Mit dem Vorhaben, Milan Kunderas Werk „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ auf seine erotischen Elemente hin zu untersuchen, betrete ich vermutlich nicht gerade Neuland, da das Buch seine Charaktere nahezu in erster Linie über ihre Identität als sexuelle Wesen definiert.
Meine Bearbeitung des Themas aber dürfte neue Impulse an sich haben, zum Einen, da sie als Charakterisierung der einzelnen Hauptfiguren konzipiert ist, zum Anderen, da sie vergleichend sowohl Kunderas Roman, als auch Philip Kaufmans filmische Umsetzung behandelt.
Ich werde Versuchen, die Hauptfiguren anhand ihres individuellen Umgangs mit dem Thema Sexualität und Erotik und den daraus resultierenden Charaktereigenschaften, auf der einen Seite und dadurch entstehenden Problemen, auf der anderen Seite zu analysieren.
Mit diesem Analyseansatz weiche ich etwas von meiner ursprüngliche Themensetzung ab, da mir die analytische Rezeption des Romans, in erster Linie diese, eher als Charakterisierung angelegte Herangehensweise am attraktivsten und ergiebigsten erscheinen ließ.
Mein ursprüngliches Thema war die Analyse der erotischen Elemente (Darstellungen, Motive und Symbole) im Buch und ihre Ausarbeitung und Wirkung im Film von Philip Kaufman (The unbearable lightness of being).
Mit meinem neuen Themenschwerpunkt, habe ich die Analyse der erotischen Darstellungen, Motive und Symbole nicht ausgeklammert, sondern lediglich in ihrer Eigenschaft als charakterkonstitutive Elemente der Hauptfiguren Teresa, Tomas, Sabina und Franz gebündelt zu betrachten.
Zunächst werde ich darlegen, in welchem Beziehungsgeflecht die Charaktere untereinander verbunden sind.
Ich werde anschließend diese Arbeit in folgende Themenbereiche unterteilen:
- Teresa, geboren aus dem Gefühl eines rumorenden Magens
- Tomas: Einmal ist keinmal, oder: “Sein Haar roch nach einem weiblichen Schoß.“1
- Sabina: „Ich geh’ gern weg.“
- Franz: „Liebe bedeutet, auf Stärke zu verzichten.“
Inhaltsverzeichnis
1. Ein paar Worte vorweg
2. Die Hauptcharaktere und das wirre Geflecht ihrer Beziehungen
3. Teresa, geboren aus dem Gefühl eines rumorenden Magens
3.1. Die Figur im Roman
3.2. Die Figur im Film
4. Tomas: Einmal ist keinmal, oder: “Sein Haar roch nach einem weiblichen Schoß“
4.1. Die Figur im Roman
4.2. Die Figur im Film
5. Sabina: „Ich geh’ gern weg!“
5.1. Die Figur im Roman
5.2. Die Figur im Film
6. Franz: „Liebe bedeutet, auf Stärke zu verzichten.“
6.1. Die Figur im Roman
6.2. Die Figur im Film
7. Quellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die erotischen Elemente in Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ sowie deren Ausarbeitung und Wirkung in der filmischen Adaption von Philip Kaufman, wobei der Fokus auf der Konstituierung der Charakterprofile der vier Hauptfiguren liegt.
- Vergleichende Untersuchung der Romanfiguren Teresa, Tomas, Sabina und Franz.
- Analyse der Bedeutung von Sexualität und Erotik für die individuelle Identitätsbildung.
- Gegenüberstellung der literarischen Darstellung mit der filmischen Umsetzung.
- Untersuchung von Beziehungsstrukturen und der Wirkung charakterbestimmender Motive (z.B. Sabinas Melone).
- Herausarbeitung der Nuancen zwischen literarischer Vorlage und filmischer Reduktion.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Figur im Roman:
Teresa lernt Tomas während seines Aufenthalts in einem tschechischen Kurort kennen, indem er operieren muss und sie kellnert. Sie hat dort eine Stunde vor seiner Abreise die Gelegenheit, ihn in einem Gespräch kennen zu lernen.
Sie reist ihm daraufhin zehn Tage später nach Prag hinterher, steht vor seiner Tür mit einem laut vor Hunger knurrenden Magen und den Worten, sie sei gerade in der Gegend gewesen (200 km von ihrem Wohnort entfernt), um eine Arbeitsstelle zu finden, „Noch am selben Tag liebten sie sich“3, sie bleibt für eine Woche bei ihm, kuriert in dieser Zeit eine mitgebrachte Erkältung aus und fährt wieder nach Hause.
Das ist der Anfang der unwiderruflichen Entwicklung eines turbulenten gemeinsamen Lebens von Tomas und Teresa.
Teresa wird an dieser Stelle aus Tomas’ Perspektive mit einem Kind verglichen, hilflos und unselbstständig in ein Weidenkörbchen gelegt und auf dem reißenden Fluss ausgesetzt, seinem Schicksal selbst überlassen. Die Referenzen zur biblischen Erzählung Moses’ werden auch an einer anderen Stelle wieder aufgegriffen. Teresas Wirkung weckt in Tomas Reaktionen wie Fürsorglichkeit, Verantwortungsgefühl und nicht zuletzt Liebe. Der erotische Akt wird auf den oben zitierten Satz reduziert. Mit nüchterner Sprache und einem Vergleich, der in uns eher gläubige Gerührtheit als tiefes Mitgefühl hervorruft hält Kundera die Distanziertheit zwischen seinen Protagonisten und dem Lesenden groß.
Dieser Effekt wird unterstützt durch das als Präteritum gewählte Erzähltempus. Das Stilmittel, nüchterne Sprache für, die Figuren, bewegende Situationen zu verwenden, bleibt programmatisch im weiteren Verlauf des Romans. Beispielhaft ist hier auch die Schilderung über Teresas erste Erfahrungen mit Tomas’ Affären mit anderen Frauen:
„Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht irgendetwas Neues über sein heimliches Liebesleben erfuhr. Zuerst stritt er alles ab. Wenn aber die Tatsachen allzu offensichtlich waren, versuchte er zu beweisen, dass sein polygames Leben und seine Liebe zu Teresa in keinerlei Widerspruch standen. Konsequent war er nicht: einmal leugnete er seine Untreue, dann wieder rechtfertigte er sie.“4
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ein paar Worte vorweg: Einleitung in das Thema der erotischen Elemente und die Zielsetzung der Untersuchung im Kontext von Roman und Film.
2. Die Hauptcharaktere und das wirre Geflecht ihrer Beziehungen: Darstellung des komplexen Beziehungsgeflechts der vier Hauptfiguren anhand einer grafischen Übersicht.
3. Teresa, geboren aus dem Gefühl eines rumorenden Magens: Analyse von Teresas Charakter, ihrer Kindheitserfahrungen und ihres körperlichen Schamgefühls im Vergleich zwischen Buch und Film.
4. Tomas: Einmal ist keinmal, oder: “Sein Haar roch nach einem weiblichen Schoß“: Untersuchung von Tomas als Frauenheld und Arzt, sowie seine spezifische Methode erotischer Freundschaften.
5. Sabina: „Ich geh’ gern weg!“: Betrachtung der Künstlerin Sabina, ihres Verhältnisses zum Verrat und der Symbolik ihrer erotischen Inszenierungen.
6. Franz: „Liebe bedeutet, auf Stärke zu verzichten.“: Analyse der Figur des Franz als Repräsentant bürgerlicher Werte und seine gescheiterte Beziehung zu Sabina.
7. Quellen: Auflistung der verwendeten Primärliteratur und des Filmmaterials.
Schlüsselwörter
Milan Kundera, Philip Kaufman, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Literaturverfilmung, Erotik, Sexualität, Charakteranalyse, Teresa, Tomas, Sabina, Franz, Identität, Verrat, Beziehung, Komparatistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer komparatistischen Analyse der erotischen Elemente in Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ und der filmischen Adaption von Philip Kaufman.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Sexualität, Erotik, zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die spezifische Konzipierung der Identität der vier Hauptfiguren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie erotische Handlungen und Motive als charakterkonstitutive Elemente der Hauptfiguren fungieren und wie sich diese in der filmischen Umsetzung im Vergleich zum Roman unterscheiden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine vergleichende Analyse angewandt, die den Roman und den Film in Hinblick auf die Charakterausarbeitung der Protagonisten gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelanalysen zu Teresa, Tomas, Sabina und Franz, wobei jeweils die Darstellung im Roman und die filmische Ausarbeitung intensiv beleuchtet werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, Charakterisierung, Erotik, Verrat, bürgerliche Gesellschaft und die Gegenüberstellung von literarischer Vorlage und Film.
Warum wird Sabinas „Melone“ als Symbol hervorgehoben?
Die Melone fungiert im Roman als ein verschlüsseltes, persönliches Symbol für Sabinas Intimität und ihre „perversen Spielchen“, das in der Kommunikation mit anderen Charakteren wie Franz zu Missverständnissen führt.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Teresa im Film im Vergleich zum Buch?
Der Film zeichnet Teresa als weniger facettenreich und stärker abhängig von Tomas, da die filmische Erzählweise die komplexen inneren Monologe des Romans zugunsten einer plakativen, klischeehafteren Darstellung reduziert.
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- Lucie Holtmann (Author), 2006, Die Analyse der erotischen Elemente im Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera und ihre Ausarbeitung und Wirkung im Film von Philip Kaufman, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141420