Die Gefahren der Vereinfachung als Praxis des Agenturjournalismus - Von der Gratwanderung zwischen Not und Notwendigkeit


Seminararbeit, 2002

12 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Fragestellung, Problemlage und Arbeitsmethode

2. Vereinfachung im Journalismus – eine alltägliche Praxis
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Wichtige Anwendungsfelder
2.3 Schlagzeile und Grafik, Wirtschaft und Feuilleton – Die spezifischen Binnenräume der Vereinfachung am Beispiel der Zeitung

3. Die Gefahren der Vereinfachung (als Praxis des Agenturjournalismus)
3.1 Die Desinformation des Nachrichtenkonsumenten und ihre Folgen
3.2 Die Verwechslung von tatsächlicher und Medien-Realität
3.3 Auswirkungen auf die Entscheidungen von Politik und Wirtschaft
3.4 Vereinfachung und die Kommunikation zwischen Kulturen

4. Wie lässt sich unzulässige Vereinfachung vermeiden? Anforderungen an den Agenturjournalisten

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturangaben

1. Fragestellung, Problemlage und Arbeitsmethode

Vereinfachung ist im Grunde das Kerngeschäft des Journalismus, gilt es doch, schon aus Platz- und Zeitgründen komplexe Sachverhalte auf ein angemessenes Maß zu reduzieren. Die Entscheidung darüber, was angemessen ist, wird vom einzelnen Reporter aus seiner subjektiven Sicht heraus getroffen und unterliegt oft Kriterien, die mit dem Postulat der umfassenden, unverfälschten Information unvereinbar sind. Selten ist sich der Journalist der Gefahren bewusst, die sich aus einer unzulässigen Vereinfachung zumindest potentiell ergeben. Diese gilt es in der vorliegenden Arbeit aufzuzeigen. Ziel dabei ist, die Nachrichtenmacher dafür zu sensibilisieren, welche Folgen es haben kann, wenn sie ihre Redigierarbeit nicht einigen verbindlichen Regeln unterwerfen und zum anderen, einige dieser Regeln aufzuzeigen. Zunächst soll jedoch der Begriff der Vereinfachung erläutert und damit der Gegenstand dieser Untersuchung abgesteckt werden. Anschließend geht es darum, die Themenkomplexe zu beschreiben, wo diese Praxis unverzichtbar scheint sowie darum, am Beispiel einer Zeitung einige ihrer formalen Binnenräume aufzuzählen.

Die Reduzierung des beobachteten Ereignisses beginnt schon beim Beobachter selbst. Der Prozess setzt sich fort und das Nachrichtenmaterial wird auf seinem Weg zum Endverbraucher mehrfach selektiert und komprimiert, bis es auf ein Maß gebracht ist, aus dem die Abläufe des ursprünglichen Ereignisses nur noch schwer oder gar nicht ersichtlich sind. Nachrichtenagenturen sind an diesem Prozess maßgeblich beteiligt – ihre Redakteure nehmen als Schleusenwärter die entscheidenden Veränderungen an der Nachricht vor. Presse und Funk tun oft nichts anderes, als das Ergebnis wortgetreu zu übernehmen. Daher gilt: Aus einer Analyse der Vereinfachung und ihrer Gefahren in der Berichterstattung von Zeitung und Fernsehen können Rückschlüsse auf die Arbeit von Nachrichtenagenturen gezogen werden. Aus diesem Grunde wird in der folgenden Untersuchung nicht ausdrücklich zwischen Agenturen und ihren Kunden unterschieden.

2. Vereinfachung im Journalismus – eine alltägliche Praxis

2.1 Begriffsdefinition

Vereinfachung bedeutet zunächst einmal nichts anderes als die Reduzierung komplexer Sachverhalte auf ein verständliches Niveau. Weil es keinen allgemeinen Richtwert dafür geben kann, was als verständlich zu bezeichnen sei, ist es sinnvoller, den Begriff der Vereinfachung immer im Hinblick auf eine bestimmte Zielgruppe zu definieren. Vereinfachung auf wissenschaftlichen Symposien unterscheidet sich grundsätzlich von derjenigen im Wissenschaftsteil einer Tageszeitung. Aber auch von Blatt zu Blatt ist sie, abhängig vom jeweils angezielten Leserkreis, verschieden. Der Begriff ist also nicht global, sondern immer nur im Rahmen seines Wirkungsbereiches zu verstehen.

Vereinfachung findet immer dann statt, wenn eine oder mehrere Personen einen Teil ihres Fachwissens anderen Personen verständlich machen wollen – sei es, um anschließend auf einer gemeinsamen Grundlage diskutieren zu können, oder sei es, weil es zu ihren beruflichen Aufgaben gehört und der Informierung ihres Kundenkreises dient. Sie ist demnach ein Grundbestandteil gesellschaftlicher Kommunikation. Fremde Erfahrungswelten können, in bekannte inhaltliche und sprachlich-formale Kategorien überführt, oft erst mithilfe der Vereinfachung nachvollzogen werden.

Damit sind zwei wesentliche Typen der Vereinfachung genannt: Die inhaltliche, also auf die Komplexität der Sache bezogene, und die semantische, also auf die Komplexität der Begriffe bezogene Vereinfachung. Natürlich geht eine inhaltliche Vereinfachung oft mit der semantischen einher und umgekehrt, dennoch lohnt eine Unterscheidung. Der erstgenannte Vereinfachungstypus manifestiert sich in dem Versuch, einen inhaltlich schwer verständlichen, möglicherweise gegenständlich oder kulturell fremden Sachverhalt umschreibend, vergleichend und reduzierend für eine bestimmte Zielgruppe zugänglich zu machen. Im Falle der semantischen Vereinfachung kann der Inhalt als solcher zwar theoretisch verständlich sein, ein praktisches Verstehen aber durch unbekannte Begriffe verwehrt werden.

Vereinfachung kann immer dann problematisch sein, wenn sie einen Sachverhalt nicht weitestgehend deckungsgleich zu seinem ursprünglichen Zustand vermittelt. In diesen Fällen wurde zuviel weggelassen, falsch kategorisiert, es wurden unzulässige Bezüge hergestellt oder fehlführende Begriffe verwendet. Welche konkreten Gefahren die Vereinfachung, speziell die journalistische Vereinfachung in Nachrichtenagenturen, mit sich bringen kann, soll in der vorliegenden Arbeit geklärt werden.

2.2 Wichtige Anwendungsfelder

In der journalistischen Praxis ist Vereinfachung immer dann besonders wichtig, wenn es um Sachfelder geht, deren Verständnis eine Grundvoraussetzung für das tägliche Leben in übergeordneten, transpersonalen Systemen ist. Naturgemäß ist der Wissens- bzw. Informationsstand, den eine Person braucht, um in ihrem alltäglichen Umfeld funktionieren zu können, stark abhängig von ihrer Sozialisation, d.h. ihrer Erziehung, Bildung, ihrem Familienstand, Beruf etc. Dennoch lassen sich einige allgemeine Themenfelder aufzeigen, die für einen großen Bevölkerungsteil von Relevanz sind. Bei ihrer journalistischen Vermittlung nimmt die Vereinfachung als Voraussetzung für Verständnis eine entsprechend herausgestellte Stellung ein.

Die meisten Menschen sind in komplexe soziale Strukturen eingebunden und von ihren Gesetzen abhängig. Daher ist es von vorrangiger Bedeutung, das Funktionieren dieser anonymen und kaum greifbaren Strukturen zu begreifen. Es geht hierbei, um nur einige Punkte zu nennen, um gesellschaftliche Konventionen und Institutionen, um psychologische Verhaltungsmuster, um soziale Akzeptanz, Anerkennung und Integration. All diese Dinge sind in sich vielschichtig und komplex, was allein schon die Existenz solcher Berufe wie Psychologe, Eheberater und Sozialarbeiter belegt. Abseits von solcher Fachkenntnis sind es nur die Medien, die Aufgaben der Information und Orientierung wahrnehmen. Dabei gilt es, komplexe Sachverhalte zum einen generell vereinfacht darzustellen und dabei zum anderen die Aspekte herauszustellen, die für die Zielgruppe von Relevanz sein könnten.

Wenngleich auch politische Systeme weitaus weniger direkt auf Menschen einwirken mögen, als soziale, verfügen auch sie über eine große Reichweite und sind hier daher als zweiter Punkt zu nennen. Für ein Individuum, dessen Zusammenleben mit anderen von staatlichen Ordnungsvorschriften bestimmt wird, ist eine Einsicht in die inneren Mechanismen dieses Staates essentiell. Seine Rechte wahrzunehmen setzt voraus, sie zu kennen. Das schließt das Erfassen komplexer Wahlmodalitäten genauso ein wie den Umgang mit Behörden, Gerichten und Exekutivorganen. Die Medien haben hier – gewissermaßen als vorgestelltes Vereinfachungsraster – eine ganz wesentliche Funktion als Bindeglied zwischen Individuum und Staat. Nicht zuletzt machen sie die im Dickicht der Bürokratie kaum sichtbaren Einwirkungsmöglichkeiten des Bürgers fassbar und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zum Funktionieren einer Demokratie.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Gefahren der Vereinfachung als Praxis des Agenturjournalismus - Von der Gratwanderung zwischen Not und Notwendigkeit
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Journalistik)
Veranstaltung
Proseminar: "Komplexe Sachverhalte - einfache Darstellung: Was kann die Nachrichtenagentur leisten?"
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V14141
ISBN (eBook)
9783638196253
ISBN (Buch)
9783656699743
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - kleine Schrift.
Schlagworte
Gefahren, Vereinfachung, Praxis, Agenturjournalismus, Gratwanderung, Darstellung, Nachrichtenagentur, Journalismus, Journalistik, Nachrichten, Agenturmeldungen, Agentur, Selektion, Wahrnehmung, selektive, Komprimierung, Redakteur, Redaktion, Berichterstattung, Presse, Zeitung, Hörfunk, Radio, Reduktion, Komplexität, Kritik, Agenturmeldung, Nachrichtenticker, Schlagzeilen
Arbeit zitieren
Eduard Luft (Autor), 2002, Die Gefahren der Vereinfachung als Praxis des Agenturjournalismus - Von der Gratwanderung zwischen Not und Notwendigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14141

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