Aspekte aus dem Werk Unterwegs zur Sprache von Martin Heidegger

1. Die Weltgegenden und das Phänomen von Nähe und Ferne 2. Die Nachbarschaft von Dichten und Denken


Hausarbeit, 2008

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Weltgegenden und das Phänomen von Nähe und Ferne
1.1. Einleitung zum Thema
1.2. Nähe und Ferne
a.) Nähe und Ferne allgemein
b.) Nähe und Nahsein
c.) Ferne und Fernsein
d.) Das Phänomen Nähe und Ferne beim Sprechen
1.3. Das Geviert
a.) Das Geviert allgemein
b.) Das Ding als Versammlungsort der Weltgegenden
c.) Das Verhältnis von Ding und Welt
d.) Das Geviert in der Sprache
1.4. Schlussbetrachtung

2. Die Nachbarschaft von Dichten und Denken
2.1. Einleitung zum Thema
2.2. Das Dichten
2.3. Das Denken
2.4. Die Nähe von Dichten und Denken
2.5. Die Differenz in der Nachbarschaft von Dichten und Denken
2.6. Schlussbetrachtung

3. Literaturverzeichnis
3.1. Die Weltgegenden und das Phänomen von Nähe und Ferne
a.) Primärliteratur
b.) Sekundärliteratur
3.2. Die Nachbarschaft von Dichten und Denken
a.) Primärliteratur
b.) Sekundärliteratur

1. Die Weltgegenden und das Phänomen von Nähe und Ferne

1.1. Einleitung zum Thema

Für Heidegger ist das Phänomen von Nähe und Ferne von großer Bedeutung auf dem Weg, die Sprache zu durchleuchten. Man spricht immer von Etwas. Das bedeutet Sprache und das Sprechen sind immer auf Etwas bezogen. Um sich aber auf etwas beziehen zu können, muss sich dieses Etwas einem offenbart haben. Es ist also für einen nicht mehr verborgen. Es ist einem also nahe gekommen und ist einem nicht mehr fern. Dadurch, dass man etwas eine Bedeutung geben kann, ist etwas einem nahe gekommen. Man sagt ja auch, es ist einem etwas bedeutsam, dies knüpft also die Verbindung zwischen der Nähe und der Ferne. Das, was sich einem also gezeigt hat, entspricht dann dem, was man sagt. Daran sieht man, wie wichtig das Phänomen von Nähe und Ferne für die Sprache ist. Für Tiere zum Beispiel ist nichts in dieser Art von Bedeutung und sie erklären nicht und deshalb verfügen sie nicht über eine komplexe Sprache und verlassen sich mehr auf ihre Sinne. Tieren geht also nichts nahe in dem Sinne, wie es Menschen nahe geht. Der Mensch spricht, das zeichnet ihn aus. Er kann Dingen eine unterschiedliche Bedeutsamkeit geben. Es gibt also Dinge, die sich ihm gezeigt haben, die ihm näher oder ferner stehen. Wenn man von etwas spricht, hat dieses Etwas die Tendenz, dass es uns nahe steht, also uns interessiert. Auch die Dinge selbst stehen in einem Verhältnis von Nähe und Ferne und man kann dies auch verlauten lassen, aber auch das Verhältnis was ein anderer zwischen zwei Dingen gesetzt hat, kritisieren. Das Geviert spielt auf dem Weg zur Sprache auch eine große Rolle. Das Geviert sind die vier Weltgegenden, also die Versammlung der Weltgegenden von Himmlischen und Menschen.[1] Es ist eine gegründete Seinsweise von Heidegger und gibt den Horizont vor. Diese vier Weltgegenden sind zwar nicht zueinander gehörig, haben aber schon immer eine Nähe zueinander. Das Ding im Sinne vom altgermanischen thing ist dann der Versammlungsort der Welt. Heidegger beschrieb dies so: “Die Dinge gebärden die Welt“.[2]

1.2. Nähe und Ferne

a.) Nähe und Ferne allgemein

Zum einen gibt es durch das Denken die Möglichkeit, etwas, das einem fern ist, nahe zu kommen. Aber das ist nicht die einzige Funktion, die das Denken dort einnimmt, es ist auch der Versuch, aus etwas Bekanntem etwas Erkanntes zu machen. Man nähert sich aber dem Fernen als Fernes.[3] Nähe und Ferne haben aber nichts mit räumlicher Nähe und Ferne im ursprünglichen Sinne zu tun, sondern vielmehr damit, was einen interessiert und was nicht, oder was einem eben bedeutsam ist, und was weniger. Zum Beispiel, wenn man vor seinem eigenen Auto steht, aber eigentlich an ein ganz anderes Auto denkt, das man sich wünscht. Dann ist das eigene Auto einem zwar räumlich näher aber, das sogenannte „Traumauto“ ist zwar in der Ferne, aber man versucht, durch das Denken daran, diesem Auto, welches einem fern ist, näher zu sein. Es ist einem also näher im Sinne von bedeutsamer. Heidegger übernimmt das Modell von Parmenides, dass es kein Sein außerhalb des Denkens gibt, also ist etwas, das fern ist, einem auch schon etwas nahe, es ist einem nur ferner als etwas anderes. Was für einen aber fern ist, muss sich einem schon auf irgendeine Weise gezeigt haben, also es muss „licht“ sein, es muss sich einem offenbart haben. Daraus folgt auch, dass es ohne die Vorstellung von Nähe kann es auch keine Ferne geben.

b.) Nähe und Nahsein

Wenn man Nähe genauer betrachtet, gibt es unterschiedliche Formen der Nähe. Zu allererst kann Nähe ausdrücken, wie nah einem etwas räumlich steht, aber auch, wie nah einem ein Sachverhalt aus der Vergangenheit oder der Zukunft geht.[4] Zum Beispiel, ob ein Baum nahe bei einem steht, wenn man durch einen Park spaziert. Dieser Baum steht aber immer schon im Verhältnis zu etwas anderem, um das sagen zu können, zum Beispiel im Vergleich zu einem Springbrunnen. Wenn man zeitlich etwas bestimmt, steht dies auch immer im Vergleich zu etwas anderem. Zum Beispiel der Termin für eine Klausur im Vergleich zu einem Arztbesuch, das eine ist immer zeitlich ferner oder näher im Vergleich zum anderen angesiedelt. Dann gibt es eben noch den Begriff Nähe im Sinne davon, was einem bedeutsam ist, was einem nahe steht. Etwas, welches einem räumlich nahe steht, kann einem weniger bedeutsam sein, als etwas, das sehr weit räumlich von einem getrennt ist, genauso ist es mit Dingen die einem zeitlich nahe und fern stehen. Auch diese können von unterschiedlicher Bedeutsamkeit für einen sein. Nähe ist meist etwas Positives, wenn man zum Beispiel sagt, dass einem ein anderer Mensch sehr nahe steht. Dieser Mensch ist dann jemand, der einem sehr bedeutsam ist und mit dem man eine Art Verbundenheit und Vertrautheit spürt.[5] Diese kann aber auch etwas Göttliches sein, wenn jemand von sich zum Beispiel sagt, Gott steht ihm nahe, dann kann man das auch so deuten, dass Gott ihm hilft und ihm auch vertraut ist.[6] Es gibt aber auch noch andere Bestimmungen von Nähe. Es gibt ja auch den Begriff dies ist ein „naher Verwandter“ von mir. Das bedeutet, dieser Mensch muss nicht zwangsläufig einem nahe stehen im Sinne von, dass er einem vertraut ist, oder dass man ihn positiv sieht. Er muss auch nicht räumlich einem nahe sein oder besonders bedeutsam für einen sein. Viele „nahe Verwandte“ werden eben nicht positiv gesehen oder haben eben oft keine große Bedeutung für einen. Wenn es sich zum Beispiel um einen ausgewanderten Verwandten handelt. Im Gegensatz dazu kann ein nicht so naher Verwandter viel bedeutsamer für einen sein und auch räumlich näher sein. Es gibt aber auch noch die Bedeutung von Nähe, wenn einem ein anderer Mensch zu nahe kommt. Durch dieses Wort „zu“, kann man ausdrücken, dass die Nähe nicht mehr positiv gesehen wird.[7] Ein Beispiel ist, wenn ein Mensch dem anderen zu nahe kommt, das bedeutet, der eine fühlt sich von dem anderen bedrängt, dies hat meistens was mit räumlicher Nähe zu tun, muss es aber in der heutigen Zeit auch nicht immer, da es ja heutzutage auch Telefonterror und dergleichen gibt. Es kann also jemand einem zu nahe kommen, obwohl man diesen nie sieht, geschweige denn, dass dieser einem räumlich nahe kommt. Jemanden in Gedanken nahe zu sein kann sehr positiv für einen sein, wenn man mit diesem Gutes oder Schönes verbindet, zum Beispiel wenn man sich frisch verliebt hat und gerne an den Partner denkt und diesen auch mit positiven Dingen verbindet. Dies kann sich aber auch schnell in negative Dinge wandeln, wenn man zum Beispiel von jemandem abgewiesen wurde oder wenn man von jemandem verletzt wurde. Durch diesen „Liebeskummer“ ist man zwar dem anderen auch nahe in Gedanken, aber man wird negativ davon beeinflusst.

c.) Ferne und Fernsein

Wenn etwas fern von einem ist, ist das Entscheidende, dass es fern von „einem“ ist. Es steht also in einer Beziehung zu uns, es ist fern von uns, muss also nicht fern von jemand anderem sein.[8] Auch wenn einem etwas fern ist, hat man oft die Sehnsucht, dass dies einem näher kommen soll. Räumlich gesprochen sagt man ja auch zu jemandem, der gerne verreist oder der sich mit dem Auswandern beschäftigt oder kurz davor steht „den zieht es in die Ferne“. Es ist also etwas, das mit Hoffnung verbunden wird. Der Hoffnung, dass man das, was jetzt einem nahe steht und was einem vielleicht zu nahe steht, hinter sich lassen kann, und dass einem das, was einen dort in der Ferne erwartet, einem bald näher steht und das jetzige Nahe verdrängt. Also ist diese Ferne auf ihre Weise schon nahe. Es ist dann aber auch wieder gut möglich, dass wenn man aus der jetzigen Nähe entflieht einem dann die neue Nähe auch bald zu nahe wird und man sich wieder nach einer neuen Ferne sehnt. Es gibt aber auch Dinge, die einem fern sind und die einem auch fern bleiben sollen. Wenn man sagt „Es liegt mir fern, mich damit zu beschäftigen“ oder „es liegt mir fern, in das Land XY zu reisen“, drückt man damit aus, dass man kein Interesse daran hat, an der Ferne etwas zu ändern. Es geht also immer auch um Interesse, ob etwas für einen bedeutsam ist oder nicht. Wenn etwas fern ist, besteht aber auch die wenigstens theoretische Möglichkeit, dass etwas auch nahe kommen kann.[9] Die Ferne ist also schon eine Form von Nähe, wenn dem nämlich nicht so wäre, hätte sich das, was für uns in der Ferne ist, noch nicht offenbart. Es muss sich uns aber offenbart haben, es muss schon auf eine Weise „licht“ sein. Es muss sich Unverborgenen uns gezeigt haben, sonst könnten wir nicht bestimmen, dass es für uns in der Ferne liegt.[10] Durch das Denken an etwas kommt man in die Nähe zu diesem. Man kommt also zu etwas, das in der Ferne ist. Dieses Kommen muss sich aber immer auf etwas beziehen. Etwas kommt immer von einem bestimmten Punkt her und geht immer zu einem anderen bestimmten Punkt und kommt dann da an. Es gibt also immer schon eine Beziehung zwischen diesen beiden Punkten und das Kommen zeigt an, woher es kommt und wohin es geht.[11] Etwas kann also sowohl einem nahe kommen, als auch wieder fern werden. Zum Beispiel gibt es im Laufe eines Lebens viele Menschen die einem dadurch, dass man oft an sie gedacht hat nahe gekommen sind, diese Menschen verschwinden aber wieder aus dem Gedächtnis und können einem aber später wieder einfallen. So kommen sie einem immer wieder mal nah und werden dann aber wieder fern.

d.) Das Phänomen Nähe und Ferne beim Sprechen

Für die Sprache spielt dieses Phänomen von Ferne und Nähe eine sehr große Rolle. Um einem Gesprächspartner etwas sagen zu können, muss sich einem dieses Etwas auch gezeigt haben. „Zueinander sprechen heißt: einander etwas sagen, gegenseitig etwas zeigen, wechselweise sich dem Gezeigten zutrauen.“[12] Das Sprechen bezieht sich also auf dieses Etwas. Dies ist fundamental für die Sprache. Damit man sich in seiner Sprache auf etwas beziehen kann, muss sich einem aber erst einmal etwas auch offenbart haben. Es muss also einem unverborgen sein. Es muss sich also einem gezeigt haben. „Das Wesende der Sprache ist die Sage als die Zeige“[13] wie Heidegger schrieb. Damit sich einem etwas zeigen kann, muss man über ein Bewusstsein verfügen. Der Mensch verfügt über so ein Bewusstsein im Gegensatz zu zum Beispiel einem Stein, er hat also ein Wissen von etwas. Was ein Mensch dann zur Sprache bringt, entspricht dann dem, was sich ihm gezeigt hat. Wenn ein Mensch also ein grünes Haus beschreibt, muss sich dieses Haus sowohl als Haus gezeigt haben, als auch dass es grün ist. Diese elementare Offenheit ist die Grundvoraussetzung für die Sprache. Etwas, was sich uns zeigt, ist immer dem Phänomen von Nähe und Ferne unterworfen, das heißt, es interessiert uns unterschiedlich, es ist für uns von unterschiedlicher Bedeutung und zwar im Sinne von bedeutsam. Heidegger hat ein Modell entwickelt, das er „Ge-stell“ nennt.[14] Dieses zeigt, dass wenn man auch etwas als nicht bedeutsam erachtet, hat es sich einem dennoch gezeigt. Also Ferne ist nicht nur Ferne, sondern auch auf eine Weise Nähe. Wenn mich aber etwas anzieht, mich also interessiert, dann steht es mir auch nahe. Also näher als etwas, das nicht von Bedeutung für einen ist. Das elementare Ansprechen ist aber trotzdem zunächst mal die Grundlage des Modells. Alles, was sich einem zeigt, geht einen zuerst einmal etwas an. Wenn man über etwas spricht, hat man immer mehr die Tendenz dazu, dass das, worüber man spricht, einem auch nahe ist. Es ist einem also erwähnenswert. Die Dinge. die sich uns zeigen, haben auch immer ein Verhältnis zueinander. Zum Beispiel kann man sagen Fußball interessiert mich mehr als Handball. Man kann auch durch die Stimme ausdrücken, in was für einem Verhältnis man zu einer Sache steht. Man sagt zum Beispiel, wenn jemand mit viel Erregung von einer Sache spricht, oder er sogar schon schluchtzt, dass diesem wohl die Sache, über die er spricht, sehr nahe geht. Schon wenn man über etwas nachdenkt, ist dies ein verlauten lassen. Und wenn man etwas verlauten lässt, sagt man darüber schon aus, dass es da ist und dass man auch weiß, was es ist. Es gibt also eine Einheit von Denken und Sein und was außerhalb davon ist, ist nicht von Belang. Aus folgendem Grund, wenn man dieses Verhältnis von Denken und Sein kritisiert, widerspricht man sich selbst. Es gibt also nichts außerhalb unserer Sprache und dem sich Zeigenden. Doch was steht in der Sprache zwischen Nähe und Ferne? Es ist der Ruf. „Das Nennen verteilt nicht Titel, verwendet nicht Wörter, sondern ruft ins Wort. Das Nennen ruft. Das Rufen bringt sein Gerufenes näher.“[15] Aber ein Ruf sorgt nicht dafür, dass das Gerufene aus der Ferne kommt, denn: „Das Herrufen ruft in eine Nähe. Aber der Ruf entreißt gleichwohl das Gerufene nicht der Ferne, in der es durch das Hinrufen gehalten bleibt. Das Rufen ruft in sich und darum stets hin und her; her: ins Anwesen; hin: ins Abwesen.“[16] Heidegger unterscheidet auch zwischen verschiedenen Arten des Rufens. Zu allererst einmal gibt es das nennende Rufen, was Dinge eben benennt. Es gibt aber auch ein lautlos rufendes Versammeln. Das nennende Rufen antwortet auf das lautlose Rufen. Das lautlose Rufen ist zum Beispiel das Gestaltende eines Gedichts. Ein Dichter wurde meist von etwas bewegt und möchte dies nun ausdrücken. Er will anderen nahe bringen, was ihm nahe gegangen ist. Es gibt für ihn aber das Problem, dass zwischen Welt und Ding ein Spannungsverhältnis besteht, weil er das, was er sagen will, durch nennendes Rufen nicht ausgedrückt werden kann. Beeinflusst durch das versammelte Rufen wollen die beiden aber einander nahe kommen. Für Heidegger ist dies das Läuten. Wenn es das versammelnde Rufen nicht geben würde, gäbe es das nennende Rufen nicht. Alles würde lautloses Rufen bleiben. Ähnliche Probleme gibt es auch in der bildenden Kunst, bei der man zwar die Materialien benennen kann, aber das, was es ausdrückt, damit nicht erklärt werden kann. Die Mimesis der Kunst kann laut Adorno etwas darstellen, für was es noch keine begriffliche Feststellung gibt, es wird also nichts Gegenständliches nachgeahmt.[17] Überleitend dazu gibt es bei Heidegger dann auch noch das aufrufende Rufen. Dies hat kein sterbliches Entsprechen, wenn es durch das versammelte Rufen aufgefordert wird. Wenn jemand durch eben das versammelte Rufen „aufgerufen“ wird und wenn es gelingt, dies verlauten zu lassen, dann nennt er es das aufrufende Rufen. Wenn man es schafft, ein gelungenes Gedicht zu schaffen, dann hat man es geschafft, seine Unruhe zu stillen, die einen gequält hat. Man wird also nicht mehr zwischen der Differenz zwischen Welt und Ding gestört. Man muss das Gedicht dann aber auch selbst gelungen finden. Die Konstruktion des Rufens ist aber ein Ereignis und gehört untrennbar zueinander. Freunde und Trauer können beide, wenn sie zu mächtig werden, zu Schmerz führen. „Trauer und Freude spielen ineinander. Das Spiel selbst, das beide ineinander stimmt, indem es das Ferne nah und das Nahe fern sein läßt, ist der Schmerz. Darum sind beide, die höchste Freude und die tiefste Trauer, je nach ihrer Weise schmerzlich.“[18] Die Beziehung zwischen zwei Dingen kann unterschiedlich ausgeprägt sein. Es gibt Dinge, die sich sehr nahe stehen und Dinge, die fern voneinander sind. Wenn sich Dinge sehr nahe stehen, bleiben sie trotzdem unterschiedlich. Sie können aber aufeinander verweisen. Zum Beispiel ein Buch verweist auf das Lesen. Diese Dinge sind dann innig. Die Innigkeit ist die äußerste Nähe, die zwei Dinge erreichen können. Sie steht kurz vor der Verschmelzung. Sobald wir über etwas reden, geht es uns nahe und ist somit auf eine Weise uns innig, es ist uns nämlich wichtig. Die Innigkeit nimmt immer mal wieder zu und ab. Innigkeit weist darauf hin, dass etwas zueinander gehört. Wenn man einander findet, setzt dies voraus, dass man auch zueinander gehört. Durch das einander finden von zwei Dingen, die schon zueinander gehören, vervollständigen sie sich. Es entsteht also so etwas wie Ganzheit. Dieses Äußerste wird von Heidegger auch als das Sagenhafte bezeichnet. Was auch wieder auf den Begriff Sage verweist und „die Sage ist Zeigen“.[19] Wenn alle Beteiligten an der Innigkeit reicher werden durch das innige Verhältnis zueinander, spricht man ja auch von einem sagenhaften Zustand. Es ist also der äußerste Zustand, der sich zeigen kann und der auch am äußersten Rand der Sprache angesiedelt ist. Nähe und Ferne spielen also, wie man sieht, für das Sprechen eine zentrale Rolle da ohne, dass sich einem was gezeigt hat und somit nahe gekommen ist, ein Sagen oder das Sprechen nicht möglich wäre. Eine gewisse Innigkeit zu einer Sache ist notwendig, um über sie sprechen zu können. In allem, was mit Sprechen zu tun hat, „waltet das Zeigen“.[20] Also ist es wichtig, dass einem etwas nahe gekommen ist. Nähe und Ferne gehören eigentlich zusammen, haben sich aber von einander entfernt und können auch wieder zusammen kommen.

[...]


[1] KORDIC, Ivan, „Die Kehre, die keine war? Das Denken Martin Heideggers – ein dauerhaftes Unterwegs“ (in: Das Spätwerk Heideggers – Ereignis – Sage – Geviert), Würzburg 2007. S. 57

[2] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S.24

[3] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 124/125

[4] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 126

[5] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 130

[6] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 129

[7] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 130

[8] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 134

[9] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 137

[10] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 144/145

[11] GUZZONI, Ute, „ Wege im Denken – Versuche mit und ohne Heidegger“, Freiburg/München 1990. S. 146-148

[12] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 253

[13] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 254

[14] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 263

[15] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 21

[16] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 21

[17] SCHEER, Brigitte, „Einführung in die philosophische Ästhetik“, Darmstadt 1997. S. 184

[18] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 235

[19] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 257

[20] HEIDEGGER, Martin, „Unterwegs zur Sprache“, Stuttgart 2007. S. 257

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Aspekte aus dem Werk Unterwegs zur Sprache von Martin Heidegger
Untertitel
1. Die Weltgegenden und das Phänomen von Nähe und Ferne 2. Die Nachbarschaft von Dichten und Denken
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Interpretationskurs I und II: Martin Heidegger, Unterwegs zur Sprache
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V141064
ISBN (eBook)
9783640481651
ISBN (Buch)
9783640481460
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heidegger, Weltgegenden, Unterwegs zur Sprache, Sprache, Nähe und Ferne, Dichten, Denken, Geviert, Gestell, Ding, Thing, Philosophie, Existenz
Arbeit zitieren
Jonas Adalbert (Autor), 2008, Aspekte aus dem Werk Unterwegs zur Sprache von Martin Heidegger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141064

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