszuarbeiten und zu verstehen, wie hochbetagte Menschen ihr Alter konstruieren, anstatt sie lediglich durch ein medizinisch-defizitäres Raster zu betrachten.
- Phänomenologische Analyse der Lebensgestaltung im hohen Alter
- Kritische Auseinandersetzung mit gerontologischen Standardmodellen (Defizit-, Aktivitäts- und Disengagement-Theorie)
- Typisierung spezifischer Lebensstile hochbetagter Menschen (z.B. Biographen, Penaten, Opfer, Kranke)
- Reflexion geragogischer Konzepte, insbesondere der Biographiearbeit in Pflegekontexten
Auszug aus dem Buch
Die Typisierung der BIOGRAPHEN
Von den Phänomenen her betrachtet, sind die BIOGRAPHEN offen, freundlich und aufgeschlossen. Sie genießen es, ihre Lebensgeschichte(n) erzählen zu können, es wird schnell ,gemütlich‘ und anschaulich, weil Photoalben, Briefe, Erinnerungsstücke als Belege dienen, daß alles ,wirklich‘ so war.
Im Mittelpunkt der Ereignisse stehen die BIOGRAPHEN selbst, sie schildern ihr Leben, die anderen Menschen sind dabei eher schmückendes Beiwerk. Einzelheiten spielen eine große Rolle, manche Gespräche können nach Jahrzehnten noch fast wortwörtlich aus der Erinnerung wiedergegeben werden.
Die Geschichten drehen sich dabei um zwei herausgehobene Schwerpunkte: einerseits um eine Rolle als ,Macher‘, als jemand, der Dinge in Bewegung setzte, etwas bewirken konnte und andererseits wird der ,Kämpfer‘ geschildert, der allerdings an den Umständen und den Zeiten scheiterte (,Don Quichotte‘). Beide ,Untertypen‘ sind jedoch durch Lebens-Aktivität in der Vergangenheit gekennzeichnet, wenn auch die Resultate jeweils andere waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Problematisierung des kulturellen Altersideals und der wissenschaftlichen Fixierung auf Defizitmodelle in der Gerontologie.
2. Theorie und Methode der Untersuchung: Einführung der morphologischen Psychologie als verstehende Methode zur Untersuchung von Lebenswirklichkeiten.
3. Lebenswirklichkeiten hochbetagter Menschen als Entwicklungsnotwendigkeit: Analyse der Interviewergebnisse und Identifikation von zentralen Themen wie Geschichtlichkeit und Verlusterleben.
4. Das Spannungsfeld der Wirkungseinheit: Sein ist Werden: Detaillierte Darstellung der morphologischen Gestaltfaktoren, die das Erleben im Alter strukturieren.
5. Typische Lebenswirklichkeiten im hohen Alter: Geschichten um Geschichte: Ausarbeitung von sieben spezifischen Typisierungen hochbetagter Lebensstile.
6. Lebenswirklichkeiten und geragogische Konzeptionen: Diskussion praktischer Anwendungsmöglichkeiten, insbesondere der Biographiearbeit, und der Herausforderungen durch eine medizinisch dominierte Pflegeausbildung.
7. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Notwendigkeit einer humanwissenschaftlichen Perspektive auf das Alter, die über die Defizit-Erfassung hinausgeht.
Schlüsselwörter
Geragogik, Hochaltrigkeit, Morphologische Psychologie, Lebenswirklichkeit, Biographiearbeit, Identität, Altern, Altersideal, Pflegeausbildung, Dementielle Erkrankungen, Validation, Interventionsgerontologie, Subjektorientierung, Alternsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Dissertation untersucht die Lebenswelt und die subjektiven Erfahrungen von hochbetagten Menschen, um über das rein medizinisch-pathologische Altersbild hinauszugehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Fragen der Identitätsbewahrung im Alter, der Umgang mit der eigenen Lebensgeschichte sowie die Bedeutung von Bildungs- und Betreuungskonzepten (Geragogik).
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist die Herausarbeitung eines verstehenden Zugangs zum Alter, der die psychologischen "Konstruktionen" der Betroffenen respektiert, anstatt sie nur als defizitär zu beurteilen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es kommt die morphologische Psychologie zum Einsatz, die durch qualitative Tiefeninterviews ein "verstehendes" Modell des Alterns entwickelt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, die Typisierung verschiedener Lebensstile (z.B. Biographen, Opfer) und die Konsequenzen für die geragogische Praxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Geragogik, Morphologische Psychologie, Lebenswirklichkeit, Biographiearbeit und Identität sind die maßgeblichen Begriffe.
Wie gehen hochbetagte Menschen mit der drohenden Auflösung ihrer Identität um?
Viele ziehen sich in ihre eigene Geschichte zurück, um durch das "Bewahren der Form" (ihrer Identität) Halt in einer als bedrohlich wahrgenommenen Zukunft zu finden.
Warum wird Biographiearbeit kritisch betrachtet?
Der Autor betont, dass Biographiearbeit nicht als bloßes "Pflege-Tool" zur Anpassung missbraucht werden darf, sondern den individuellen "Angebotscharakter" und die Intimität der Erinnerungen wahren muss.
- Quote paper
- Rolf Horak (Author), 2002, Lebenswirklichkeiten hochbetagter Menschen - Ein morphologischer Beitrag für Bereiche der Geragogik und der Pflegeausbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14083