Der Autounfall - Kurzgeschichte


Ausarbeitung, 2009
4 Seiten

Leseprobe

- Der Autounfall -

Feuer brannte im Kamin. Der Totengräber saß mir in seinem Ohrensessel gegenüber, und nippte gelegentlich an seinem Glas Whiskey, welches er nach jedem Nippen auf der Sessellehne abstellte, aber nicht aus der Hand nahm. Vermutlich war ich nicht die einzige Leiche gewesen, die ihm sein Leid klagte. Ich schätzte ihn auf etwa Anfang 50 Jahre alt, die Haare an seinen Schläfen waren bereits ergraut. Er schaute mich etwas betrübt an, wirkte müde. Ob von den ewigen Geschichten der Toten, oder einfach nur wegen der Arbeit, ich wusste es nicht. Irgendwie tat er mir leid. Gleichzeitig schien er aber sichtlich an meiner Geschichte interessiert.

„Warum hast du den Mann überfahren?“, fragte er mich, und nippte am Glas. Er hatte mir das “Du“ angeboten, hatte er doch meinen Sohn und meine Frau beerdigt.

„Weil er meine Familie überfahren hat. Außerdem wurde er vor` m Kadi aus Mangel an Beweisen freigesprochen“, antwortete ich überzeugt. „Du scheinst darauf stolz zu sein.“ Während er dies sagte, runzelte er die Stirn.

„Doch, das bin ich.“

Was ich wie einen Unfall aussehen lassen wollte, war ein geplanter Mord. Bei Gericht merkte ich mir seine Adresse und seinen Beruf. Er war allein stehend, hatte keine Kinder. Unmittelbar nach dem Tod meiner Familie beobachtete ich ihn abends nach Feierabend, wann er das Haus verließ, und wann er wieder heim gekommen war. Bei jedem meiner Besuche hatte ich mir einen Flachmann gegönnt, um mir mein Vorhaben zu erleichtern. Um ihn mit einer Kugel in den Kopf zu töten, war ich dann doch zu feige. Außerdem hatte ich an Lebenslänglich kein Interesse.

Die Straße, in der er wohnte, war eine Sackgasse eines Dorfes, etwa 500 Meter lang, mit einer lang gezogenen Kurve. Am Ende der Straße begann ein Waldgebiet. Dummerweise wohnte er ganz am Ende, das machte mein Vorhaben schwieriger als ich es erhofft hatte. Als ich gerade mein Auto unmittelbar vor der Kurve geparkt und den Motor abgestellt hatte, es war schon fast dunkel draußen, verließ er unerwartet und eilig das Haus, auf dem Weg zu seinem Auto. „Entweder jetzt, oder nie!“, dachte ich. Mein Wagen sprang auf Anhieb an, ich trat die Kupplung ganz durch, gab mit dem rechten Fuß Vollgas und ließ die Kupplung langsam kommen. Reifen quietschten, und ich raste auf ihn zu, “Gott sei Dank“ musste ich die Gänge nicht manuell schalten. So dicht wie möglich fuhr ich an seinem Auto vorbei, ich erwischte dieses Schwein, denn ich hörte ihn schreien. Außerdem zerbrach der rechte Außenspiegel meines Autos komplett an der Seite des seinen. Plötzlich ging alles ganz schnell. Ich dachte, ich könne für einen Sekundenbruchteil den Kopf nach hinten drehen, und tatsächlich lag er regungslos auf der Straße. Blut war um ihn herum. Dann sah ich wieder nach vorne auf die Straße, und bemerkte im unteren Augenwinkel, dass ich nicht angeschnallt war. Darüber war ich so erschrocken, dass ich vergaß, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Und ehe es mir wieder einfiel, kollidierte ich mit einem Baum.

„Deswegen bist du aber nicht berechtigt, dich über Gott zu stellen.“ Er zeigte auf mich.

„Das ist mir egal“, entgegnete ich ihm gelassen. Wieder runzelte er die Stirn.

„Wieso ist dir das egal?“

„Weil er meine Frau und mein Kind auf dem Gewissen hat!“, entgegnete ich ihm dieses Mal etwas unfreundlicher.

„Für das Urteil sind aber die Richter zuständig. Nicht du.“ Wieder nippte er am Glas, streckte die Beine von sich, die er die ganze Zeit übereinander geschlagen hatte.

Ich bat ihn um ein Glas Whiskey. Der Geruch aus seinem Glas ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Durst und Hunger verspürte ich schon längst nicht mehr. Auch keine Müdigkeit, ich hatte lange nicht mehr geschlafen. Es war seltsam, tot zu sein. Das einzige Gefühl, was mich noch plagte, war mein Gewissen wegen dem Mord.

Sein Wohnzimmer, in dem wir saßen, sah aus, wie eine kleine Bibliothek, seine Wohnung befand sich unmittelbar über seinem Bestattungsinstitut. Er stand auf, ging zu seiner Bar, goss mir einen Whiskey ein, und setzte sich wieder hin und streckte die Beine wieder von sich, und reichte mir ein halb volles Glas.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Der Autounfall - Kurzgeschichte
Autor
Jahr
2009
Seiten
4
Katalognummer
V140982
ISBN (eBook)
9783640482597
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Autounfall, Kurzgeschichte
Arbeit zitieren
Ralf Ebersoldt (Autor), 2009, Der Autounfall - Kurzgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140982

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