Frederick Jackson Turners „Frontier Hypothesis“

Die „Frontier“ als Gegenstand von „Western History“ und als populärer Mythos


Hausarbeit, 1997

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „Frontier Hypothesis“
2.1 Biographische Anmerkungen: Turner als „Frontier Historian“
2.2 Der historische Kontext
2.3 Turners Aufsatz von 1893
2.4 Analyse und Interpretation des Aufsatzes:

3. Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der „Frontier Hypothesis“
3.1 Exkurs: Die Herausforderungen des 20. Jahrhunderts
3.2 Die „Turner School“: Das Fortwirken eines Konzepts
3.3 „New Western History“: Die wichtigsten Kritikpunkte

4. Die „Frontier“ als populärer und politischer Mythos
4.1 Populäre Ausdrucksformen der Frontieridee
4.2 Präsidenten als Pioniere: Politische Verwendung des Frontierkonzepts
4.3 Das Frontiererlebnis und der amerikanische „Nationalcharakter“

5. Resümee

6. Verzeichnis verwendeter Literatur

1. Einleitung

Am 12. Juli 1893 trug Frederick Jackson Turner, ein 31jähriger Professor aus Madison von der Universität von Wisconsin, im Rahmen der „Chicago World’s Fair“ seinen Kollegen von der „American Historical Association“ einen Aufsatz über „The Significance of the Frontier in American History“ vor - „an essay that rocked the historical profession of his day.“[1] In seiner Ansprache verkündete er eine provokative These über die bisherige Geschichte der Vereinigten Staaten. Im Zentrum stand dabei das Konzept der „Frontier“: „American history has been in large degree the history of the great West (...) This ever-retreating frontier of unoccupied land is the key to our development.“[2]

Mit dieser Feststellung und der im Anschluss entwickelten „Frontier Hypothesis“ begründete Turner quasi das akademische Feld der „Western History“ und löste eine bis heute andauernde Diskussion über seine Thesen aus. Daher wird sich die vorliegende Arbeit zu einem großen Teil auf Turners Aufsatz von 1893 konzentrieren. Ich möchte das Frontierkonzept ausführlich vorstellen, analysieren und interpretieren. Ich werde dabei auf die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte von Turners Ideen eingehen, wobei es unumgänglich ist, auch die wesentlichen Kritikpunkte und Gegenbewegungen innerhalb der amerikanischen Geschichtswissenschaft anzusprechen. Ziel ist es, die Frontierthese zu relativieren und in den Kontext neuerer Erkenntnisse einzuordnen.

Zudem möchte ich diesem eher theoretischen Abriss einige Überlegungen zum populären „Gegenstück“ der Turner-These anschließen. Turner griff in seinem Aufsatz die in der amerikanischen Tradition tief verwurzelte Frontieridee auf und verwendete sie für ein wissenschaftliches Konzept. Auf das Verhältnis zwischen dem Wirken der „Western Historians“ und den populären Mythen, die sich auch heute noch in der amerikanischen Massenkultur, aber auch in politischen Reden und Konzepten finden lassen, möchte ich ausführlicher eingehen. Hier eröffnet sich meines Erachtens eine Möglichkeit, Turners Konzept auch in der Gegenwart anzuwenden. Die Frontierthese kann dabei zum einen als Bestandteil der populären Kultur um den „American West“ gesehen werden, zum anderen aber auch als Analysewerkzeug dienen. Abschließend werde ich daher versuchen, einige der Ansätze der „Frontier Hypothesis“ so zu modifizieren, dass sie sich auch heute zur Erklärung sozialer Phänomene in der amerikanischen Gesellschaft nutzbar machen lassen.

Der Forschungs- und Diskussionsstand ist dabei innerhalb der amerikanischen Geschichtswissenschaft überwältigend gut. Da mir nicht alle zentralen Werke zur Verfügung stehen, werde ich mich im wesentlichen auf eine aktuelle Gesamtübersicht von Wilbur R. Jacobs sowie die wichtigsten Quelltexte beziehen.

2. Die „Frontier Hypothesis“

Mit seinem Aufsatz von 1893 und der darin formulierten „Frontierthese“, die er in der Folgezeit vehement propagierte, sollte Frederick Jackson Turner die amerikanische Geschichtswissenschaft revolutionieren.[3] Er wandte sich entschieden gegen die bis dahin übliche Betrachtung der amerikanischen National- und Demokratiegeschichte, so dass sich eine Abgrenzung der beiden Ansätze im folgenden ebenso anbietet, wie genaue Betrachtung und Interpretation der Frontierthese. Da Turner quasi das Feld der „Western History“ begründete und sein ganzes Leben der Erforschung des amerikanischen Westens widmete, möchte ich eine kurze Biographie voranstellen, zumal die meisten Historiker sich in der Bewertung der Frontierthese zumindest in einem Punkt einig sind: „The address was surely a personal as well as a professional expression of history.“[4]

2.1 Biographische Anmerkungen: Turner als „Frontier Historian“

Frederick Jackson Turner wurde am 14. November 1861 in Portage, Wisconsin geboren. Er selbst wies später in Briefwechseln und Ansprachen wiederholt auf die Rolle seiner Kindheit und Jugend für sein späteres Wirken hin.[5] „Portage for young Fred was a fascinating world of immigrants carving new homes in the wilderness.“[6] Er erlebte dort die letzte Phase der Frontier in Wisconsin, erlebte das Funktionieren der „rural democracy“[7] und sah, wie Immigranten aus ganz verschiedenen Teilen Nordwesteuropas gemeinsam eine Dorfgemeinschaft aufbauten.

Auch seine akademische Karriere spielte sich zunächst in Wisconsin ab: Er erwarb unter William T. Allen sowohl seinen B.A. als auch den M.A. an der University of Wisconsin at Madison. Daraufhin verbrachte er ein Jahr in Baltimore an der Johns Hopkins University, wo er unter Herbert Baxter Adams seine Dissertation schrieb. Er kehrte dann als Geschichtsprofessor nach Madison zurück, nahm jedoch später eine Berufung nach Harvard an. 1924 setzte er sich zur Ruhe und half ab 1926 in Pasadena, Kalifornien, beim Aufbau der Huntington Library, einem Forschungszentrum zur Geschichte und Literatur Amerikas. Dort verstarb Frederick Jackson Turner am 14. März 1932.[8]

In allen Abschnitten seiner akademischen Laufbahn konzentrierte er sich auf die Geschichte des amerikanischen Westens. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Bedeutung der Frontier und des „West“ für die Nation deutlich zu machen. Diese Mission begründete er nicht zuletzt mit der Geschichte seiner Vorfahren: „As they pioneered westward to Michigan and Wisconsin in successive generations, they became a part of the influence that shaped my thinking (...)[9] My mother’s ancestors were preachers. Is it strange that I preach of the frontier?“[10]

2.2 Der historische Kontext

Am Anfang dieses Lebenswerks stand mit „The Significance of the Frontier in American History“ ein programmatischer Aufsatz. Dieser fiel 1893 in eine historische Situation hinein, die in vielerlei Hinsicht eigentümlich war.

In den Geisteswissenschaften dominierten Sozialdarwinismus und Positivismus das Denken jener Zeit. „Darwin’s ideas (were) the current doctrine to be followed (...) in analyzing contemporary subjects.“[11] Zudem glaubte man, alles an den Naturwissenschaften ausrichten und anhand monokausaler wissenschaftlicher Modelle erklären zu können. Gegen Ende der industriellen Revolution war ein Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit weit verbreitet.

In Amerika kamen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene eine Reihe von weiteren Faktoren hinzu: Die USA hatten sich endgültig zu einer überlegenen Industrienation entwickelt. Man verstand sich militärisch und wirtschaftlich als Weltmacht, suchte nach dem durch einen Volkszählungsbericht von 1890 verkündeten Ende der Kolonialisierungsphase nach einem neuen Ziel. „New national destiny“ war ein Schlagwort der Zeit.[12]

Auf der anderen Seite war man jedoch auch irritiert durch eine Wirtschaftskrise nicht gekannten Ausmaßes: „In 1873 the long cycle of American economic expansion ended in a catastrophic bank panic followed by the worst depression in American history and twenty years of economic difficulty (... ), which came to a head in the panic and depression of 1893-94.“[13] Diese Suche nach einem (neuen) nationalen Selbstverständnis einerseits und nach Erklärungen für die Wirtschaftskrise andererseits führte zu lebhaften Diskussionen, an denen sich Turner mit seinen Interpretationsversuchen in Form der Frontierthese beteiligte. „The time was ripe for such a heady new interpretation of the American past.“[14]

2.3 Turners Aufsatz von 1893

Turner eröffnete seine Ansprache in Chicago mit einem Verweis auf den Volkszählungsbericht von 1890, in dem es geheißen hatte: „Up to and including 1880 the country had a frontier of settlement, but at present (...) there can hardly be said to be a frontier line.“[15] Hierauf baute Turner geschickt seine Frontierthese auf: „This official statement marks the closing of a great historic movement. Up to our own day American history has been in large degree the history of the colonization of the Great West. The existence of an area of free land, its continuous recession, and the advance of American settlement westward explain American development.“[16]

Um diese These zu erläutern, wandte sich Turner zunächst gegen die in der amerikanischen Geschichtsforschung dominierende „germ theory“, die davon ausging, daß sich amerikanische politische Traditionen und Institutionen im wesentlichen bereits unter den vormittelalterlichen teutonischen Stämmen ausgebildet hätten.[17] Diese These wurde vor allem von Turners Doktorvater Herbert Baxter Adams vertreten, und Turner selbst hatte sie noch zum Thema seiner Dissertation gemacht. Nun aber stellte er fest: „Too exclusive attention has been paid by institutional students to the Germanic orgins, too little to the American factors.“[18] Turner vertrat die Auffassung, dass sich lediglich die Gemeinsamkeiten zwischen der westeuropäischen und der amerikanischen Gesellschaft auf europäische Traditionen zurückführen ließen. Um die bis zu jenem Zeitpunkt vernachlässigten Unterschiede zu erklären, müsse der Historiker die besonderen geographischen Gegebenheiten in den Vereinigten Staaten betrachten.[19] Der Standpunkt für amerikanische Geschichtsforschung dürfe nicht Europa, sondern müsse der amerikanische Westen sein: „What the Mediterranean was to the Greeks, breaking the bond of custom, offering new experiences, calling out new institutions and activities, that ever-retreating West has been to the eastern United States, and to the nations of Europe more remotely.“[20]

Turner ging davon aus, dass der Jahrhunderte andauernde Prozeß der Kolonialisierung des amerikanischen Westens, den er als „free land“[21] bezeichnete, in entscheidender Weise den amerikanischen Nationalcharakter und das amerikanische demokratische System geprägt habe. In diesem Prozess seien die Siedler andauernd auf einen sehr primitiven Evolutionsstand zurückgeworfen worden und hätten dann jeden einzelnen geographischen Abschnitt, der im Laufe des Vorrückens der Frontier erreicht worden sei, „zivilisiert“.[22] Die Frontier sah Turner als „meeting point between savagery and civilization“[23], an dem die Europäer gezwungen geworden seien, ihre alten Sitten abzulegen und sich auf die Wildnis einzustellen. „At first, the wilderness masters the colonist (...) Little by little he transforms the wilderness, but the outcome is not old Europe, not simply the development of Germanic germs (...) The fact is that there is a new product that is American.“[24] Die neue Umgebung habe eine Befreiung von alten Bindungen bedeutet. Allein schon geographisch waren die Siedler unabhängig von Europa. Da sie auf sich allein gestellt waren und die primitiven Lebensbedingungen überwinden mussten, hätten sie zudem ganz eigene, amerikanische Charakterzüge ausgebildet: „That courseness of strength, that practical, inventive turn of mind, quick to find expedients, that masterful grasp of material things, the restless, nervous energy, that dominant individualism which comes with freedom - these are the traits of the frontier.“[25] Vor allem der Frontier-Individualismus war wichtig für Turner. Dieser habe nicht nur den amerikanischen Nationalcharakter, sondern vor allem auch die amerikanische Demokratie geprägt.

Turner stellte hier zwei Dreistufentheorien auf: An jeder einzelnen, von geographischen Faktoren abhängigen, Frontier wiederhole sich die gleiche Entwicklung. Zunächst öffneten Pioniere das Land für allgemeine Besiedlung durch die eigentlichen Siedler, denen wiederum „men of capital and enterprise“ nachfolgten.[26] Diese Menschen durchliefen an der Frontier einen Amerikanisierungsprozeß. „In the crucible of the frontier the immigrants were Americanized, liberated, and fused into a mixed race, English in neither nationality nor characteristics.“[27] Durch das (geographische) Fortschreiten dieses Prozesses folge eine zunehmende Unabhängigkeit von England, zunehmende Modernisierung, ansteigender Handel und der Bedarf nach Gesetzgebung und einer Zentralregierung. „The growth of nationalism and the evolution of American political institutions were dependent on the advance of the frontier.“[28] Vor allem aber fördere die Frontier demokratische Werte und Grundeinstellungen. „The frontier individualism has from the beginning promoted democracy.“[29]

[...]


[1] Wilbur R. Jacobs, On Turner’s Trail. 100 Years of Writing Western History, Lawrence, Kansas 1994, S. XIV (Vorwort)

[2] Frederick Jackson Turner, „The Significance of the Frontier in American History“, in ders., „The Frontier in American History“, New York 1965, S. 1-38, S. 1.

[3] Vgl. Jacobs, S. 5.

[4] Ebd., S. 3.

[5] Ebd., S. 23.

[6] Ebd., S. 22.

[7] Ebd., S. 16.

[8] Vgl. Jacobs, S. 3ff.

[9] Turner vor dem „Harvard History Club“ 1923, zitiert nach Jacobs, S. 20.

[10] Turner an Constance L. Skinner am 15. März 1922, zitiert nach Jacobs, S. 22.

[11] Jacobs, S. 35.

[12] Vgl. Ray Allen Billington, Vorwort zu Frederick Jackson Turner, The Frontier in American History, S. VII-XVIII, New York 1965, S. X.

[13] Richard Slotkin, Gunfighter Nation. The Myth of the Frontier in Twentieth Century America, New York 1992, S. 18 und 26.

[14] Billington, Vorwort, S. X.

[15] Harold Simonson, Census Report for 1890, zitiert nach Turner, Frontier, S. 1.

[16] Turner, Frontier, S. 1.

[17] Vgl. Jacobs, S. 5f.

[18] Turner, Frontier, S. 3.

[19] Ray Allen Billington und Martin Ridge, Westward Expansion. A History of the American Frontier, New York 19825, S. 1.

[20] Turner, Frontier, S. 38.

[21] Ebd., S. 32.

[22] „Thus, American development has exhibited not merely advance along a single line but a return to primitive conditions on a continually advancing frontier line, and a new development for that area.“, Turner. Frontier, S.2.

[23] Ebd.

[24] Ebd., S. 4.

[25] Jacobs, S. 10.

[26] Turner, Frontier, S. 19ff.

[27] Ebd., S. 22f.

[28] Ebd., S. 24.

[29] Ebd., S. 30.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Frederick Jackson Turners „Frontier Hypothesis“
Untertitel
Die „Frontier“ als Gegenstand von „Western History“ und als populärer Mythos
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Amerikanische Demokratietheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
23
Katalognummer
V141232
ISBN (eBook)
9783640482894
ISBN (Buch)
9783640483044
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frontier History, Western History, American Frontier, American West, Englisch Oberstufe, Frederick Jackson Turner, American Dream, Zentralabitur, Demokratietheorien, Frontierthese
Arbeit zitieren
Oberstudienrat Thorven Lucht (Autor), 1997, Frederick Jackson Turners „Frontier Hypothesis“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141232

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