Selbstbewusstsein ist spätestens seit Descartes ein zentraler Aspekt zur Analyse des
menschlichen Selbstverständnisses. Umgangssprachlich wird der Begriff
Selbstbewusstsein zur Beschreibung einer Person verwendet, die ein besonders sicheres
und couragiertes Auftreten beweist.
Im philosophischen Sinne dagegen wird eine Person als selbstbewusst charakterisiert, wenn sie ihre eigenen mentalen Zustände kennt und sich ihrer bewusst ist. Diese mentalen Zustände umspannen alle geistigen, psychischen
Phänomene, Ereignisse oder Prozesse einer Person. Dazu gehören Empfindungen oder
Wahrnehmungen wie zum Beispiel eines Schmerzes oder einer Rotwahrnehmung, Gefühle
wie Trauer oder Freude, aber auch Einstellungen (Wünsche, Überzeugungen, Hoffnungen,
Befürchtungen usw.).
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, was ist Selbstbewusstsein, vergleichend in
den Werken Schellings und Pauens. Hierbei geht es vor allem darum, Unterschiede sowie
möglicherweise Gemeinsamkeiten hervorzuheben.
Der am 27. Januar 1775 in der württembergischen Stadt Leonberg geborene Schelling
befasste sich früh mit naturwissenschaftlichen Problemen und suchte Antworten auf die
Frage, wie der Mensch als ideelles Wesen mit der Natur in Einklang gebracht werden
kann. Ein ähnliches Anliegen steht gegenwärtig dem philosophischen Interesse Pauens
voran, der mit den Bedenken aufräumt, dass die Forschungsergebnisse der
Neurowissenschaften langfristig betrachtet unser Selbstverständnis als bewusster,
selbstbewusster und freier Person umstoßen Wie aber kann der Konflikt zwischen Natur
und Mensch aufgelöst werden? Welches Verständnis von Selbstbewusstsein ist dem
zugrunde zu legen?
Es wird sich zeigen, dass sowohl Schelling als auch Pauen hierauf einen
mehr oder minder gleichen Erklärungsansatz bevorzugen und Selbstbewusstsein als einen
ontogenetischen Prozess sowie als Leistung des Verstandes interpretieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
(a) Begriffsklärung und Fragestellung
(b) Begründung
(c) Vorgehensweise
Erster Teil: Subjektivität im philosophischen Denken Pauens
Forschungsstand
Die „Heidelberger Schule“ und das präreflexive Ich
Skeptizismus
Pauens Theorie der Subjektivität
Kriterien für eine selbstbewusste Person
Genese von Subjektivität – Rückkehr zum präreflexiven Selbst?
Exkurs: Identitätstheorie – Lösung des Geist-Körper-Problems?
Zweiter Teil: Subjektivität im philosophischen Denken Schellings
Das Werk Schellings
Naturphilosophie und Transzendentalphilosophie
Selbstbewusstsein als erstes Prinzip des Wissen
Zusammenfassung: Vergleich beider Konzepte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend das Verständnis von Selbstbewusstsein in den Werken von Schelling und Pauen. Ziel ist es, Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ansätzen herauszuarbeiten, wobei insbesondere die Frage im Fokus steht, ob Selbstbewusstsein als metaphysisches Relikt oder als empirisch fassbare Leistung des Verstandes zu interpretieren ist.
- Kritische Analyse der klassischen vs. skeptischen Positionen zur Subjektivität.
- Untersuchung der Theorie Pauens hinsichtlich präreflexiver und reflexiver Selbstbezüge.
- Betrachtung von Schellings Frühphilosophie und dem System des transzendentalen Idealismus.
- Vergleich der ontogenetischen Ansätze beider Denker.
- Diskussion des Verhältnisses von Identitätstheorie und Geist-Körper-Problematik.
Auszug aus dem Buch
Die „Heidelberger Schule“ und das präreflexive Ich
Der von Pauen als „klassisch“ ausgewiesene Ansatz impliziert ihm zufolge das Unternehmen, die Realität des Ich gegenüber naturalistischen Forschungsprogrammen zu verteidigen. Die Grundidee ist dabei, dass Ich auf eine präreflexive Vertrautheit des Subjekts mit sich selbst zurückzuführen. So schreibt Dieter Henrich: „Jede Rückbeziehung des Ich auf sich setzt eine Vertrautheit mit ihm voraus, die zudem von der Art sein muss, dass es sie auf sich zu beziehen vermag.“ Damit verweist Henrich auf einen Gedanken, der ebenfalls bei Manfred Frank anklingt, dass jeder Selbstbezug oder jede Selbstzuschreibung irgendeiner Eigenschaft eine nicht weiter analysierbare präreflexive Form des Selbstbewusstseins erfordert: „Selbstbewusstsein lässt sich überhaupt nicht beschreiben als Relation von etwas zu noch etwas, auch wenn das zweite ,etwas es selbst sein sollte; denn wenn immer ein Selbstbezug als selbstbewusster sich ankündigt, war die Beziehung durch eine prärelationale Vertrautheit unterlaufen. [...] Selbstbewusstsein [ist] ein nicht weiter analysierbarer Sachverhalt, [...] den wir ohne semantische Einbußen nicht in eine anonyme Ding-Ereignis-Sprache, ja nicht einmal System der Demonstrativ-Pronomen oder Kennzeichnungen [...] übersetzen können.“
Bevor sich das Subjekt eine konkrete Eigenschaft zuschreiben kann, muss es sich also zunächst seiner selbst gewahr werden, dass heißt, ohne ein präreflexives Selbstbewusstsein verfügte man nicht über das Erkenntnisvermögen, Eigenschaften auf sich zu beziehen. „Hätte [man] keine Vertrautheit mit sich“, resümiert Henrich, „die [...] allen Begegnungen vorausginge, so würde [man] nie wissen können, was [man] sich selber zuzurechnen hat. [Man] würde sogar nicht einmal einen Sinn in der Aufforderung finden, Begegnendes mit sich selber zu identifizieren.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den Begriff des Selbstbewusstseins sowie Darlegung der Fragestellung und Vorgehensweise der vergleichenden Untersuchung.
Erster Teil: Subjektivität im philosophischen Denken Pauens: Analyse von Pauens Theorie, die das Selbstbewusstsein als ontogenetischen Prozess und Leistung des Verstandes begreift, inklusive kritischer Abgrenzung zu klassischen und skeptischen Positionen.
Zweiter Teil: Subjektivität im philosophischen Denken Schellings: Untersuchung von Schellings Frühphilosophie, insbesondere des transzendentalen Idealismus, in welchem das Ich als sich selbst zum Objekt machendes Prinzip definiert wird.
Zusammenfassung: Vergleich beider Konzepte: Synthese der Ergebnisse, die Gemeinsamkeiten in der Ablehnung metaphysischer Relikte sowie die unterschiedliche Bewertung der Irreduzibilität des Selbstbewusstseins aufzeigt.
Schlüsselwörter
Selbstbewusstsein, Subjektivität, Schelling, Pauen, präreflexives Ich, Transzendentalphilosophie, Identitätstheorie, Geist-Körper-Problem, Erkenntnisvermögen, Selbstkonzept, Ontogenese, Erste-Person-Perspektive, Denken, Vernunft, Philosophie des Geistes.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verständnis von Selbstbewusstsein und dessen Status in den philosophischen Werken von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Michael Pauen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Spannung zwischen klassischer Philosophie, skeptischen naturwissenschaftlichen Ansätzen und dem Versuch, Subjektivität als Leistung des Verstandes zu erklären.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die komparative Analyse, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Verständnis von Selbstbewusstsein aufzuzeigen und zu prüfen, ob es als metaphysisches Relikt oder als naturwissenschaftlich vereinbarer Prozess interpretiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-komparative Analyse, die sowohl historische Quellen (Schelling) als auch zeitgenössische analytische Theorien (Pauen) sowie Erkenntnisse der Neurowissenschaften einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Pauens funktionaler Theorie der Subjektivität und die Analyse von Schellings Konzept des „Ich“ im Kontext seines transzendentalen Idealismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstbewusstsein, präreflexives Ich, Identitätstheorie, Geist-Körper-Problem, Transzendentalphilosophie und Subjektivität.
Wie bewertet Schelling das Verhältnis von Subjekt und Objekt?
Schelling sieht das Subjekt als ein sich selbst zum Objekt machendes Prinzip, bei dem Identität zwischen dem Denken und dem gedachten Objekt besteht.
Warum lehnt Pauen die Annahme eines präreflexiven Ich ab?
Pauen betrachtet Selbstbewusstsein als Ergebnis einer erkenntnistheoretischen Leistung des Verstandes, um mentale Phänomene empirisch belegbar und ohne metaphysische Annahmen erklären zu können.
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- André Schmiljun (Author), 2008, Der Begriff Selbstbewusstsein bei F. W. J. Schelling und Michael Pauen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141075