Die vorliegende Arbeit zeigt auf, dass Historisches Lernen einen unverzichtbaren Bestandteil von Sachunterricht darstellt. Aufbauend auf den theoretischen Grundlagen des Begriffes „Historisches Lernen“ werden Unterrichtsvorhaben für den Sachunterricht zur Thematik „Der Hellweg“ vorgestellt.
Die heutige Lebenswelt von Kindern ist geprägt durch Geschichte – Geschichte ist fast allgegenwärtig: Kinder begegnen historischen Relikten in ihrer Umwelt, besichtigen Museen, hören Erzählungen von „früher“ in ihrem familiären Umfeld, begehen Feier- und Gedenktage; medial wird Kindern ein bestimmtes, oft verzerrtes Bild von „Geschichte“ vermittelt: So lesen Schüler beispielsweise Asterix-Comics, sehen Filme über fiktive Gestalten wie Robin Hood.
Kinder besitzen ein großes Interesse an ihrer Umwelt, beobachten Sachverhalte oftmals ganz genau und besitzen Informationsbedürfnisse, wie bspw. „Wer hat diese Burg gebaut?“ oder „Warum heißt diese Straße ‚Hellweg‘?“. Oft können Erwachsene Kindern keine Antworten auf solche Fragen geben – was wiederum für folgende Problematik sensibilisiert:
Müssen Erwachsene, insbesondere Lehrkräfte, Kindern ihre Umwelt erklären? Es sollte doch vielmehr die Frage in Richtung der Kinder gestellt werden: „Überlege einmal, wie du das herausfinden kannst…“. Der Sachunterricht der Grundschule bietet die große Chance, Kinder diesbezüglich aktiv bei der Erschließung und Gestaltung ihrer Lebenswelt zu unterstützen.
Da Grundschüler im heutigen Medienzeitalter bereits im Vorschulalter mit Geschichte in vielfältiger und suggestiver Art in Kontakt kommen, ist das Argument, Geschichte bzw. Historisches Lernen sei kein angemessener Lerngegenstand für die Grundschule, unberechtigt. In der gegenwärtigen Unterrichtspraxis machen historische Themen im Sachunterricht lediglich einen marginalen Anteil aus. Dies mag einerseits darin begründet liegen, dass geschichtliche Inhalte von vielen Lehrern immer noch als zu komplex für das kindliche Verständnis aufgefasst werden und die Organisation Historischen Lernens andererseits anscheinend immense Anforderungen an die Lehrkraft stellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Grundschüler begegnen Geschichte
2 Grundlagen: Historisches Lernen im Sachunterricht der Grundschule
2.1 „Historisches Lernen“ und „Geschichtsbewusstsein“
2.2 Ziele Historischen Lernens in der Grundschule
2.3 Das Modell Historischen Kompetenzerwerbs nach Waltraud Schreiber
2.4 Historisches Lernen im curricularen Kontext? Kritische Perspektiven auf den Lehrplan für den Sachunterricht an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen 2008
2.5 Fazit: Historisches Lernen als notwendiger Bestandteil von Sachunterricht
3 Konsequenzen im Hinblick auf die Entwicklung von Perspektiven für Historisches Lernen im Sachunterricht
3.1 Zugänge zur Hellweg-Thematik: Zur Auswahl der Unterrichtsinhalte
3.2 Handlungsorientiertes Arbeiten an der Thematik
3.3 Zur Auswahl von Methoden, Quellen und außerschulischen Lernorten
4 Sachanalyse: Der Hellweg – Verkehrsachse und Knotenpunkt
4.1 Etymologie
4.2 „Der“ Hellweg? – Viele Hellwege: Eine Eingrenzung
4.3 Der Verlauf des Hellwegs
4.4 Der Hellweg im Wandel der Zeit: ein historischer Überblick
5 Perspektive I: Der Hellweg im Wandel der Zeit – Mit Grundschülern zur Geschichte und Bedeutung des Hellwegs forschen
5.1 Ausgangssituation und Zielsetzung vor Beginn der Unterrichtsreihe
5.2 Erkundung eines Hellweg-Abschnittes auf einem Unterrichtsgang
5.3 Bildung von Expertengruppen und Quellenarbeit
5.4 Nachforschungen im Archiv
5.5 Auswertung und Zusammenstellung der Ergebnisse
5.6 Präsentation der Ergebnisse im Plenum
5.7 Was soll und kann die hier aufgezeigte Perspektive leisten?
6 Perspektive II: „Der Wegk war aber so boes und tieff“ – Unterwegs auf dem Hellweg durch verschiedene Epochen
6.1 Ausgangssituation und Zielsetzung vor Beginn des Unterrichtsvorhabens
6.2 Station I: Verkehrs- und Transportwesen im Mittelalter
6.3 Station II: „Über Stock und Stein“ – Unterwegs auf dem Hellweg vor dem Chausseebau
6.4 Station III: Gefahren des Reisens
6.5 Station IV: Warenhandel auf dem Hellweg
6.6 Station V: Reisen auf der Chaussee
6.7 Station VI: Archäologie im Klassenzimmer
6.8 Optionale Station: Die Geschichte einer Straße in Bildern
6.9 Musealer Ansatz zur Thematik
6.10 Zeitzeugenbefragung zur jüngeren Geschichte des Hellwegs
6.11 Was soll und kann die hier aufgezeigte Perspektive leisten?
7 Perspektive III: Willkommen im Mittelalter? Mittelalter-Märkte entlang des Hellwegs – Ein Projekt zur Förderung der historischen De-Konstruktionskompetenz von Grundschülern
7.1 Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit der Thematik
7.2 Aufgreifen der Schülererlebnisse: Reflexion – Konfrontation – Zielsetzung
7.3 Projektphase I: Kinderspiele und -spielzeug im Mittelalter
7.4 Projektphase II: Gestaltung des Standes und der Kostüme
7.5 Projektphase III: Präsentation und Auswertung
7.6 Was soll und kann die hier aufgezeigte Perspektive leisten?
8 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit zielt darauf ab, Möglichkeiten für ein „Historisches Lernen“ im Sachunterricht der Grundschule zu entwickeln, wobei der lokalgeschichtliche Aspekt „Der Hellweg“ als konkretes Unterrichtsobjekt dient. Ziel ist es, Kindern zu helfen, ihre Umwelt als historisch gewachsen zu begreifen, methodische Kompetenzen im Umgang mit Quellen zu vermitteln und durch schülerorientierte Unterrichtsperspektiven ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein aufzubauen.
- Grundlagen des Historischen Lernens und Geschichtsbewusstseins in der Grundschule.
- Didaktische Konzepte zur Implementierung historischer Inhalte im Sachunterricht.
- Sachanalyse des Hellwegs als Verkehrsachse und Knotenpunkt in der Geschichte.
- Entwicklung handlungsorientierter Unterrichtsperspektiven (z.B. Stationenlernen, Projektarbeit, Archäologie-Simulation).
- Bedeutung von außerschulischen Lernorten und Quellenarbeit für den Kompetenzerwerb.
Auszug aus dem Buch
5.2 Erkundung eines Hellweg-Abschnittes auf einem Unterrichtsgang
Zu Beginn der eigentlichen Unterrichtseinheit soll eine Exkursion mit der Klasse stattfinden, bei der die Kinder eingehend die Möglichkeit haben, einen Abschnitt des historischen, naturbelassenen Hellwegs, der nicht überbaut wurde, zu erkunden. Als anschauliches Beispiel soll für diesen Teil der Arbeit ein Hohlwegabschnitt des ehemaligen Hellwegs in Paderborn (heute Philosophenweg, 33100 Paderborn) dienen (vgl. Abb. 2.1 bis 2.3). Die Kinder werden eventuell Verwunderung darüber äußern, warum dieser Teil des Hellwegs im Vergleich zur Bundesstraße 1 nicht asphaltiert ist. Die Lehrkraft könnte darauf hinweisen, dass es sich hier um einen sog. „Hohlweg“ handelt und die Frage in den Raum stellen, wie solch ein Weg wohl entstanden sein könnte.
Die Kinder äußern Vermutungen, können wahrscheinlich aber keine korrekte Antwort auf diese Frage geben; der Lehrer könnte darauf verweisen, dass die Kinder in den nächsten Sachunterrichtsstunden die Möglichkeit besäßen, diese und andere Fragestellungen zu klären. Zudem sollte der Lehrer versuchen, die Kinder für die Problematik zu sensibilisieren, dass der hier vorliegende Abschnitt des Hellwegs keinerlei Anbindung zur heutigen Bundesstraße 1 besitzt, die ja gemeinhin als „Hellweg“ bezeichnet wird. Die Kinder könnten auf einer Stadt- bzw. Straßenkarte versuchen zu ermitteln, an welchem Standort sie sich befinden. Auf der Straßenkarte können die Schüler herausfinden, dass die B 1 Paderborn umgeht, nämlich entweder über den Anschluss an die A 33 oder über die B 64 (Umgehungsstraße). Vielleicht werfen die Kinder die Frage auf, warum der Hellweg (B 1) nicht geradeaus durch Paderborn verläuft, wie er es bei anderen Städten wie Salzkotten oder Geseke tut.
Einigen Kindern werden u.U. die Beobachtung machen, dass man, wenn man die Strecke in Höhe der Kreuzung „Frankfurter Weg“ verlängern würde (Bahnhof- bzw. Wollmarktstraße), eine direkte Verbindung zur Paderborner Kernstadt erhalten würde. An diese imaginäre Verlängerung der B 1 würde auch der Philosophenweg angrenzen. Weitergehend wäre es anregend, wenn die Lehrkraft bspw. auf die Existenz und die Lage des „Alten Hellwegs“ in Paderborn-Wewer hinweisen würde. Oder analog hierzu auf den Horner Hellweg in Neuenbeken bzw. den Hildesheimer Hellweg (L 755), der über die L 828 (Altenbekener Straße) wiederum auf die Bundesstraße 1 führt. Bei den Kindern könnten sich hieran anschließend folgende Fragen ergeben: Warum gibt es mehrere „Hellwege“? Verlaufen diese Hellwege auf denselben Routen wie früher? Hat der Hellweg früher geradewegs durch Paderborn geführt? Wohin führt der Hellweg in östlicher bzw. westlicher Richtung? Die Intention der hier beschriebenen Exkursion besteht vor allem darin, die Schüler für das Thema zu sensibilisieren und ihre Motivation für die Mitarbeit zu steigern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Grundschüler begegnen Geschichte: Einführung in die Relevanz und Machbarkeit historischen Lernens bereits im Grundschulalter unter Einbezug der Lebenswelt der Kinder.
2 Grundlagen: Historisches Lernen im Sachunterricht der Grundschule: Theoretische Herleitung der Begriffe „Historisches Lernen“ und „Geschichtsbewusstsein“ sowie Darstellung relevanter Kompetenzmodelle und curricularer Rahmenbedingungen.
3 Konsequenzen im Hinblick auf die Entwicklung von Perspektiven für Historisches Lernen im Sachunterricht: Didaktische Ableitung für die Unterrichtsplanung, insbesondere im Hinblick auf Schülerinteressen und Methodenwahl.
4 Sachanalyse: Der Hellweg – Verkehrsachse und Knotenpunkt: Historisch-fachwissenschaftliche Analyse der etymologischen Herleitung, des Verlaufs und der historischen Bedeutung des Hellwegs.
5 Perspektive I: Der Hellweg im Wandel der Zeit – Mit Grundschülern zur Geschichte und Bedeutung des Hellwegs forschen: Entwicklung eines Unterrichtsvorhabens für die 4. Klasse, das den Schwerpunkt auf Archivarbeit und historische Methoden legt.
6 Perspektive II: „Der Wegk war aber so boes und tieff“ – Unterwegs auf dem Hellweg durch verschiedene Epochen: Skizze einer Unterrichtseinheit zum Lernstationen-Konzept, die Technikgeschichte mit Zeit und Kultur verbindet.
7 Perspektive III: Willkommen im Mittelalter? Mittelalter-Märkte entlang des Hellwegs – Ein Projekt zur Förderung der historischen De-Konstruktionskompetenz von Grundschülern: Entwurf eines längerfristigen Projekts zur kritischen Auseinandersetzung mit Mittelalter-Events durch Dekonstruktion.
8 Zusammenfassung: Abschlussdiskussion über die Notwendigkeit und Implementierung des Historischen Lernens im Sachunterricht zur aktiven Erschließung der Lebenswelt.
Schlüsselwörter
Historisches Lernen, Sachunterricht, Grundschule, Hellweg, Geschichtsbewusstsein, Methodenkompetenz, Regionalgeschichte, Quellenarbeit, Handlungsorientierung, Mittelalter, De-Konstruktion, Rekonstruktion, Zeitbewusstsein, Archivpädagogik, Schülerorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Entwicklung von Möglichkeiten, Kindern im Sachunterricht der Grundschule einen Zugang zur Geschichte zu eröffnen, konkret exemplarisch am Beispiel der historischen Handelsstraße „Hellweg“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den theoretischen Grundlagen des historischen Lernens, der fachwissenschaftlichen Sachanalyse des Hellwegs sowie der didaktischen Ausarbeitung konkreter Unterrichtsprojekte für die Grundschule.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist die Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins und der historischen Methodenkompetenz, um Grundschülern zu helfen, ihre eigene Lebenswirklichkeit als geschichtlich gewachsen zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fachdidaktischen Analyse und der Entwicklung von Unterrichtsperspektiven (Entwürfen), die den aktuellen Forschungsstand der Geschichtsdidaktik mit konstruktivistischen Lerntheorien verknüpfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Sachanalyse des Hellwegs und drei konkret ausgearbeitete Unterrichtsperspektiven: die Forschung zur Geschichte des Hellwegs, ein historischer Epochenvergleich (Lernen an Stationen) und ein Projekt zur kritischen Dekonstruktion von Mittelalter-Märkten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Historisches Lernen, Sachunterricht, Methodenkompetenz, Regionalgeschichte, Quellenarbeit, De-Konstruktion und Schülerorientierung.
Wie soll laut dem Autor die Archivarbeit mit Grundschülern gestaltet werden?
Der Autor empfiehlt eine sorgfältige Vorbereitung durch Lehrkraft und Archivpersonal. Es sollten gezielt zugängliche Quellen (kurze Texte, Bildzeugnisse) ausgewählt werden, wobei der Fokus auf dem selbstständigen Arbeiten der Kinder liegen sollte.
Welche Rolle spielt die kritische Dekonstruktion bei dem Projekt über Mittelalter-Märkte?
Sie dient dazu, das oft verzerrte oder romantisch verklärte Bild des Mittelalters, das durch kommerzielle Veranstaltungen vermittelt wird, kritisch zu hinterfragen und die Kinder für die Differenz zwischen historischer Realität und medialer Darstellung zu sensibilisieren.
- Quote paper
- Dirk Feldmann (Author), 2008, Historisches Lernen im Sachunterricht. Entwicklung von Unterrichtsperspektiven zur Thematik „Rund um den Hellweg“ für Grundschulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141055