Grenzsoziologie - deutsch-dänische Grenzregion

Integration "hinweg über Grenzen" - ein Fall für nationale Minderheiten?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Deutsch-dänisch Grenzregion und Geschichte der Region

3 Eine besondere Minderheitensituation

4 Minderheitenfragen

5 Grenze zieht facettenreiche Wirkungen nach sich – Perspektiven und Wirkungen

6 Integration und Identitätsschwierigkeiten

7 Hindernisfaktoren für Integration und grenzüberschreitende Zusammenarbeit

8 dänische Minderheit – Identität und Eigenheiten

9 Die Minderheitenkompetenzanalyse und Ausblicke. Chancen für die Region?

10 Abschluss

11 Literatur- und Linkverzeichnis:

1 Einleitung

Die Soziologe Georg Simmels hat heute Konjunktur, obwohl sie häufig nicht im gleichen Maße beachtet wird, wie bspw. die Werke von Max Weber oder Emile Durkheim. Was ihn aber so attraktiv macht, ist seine Beobachtungsgabe, die mittels eines raffinierten Spürsinns zum Wesen soziologischer Phänomene vorzudringen weiß. Simmel scheint mit vielen seiner Beobachtungen seiner Zeit voraus gewesen zu sein. So konnte man bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts feststellen, dass er sich bei den Untersuchungen zum Raum und zur räumlichen Ordnung der Gesellschaft über die besonderen (sozialen) Funktionen von Grenzen und der von ihnen ausgehenden Wirkungen bewusst war. Deutlich wird dies in seinem vielfach zitierten Satz: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“ (Simmel 1908; 1992 S. 697).

Die Aufwertung simmelscher Schriften zum Raum ist eng mit der jüngeren Vergangenheit und dem (aktuellen) Werden Europas verknüpft. Während Europa im 19. Und frühen 20. Jahrhundert vom Phänomen des Nationalstaats dominiert wurde, ist heute die Übertragung nationalstaatlicher Geltungsbereiche in gesamteuropäische Rahmen zu beobachten. Für die Grenzen der Nationalstaaten in Europa kann zunehmend ein Prozess des Bedeutungswandels und der schwindenden Klarheit festgestellt werden.

Für Nationalstaaten ist zunächst ihr Identitätsspezifikum charakteristisch. „Es muss ein Territorium geben, das einmalig ist, das einen eigenen Namen hat; es muss ein „Volk“ vorhanden sein, das zählbar und festellbar ist, und es muss ein Staat vorhanden sein, der legitimiert ist, indem er Leistungen erbringt, und stark genug, seine Forderungen durchzusetzen“ (Banse 2006 S. 75). Nationalstaaten sind per definitionem homogene Entitäten, mit denen die in den Staat hineingeborenen Menschen qua Abstammung eng verbunden sind.[1] Die Grenzziehung des Nationalstaates, seine Abgrenzung nach Außen, fixiert die gestiftete nationale Identität durch die Imagination eines natürlichen Bandes, das zwischen Menschen geschlossen wird, die die gleichen objektiven Merkmale aufweisen. Auf diesem Wege wurden aus nichtpolitisierten Menschen verschiedener Nationen deutlich differenzierbare Völker mit ausgeprägten eigenen nationalstaatlichen Interessen, die ihre Nationalität und die Außengrenzen ihres Nationalstaats häufig durch Kriege zu verteidigen oder zu erweitern bereit waren.

Heute hat sich die Situation in Europa geändert. Die gegenwärtigen Grenzzustände müssen in einem postnationalstaatlichen Zusammenhang verstanden werden, bei dem nicht länger exklusive, sondern inklusive Domänen entscheidend sind.[2] Die EU, die heute mächtiger denn je ist und als supranationale Organisation Omnipräsenz beweist, ist maßgeblich an dem Funktionswandel der nationalen Grenzen beteiligt. Konnte man sie früher als unüberwindbare Mauern charakterisieren, sind sie heute Räume der Begegnung und Orte, an denen Aussöhnung und Grenzüberwindung stattfindet oder zumindest stattfinden soll.

In der europäischen Charta der Grenz- und grenzübergreifenden Regionen vom 07.10.2004 drückt sich dies in der Auffassung der Grenzziehungsgeschichte Europas aus: Die „Grenzen dieser Nationalstaaten durchschnitten als „Narben der Geschichte“ häufig europäische Geschichtslandschaften mit ihren Regionen und Volksgruppen.“[3] Die Überwindung der trennenden Faktoren dieser „Narben der Geschichte“ bzw. die Zusammenfügung des einst Getrennten, bestimmt also vielfach die aktuellen Grenzsituationen.

Hier zeigt sich nun der Zusammenhang zur Wiederentdeckung Simmels. Das Paradigma der europäischen Grenzen als „Narben der Geschichte“ verweist auf den Konstruktcharakter, der jeder Grenzziehung anhaftet. Grenzen sind keine räumlichen Tatsachen mit soziologischen Wirkungen, sondern soziologische Tatsachen, die sich räumlich formen.[4] Denn „der Natur gegenüber ist jede Grenzsetzung Willkür“ (Simmel 1908; 1992: S. 695).

Daher sollen die innereuropäischen Grenzen abgebaut und überschritten werden. „Ein eigenständiger „Lebensraum“ soll entstehen, der von der Bereitschaft zur Kommunikation getragen wird und letztendlich „Frieden in Europa“ garantiert“ (Banse 2004b S. 45). So hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges der (politische) Blick vermehrt von den Nationalstaaten auf die Grenzen selbst und auf die den Grenzen räumlich angeschlossenen Regionen verlagert.[5]

Die nachfolgende Untersuchung wird sich der deutsch-dänischen Grenzregion zuwenden. Hier hat sich die zuvor kurz umrissene Entwicklung ebenfalls vollzogen und vollzieht sich noch immer, selbstverständlich unter regionsspezifischen Merkmalen und vor dem Hintergrund historischer Besonderheiten. Im ersten Teil der Untersuchung wird diese Entwicklung dargestellt, wobei die besondere Minderheitensituation und ein Auszug des Spektrums an unterschiedlichen Perspektiven um die Grenze und des Alltags mit der Grenze dargestellt werden sollen.

Im postnationalen Zeitalter ist für eine soziologische Grenzbetrachtung wohl die Frage nach Integration und Grenzüberschreitung von zentraler Bedeutung. Denn diese sozialen Prozesse ermöglichen es Konflikte zu vermeiden und geschichtsbedingte Trennungen zu überwinden. So soll gefragt werden, welche Faktoren integrationsfördernd sind und welche Umstände grenzüberschreitende Prozesse und den interkulturellen Dialog behindern.

Es sei bereits an dieser Stelle vorausgeschickt, dass die deutsch-dänische Grenzregion vom Phänomen einer einzigartigen Minderheitenvielfalt, einer spezifischen Heterogenität geprägt ist. Dieser Voraussetzung soll durch einen besonderen Fokus auf die Minderheiten bzw. genauer auf die dänische Minderheit auf der deutschen Seite der Grenze Rechnung getragen werden. Diese Beschränkung[6] ist keineswegs willkürlich gewählt. Die dänische Minderheit stellt die größte Minderheit im Grenzland, die sich mit einem „Mutterland“[7] identifiziert, sie ist eine äußerst komplexe Größe und zudem Gegenstand vieler Untersuchungen in einer breiten Auswahl an Publikationen.[8]

In einem abschließenden Teil werden einerseits noch Prognosen zu zukünftig möglichen Entwicklungen im Grenzland gestellt werden, die auf die hier und an anderen Stellen erworbenen Erkenntnisse basieren. Andererseits wird noch einmal die Frage nach dem Modellcharakter für die (Grenz-)Regionen Europas aufgegriffen werden.

2 Deutsch-dänisch Grenzregion und Geschichte der Region

Die deutsch-dänische Grenzregion ist geographisch in etwa deckungsgleich mit dem Gebiet des früheren Herzogtums Schleswig und wird im Süden durch die Eider, im Norden durch die Königsau (Kongeåen) begrenzt.[9] Mit der Gründung der Region Sønderjylland-Schleswig im Jahre 1997, der heftige Diskussionen um ihre Konstituierung vorausgegangen waren, haben von politisch offizieller Seite die Bemühungen um Integration an der Grenze und grenzüberschreitende Kooperation ihren bisherigen Höhepunkt gefunden. Die Region hat sich innerhalb der letzten gut 20 Jahre zum „Modellfall Schleswig“ entwickelt, wobei für beide Seiten der Grenze besonders das friedliche Zusammenleben der Mehrheit mit den traditionellen (nationalen) Minderheiten und die Integration derselben hervorgehoben wird (Vgl. Kühl 2004a, Kühl 2004c, Banse 2004b). Vielfach wird die Grenzregion heute als das Tor zum Norden bezeichnet (vgl. Minderheitenkompetenzanalyse 2007 S.10)[10]. Dies war jedoch nicht immer so.

Das 19. Jahrhundert war die Zeit der Genese und Ausprägung nationaler Identität in Verbindung mit nationalen Staaten (Vgl. u.a. Rheinheimer 2006: 35ff, Medick 1993: S. 45ff, Klatt 2006 S.423f). Anhand objektiver Kriterien wie Sprache und Staatsbürgerstatus sowie der emotionalen Bindung an diesen, ihrer Geschichte und Symbolen wie Flaggen und ähnlichen gemeinschaftsstiftenden Bezugspunkten,[11] wurde über Einschluss und Ausschluss, dem „Innen“ und dem „Außen“ entschieden. Der Wunsch nach einem homogenen, abgeschlossenen Raum, der durch die zusammenwirkende räumliche und sinnliche Abgrenzung mit dem Produkt des Nationalstaates einen ganz neuen Identifikationsrahmen bot, wog damit überwiegend stärker als gemeinsame Siedlungsgeschichte.[12] Auf diesem Wege sind mit der Entstehung nationaler Grenzen wie etwa in der deutsch-dänischen Grenzregion nationale Minderheiten entstanden, die es vorher nicht gegeben hatte (Vgl. Rheinheimer 2006).[13] Hierbei handelt es sich für Schleswig-Holstein um die dänische Minderheit und die nordfriesische Volksgruppe mit heute jeweils ca. 50.000 Angehörigen sowie den Sinti und Roma mit einer zahlenmäßigen Stärke von rund 5.000 Personen. In Süddänemark lebt zusätzlich eine deutsche Minderheit von ca. 15.000 bis 20.000 Menschen, die sich mit Deutschland identifizieren.[14]

Dort, wo nationale Minderheiten einer Mehrheit gegenüberstehen, ist immer Konfliktpotential gegeben, da häufig diametral gegenüberstehende Interessen zwischen Minderheit und Mehrheit auftreten, die insbesondere mit nationalen Zugehörigkeitsgefühlen oder der allgemeinen objektiven Differenz zwischen Minderheit und Mehrheit in Verbindung stehen.

Die deutsch-dänische Grenzziehung war eine stete Konfliktquelle, die eine Menge Irredenta zur Folge hatte.[15] Diese erlangten mit dem ersten Schleswigschen Krieg von 1848-50, bei dem Dänemark siegreich blieb, und dem späteren Krieg mit preußischem Sieg 1864 ihren gewaltsamen Höhepunkt. 1920 mündeten die Bestrebungen um eine erneute Grenzverschiebung in Plebiszite beiderseits der Grenze, die im Wesentlichen den Verlauf der heutigen Grenze festgelegt haben. Infrage Stellungen der Grenzziehung und Intentionen aus den Minderheiten, wieder zum jeweiligen „Mutterland“ zu gehören, schlugen daraufhin aller Anstrengungen zum Trotz fehl. Klatt (2006: S. 425ff) ist der Ansicht, dass die allgemeine Grenzpolitik auf der dänischen Seite letztlich eine abgrenzende Wirkung hatte und nationale Homogenisierungsansprüche gar verstärkte.

Die Grenze ist seit mehr als achtzig Jahren stabil (vgl. Kühl 2004a) und war es sogar unter Umständen, die eine Grenzverschiebung wahrscheinlich werden ließen, wie bspw. nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten sowie während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis 1945 stand dabei die Nähe, danach die Distanz zu Deutschland im Mittelpunkt der Bestrebungen.

Aber nach 1945 hatte die dänische Regierung die Grenzziehung von 1920 für gültig erklärt und somit antideutsche und prodänische Tendenzen in Schleswig-Holstein übergangen. Dänisch gesinnte Aktivisten für eine Grenzrevision gab es in der Nachkriegszeit zuhauf. Auch aus Dänemark gab es dabei mächtige Unterstützer.[16]

So war etwa der dänische Großreeder A.P.Møller ein solcher Südschleswig-Aktivist. Er hatte von 1949 bis 1969 das Projekt „Eiderwall“ finanziert, das eine Grenzrevision zu Gunsten eines „Dänemark bis zur Eider“ proklamierte. Dabei entstand entlang der Eider, die den früheren Grenzverlauf bildete, ein Wall aus dänischen Institutionen zu einer Art Festungsring. Außerdem unterstütze er noch andere Projekte. Diese und ähnliche Bewegungen schlugen zwar im Erreichen ihrer Zielsetzung fehl, sind aber historisch besonders prägend gewesen für den Status der Minderheit (Vgl. Axel Johnsen). Die Minderheiten blieben durch derartige Aktionen auch in schwierigen Zeiten immer wahrnehmbar und waren in einem gewissen Rahmen zumindest passiv für die Mehrheiten präsent.

Mit den Bonn-Kopenhagener-Erklärungen vom 29. März 1955 erhielten die Hoffnungen auf Grenzrevision jedoch einen starken Dämpfer. Für weite Teile der dänischen Minderheit war die Situation paradox. Zum einen verfestigte sich die räumliche Grenze durch die gegenseitige Anerkennung der Minderheiten durch ihre „Mutterländer“ und die Rechtseinräumungen – wie z.B. das unveräußerliche Recht auf Bekenntnisfreiheit und Selbstdefinition, das häufig mit „Minderheit ist, wer Minderheit sein will“ umschrieben wird. Die Aussichten auf Grenzrevision schwanden also. Auf der anderen Seite bedeuteten die Erklärungen aber eben auch Anerkennung und nachhaltige Sicherheit im gegebenen äußeren Umstand, als Minderheit von einer Mehrheitsgesellschaft umgeben zu sein. Dadurch erfuhren die Minderheiten eine Aufwertung und erlangten eine gänzlich neue gesellschaftliche Qualität.

Die Implikationen für die Geschichte der Region lassen sich folgendermaßen ausdrücken: „Aus Intoleranz könnten Konflikte entstehen. Im Grunde ist es eine der Lehren, dass man die Wünsche und Ansprüche der Minderheiten in einem gewissen Rahmen erfüllt. Dadurch hat man es geschafft, die Minderheiten weitgehend zur Passivität anzuhalten und damit Integration in die Wege geleitet. Integration der Minderheiten ist in der Grenzregion die Aufrechterhaltung der nationalen Grenzen im Sozialen. Integration heißt Assimilation und Dissimilation zugleich“ (Banse 2006 S.79)

In der Frankfurter Rundschau (19.02.2000) beschreibt der langjährige Landesvorsitzende und landespolitische Abgeordnete der Minderheitenpartei SSW (Südschleswigscher Wählerverband) Karl Otto Meyer die Entwicklung der Nachkriegszeit so: „1950 haben wir gegeneinander gearbeitet. Dann gab es ein Nebeneinander. Heute leben wir miteinander.“ Weiter wird seine Hoffnung auf ein zukünftiges Füreinander erwähnt. Diese Darstellung der Entwicklung wird der Region auch aus wissenschaftlichen Kreisen bescheinigt.[17]

Klatt beschreibt (2006) „den Weg zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit“ in vier Phasen: (1.) 1945-55, die Phase der Grenzrevision; über (2.) 1955 bis 1973, der Phase der „Normalisierung mit Misstrauen“, eingeläutet durch die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen; gefolgt von (3.) 1973 bis Mitte der Achtziger, einer Periode weitgehender Entspannung und der Gehversuche grenzüberschreitender Zusammenarbeit; bis zur aktuellen Situation (4.) ausgeweiteter Zusammenarbeit seit den achtziger Jahren, wie sie sich in der Bildung der Region Sønderjylland-Schleswig ausdrückt (Vgl. Klatt 2006: S. 429ff).

3 Eine besondere Minderheitensituation

Die Frage, ob es ein Füreinander geben wird oder überhaupt geben kann, kann erst nach einer Untersuchung der speziellen Minderheitensituation beantwortet werden. Es wird hierbei auf einige Phänomene eingegangen werden, die diese Situation beeinflussen und charakterisieren. Dabei soll der Existenz der Grenze, die durch das Wecken unterschiedlicher Interessenlagen unweigerlich beeinflusst wird und selbst beeinflusst, mit ihren Kausalrelationen besonders Rechnung getragen werden.

Das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit in der Grenzregion kann nur schwer in eindeutigen Kategorien gefasst werden. So bspw. ist die zahlenmäßige Stärke der dänischen Minorität schwer definierbar, wofür die Gründe noch hinreichend offengelegt werden sollen, gleichzeitig gibt es die Überzeugung, dass sie dem Takt der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland folgt. „In Krisenzeiten wuchs das Interesse an dänischen Einrichtungen. Nach Abklingen der Krise gingen auch die dänischen Organisationen wieder zurück“ (Thaler 2006: S. 407).

Ein weiteres Paradoxon stellt die Existenz der Grenze und das Verhältnis der Minderheiten zur Grenze dar. Ohne Grenze kann es keine nationale Minderheit geben. Das bedeutet, dass eine Minderheit auf den Unterschied, der durch die Grenzziehung festgelegt wird, angewiesen ist. Gerade nach Inkrafttreten des Schengener Abkommen und der damit einhergehenden Öffnung der Grenzen Ende März 2001 ist es daher für die Minderheiten wichtig, sich einen Platz in der heranwachsenden europäischen grenzenlosen Gemeinschaft zu sichern. Wenn die Unterschiede nicht mehr zur Geltung kämen, drohte die Gefahr durch die Mehrheit assimiliert zu werden oder Einbuße in der finanziellen Förderung hinnehmen zu müssen, da hier keine ausreichende Legitimation mehr bestände.

Für die Minderheiten stellt sich also die Herausforderung, an Unterschieden festzuhalten und dabei weiter an der jungen Tradition der friedlichen Koexistenz zu partizipieren. Der Minderheit ist also im Grunde am Erhalt der Grenze gelegen, sofern man sie in ihrer Funktion als teilende Institution betrachtet.

Aus der Sicht der Minderheiten ist daher von Bedeutung, dass sie sich deutlicher abgrenzen und definieren kann als die Mehrheit, weil sie über Möglichkeiten verfügt, klare gemeinsame Bezugspunkte zu setzen (Sprache, (nationale) Symbole, tradierte Imaginationen und Bezüge zum „Mutterland“ etc.). Die Mehrheit ist als Kategorie ohnehin schwerer zu erfassen und viele Identitätsaussagen müssen wegen der differenzierten subjektiven Identifikationen und Interessenlagen vage bleiben.

[...]


[1] Vgl. Begriff „Nationalstaat“ in Lexikon zur Soziologie S. 459.

[2] Vgl. auch Eigmüller 2006 S. 58f.

[3] www.aebr.net/publikationen/pdfs/Charta_Final_071004.de.pdf

[4] Vgl. Simmel 1908; 1992 S. 697.

[5] In diesem Zusammenhang waren die Wissenschaften – auch die Soziologie – lange vom Paradigma des Nationalstaats als eines nationalen Behälters mit klaren Grenzen geprägt, um dessen Überwindung in Folge der Erkenntnis, dass Grenzen keine anthropologischen Konstanten sind, ein neu entstandener wissenschaftlicher Zeitgeist bemüht ist (vgl. Eigmüller S. 72; Banse 2004a S. 15; Banse 2006 S. 75). Dieser Zeitgeist ist maßgeblich von der Entwicklung nach dem Zerfall der Sowjetunion und der allgegenwärtigen EU beeinflusst.

[6] Eine Diskussion der Situation sämtlicher Minderheiten würde weit über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinausgehen.

[7] Die klassische und der Konnotationen wegen u.U. missverständliche Bezeichnung „Mutterland“ wird hier dem im internationalen Sprachgebrauch zunehmend verwendeten Begriff „Kin-State“ vorgezogen und orientiert sich an der Ausdrucksweise des Historikers und Minderheitenforschers Jørgen Kühl (Vgl. Kühl 2006a S.388).

[8] Neben diesen objektiven Gründen für die vorrangige Behandlung der dänischen Minderheit ist ebenfalls das persönliche Interesse des Autors anzuführen, das aus seiner eigenen Zugehörigkeitsgeschichte zur Minderheit herrührt. In dieser Untersuchung sieht er die Chance, sein allgemeines Wissensfundament um die Komplexität und Geschichte der Minderheit um fundierte Elemente zu erweitern. Der Vorzug der dänischen Minderheit ergibt sich also nicht nur aus pragmatischen sondern auch aus persönlichen Motiven.

[9] Für eine genauere Darstellung der topographischen Entwicklung um die Grenzziehungen der Region sowie der Geschichte um diese Entwicklung siehe Pedersen 1996.

[10] Siehe die Veröffentlichung auf der Internetpräsenz des schleswig-holsteinischen Landtags: www.landtag.ltsh.de/parlament/minderheitenpolitik/minderheitenpolitik_.html . Diese Studie, die später noch näher vorgestellt werden wird, wird in dieser Untersuchung mit dem Sigel „Minderheitenkompetenzanalyse 2007“ abgekürzt werden.

[11] Für eine Erörterung der Verwendung dänischer und deutscher Nationalsymbole empfiehlt sich Adriansen 1993.

[12] Der einflussreiche Philosoph Johann Gottlieb Fichte sprach 1808 etwa von „der deutschen Nation“, die durch „natürliche Grenzen“ im Kontext von Sprache und Denkart von anderen Völkern verschieden sei und dessen „Grenze gegen jeden fremden Anfall“ geschützt werde (Fichte zitiert nach Medick 1993). Dabei überging Fichte bspw. die Tatsache regional existierender Volksgruppen, die sich meist eine Besiedlungsgeschichte mit den Deutschen teilten, in manchen Fällen gar eine in Zügen gemeinsame Sprachgeschichte, wie im Falle der in diesem Beitrag untersuchten Grenzregion. Sie selbst ist durch eine Sprachgeschichte von Vielfalt und v.a. Alternation und Parallelität von (Hoch)Deutsch, (Reichs)Dänisch, Plattdeutsch, Sønderjydsk (plattdänisch) und Friesisch geprägt (Vgl. Pedersen 1996, Rheinheimer 2006, Thaler 2006, Erdsiek-Rave/Hansen 1996).

[13] Zur Behandlung der Frage, was eine nationale Minderheit ist, empfehlen sich mit Blick auf die deutsch-dänische Grenzregion Kühl/Bohn 2005 und Kühl 2006a.

[14] Alle Zahlen sind der Minderheitenkompetenzanalyse 2007 S. 8 entnommen.

[15] Detaillierte Darstellungen und Bewertungen der Geschichte der deutsch-dänischen Grenzregion finden sich u.a. bei Kühl 2004a, Klatt 2006, Pedersen 1996 und Thaler 2006.

[16] Über südschleswigsche und dänische Grenzrevisionsbemühungen in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg lieferte der dänische Forscher Axel Johnsen einige Beiträge (vgl. Axel Johnsen im Internet: www.johnsen.biz).

[17] Vgl. Klatt 2006 (besonders S. 417), Kühl 2006b u.a.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Grenzsoziologie - deutsch-dänische Grenzregion
Untertitel
Integration "hinweg über Grenzen" - ein Fall für nationale Minderheiten?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Grenzsoziologie – Zur politischen und sozialen Funktion von nationalen Grenzen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
34
Katalognummer
V141261
ISBN (eBook)
9783640484041
ISBN (Buch)
9783640483990
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Grenzsoziologie, Grenzregion, Integration, Grenzen, Fall, Minderheiten, deutsch-dänische Grenzregion, dänische Minderheit, Minderheiten Schleswig-Holstein, Minderheiten in Deutschland, ethnische Minderheiten, Minderheiten Deutschland
Arbeit zitieren
Tim Christophersen (Autor), 2008, Grenzsoziologie - deutsch-dänische Grenzregion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141261

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