Naturkatastrophen in der Epoche Iustinians - Deutung und Umgang


Hausarbeit, 2007

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einführung in das Thema und Fragestellung
1.2 Forschungsstand und Vorgehensweise
1.3 Relevante Informationen zu Iustinian dem Ersten

2 Naturkatastrophen und die historische Bedeutung für die Antike
2.1 Naturkatastrophen
2.2 Mediterraneum

3 Wahrnehmung von Naturkatastrophen
3.1 Wahrnehmung von Naturkatastrophen im Altertum
3.2 Wahrnehmung von Naturkatastrophen in der Epoche Iustinians
3.2.1 Die chronologischen Modelle
3.2.2 Der Kaiser Anastasios
3.2.3 Die Serie der Naturkatastrophen

4 Versuch einer Chronologie der Naturkatastrophen im 6. Jahrhundert

5 Naturkatastrophen in Antiocheia
5.1 Bedeutung der Stadt Antichoeia in der Epoche Iustinians
5.2 Katastrophen in Antiocheia

6 Bewältigung von Naturkatastrophen in der Antike

7 Schlussbetrachtung

8 Anhang
8.1 Quellenverzeichnis
8.2 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einführung in das Thema und Fragestellung

„Dies alles widerfuhr den Menschen, nachdem der Dämon Menschengestalt angenommen hatte, und er selber gab als Kaiser Veranlassung hierzu; (…) was er mit heimlicher Macht und infolge seiner dämonischen Natur der Menschheit Leiden zufügte. Während seiner Regierung ereigneten sich viele nie gekannte Katastrophen, (…).“[1] Bei der vorstehenden, in der Forschung oft zitierten Beschreibung handelt es sich um eine Aussage des Hofschreibers Prokopios von Kaisarea aus dem 6. Jahrhundert n. Chr., der über den römischen Kaiser Iustinian den Ersten schreibt. Ohne eine Epochenbetrachtung vorwegzunehmen und völlig unabhängig von dem Verhältnis zwischen Verfasser und der beschriebenen Person, lässt sich zu dem oben stehenden Zitat folgende Aussage treffen: Der Schreiber Prokop muss, aufgrund der geschehenen „Katastrophen“ und den „Leiden“, die seiner Meinung nach von seinem Kaiser Iustinian, direkt oder indirekt verursacht wurden, eine besonders schlimme Aneinanderreihung von Katastrophen erlebt haben.

In Übereinstimmung dazu, lassen sich in den so genannten Novellen des Kaisers Iustinian Äußerungen finden, in welchen er die schlechte Moral und Disziplin der Bevölkerung als Ursache für die schlimmen Hungersnöte und Erdbeben sieht.[2] Beide Aussagen stimmen in dem Punkt überein, dass die Ursachen dieser Katastrophen in menschlichem Fehlverhalten gesucht werden. Auch die Wahrnehmung der Katastrophen als eine Strafe Gottes lässt sich in den Quellen wieder finden.[3]

Weil Naturkatastrophen in der antiken Geschichtsschreibung nicht erstmals im 6. Jahrhundert Beachtung finden, sondern bereits das erste Geschichtswerk der Antike, die Ilias des Homer, zu Anfang von einer Pest berichtet, muss der Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Naturkatastrophen in der Antike allgemein und der des iustinianischen Zeitalters von besonderer Bedeutung für die Alte Geschichte sein.[4]

In der vorliegenden Arbeit soll folgende zentrale Fragestellung untersucht werden: Warum gilt die Epoche Iustinians und die Deutung der stattgefunden Naturkatastrophen als besonders wichtig für die Antike und welche Deutungsmuster lassen sich in der Epoche Iustinians feststellen. Weiterhin geht es um die Frage, wie die Menschen mit Naturkatastrophen umgegangen sind und welche Konsequenzen die Katastrophen gesamtgesellschaftlich hatten.

1.2 Forschungsstand und Vorgehensweise

Der Forschungsstand zum iustinianischen Zeitalter soll und kann in der vorliegenden Arbeit nicht in Gänze betrachtet werden. Vielmehr sollen im Folgenden die für die Arbeit genutzten Quellen und die Sekundärliteratur Beachtung finden. Wesentliche schriftliche Quellen, auf die sich die Untersuchung stützt, sind Überlieferungen der antiken Geschichtsschreiber Johannes Malalas[5] und Prokopios von Kaisarea[6] aus dem 6. Jahrhundert. Die in teils englischer und deutscher Übersetzung vorliegenden Werke dienen als Quellenbasis und machen eine Überprüfung der Schlussfolgerungen aus der Sekundärliteratur möglich.[7] Von Johannes Malalas ist seine Chronik zu nennen, die aus 18 Büchern besteht, wobei das 18. Buch Informationen über die Epoche Iustinians enthält.[8] Es ist zeitnah, in der Regierungszeit des Kaiser Iustinians verfasst, wobei die genaue Datierung ein Problem darstellt.[9] Von Prokop dienen Auszüge aus seinen Geheimschriften ebenfalls als Quellenbasis. Da die Anekdota des Prokop nicht als öffentliches Schriftstück gedacht war, sondern eine Geheimschrift darstellt, zeugen die kritischen Gedanken zu der Herrschaft Iustinians von einem hohen Aussagewert, wobei sicherlich eine Tendenz zur negativen Beurteilung Iustinians bedacht werden muss. Was die verwendete Sekundärliteratur für diese Arbeit betrifft, so sind im Speziellen Werke zu Iustinian und zu Naturkatastrophen in der Antike genutzt worden. Hierbei hautsächlich Veröffentlichungen von Holger Sonnabend[10] und Mischa Meier[11], wobei Holger Sonnabend für die Naturkatastrophen in der antiken Welt und Mischa Meier im Speziellen zu Iustinian zu Rate gezogen wurden. Es kann insgesamt festgehalten werden, dass sich bei beiden Autoren Schnittmengen zum Thema Naturkatastrophen und auch zum Herrscher Iustinian finden, sodass sich ein Vergleich ihrer Schlussfolgerungen anbietet.[12] Weiterhin ist für die vorliegende Arbeit das Werk von Gerhard H. Waldherr[13] von Bedeutung, wenn es um die Definition und die Bedeutung der Begriffe Naturkatastrophe und Erdbeben im historischen Sinn geht. Insgesamt lässt sich festhalten, dass auch interdisziplinär untersucht werden muss, da sich bei Naturkatastrophen immer auch naturwissenschaftliche Literatur empfiehlt. Die oben genannten Autoren verweisen dabei in allen Werken auf die Relevanz der interdisziplinären Forschung. Letztendlich ist hier weiteres Engagement von Nöten, um Erforschung von antiken Katastrophen weiter zu bringen.

Folgende Vorgehensweise liegt dieser Arbeit zugrunde: Nachdem einige einführende Informationen zu Iustinian dem Ersten als notwendige Hintergrundinformation gegeben werden, soll im zweiten Kapitel die historische Bedeutung von Naturkatastrophen in der Antike im Vordergrund stehen. Dabei soll der Begriff Katastrophe allgemein und historisch betrachtet werden, um die historische Analyse einer antiken Katastrophe überhaupt erst zu ermöglichen. Weiterhin soll die Bedeutung des Mittelmeerraumes als stark betroffener Raum von Naturkatastrophen betrachtet werden, um die vermehrte Auseinandersetzung der antiken Kulturen mit Naturkatastrophen zu erklären. Im dritten Kapitel der Arbeit wird die Wahrnehmung von Naturkatastrophen im Altertum insgesamt und dabei besonders die Epoche Iustinians untersucht werden. Dabei soll geklärt werden, wie sich Menschen in der Antike bei und nach Naturkatastrophen verhalten haben und wie die Wahrnehmung solcher Katastrophen geschieht. Im vierten Kapitel der Arbeit soll anhand einer chronologischen Aufzählung der relevanten Naturkatastrophen im iustinianischen Zeitalter deutlich werden, welche Auswirkungen diese auf die Menschen des oströmischen Reiches hatten. Im fünften Kapitel wird die Bewältigung von Naturkatastrophen in der iustinianischen Epoche mit allgemeinen Bewältigungsstrategien der Antike verglichen, um wesentliche Merkmale des Umgangs mit Naturkatastrophen in der Epoche Iustinians herauszustellen. Als Beispiel für eine besonders schwer betroffene, ländliche Region im iustinianischen Kaiserreich, wird die Stadt Antiocheia in den Fokus der Betrachtung rücken. Anhand dieses Beispiels soll die Politik Iustinians hinsichtlich der Katastrophenbewältigung näher untersucht werden. Abschließend werden dann die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und bewertet, um einen geringen aber beachtenswerten Beitrag zur Epoche Iustinians zu liefern.

1.3 Relevante Informationen zu Iustinian dem Ersten

Gerüchten zu Folge nach sei Iustinian von einem Dämon gezeugt worden.[14] Diesem Gerücht glaubend, scheinen die Beschreibungen des Prokop nicht die einzigen zu sein, die den Kaiser Iustinian als einen furchterregenden Herrscher darstellen. An dieser Stelle sollen jedoch einige, fundierte Basisinformationen das Leben des Kaiser Iustinian, dem oströmischen Herrscher der Jahre 527 – 565 n. Christus, transparenter machen, um seine politischen Handlungen besser nachzuvollziehen zu können. In einem christlichen Dorf namens Taurisium bei Bederiana, als Bauersohn um 481/482 geboren, schafft es der junge Flavius Petrus Sabbatius Iustinianus, wie er sich später selbst nennt, schnell eine erfolgreiche Karriere zu starten.[15] Iustinian kommt in jungen Jahren auf Geheiß seines Onkels Justin dem Ersten nach Konstantinopel und genießt dort eine sehr gute Ausbildung am Kaiserhof.[16] Einige Jahre später gelingt es ihm, im Amt des comes[17] , durch großzügige Bauprojekte und finanziell kostspielige Spektakel, die Bevölkerung zu begeistern.[18] Ebenso schafft er es kurz darauf, eines der höchsten militärischen Ämter in der römischen Armee zu bekleiden. Kurz vor seinem Konsulat ist er magister equitum et peditum praesentalis und somit einer der höchsten Reichsgenerale.[19] Durch seine Beliebtheit im Volke gelingt es ihm nach dem Tod seines Onkels Justin im Jahre 527 leicht, die Kaiserwürde zu erhalten. Er hat eine Frau, Theodora, die er 525 heiratet und die bis zu ihrem Tod im Jahre 548 politisch sehr aktiv ist.[20] Iustinian stirbt 565 ohne direkte Nachfahren in Konstantinopel, wo er sich nahezu seine gesamte Regierungszeit aufgehalten hat.[21] Die Regierungszeit des Iustinian soll in der vorliegenden Arbeit nicht weiter betrachtet werden.[22] Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Reaktionen und Maßnahmen in Bezug auf die Naturkatastrophen in den Vordergrund der Betrachtung rücken, um herauszustellen welche Besonderheiten Iustinian im Umgang mit Naturkatastrophen aufzeigt.

2 Naturkatastrophen und die historische Bedeutung für die Antike

2.1 Naturkatastrophen

Naturkatastrophen als Begriff in der Geschichtswissenschaft zu verwenden, bedarf zuerst einer allgemeinen Definition, die darüber hinaus aber auch historische Gültigkeit besitzen muss. Dabei muss weiterhin die Bedeutung des Wortes für die jeweilige Epoche untersucht werden. Das Wort Naturkatastrophe besteht zuerst aus dem lateinischen Wort natura, welches sich aus dem griechischen physis ableitet. Die physis ist der Teil der Welt, der ohne Eingriff des Menschen funktioniert. Die physis ist im Gegensatz zur Kultur und Technik unabhängig vom Menschen. Gleichsam ist der Mensch aber Teil der physi s, da auch sein Wachsen größtenteils ohne eigenes Zutun geschieht.[23] Zum Begriff Katastrophe eine klare Definition im historischen Sinn zu finden, stellt eine Herausforderung dar. Das Lexikon der Historischen Geographie von Holger Sonnabend berücksichtigt kein Lemmata zum Begriff >Katastrophe< oder >Naturkatastrophe<.[24] Das griechische Wort katastrojh bedeutet nach Mischa Meier jedoch nur „Umwendung“[25] und beschreibt nicht zwangsläufig ein negativ konnotiertes Ereignis. Weiterhin stellt Meier fest, dass die antiken Autoren Prokop und Malalas die abstrakte Formulierung Katastrophe nicht oft benutzen. Sie gebrauchen eher Formulierungen, die das konkrete Ereignis beschreiben oder verwenden ganze Ausdrücke, wie beispielsweise >Ausdruck göttlichen Zorns<, um die Naturkatastrophen zu beschreiben.[26] Als dienliche Definition, um im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit dieses Begriffsproblem adäquat zu lösen, erweist sich die Definition des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Jahre 1974, die folgendermaßen lautet: „[Katastrophen sind] Unglücksfälle, die das alltägliche Maß überschreiten und einen plötzlichen, direkten, schweren und lebensbedrohlichen Einbruch in die physische Welt des Menschen bedeuten“.[27] An dieser Stelle kann ein Plausibilitätsschluss formuliert werden, denn wenn die physische Welt des Menschen in schlimmer Weise betroffen ist, so ist auch die soziale und psychische Komponente betroffen. Die oben stehende Definition kann im Ergebnis für die vorliegende Arbeit als hinreichend angesehen werden, für folgende ausführlichere Betrachtungen sollte jedoch eine möglichst historische Definition des Begriffs Naturkatastrophe durch die Forschung gefunden und formuliert werden.

[...]


[1] Prokopios von Kaisarea: Geheimgeschichte des Kaiserhofs von Byzanz; griechisch-deutsch. Übers. u. hrsg. v. Otto Veh. Düsseldorf 1970, S. 161-163, hier S. 161.

[2] Vgl. Holger Sonnabend: Hybris und Katastrophe, in: Naturkatastrophen in der antiken Welt, hrsg. v. Eckart Olshausen u. Holger Sonnabend. Stuttgart 1998, S. 34 – 40, hier S. 39.

[3] Vgl. Prokop, 1970, S.161.

[4] Vgl. Mischa Meier: Das andere Zeitalter Iustinians. Göttingen 2004, S. 342.

[5] Johannes Malalas: The Chronicle of John Malalas. A Translation by Elizabeth Jeffreys, Michael Jeffreys und Roger Scott. Melbourne 1986.

[6] Siehe Anmerkung 1.

[7] Zu weiteren Primärquellen sei hier auf die detaillierte Untersuchung von Mischa Meier verwiesen, der in seinem Werk Das andere Zeitalter Iustinians ab Seite 234 zusätzliche Chroniken zum Thema Iustinian untersucht.

[8] Malalas, 1986.

[9] Malalas, 1986, Introduction xxiii.

[10] Holger Sonnabend: Naturkatastrophen in der Antike: Wahrnehmung, Deutung, Management. Stuttgart 1999, siehe auch Anmerkung 2.

[11] Siehe Anmerkung 4.

[12] Vgl. dazu: Sonnabend, 1998, S.38f. und Meier, 2004a, S.45ff.

[13] Gerhard H. Waldherr: Erdbeben – Das außergewöhnliche Normale. Stuttgart 1997.

[14] Vgl. Mischa Meier: Iustinian - Herrschaft, Reich und Religion. München 2004, S.29.

[15] Ebd.

[16] Zeitverlag Gerd Bucerius(Hrsg.): Die Zeit. Welt und Kulturgeschichte. Epochen, Fakten, Hintergründe in 20 Bänden. Bd. 5, Hamburg 2006, S.466.

[17] Der Titel comes drückt ein kaisernahes Verhältnis aus, vgl. dazu: Meier, 2004b, S.30.

[18] Vgl. Meier, 2004b, S.30.

[19] Ebd., S.29.

[20] Zeitverlag, 2006, S.466.

[21] Ebd.

[22] Nähere Informationen zu seiner Regierungszeit werden in den oben genannten Werken ausführlich dargestellt. Um sich einen kurzen Gesamtüberblick zu verschaffen, bietet sich das Werk : Iustinian - Herrschaft, Reich und Religion von Mischa Meier an.

[23] Vgl. Holger Sonnabend: Mensch und Landschaft in der Antike. Lexikon der Historischen Geographie. Stuttgart, Weimar 1999, S.372f.

[24] Vgl. Sonnabend, 1999a.

[25] Meier, 2004a, S.31.

[26] Vgl. dazu Meier, 2004a, S.31f.

[27] Vgl. Waldherr, 1997, S.14.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Naturkatastrophen in der Epoche Iustinians - Deutung und Umgang
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Die Epoche Iustinians
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V141100
ISBN (eBook)
9783640486076
ISBN (Buch)
9783640486298
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ostrom, Byzanz, Kaiser Iustinian, Erdbeben
Arbeit zitieren
Michael Gamperl (Autor:in), 2007, Naturkatastrophen in der Epoche Iustinians - Deutung und Umgang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141100

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