Die Metapher in der Psychotherapie

Eine Betrachtung mit Fokus auf den Bereich familientherapeutischer Richtungen


Zwischenprüfungsarbeit, 2004

29 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Fragestellungen, Material und Methoden

2 Die Metapher in der Psychotherapie
2.1 Linguistische Betrachtung des Begriffs „Metapher“
2.2 Kurzer Überblick: Die Metapher in der Psychologie
2.3 Die Metapher in der Familientherapie bzw. systemischen Beratung/Therapie am Beispiel von M. Andolfi
2.3.1 Maurizio Andolfi
2.3.2 Metaphern: Nutzen und Anwendung
2.3.3 Familienskulptur: Nutzen und Anwendung
2.3.4 Metaphorische Objekte: Nutzen und Anwendung
2.4 Die Metapher in der psychoanalytischen Familientherapie am Beispiel von M. Buchholz
2.4.1 Michael B. Buchholz
2.4.2 Grundannahmen
2.4.3 Metaphernanalyse
2.5 Die Metapher in den innovativen Psychotherapien am Beispiel von D. Gordon
2.5.1 David C. Gordon
2.5.2 Grundannahmen
2.5.3 Voraussetzungen
2.5.4 Nutzen
2.5.5 Bildung einer therapeutischen Metapher
2.5.6 Anwendung
2.6 Zusammenfassung: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

3 Ergebnisreflexion, Ausblicke

4 Literatur

1 Einleitung

1.1 Fragestellungen, Material und Methoden

Das Verfassen dieser wissenschaftlichen Arbeit war eine Expedition in den tropischen Dschungel!

Zweifelsohne wird der/die Leser/in jetzt nicht glauben, die Verfasserin hätte tatsächlich mit Machete, weißem Helm und einheimischen Lasten­trägern bewährt einen dicht bewachsenen Blätterwald durchforstet. Die Lesesituation, Kenntnis des Titels, auch Kenntnisse über häufig gezogene sprachliche Analogien, überhaupt unser Allgemeinwissen über die Welt erlauben es, im obigen Satz eine Metapher zu erkennen.

Eine Definition der Metapher taucht erstmals bei Aristoteles auf:

„Eine Metapher ist die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird).“ (Aristoteles, Poetik, zit. nach Poch 1989, S. 31).

Die Definition ist im Laufe der Geschichte oft geändert worden, allerdings ohne ein einheitliches Ergebnis. Mit den Schwierigkeiten einer Begriffsklärung beschäftige ich mich im nachfolgenden Kapitel noch ausführlicher.

Es ist nicht auszuschließen, dass jemand den obigen Ausspruch wort­wörtlich nimmt, aber im Normalfall ist uns bewusst, dass hier lediglich eine Art Vergleich vorliegen muss, selbst wenn das Wort „wie“ dabei fehlt.

Die zahlreiche, thematisch ungeordnete Literatur, die man für eine wissenschaftliche Hausarbeit durchsehen muss, kann durchaus mit einem dichten, kreuz und quer bewachsenen Blätterwald, einem Dschungel, verglichen werden; die Ähnlichkeiten sind augenscheinlich[1]. Auf einer Expedition erforscht man das Unbekannte, auch hier ist die Analogie leicht zu ziehen.

Sicher hätte man auch andere Metaphern finden können, um den Vorgang des Verfassens dieser schriftlichen Abhandlung zu beschreiben, denn erstens gehört dazu ja nicht nur das Durchschauen von geeigneter Literatur, man muss auch auswählen, thematisch zuordnen, schreiben, kürzen, etc., und zweitens gibt es selbst für den einen Teilvorgang zuhauf Möglichkeiten zur Metaphernbildung, je nachdem, welcher Aspekt einem besonders charakteristisch und somit beschreibens­wert erscheint.

Hier sieht man auch schon eine Eigenart der Metapher, nämlich dass sie bestimmte Aspekte eines Sachverhalts besonders beleuchtet, während sie andere ausblendet.

Es gibt nicht nur viele Möglichkeiten zur Bildung einer neuen Metapher: bei näherer Betrachtung der Sprache im Allgemeinen und der hier bereits verwendeten im Besonderen (man beachte die in diesem Kapitel zur Veranschaulichung des lexikalisierten metaphorischen Charakters bei­spiel­­haft besonders hervor­gehobenen Begriffe) erkennt man, dass die Sprache von so genannten „toten“ bzw. lexikalisierten Metaphern – d.h. in der Alltagssprache fest etablierte Metaphern, die man nicht sofort als solche erkennt – nur so wimmelt.

Was ich hiermit zeigen will ist, dass die Metapher nicht nur ein sehr interessanter und unterhaltsamer Bestandteil unserer Sprache ist, sondern auch unscheinbarer, unbewusster und fester darin verankert ist, als man vielleicht zunächst oberflächlich annimmt. Gerade diese Möglichkeit des unbewussten Umgangs mit Metaphern und deren impliziten Eigenschaften weisen auf eine hervorragende Eignung und viele Verwendungs­möglichkeiten innerhalb von Psychotherapien hin.

Die Metaphern­diskussion und -forschung innerhalb der Sprachwissen­schaften nimmt ob dieses Sprachphänomens einen beachtlichen Raum ein, aber wie sieht es in der Psychologie aus, in den Psychotherapien bzw. der psycho­therapeutischen Kommunikation?

Letztere ist ein besonderer Fall von Kommunikation, da mit ihrer Hilfe ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt wird: dem Patienten soll geholfen werden, sich von einem Problem zu befreien, das aus seiner psychischen Ver­fassung herrührt. Die Kommunikation ist somit ein Mittel zum Helfen, sie ist wie ein Werkzeug.

An dieser Stelle kann man gleich eine weitere Eigenart der Metapher veranschaulichen: Durch Metaphern nimmt man etwas in den Kategorien eines anderen Bereiches wahr und ordnet so seine Vorstellungswelt in schon bekannten Kategorien. Die Kommunikation ist „ein Werkzeug“, der Therapeut „ein Handwerker“, der Patient „zu reparieren“: schon entsteht der metaphorische Begriff vom „Psycho-Klempner“.

Wo, wie, warum, als was und mit welchem Effekt also taucht die Metapher in psycho­therapeutischen Gesprächen und nonverbalen kommunikativen Inter­aktionen zwischen Therapeuten und Patienten auf?

Wo liegen Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten?

Da ich diese Arbeit im Rahmen eines Seminars zur systemischen Beratung/Therapie verfasse, konzentriere ich mich besonders auf Publikationen zur Metapher aus familien­therapeutischen Ansätzen bzw. Therapieformen, mit denen auch ganze Familien behandelt werden. Neben der systemischen Familien­therapie als eigenständiger Disziplin werden in Therapie­formen wie z.B. der familienthera­peutischen Psycho­analyse bzw. psycho­analytischen Familien­therapie, Hypnose­therapie und den innovativen Psychotherapien (hier: Neuro­linguistisches Program­mieren) Familien therapiert.

In all diesen genannten Disziplinen findet sich wissenschaftliche Literatur zur Metapher, während andere sich gar nicht mit der Metapher beschäftigen. Es gibt überdies keinen expliziten Gesamtkanon zur Metapher innerhalb der Psychologie, sondern nur einzelne Stimmen – aus diesem Grund grenze ich mein Beobachtungsmaterial auf einzelne Autoren ein – aus einzelnen Richtungen, die ich eben benannt habe.

So beginne ich also mit einer linguistischen Klärung des Begriffs „Metapher“, leite danach mit einem kurzen Überblick allgemein zur Metapher in der Psychologie über, um mich dann mit einzelnen Autoren auseinanderzusetzen, die als Vertreter einer Therapieform etwas über die Metapher publiziert haben. Hierbei habe ich einen Schwerpunkt auf Maurizio Andolfi (aus der systemischen Familien­therapie), Michael B. Buchholz (aus der psychoanalytischen Familien­therapie) und David Gordon (innovative Therapien/NLP) gelegt.

Ich werde aufzeigen, wie sich die Situation der Metapher bei den genannten Einzeldisziplinen/Autoren darstellt, wo Unterschiede und Gemein­sam­keiten liegen, und zuletzt werde ich meinen Gesamteindruck mit Ausblick auf die Zukunft der wissenschaftlichen Metaphernforschung bzw. -verwendung innerhalb der Psychologie/Psychotherapien erläutern.

Um nicht den vorgegebenen Rahmen der Seitenanzahl zu sprengen (ohne dabei Wesentliches streichen zu müssen), behalte ich es mir vor, Fall­beispiele aus der Praxis nicht zu rezitieren, sondern auf ent­sprechende Beispiele mit Literaturangabe im Text hinzuweisen.

2 Die Metapher in der Psychotherapie

2.1 Linguistische Betrachtung des Begriffs „Metapher“

Von der Warte der Rhetorik her gehört die Metapher zu den Redefiguren der genannten „Tropen“ (d.h. „Wendungen“, welche die Formen und Modalitäten eines Austausches zwischen semantischen Einheiten be­zeichnet), und hier zu den so genannten „Sprung-Tropen“, die sich dadurch auszeichnen, dass zwischen der auszutauschenden Einheit und der tropischen Austausch-Einheit das Verhältnis des Abbildes besteht (vgl. Plett 1991, S. 70f.).

Aus der aristotelischen Betrachtungsweise der Wortübertragung folgten zwei Hauptstränge, die Vergleichs- bzw. Ähnlichkeitstheorie und die Substitutions­­­theorie. Letztere besagt, dass die Metapher ohne Be­deutungs­­­verlust ein eigentlich gemeintes Wort ersetzt, und erstere besagt, dass die Metapher als verkürzter Vergleich ohne das Wort „wie“ gehandhabt wird (vgl. Poch 1989, S. 31f.).

Beiden Theorien ist die Auffassung gemein, dass Worte eindeutige Bedeutungsreferenzen haben:

„[…] eine Metapher sei ein stets auf literale Bedeutung reduzier­bares, rein ästhetischen Zwecken dienendes, sprachliches Phänomen, welches an feststellbare Ähnlichkeiten objektiv existierender Sachverhalte oder Dinge in der Welt gebunden sei.“ (Baldauf 1997, S. 14).

Zunächst wurde lange Zeit versucht, die Metapher als Element des Redestils und der Poesie zu analysieren oder sie gegen das Symbol abzugrenzen. Ulrike Poch beschreibt die verschiedenen Auf­fassungen zum Verhältnis Symbol und Metapher von allein sechs wichtigen Autoren aus dem sprachwissenschaftlichen Bereich (vgl. Poch 1997, S. 65ff.)!

Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es eine durch Ivor A. Richards herbeigeführte Wende: Es wurde nun behauptet, dass die gesamte Sprache durch und durch metaphorisch strukturiert sei.

Danach kam von Max Black ein interaktionstheoretischer Ansatz, der zeigte, dass Metaphern nur in einem Kontext verstanden werden können, den der Metaphern-Rezipient aber erst in einem kreativen Akt selber bilden muss (vgl. Buchholz 1996, S. 32f.).

Metaphern können also in einem Kontext wörtlich verstanden werden, in einem anderen aber metaphorisch.

1980 revolutionierte der Entwurf einer kognitiven Linguistik durch George Lakoff und Mark Johnson mit ihrem Werk „Metaphors We Live by“ die Auffassungen über die Metapher.

Ihr Novum war es laut Michael B. Buchholz nicht nur, dass sie Metapher und Symbol nicht mehr begrifflich unterschieden, sondern vor allem die Metapher als kognitive Strategie auffassten (vgl. Buchholz 1996, S. 39).

Das Autorenteam zeigte, dass „tote“ – also lexikalisierte bzw. kon­vention­ali­sierte Metaphern – systematische Kategorien bilden, die jeweils einen bestimmten Bereich von Erfahrungen strukturieren, was dem Benutzer solcher Metaphern aber gar nicht bewusst ist.

Lakoff und Johnson analysierten zahlreiche solcher Metaphernsysteme und fanden, dass der unbewusste und automatisch ablaufende Gebrauch solcher systembildender Metaphern nicht etwa nur ein sprachliches Phänomen ist, sondern ein Weg, wie Menschen mit Erfahrungen umgehen: Kognition ist metaphorisch (vgl. Baldauf 1997, S.16).

Um die komplexe, oft abstrakte Wirklichkeit erfassen und benennen zu können, bedient sich der Mensch einfachster, elementarster, körperlicher, und kultureller Erfahrungen, welche die Basis der metaphorischen Konzepte bilden, aus denen sich die metaphorischen Systeme bilden.

Es wird also unterschieden zwischen Metaphernkonzepten und Metaphern­­systemen. Erstere sind Metaphern einer konzeptuellen Ebene, wie ZEIT IST EIN BEHÄLTER[2] oder DISKUSSION IST KRIEG. Metaphernsysteme sind dann die gesamten sprachlichen Ausdrücke, die systematisch einem bestimmten Metaphernkonzept entsprechen, wie z. B. „Mitten im Jahr.“, „In unserer heutigen Gegenwart.“, die dem Metaphern­konzept ZEIT IST EIN BEHÄLTER entsprechen (vgl. Baldauf 1997, S. 16).

Es wird weiter unterschieden zwischen ontologischen Metaphern, Metaphern der räumlichen Orientierung und strukturellen Metaphern. Ontologische Metaphern schreiben abstrakten Erfahrungen Objekt- und Substanzcharakter zu (z.B. das Metaphernkonzept ZEIT IST EIN BE­HÄLTER, Beispiele s.o.), Metaphern der räumlichen Orientierung über­tragen räumliche Orientierung auf abstrakte Erfahrungen (z.B. das Konzept ZUNAHME IST AUFWÄRTSBEWEGUNG mit sprachlichen Ent­sprechungen wie „steigende Preise“ etc.) und mit strukturellen Metaphern (z.B. das Metaphernkonzept POLITIK IST KRIEG, mit sprachlichen Aus­drücken wie „Die Wahlkampfwaffe der SPD…“ oder „Der Oppositions­führer attackierte den Kanzler mit…“) lassen sich ganze, komplexe Erfahrungsbereiche in Begriffen einfacherer, erfahrungsnäherer Erfahr­ungen strukturieren (vgl. Baldauf 1997, S. 20ff.).

[...]


[1] Zur Veranschaulichung des lexikalisierten metaphorischen Charakters wurde der Begriff - und weitere im Kapitel 1.1 - besonders hervorgehoben.

[2] Mittels Großschreibung werden konzeptuelle Metaphern gekennzeichnet.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Metapher in der Psychotherapie
Untertitel
Eine Betrachtung mit Fokus auf den Bereich familientherapeutischer Richtungen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V141265
ISBN (eBook)
9783640888368
ISBN (Buch)
9783640888566
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, systemische Therapie, Psychoanalyse, Andolfi, Buchholz, Gordon, Familientherapie, Lakoff, Kognition, Therapeutische Metaphern
Arbeit zitieren
Bianca Spans (Autor), 2004, Die Metapher in der Psychotherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141265

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