Der "goldene Westen" ist als Metapher für die fantastische Vorstellung vieler ostdeutscher Bürger von der BRD zu gebrauchen – unendliche Möglichkeiten des Konsumierens, beträchtliche Chancen zu Wohlstand zu kommen, ungehinderter Bewegungsfreiraum und viel individuelle Entscheidungsfreiheit.
Wie diese Vorstellung entstehen konnte und was für Auswirkungen sie hatte, soll in der vorliegenden Arbeit erörtert werden. Dabei geht es weniger um die politische Dimension des Ost-West-Vergleichs – während die Westorientierung der realsozialistischen Politik und ihrer Vertreter oft eher sublim verraten wurde und erkennbar war, trat sie im Alltag der DDR-Bürger offensichtlich zutage. Alltag, der gerade am Gebrauchsgegenstand gut ablesbar ist; deshalb leistet ein Blick auf die Konsumgewohnheiten einen wichtigen Beitrag zur Schreibung der Alltagsgeschichte, an der widerum politische und gesellschaftliche Gegebenheiten und Prozesse verdeutlicht werden können. So sagt z.B. die Erlebniswelt der Plattenbauten auch etwas über das sozialistische Urbanisierungs-System aus; modernisierte Haushaltsgeräte hingegen verraten Einzelheiten des Genderdiskurses.
Die sechziger Jahre als gewählten Zeitraum bieten sich zur intensiveren Betrachtung deshalb an, weil die Nachkriegszeit als Phase der unmittelbaren Bedarfsdeckung vorbei war und nun auch gehobene Bedürfnisse empfunden und geäußert werden konnten. Außerdem spielte der Kalte Krieg als wichtiger politischer Faktor in den DDR-Alltag mit hinein: allein der Mauerbau 1961 bedeutete Stabilisierung des Landes einerseits und den Zwang, sich mit der Situation abzufinden bzw. sich darin einzurichten, andererseits. Dass der Wettstreit des kommunistischen gegen das kapitalistische System nicht nur im Bereich der Aufrüstung und Raumfahrt, sondern
auch im Haushalt geführt wurde, unterstreicht die Bedeutung konsumkultureller Eigenheiten im Alltag der DDR.
Die Gründe dafür, dass man sich bei diesem Vergleich häufig als Verlierer einstufte, sei es aufgrund offensichtlicher Misswirtschaft oder den damit einhergehenden Qualitäts- und Quantitätsmängeln bei Waren, werden angeschnitten, jedoch aus Platzmangel nicht näher analysiert. Die ungünstige Lage als gegeben hinnehmend geraten eher die Auswirkungen ins Blickfeld: Wie gingen die Konsumenten damit um, was für eine Beziehung entwickelten Sie zu dem reicheren, bevorteilten westdeutschen Staat, wie war eine Meinungsbildung über die Grenze überhaupt möglich und geartet? [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Ausgangspunkt: Idee und Wirklichkeit sozialistischer Konsumkultur
2. Fremdwahrnehmungen: Der Blick nach Westdeutschland
3. Reaktionen der Regierung
4. Reaktionen der Bevölkerung
5. Fremdwahrnehmungen: Der Blick nach Ostdeutschland
6. Konsumerfahrungen nach der Wende
Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des "goldenen Westens" als Leitbild innerhalb der sozialistischen Konsumkultur der DDR. Im Fokus steht dabei die Analyse, wie dieses Ideal entstand, welche Auswirkungen es auf den DDR-Alltag hatte und wie die Diskrepanz zwischen dem propagierten sozialistischen System und der westlichen Konsumwelt das Verhalten sowie die Wahrnehmung der DDR-Bürger prägte.
- Die Entstehung und Symbolik des "goldenen Westens" als Konsum-Ideal.
- Die gegenseitige Fremdwahrnehmung zwischen Ost- und Westdeutschland.
- Staatliche Reaktionen auf den Einfluss westlicher Konsumstandards.
- Individuelle Bewältigungsstrategien und Konsumpraktiken der DDR-Bevölkerung.
- Die psychologischen und ökonomischen Folgen der Wende für die Konsumwahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
1. Ausgangspunkt: Idee und Wirklichkeit sozialistischer Konsumkultur
In Abgrenzung zum kapitalistischen Westen wurde der sozialistische Staat nicht auf die Bildung einer Konsumgesellschaft ausgerichtet, natürlich war auch der Begriff „Mangelgesellschaft“ nicht angebracht. Vielmehr strebten die Kader die Herausformung einer sogenannten „Kulturgesellschaft“ an. Kulturelle Alternativen zum nur kurzfristig befriedigenden Einkaufserlebnis sollten geschaffen und gefördert werden: Gemeinschaft, sinnvolle Freizeitgestaltung, Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz, politische Bewusstseinserweiterung – das mehr sollte die Stärke eines Volkes ausmachen, dass sich nicht freiwillig in diesem undemokratischen System wiederfand.
Das Fehlen bestimmter Waren durch die langsam arbeitende Konsumgüterindustrie sollte nicht als Mangel an Lebensqualität definiert, der Verzicht nicht erzwungen, sondern verständnisvoll akzeptiert werden. Durch den Appell an die Bevölkerung, die Produktion durch zu verstärkten Arbeitseinsatz selbst zu erhöhen, erhoffte sich die Regierung, von Verantwortung entlastet zu werden. Gleichzeitig unternahm sie Versuche, die Bedürfnisse der Verbraucher zu erziehen und auf die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten zu lenken. Gerade zum Kauf solcher Waren sollte angeregt werden, die aus ausreichend vorhandenen Rohstoffen hergestellt werden konnten und deren Verbrauch mit der Entwicklung sozialistischer Lebensgewohnheiten übereinstimmte.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Arbeit, welche die Rolle des "goldenen Westens" als Konsummetapher im DDR-Alltag sowie die methodische Herangehensweise darstellt.
1. Ausgangspunkt: Idee und Wirklichkeit sozialistischer Konsumkultur: Beleuchtung des staatlichen Konzepts der „Kulturgesellschaft“ als Gegenentwurf zum westlichen Konsummodell und der gleichzeitigen Schwierigkeiten bei der Umsetzung.
2. Fremdwahrnehmungen: Der Blick nach Westdeutschland: Analyse der Informationsbeschaffung über den Westen und der idealtypischen, teils verzerrten Vorstellungen der DDR-Bürger von der westlichen Konsumwelt.
3. Reaktionen der Regierung: Untersuchung der staatlichen Maßnahmen zur Unterbindung westlicher Einflüsse und der Versuche, den Konsum durch ideologische Lenkung zu kontrollieren.
4. Reaktionen der Bevölkerung: Darstellung der alltäglichen Bewältigungsstrategien der Bürger, die von Nischenlösungen bis hin zu passiver Resignation reichten.
5. Fremdwahrnehmungen: Der Blick nach Ostdeutschland: Betrachtung der Wahrnehmung der DDR durch die Bürger der Bundesrepublik und der damit einhergehenden Stigmatisierung als Mangelgesellschaft.
6. Konsumerfahrungen nach der Wende: Reflexion über den Schock der Realität nach 1990 und die Neubewertung vormaliger Konsumgewohnheiten sowie Statussymbole.
Zusammenfassung: Fazit über das Spannungsfeld zwischen sozialistischem Ideal und der Faszination für den westlichen Konsum sowie das Scheitern dieses Vergleichs aus Sicht der DDR-Führung.
Schlüsselwörter
DDR, Konsumkultur, Sozialismus, Goldener Westen, Mangelgesellschaft, Alltagsgeschichte, Warenangebot, Konsumgesellschaft, Identität, Westpakete, Planwirtschaft, Kulturgesellschaft, Konsumverhalten, Systemvergleich, Wendezeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung des westlichen Konsummodells ("goldener Westen") für die Konsumkultur und den Alltag in der DDR.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die staatliche Konsumpolitik, die Fremdwahrnehmung zwischen Ost und West sowie die täglichen Konsumpraktiken der DDR-Bürger.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu erörtern, wie das Bild des Westens als Konsum-Idol entstand und welche sozio-kulturellen Auswirkungen dies auf die DDR-Gesellschaft hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von Sekundärliteratur, schriftlichen Quellen und die Interpretation von Lebensgeschichten bzw. Alltagserfahrungen der Zeitzeugen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung staatlicher Steuerungsversuche, der individuellen Reaktionen der Bevölkerung und die veränderte Wahrnehmung des Konsums nach 1990.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind DDR-Alltag, Konsumkultur, Mangelwirtschaft, Systemvergleich und die soziale Identität im geteilten Deutschland.
Warum war das Bild des Westens für DDR-Bürger so prägend?
Es fungierte als Metapher für Wohlstand, Freiheit und individuelle Wahlmöglichkeiten, was in starkem Kontrast zur realen Mangelwirtschaft der DDR stand.
Wie reagierte die DDR-Regierung auf das westliche Konsum-Ideal?
Die Regierung versuchte, den Einfluss zu unterbinden, den Konsum ideologisch zu lenken und eine eigene "Kulturgesellschaft" fernab von kapitalistischen Konsummustern zu etablieren.
Wie veränderte sich die Einstellung zu Konsumgütern nach der Wende?
Viele ehemalige Statussymbole aus der DDR verloren nach 1990 an Wert, was zu einer distanzierten und kritischen Neubewertung der eigenen Vergangenheit führte.
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- Anna-Maria Heinemann (Author), 2008, Der „goldene“ Westen als Leitbild sozialistischer Konsumkultur in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140864